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BARBER: Adagio für Streicher

Samuel Barber
Lebensdaten: 9. März 1910 West Chester (Pennsylvania) - 23. Januar 1981 New York
Werk: Adagio für Streicher, op. 11
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1936
Uraufführung: 5. November 1938
Besetzung: Streichorchester
Aufführungsdauer: ca. 8 Minuten

Das Adagio, welches heutzutage fast ausnahmlos in seiner Orchesterfassung gespielt wird, stammt aus dem langsamen Satz von Barbers Streichquartett Nr. 1, op. 11 (1936) und muss zu den bekanntesten Stücken amerikanischer Konzertmusik gezählt werden; es wurde zu einem beliebten Klassiker und existiert sogar in Chorfassung. Die Musik besitzt etwas von der archaischen Würde der Polyphonie der Renaissance; eine rhapsodische, absteigende Phrase wird wiederholt, umgekehrt, ausgedehnt und verziert, bevor sie zu einer zerbrechlichen Klimax ansteigt, um anschließend in Stille dahinzuschwinden. Der graduelle Aufbau und die langsame Auflösung der Spannung - die archetypische "Bogenform" - verleiht dem Werk eine unerbittliche Eigenschaft. Im Quartett dient es dem Gesamtwerk gut und verleiht seinen benachbarten Sätzen Punktierung und Fokus, obwohl sie durch die Eloquenz etwas übertroffen werden.

Die Orchesterfassung, welche 1938 vom NBC Symphony Orchestra unter Arturo Toscanini uraufgeführt wurde (im gleichen Konzert wie auch Barbers First Essay for Orchestra), übermittelt Beschaulichkeit und Trauer gleichermaßen und wurde oft dazu ausgewählt öffentliche Trauerveranstaltungen hervorzuheben; so wurde sie beispielsweise bei den Begräbnissen von Franklin D. Roosevelt, John F. Kennedy und Fürstin Gracia Patricia von Monaco gespielt und erschien auch in den Soundtracks einer Reihe ergreifender Filmen, darunter "Der Elefantenmensch" und "Platoon". Seither wurde es regelmäßig auf der ganzen Welt gespielt und war eines der wenigen amerikanischen Werke, das während des Kalten Krieges auch in der Sowjetunion regelmäßig gespielt wurde. Es ist jedoch nicht selbstverständlich das Adagio als Klagelied aufzufassen. Das Werk ist eine intensive Meditation eines Komponisten, der bereits in seinem 26. Lebensjahr das Selbstvertrauen und handwerkliche Können besaß, um ein ausdrucksvolles, persönliches Werk mit Klarheit und Ernsthaftigkeit zu kreieren. Seine Schmerzlichkeit, Einfachheit und Würde wurden von Komponisten wie Ned Rorem, Roy Harris, William Schuman und Aaron Copland gepriesen.

(c) Roy Brewer

Kaufempfehlung:
Atlanta Symphony Orchestra, dir. Yoel Levi
Label: Telarc, DDD, 1991
YouTube:
Berliner Philharmoniker, dir. Simon Rattle

BRAHMS: Klavierquartett Nr. 1 g-Moll

Johannes Brahms
Lebensdaten: 7. Mai 1833 Hamburg - 3. April 1897 Wien
Werk: Klavierquartett Nr. 1 g-Moll, op. 25
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1857-61
Uraufführung: 16. November 1861 in Hamburg
Besetzung: Klavier und Streichtrio
Aufführungsdauer: ca. 38 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Intermezzo. Allegro, ma non troppo
  3. Andante con moto
  4. Rondo all Zingarese. Presto

Johannes Brahms stellte sein Klavierquartett Nr. 1 in g-Moll 1861 fertig. Obwohl dieses Werk sowohl von Freunden, als auch Kritikern gemischt beurteilt wurde, blieb es in der Konzertwelt am Leben. Das gesamte 20. Jahrhundert hindurch wuchs seine Beliebtheit, so wie die Hörerschaft erkannte, dass Brahms vielleicht der essenzielle Meister romantischer Kammermusik ist. Sein erstes Quartett für Klavier, Violine, Bratsche und Cello greift zurück auf die Musik Schuberts, einen von Brahms' Lieblingskomponisten, sowie voraus mit Einfallsreichtum, derKomponisten im nächsten Jahrhundert inspirierte, insbesondere Schönberg. Während seine Zeitgenossen Musik schrieben, die einen offenen Bruch mit der Vergangenheit darstellten, vor allem Wagner, schrieb Brahms in der alten Manier, die mit einer gefälligen und trügerischen Lockerheit zusammenhing, wie auch schon die Werke Schuberts. Kratzt man an der Oberfläche von Brahms' erstem Klavierquartett entdeckt man, dass die Themen und Strukturen überhaupt nicht so locker zusammenhängen. Alles wird aus thematischem Material aufgebaut, das in der Kammermusik beispiellos ist. Es ist der Kern dessen, was Schönberg als "sich entwickelnde Variation" beschrieb und der Atonalität den Weg bereitet und nur dann ein Ganzes bildet, wenn das ganze Material zu sich selbst in Bezug steht. Das g-Moll-Quartett ist von reiner Klarheit in einer Weise, wie es sie vor Brahms nicht gegeben hat. Dieses Quartett war auch das erste Kammerwerk Brahms', das er in der Öffentlichkeit spielte.

Der erste Satz des g-Moll-Quartetts hat die Anmut heroischer Themen in Ruhezustand, köchelt aber auch, zumindest in einer guten Darbietung. In schlechten Aufführungen des Werks wird diese Spannung zugunsten einer leeren Nettigkeit ignoriert, was eindeutig zu vermeiden ist. Der zweite Satz, ein Intermezzo, ist introspektiv und voller musikalischer Befragung unter den Streichern. Themen breiten sich aus, nach etwas suchend, mit schönem und mysteriösem Effekt. Das Andante des dritten Satzes hat eine verträumte Grandezza, die sonst ein für Orchester reservierter Effekt ist. Das ungarische Rondofinale ist reines Feuer und sprengt mit gemeinsamem Nachdruck durch stürmische Themen.

Viele Generationen nach der Uraufführung des Werks widerstand es den ursprünglichen Vorbehalten der Öffentlichkeit. Es sollte auch erwähnt werden, dass andere einflussreiche Musiker es für ein geniales Werk hielten. Einer der größten Violinisten sah es als Beweis, dass Brahms Beethovens musikalischer Erbe war. Es gab viele solcher Reaktionen. Schönberg mochte es so sehr, dass er es orchestrierte. Seine Gründe dafür gab er wie folgt an: "1. Ich mag das Stück. 2. Es wird selten gespielt. 3. Es wird immer sehr schlecht gespielt; je besser der Pianist, desto lauter spielt er und man hört nichts mehr von den Streichern. Ich wollte aber alles hören..."

(c) John Keillor, Arnold Schönberg

Kaufempfehlung:
Walter Trampler (Klavier), Beaux Arts Trio
Label: Philips, ADD, 1973/66
YouTube:
Fauré Quartett
Dezember 2014 in der Toppan Hall von Tokio

BACH: Die Kunst der Fuge

Johann Sebastian Bach
Lebensdaten: 21. März 1685 Eisenach - 28. Juli 1750 Leipzig
Werk: Die Kunst der Fuge, BWV 1080
Epoche: Barock
Entstehungszeit: vor 1742
Besetzung: Cembalo und Streicher
Aufführungsdauer: ca. 75 Minuten
Teile:

  1. Contrapunctus 1
  2. Contrapunctus 2
  3. Contrapunctus 3
  4. Contrapunctus 4
  5. Canon alla ottava
  6. Contrapunctus 5
  7. Contrapunctus 6
  8. Contrapunctus 7
  9. Canon alla decima
  10. Contrapunctus 8
  11. Contrapunctus 9
  12. Contrapunctus 10
  13. Contrapunctus 11
  14. Canon alla duodecima in Contrapunto alla quinta
  15. Contrapunctus 12a
  16. Contrapunctus 12b
  17. Contrapunctus 13a
  18. Contrapunctus 13b
  19. Fuga a 2 clavecin
  20. Alio modo Fuga a 2 clav
  21. Canon per Augmentationem in contrario Motu
  22. Contrapunctus 14

Johann Sebastian Bach stellte Die Kunst der Fuge, BWV 1080, nie fertig. Es ist eine Sammlung aus kontrapunktischen Sätzen ohne feste Ordnung bezüglich ihrer Präsentation oder Instrumentation. Sätze wurden über die Jahre von der letztendlichen Partitur hinzugefügt und entfernt. Seit dem wiedergefundenen öffentlichen Interesse an Bachs Musik in den 1850ern, konnten Historiker die Fehlerspanne in Hinsicht der Geschichte und Darbietung der Kunst der Fuge mit beeindruckender Effektivität verringern. Sicher ist, dass es zu einem der fesselndsten Instrumentalwerken überhaupt zählt, das nahezu jede Kompositionstechnik, die Bach zur Verfügung stand, demonstriert.

Das Werk befand sich unter seinem Nachlass; er hatte das Werk vermutlich mit niemandem diskutiert, denn sonst wäre der Druck höher gewesen seine Rätsel vor dessen Tod aufzuklären. Sein Sohn Carl Philipp Emmanuel fand und veröffentlichte das Werk, als er es 1751 gefunden hatte, aber immer noch unvollständig. Es verkaufte sich nicht gut. Ursprüngliche wurde angenommen, dass Bach daran gearbeitet hatte und im zeitlichen Wettrennen um seine Fertigstellung starb. Die Forschung ergab, dass er mit dem Werk in den frühen 1740ern begann (er starb 1750) und über die Jahre hinweg wieder zu ihm zurückkehrte. Es ließ aufmerksame Hörer auch besonders auf den finalen, unvollendeten Satz neugierig werden, der mit den Tönen B, A, C, H allmählich verstummt. Dieser rührende Zufall der Geschichte bewegte Wunder im allgemeinen Interesse an diesem Werk, obwohl die Öffentlichkeit zur damaligen Zeit es als nur minderwertig betrachtete und C.P.E. Bach versuchte sogar Käufer mit der Beifügung eines bekannten Choralpräludiums zu kompensieren, das in keiner Verbindung zum restlichen Werk stand.

Hört man Die Kunst der Fuge, so hört man alle Techniken, die dem Komponisten von Fugen verfügbar waren, die besser verwoben sind als es jemals ein anderer Komponist tat und die vollr vortrefflicher poetischer Energie sind. Das gesamte 20. Jahrhundert hindurch stellt eine mühsam vereinbarte Zusammenstellung von 22 Sätzen die zuverlässigste Gestalt dessen dar, was der Komponist im Sinn hatte. Sie ist etwas umfangreicher als 80 Minuten an Länge und wechselt, je nach Anforderung, zwischen Cembalo und Kammerensemble. Das Meiste kann auf dem Cembalo gespielt werden, aber eine exakte Instrumentation war im frühen 18. Jahrhundert nicht notwendigerweise so spezifisch wie später. Das Thema wird zu keinem Zeitpunkt offen gelegt, obwohl er es manchmal umkehrt, auf den Kopf stellt oder beides oder diese Variationen mit der Originalgestalt des Themas kombiniert, alles gleichzeitig wiedergegeben. Schon einen guten Kanon zu schreiben erfordert gewisses Talent und was Bach in der Kunst der Fuge gelingt, wird noch nichts in dieser Art entsprochen, abgesehen vielleicht von einigen einer eigenen Werke wie Das musikalische Opfer. Abgesehen von dem technisch-theoretischen Mahlstrom, den Die Kunst der Fuge Wissenschaftlern zum Forschen hinterlässt, ist ihr Charakter keineswegs so gestaltet, dass er gewöhnliche Hörer abschrecken würde. Im Gegenteil: es ist beinahe unmöglich ein gütigeres Stück Musik zu finden. Man kann es über Jahre hören und nur einen kleinen Teil der Größe erfassen, die unter den brillanten Arabesken liegen, die das Material durchdringen. Hat man die Welt dieses Werks einmal betreten, wird sie sich sukzessive enthüllen, um eine Wirkstärke zu behalten, die größer ist als manche Menschen sie überhaupt für musikalisch möglich halten.

(c) John Keillor

Kaufempfehlung:
Academy of St-Martin-in-the-Fields, Dir. Sir Neville Marriner
Label: Pentatone, ADD, 1974
YouTube:
                                                    Academy of St-Martin-in-the-Fields, Dir. Sir Neville Marriner

VAUGHAN WILLIAMS: Fantasia on a Theme by Thomas Tallis

Ralph Vaughan Williams
Lebensdaten: 12. Oktober 1872 Down Ampney (England) - 26. August 1958 London
Werk: Fantasia on a Theme by Thomas Tallis
Epoche: Postromantik
Entstehungszeit: 1910
Uraufführung: 6. September 1910 in der Kathedrale von Gloucester
Besetzung: Streichquartett und 2 Streichorchester
Aufführungsdauer: ca. 15 Minuten

Die Uraufführung von Vaughan Williams' Fantasia on a Theme by Thomas Tallis fand im Rahmen des Three Choirs Festivals in der Kathedrale von Gloucester am 6. September 1910 statt. Das Programm widmete sich hauptsächlich Edward Elgars Oratorium "The Dream of Gerontius", was zu gewissen Teilen ihren relativ kühlen Zuspruch erklären könnte. Aber auch die für damalige Verhältnisse unübliche Behandlung eines unüblichen Quellenmaterials könnte das Publikum verwirrt haben.

Vaughan Williams begegnete Tallis' Hymne, während er das Buch "The English Hymnal" 1906 herausbrachte; sie trat zuerst in Erzbischof Parkers metrischem Psalter von 1567 auf und war eine Vertonung der Worte "Why fumeth in fight?". Die eigenartigen modalen Eigenschaften der Melodie mit ihren auffallenden verminderten Septen gestatteten dem Komponisten nicht nur beträchtliche harmonische Freiheit gegenüber den üblichen Einschränkungen der Diatonik und Chromatik, sondern machte auch das gleichzeitige Gefühl des Altertümlichen und Modernen möglich, das das Markenzeichen des Werks ist.

Die Tallis-Fantasie ist für zwei Streichorchester, von denen das eine als "entfernter" Chor funktioniert, sowie einem einzelnen Streichquartett angelegt. Nach fünf weit auseinander gelegenen Akkorden und ein paar wenigen Takten, in denen das Thema fragmentarisch von Pizzicato-Bässen, Celli und gestrichen schwankenden mittleren Streichern angestoßen wird, wird Tallis' Hymnenmelodie in ihrer Originalharmonie von Bratschen und Celli mit Tremolando-Begleitung der hohen Streicher dargeboten, bevor sie in einer Version wiederholt wird, die die gesamten harmonischen und kontrapunktischen Fertigkeiten einer großen Streichersektion offen legt.

Dann trennen sich die Streicherchöre für einen kurzen Teil ab, in dem Fragmente von Tallis' Thema im ersten Streichorchester von entfernten, akkordischen Träumereien des zweiten Orchesters beantwortet werden. Dies dient nicht nur als kurze Durchführung, sondern führt auch das einzelne Streichquartett ein, dessen meisterhafter Kontrapunkt Vaughan Williams' Affinität für Streichinstrumente demonstriert. Wenn dann die rhapsodische Meditation an Intensivität zunimmt, treten die moderneren Aspekte der Komposition stärker in den Fokus mit vage impressionistischen Harmonien, die sich mit den modalen vermengen und zu einem beeindruckenden Höhepunkt führen, in dem die beiden Orchester mit ihrer vollen Akkordkraft von der Leine gelassen werden. Das Streichquartett führt eine abschließende, leuchtende Träumerei über Tallis' Melodie ein und die Fantasie endet mit einer kurzen Coda, in der die Solovioline einen kurzen Segen ausspricht, während das Orchester abklingt.

(c) Mark Satola

Kaufempfehlung:
New Zealand Symphony Orchestra, Dir. James Judd
Label: Naxos, DDD, 2001
YouTube:
BBC Symphony Orchestra, Dir. Anthony Davis
in der Kathedrale von Gloucester

HAYDN: Streichquartett Nr. 77 C-Dur "Kaiserquartett"

Joseph Haydn
Lebensdaten: 31. März 1732 Rohrau (Österreich) - 31. Mai 1809 Wien
Werk: Streichquartett Nr. 77 C-Dur, Hob. III:77 "Kaiserquartett"
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1797
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 26 Minuten
Teile:

  1. Allegro
  2. Poco Adagio. Cantabile
  3. Menuetto - Trio
  4. Finale. Presto

Dies ist sowohl das bekannteste, als auch berüchtigste der Streichquartette Haydns, alles nur, weil der zweite Satz, eine wunderschöne Hymne, später vom bösesten Regime des 20. Jahrhunderts misshandelt wurde. Damals im späten 18. Jahrhundert stellte Napoleon eine ernste Bedrohung für das Habsburger Kaiserreich dar; nachdem seine Armeen 1796 die Steiermark angegriffen hatten, trieb dies Haydn zu einem Ausbruch an Nationalismus. Als sogenanntes Kaiserlied vertonte er patriotische Worte von L.L. Haschka und hatte damit einen unmittelbaren Erfolg in seiner Hand. Er war entschlossen alle "popularisierten" Arrangements selbst zu schreiben, darunter eines für Streichquartett. Dieses wurde zum langsamen Satz des dritten Quartetts seiner Sammlung opus 76. Die bewegte, ehrwürdige Melodie war zu gut um sie beiseite zu legen. Spätere Komponisten wie Czerny und Smetana gliederten sie in eigene Werk ein. Und ein paar Jahrzehnte nach dem endgültigen Zusammenbruch des österreichischen Kaiserreichs beschlagnahmten die Nazis die Melodie für das Lied "Deutschland über alles". Dies schränkte die Beliebtheit des Quartetts unter den Alliierten während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein, dieser Fleck wurde aber schon bald abgeschwemmt.

Das ganze Quartett scheint eine patriotische Angelegenheit zu sein, sobald man erkennt, dass der erste Takt des beginnenden Allegros ein musikalisches Anagramm ist. Seine Noten korrespondieren mit den ersten Buchstaben der Worte "Gott erhalte Franz den Kaiser" (für "Kaiser" wurde ein C verwendet); dies wiederum ist die Anfangszeile des Kaiserlieds, auf dem der zweite Satz beruht. Das ist kaum auffällig, wenn man nicht gerade die Partitur studiert, denn man hört nur eine helle, vergnügte C-Dur-Melodie, der die erste Violine schon bald einen obsessiv punktierten Rhythmus zuordnet. Im späten 18. Jahrhundert wurde dieser Rhythmus übrigens symbolisch mit königlichen Anlässen assoziiert. Das gesamte thematische Hauptmaterial des Satzes leitet sich aus diesem kurzen Stück Musik ab. Die Durchführung enthält eine für Haydn charakteristische Überraschung: eine ungarische Szene in E-Dur mit einer zigeunerhaften Begleitung aus starken Akzenten auf unbetonten Schlägen. Dies war Haydns Tribut an die ungarischen Aristokraten, die Haydn anstellten und diese Quartette in Auftrag gegeben hatten; sie übernahmen einen Großteil der Rechnung für den Krieg des Kaisers gegen Napoleon.

Der zweite Satz, Poco Adagio - Cantabile, beginnt mit einem besonders zarten Auftritt der Kaiserhymne und nimmt daraufhin vier Variationen daran vor. Die erste ist eine ruhige, aber kunstvolle Ausarbeitung für die erste Violine, während die zweite Geige das Thema in seiner Originalform spielt. Die nächste Variation verlegt das Thema zum Cello hinab, während die Bratsche und zweite Violine die Harmonie liefern und die erste Violine den Kontrapunkt bietet. Schließlich erhält die Bratsche ihren eigenen Auftritt des Themas in der dritten Variation, während die darüber- und darunterliegenden Instrumente sich darum schlängeln. Zu guter Letzt kommt eine üppig harmonisierte Version des Themas mit ausgeklügelteren inneren Stimmen als zu Beginn, aber nichts so komplexes wie das, was dazwischen stattgefunden hat.

Das Menuett ist ein gut gelaunter Salontanz, besonders gekennzeichnet von einer leicht spöttischen, nach unten gleitenden Phrase in der ersten Violine. Das Trio ist eine vorsichtig klingende Variation des Hauptthemas des Menuetts.

Das Presto-Finale wirft uns in etwas, das ein Wissenschaftler als eine Gefechtsszene in c-Moll beschrieben hat: Franz gegen Napoleon. Der Satz beginnt mit drei lauten, zerklüfteten Akkorden und lässt schließlich die erste Violine ein Trommelfeuer aus acht Noten abfeuern, die Musik ist aber nur wenig explizit militaristisch. Nachdem dieses Material intensiv verarbeitet wurde, kehrt das Hauptthema in einer C-Dur- Version zurück, die zweifellos optimistisch klingt, doch nicht unbedingt triumphal.

(c) James Reel

Kaufempfehlungen:
Joachim-Quartett
Label: Tho, DDD, 1986
YouTube:
Attacca Quartet
Banff International String Quartet Competition, 2013

MENDELSSOHN: Oktett Es-Dur

Felix Mendelssohn-Bartholdy
Lebensdaten: 3. Februar 1809 Hamburg - 4. November 1847 Leipzig
Werk: Oktett Es-Dur, op. 20
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1825
Besetzung: Streichoktett
Aufführungsdauer: ca. 32 Minuten
Teile:

  1. Allegro moderato ma con fuoco
  2. Andante
  3. Scherzo. Allegro leggierissimo
  4. Presto

Als Mendelssohn 1825 sein Oktett, op. 20 vollendete, hatte er ein Jahr zuvor bereits seine erste nummerierte Sinfonie produziert, das Oktett aber ist anspruchsvoller und kann mit Vorsicht auch als vollständige Sinfonie angesehen werden, obwohl sie nur für acht Streicher geschrieben wurde. Mendelssohns eigene Worte, aus eigener Hand in die Signatur der Partitur geschrieben, sind Zeuge dessen: "das Oktett muss in allen Teilen im Stile einer Sinfonie gespielt werden; die Pianos und Fortes müssen präzise unterschieden und schärfer akzentuiert werden, als das üblicherweise in Stücken dieser Art geschieht."

Es ist nicht bloß ein doppeltes Quartett, denn das Stück ist ein echtes Oktett, in dem Kontrapunkt, Strukturierung und harmonische Komplexität in jedem Detail so komplex sind wie in jeder Sinfonie. In vier Sätzen entfaltet sich das Werk wie eine Sinfonie mit einem brillanten ersten Satz, einem Allegro, das Platz macht für ein wunderbar verträumtes Andante als zweiten Satz. Ein Scherzo als dritter Satz ist in seiner Struktur und Durchschaubarkeit kammermusikalisch, aber in Umfang und Reichweite erneut sinfonisch. Es entwickelt tatsächlich eine fast diabolische Komplexität aufgrund von Mendelssohns beeindruckender Verwendung von acht Stimmen anstatt vier oder sogar weniger. Das Presto-Finale beginnt mit einem geradezu bizarren Puffen der Celli, explodiert aber unmittelbar in ein kraftvolles Toben, das im Sturzflug voranfliegt und kaum eine Atempause nimmt auf dem Weg zu einem großen, wahrlich sinfonischen Finale.

Das Stück ist in Mendelssohns Karriere besonders bedeutsam, da es eines von zwei insbesondere genialen Werken war, die als Wegweiser seines Genies in Jugendjahren angesehen werden. (Das andere als solches identifizierte Werk ist die gleichermaßen brillante Ouvertüre zu Ein Sommernachtstraum). Es war auch das erste Streichoktett, das als echtes achtteiliges Werk geschrieben wurde und bleibt bis heute das beste Werk, das in dieser Gattung noch existiert. Es überbrückt die Distanz zwischen dem Kammerkomponisten Mendelssohn und dem Sinfoniker Mendelssohn auf besonders effektive Weise.

Das Scherzo des dritten Satzes wurde nachfolgenden vom Komponisten für volles Orchester transkribiert und 1829 von der London Philharmonic Society als eigenständiges, vollständiges Werk präsentiert.

(c) Felix Mendelssohn, Michael Morrison

Kaufempfehlung:
Auryn Quartet, Minguet Quartet
Label: Tacet, DDD, 2000
YouTube:
Boris Brovtsyn, Julian Rachlin, Julia-Maria Kretz, Vilde Frang, Amihai Grosz, Lawrence Power, Jens Peter Maintz, Rick Stotijn
25. Juni 2014 beim Internationalen Kammermusikfestival in Vredenburg

BORODIN: Streichquartett Nr. 2 D-Dur

Alexander Borodin
Lebensdaten: 12. November 1833 St. Petersburg - 27. Februar 1887 St. Petersburg
Werk: Streichquartett Nr. 2 D-Dur
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1881
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 28 Minuten
Teile:

  1. Allegro moderato
  2. Scherzo. Allegro
  3. Nocturne. Andante
  4. Finale. Andante - Vivace
Borodins Streichquartett Nr. 2 in D-Dur unterschiedet sich auf zweierlei Weise von vielen der anderen Werke des Komponisten: es wurde zügig fertiggestellt, im August 1881 und es fehlt ein veröffentlichtes Programm. Diese beiden Faktoren könnten zusammenhängen; Borodin widmete das Quartett seiner Frau Jekaterina und es wurde geschrieben als Erinnerung daran, als sie sich 20 Jahre zuvor in Heidelberg kennenlernten und ineinander verliebten. Der Komponist scheint sich in diesem Quartett selbst darzustellen mit dem Cello (er war ein Hobbyspieler), während Jekaterina von der ersten Violine porträtiert wird. Jeder Satz ist warm und wonnevoll, das Ganze legt die Schilderung einer wachsenden, tiefer werdenden Liebe nahe. Der erste Satz bginnt mit einer süßen, seufzenden Melodie, die zwischen der ersten Violine und dem Cello in fast schon plauderhafter Art ausgetauscht wird. Borodin und Jekaterina dominieren den Rest des Satzes mit einer verführerischen Unterhaltung; selbst die Durchführung bringt mühelose, gelassene Umgestaltungen der Melodien der Exposition hervor und die leuchtende Coda rundet den Satz wunderbar ab. Ein in freier Sonatenform geschriebenes Scherzo folgt. Das helle erste Thema springt anmutig mit, während das zweite Thema an einen Walzer erinnert; beides sind behutsame Tänze, behutsam gehandhabt. Die Durchführung ist in entschiedenerem, geradem Rhythmus, die Reprise bringt aber schon bald den Dreier-Rhythmus und dessen dazugehörigen Charakter zurück. Borodin und Jekaterina treten im nun folgenden, berühmten Nocturne wieder auf. Über einer leuchtenden Gaze an Begleitung von zweiter Violine und Bratsche führt das Cello in eine lange, zarte, inbrünstige Melodie ein, die als cantabile ed espressivo angegeben wurde. Diese Melodie wird schon bald an die erste Violine gereicht, die sie über begleitendem Kommentar des Cellos spielt. Es tritt ein entschiedeneres, zweites Thema in beiden Instrumenten auf, die es entwickeln, bevor sie das erste Thema in einem intimen Kanon spielen. Das erste Thema klingt bis zum Ende des Satzes nach, wenn es in einer langen Coda aufsteigt, bis es Violine und Cello zusammen in einer silbrigen Tonkette spielen. Das Finale beginnt mit einer Andante-Einführung, als ob es unwillig sei von den emotionalen Höhepunkten des vorherigen Satzes herunterzukommen, führt aber schon bald zu einem wieselflinken, energiegeladenen Vivace, dessen lange Coda einen passend fröhlichen Abschluss zum gesamten Werk liefert. Was Liebesbriefe anbelangt ist Borodins Streichquartett Nr. 2 unübertroffen; was Streichquartette anbelangt wird es verdientermaßen geschätzt.

(c) Andrew Lindemann Malone

Kaufempfehlung:
Emerson String Quartet
Label: DGG, DDD, 1984
YouTube:
Kiev String Quartet "Rasumovsky"

BEETHOVEN: Klaviertrio Nr. 7 B-Dur "Erzherzog"

Ludwig van Beethoven
Lebensdaten: 16. Dezember 1770 Bonn - 26. März 1827 Wien
Werk: Klaviertrio Nr. 7 B-Dur, op. 97 "Erzherzog"
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1810-11
Uraufführung: 11. April 1814 in Wien
Besetzung: Klavier, Violine und Cello
Aufführungsdauer: ca. 38 Minuten
Sätze:

  1. Allegro moderato
  2. Scherzo. Allegro
  3. Andante cantabile
  4. Allegro moderato - Presto

Beethoven selbst zählte das Klaviertrio B-Dur, op. 97 zu seinen besten Werken, als er auf sein Lebenswerk zurückblickte. (Das Werk ist allgemein als "Erzherzogstrio" bekannt, weil es wie viele Werke Beethovens an den Mäzen des Komponisten, Erzherzog Rudolph gewidmet war; weniger gerechtfertigt ist sein Platz im Katalog als Klaviertrio Nr. 7 - obwohl es Klaviertrios gibt, die die Nummern 8 bis 12 tragen, ist das Erzherzogstrio eigentlich Beethovens letztes vollendetes Produkt in dem Genre.) Generationen an Pianisten und Streichern stimmten mit Beethovens Urteil überein und das Werk hat, vielleicht mit der Konsequenz ungerechter Vernachlässigung von Beethovens vielen anderen Klaviertrios, den Markt später klassischer Klaviertrios beherrscht. Im Erzherzogstrio erreichen Violine und Cello einen wahrhaft gleichberechtigten Status zu dem des Klaviers, was tatsächlich erst das zweite oder dritte Mal in der Geschichte der Klaviertrios passierte.

Der Grund, weshalb gerade dieses Werk aus allen Werken Beethovens, die an Erzherzog Rudolph gewidmet waren, den Beinamen "Erzherzog" erhalten sollte, ist relativ einfach: das Wort passt zur Musik und auch wenn es nie einen Rudolph gegeben hätte oder nie Interesse an Beethoven gezeigt hätte, würde der Beiname dennoch perfekt passen. Von den allerersten Takten des anfänglichen Allegro moderato an gibt es im Werk einen Edelmut, der nichts anderes als beeindruckt; und dieser Edelmut wird umso wirksamer und glaubhafter, indem er sehr regelmäßig abgeschwächt wird, wie während der Phrase des Soloklaviers, die das Hauptthema des ersten Satzes einführt - ruhig, sanft, höchst lyrisch. Wenn die Streicher nach sechs Takten im Stück auftreten tun sie das, indem sie während der Kadenz des Klaviers hereinschleichen und dann ein sattes, kleines Duett anbieten, das sich mühelos in das Hauptthema zurückfallen lässt. Selbst wenn die Ereignisse später in der Exposition etwas hitziger werden, gibt es nie das Gefühl für etwas besonders dringliches - alles ist perfekt kontrolliert und die geschmeidige Melodik, keine dramatische Physis, ist vorrangig.

Der zweite der vier Sätze des Erzherzogstrios ist ein leichtfüßiges Scherzo, das von Cello und Violine alleine begonnen wird; die schlitternde Chromatik des Trioteils ist eigenartig und mysteriös. Der dritte Satz Andante cantabile ma però moto ist eine Sammlung an Variationen über ein sehr ernstes (aber einfaches) Thema in D-Dur; und das Finale Allegro moderato, das dem Andante ohne Unterbrechung folgt, ist ein ausgelassenes Rondo, in dem sich unser glücklicher Adliger etwas einem besseren Trinklied hingibt.

(c) Blair Johnston

Kaufempfehlung:
Abegg-Trio
Label: Tacet, DDD, 1987

YouTube:
Wilhelm Kempff (Klavier), Yehudi Menuhin (Violine), Mstislaw Rostropowitsch (Cello)

MOZART: Streichquartett Nr. 19 C-Dur "Dissonanzen"

Wolfgang Amadeus Mozart
Lebensdaten: 27. Januar 1756 Salzburg - 5. Dezember 1791 Wien
Werk: Streichquartett Nr. 19 C-Dur, KV 465 "Dissonanzen"
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1785
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 30 Minuten
Sätze:

  1. Adagio - Allegro
  2. Andante cantabile
  3. Menuetto & Trio. Allegro
  4. Allegro

Das letzte der sechs Quartette, die Mozart an Haydn widmete, das KV 465, steht offiziell in der sonnigen Tonart C-Dur, verdankt ihren Beinamen "Dissonanzen" der langsamen, nervösen Einleitung voller unaufgelöster Harmonien über einer pochenden Cellomelodie. Schon bald macht dieses verwirrende Adagio Platz für den hellen Allegro-Hauptteil des ersten Satzes. Die ersten Violinen pfeifen ein kurz phrasiertes Hauptthema, das die anderen Instrumente bald darauf in kontrapunktischer Nachahmung aufgreifen. Eine zweite, aufgeregtere Melodie und eine dritte in Triolen werden alle zu Futter für eine kurze Durchführung, obwohl es das erste Thema ist, das nun in kleiner Besetzung die Geschehnisse dominiert bis die Reprise das aufgewühlte Quartett beruhigt - die Exposition kehrt natürlich ohne die Last der "dissonanten" Einleitung zurück.

Der zweite Satz, Andante cantabile, wickelt sich in ein warmes F-Dur ein und alle vier Instrumente erkunden eine Bandbreite an hochgradig lyrischen thematischen Passagen. Als Drittes erfolgt ein originelles, haydn-isches Menuett (und eines, das Beethoven beeinflussen sollte), voller plötzlicher dynamischer Kontraste und dem Gegenüberstellen verschiedener Kombinationen an Instrumenten. Der kurze Trio-Abschnitt taucht für eine Passage an aufgewühltem Pathos in c-Moll ein. So wie es beginnt trägt das Finale (Allegro) jedes Anzeichen für ein gewöhnliches, wenn auch kurzes Rondo, doch die Musik steuert zunehmend in unerwartetes harmonisches Gebiet, schleudert in Moll hinein und fragmentiert die Themen; dies ist vielleicht ein Allegrosatz in Sonatenform, bei dem die Durchführung unter die Bestandteile des Rondos aufgeteilt wurde. Künstler können dies entweder als Komödie oder Tragödie spielen, die Musik aber ist eine kühne Mischung aus Beidem.

(c) James Reel

Kaufempfehlung:
Klenke-Quartett
Label: Profil, DDD, 2004/05
YouTube:
Hagen-Quartett

DVOŘÁK: Streichquartett Nr. 12 F-Dur "Amerikanisches"

Antonín Dvořák
Lebensdaten: 8. September 1841 Nelahozeves (Böhmen) - 1. Mai 1904 Prag
Werk: Streichquartett Nr. 12 F-Dur, op. 96 "Amerikanisches"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1893
Besetzung: Streichquartett
Uraufführung: 1. Januar 1894 in Boston
Aufführungsdauer: ca. 26 Minuten
Sätze:

  1. Allegro ma non troppo
  2. Lento
  3. Molto vivace
  4. Finale. Vivace ma non troppo

Antonín Dvořák hatte seit 12 Jahren kein Streichquartett mehr komponiert als er sich im Sommer 1893 daran machte das Streichquartett Nr. 12 F-Dur, op. 96 zu komponieren; das daraus entstandene "amerikanische" Streichquartett zählt neben der Sinfonie "Aus der neuen Welt" und vielleicht einer Handvoll an Slawischen Tänzen zur einzigen Musik Dvořáks, die viele Musikliebhaber überhaupt kennengelernt haben.

Dvořák verbrachte drei Jahre in den Vereinigten Staaten (1892-95) als Direktor des neu gegründeten National Conservatory of Music in New York; es war während eines Urlaubes im ländlichen Iowa, als er dieses beliebte Streichquartett geschrieben hatte. Dvořáks Fortschritt mit dem Werk war so schnell und zufriedenstellend, dass er zum Schluss seines ersten Entwurfs einen Spruch der Dankbarkeit an Gott hineinkritzelte! Das Quartett erhielt am folgenden Neujahrstag in Boston seine Uraufführung und benötigte nicht viel Zeit, um sich in dem Gebilde des Quartettrepertoires der Welt festzusetzen.

In dem Quartett op. 96 steckt mehr Amerika als nur der Name und der Ort der Komposition - Dvořák war fasziniert von der Musik der Indianer und Afroamerikaner und das gesamte "amerikanische" Quartett hindurch können wir hören, wie sich diese neuen Farben mit seiner üblichen Art des Quartetts vermischen. Viele der Themen sind pentatonisch entwickelt (die pentatonische Tonleiter besteht aus fünf Tönen und enthält keine Halbtöne); Synkopierung und schwungvolle Rhythmen findet man im Überfluss.

Die Bratsche bringt im ersten Satz Allegro ma non troppo die Geschehnisse ins Rollen mit einer fröhlichen, alltäglichen Melodie, die das warme Brummen ihrer tiefsten Lagen erkundet. Die einladende A-Dur-Melodie, die die Exposition abrundet, hat einen leichten Hauch Amerika in sich und wir sollten sie noch umso mehr lieben für ihre Introvertiertheit. Ein eigentümliches Fugato in f-Moll, das mit Enthusiasmus von den zweiten Violinen begonnen wird, trifft mit der Durchführung ein, genau vor der lieblichen Reprise.

Es mögen zwar 12 Jahre gewesen sein, seitdem er das letzte Mal einen langsamen Satz für ein Quartett geschrieben hatte, aber Dvořáks legendäres Gespür für langsame Sätze ist im zweiten Satz des Op. 96, ein Lento, so einmalig wie eh und je (eine beachtliche Leistung, da der langsame Satz des vorherigen Quartetts - in C-Dur, op. 61 - ein Meisterwerk seiner Zunft ist). Das Scherzo ist Dvořáks übliches, rhythmisch verspieltes Ding; gemäß Dvořák zitieren die ersten Violinen in der Hauptmusik Vogelgesang.

Das Finale ist geschäftig und emsig auf einem sehr energetischen, synkopierten Rhythmus in den zweiten Violinen und Bratschen, der sich kurz in ein Flickwerk an sich verschiebenden Akzenten verwandelt. Die ersten Violinen singen, zuerst kapriziös und dann hingebungsvoll oberhalb dieser motorischen Begleitung. Während des ernsten Mittelteils wird ein völlig anderer Ton angeschlagen.

(c) Blair Johnston

Kaufempfehlung:
Prager Streichquartett
Label: DGG, ADD, 1973-77
YouTube:
Pražák Quartet

MOZART: Serenade Nr. 13 "Eine kleine Nachtmusik"

Wolfgang Amadeus Mozart
Lebensdaten: 27. Januar 1756 Salzburg - 5. Dezember 1791 Wien
Werk: Serenade Nr. 13 G-Dur, KV 525 "Eine kleine Nachtmusik"
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1787
Besetzung: Streichquintett
Aufführungsdauer: ca. 18 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Romanze. Andante
  3. Menuett & Trio. Allegretto
  4. Rondo. Allegro

Die Serenade in G-Dur (1787), das am Anhaltendsten beliebte aller Werke Mozarts, wurde während einer Phase geschrieben, als der Komponist auch sehr mit der Arbeit an seiner Opera Don Giovanni beschäftigt war. Der Titel "Eine kleine Nachtmusik" stammt von Mozart selbst; Nachtmusik war tatsächlich eine bekannte Beschreibung für Serenaden dieser Art. Obwohl Mozart mehrere solcher Werke während seiner Zeit in Salzburg komponiert hatte, ist die Serenade in G einzigartig für die Epoche seines Wohnorts Wien (1781-91). Das Werk unterscheidet sich von Mozarts früheren Serenaden in ihrer vergleichsweise schlanken Orchestrierung: zwei Violinen, Bratsche, Cello und Kontrabass. Mozarts Eintrag dieses Werks in seinem Werkkatalog zeigt, dass das Werk ursprünglich fünf Sätze hatte; der ursprüngliche zweite Satz, ein Menuett, wurde später entfernt.

Der genaue Anlass, für den die Serenade geschrieben wurde, ist unbekannt, aber einige hatten nahegelegt, dass die Grazie, Eleganz und formelle Perfektion des Werks als Gegenstück zur absichtlichen Banalität und Tölpelei von Ein musikalischer Spaß, KV 522, gedacht war, der ungefähr sechs Wochen zuvor komponiert worden war. Die scheint jedoch dem Charakter eines Komponisten entgegenzustehen, der zu unnachgiebig derbem musikalischem Humor fähig war (wie beispielsweise in einigen seiner Kanons). Der Musikwissenschaftler Alfred Einstein wagt auch die zweifelhafte Aussage, dass Mozart die Serenade geschrieben hätte, um ein persönliches, inneres Bedürfnis zu stillen - wäre das wahr, wäre es eindeutig untypisch für einen Komponisten, der nur kaum Musik produzierte ohne eine externe Motivation oder Grund, ob finanziell oder anderer Art. Die übrig gebliebenen Sätze der Serenade sind die folgenden: Allegro; Romanze (Andante); Menuett (Allegretto) und Rondo (Allegro).

(c) Brian Robins

Kaufempfehlung:
Polnische Kammerphilharmonie, Dir. Wojciech Rajski
Label: Tacet, DDD, 2003
YouTube:
Wiener Philharmoniker, Dir. Karl Böhm

MOZART: Streichquintett Nr. 4 g-Moll

Wolfgang Amadeus Mozart
Lebensdaten: 27. Januar 1756 Salzburg - 5. Dezember 1791 Wien (Österreich)
Werk: Streichquintett Nr. 4 g-Moll, KV 516
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1787
Besetzung: Streichquintett
Aufführungsdauer: ca. 35 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Menuetto & Trio. Allegretto
  3. Adagio ma non troppo
  4. Allegro

Das Quintett g-Moll, KV 516 ist das zweite von zwei Streichquintetten, die Mozart innerhalb eines Monats im Frühling 1787 vollendet hatte. Bis zu diesem Jahr hatte er gerade einmal ein einziges Werk zur Gattung beigetragen, fast 15 Jahre zuvor: das Quintett B-Dur, KV 174. Mozarts Wahl von zwei Violinen, zwei Bratschen und Cello für all seine Streichquintette ist in der Klassik unüblich; Komponisten wie Boccherini entschieden sich gewöhnlich für die Nutzung einer Bratsche und zweier Celli. Ein Präzedenzfall für Mozarts Wahl könnte in einer Reihe von leichten, österreichischen Werken in der Art eines Divertimentos gefunden werden, darunter ein Notturno von Michael Haydn, der am Salzburger Hof tätig und Mozart und seiner Familie gut bekannt war.

Mozart fügte das g-Moll-Quintett am 16. Mai 1787 seinem thematischen Katalog hinzu, kurz nach dem Quintett in C-Dur, KV 515. Obwohl es keinen dokumentarischen Beweis gibt, der erklären könnte, weshalb Mozart nach so vielen Jahren zu der Gattung zurückkehrte, scheint es nur wenig Zweifel zu geben, dass die KV 515 und 516 als sich kontrastierendes Paar komponiert wurden in der gleichen Art wie die Sinfonien Nr. 40 und 41. Und in der Tat: während das C-Dur-Quintett als analog direkt zur "Jupiter"-Sinfonie (die Sinfonie Nr. 41 C-Dur, KV 551) gesehen werden kann in seiner Breite und den erhöhten, olympischen Äußerungen, kann das in g-Moll als Gegenstück zur Sinfonie Nr. 40 in g-Moll, KV 550, gesehen werden. Die Verwendung von Moll-Tonarten war während der Klassik vergleichsweise selten und für Mozart war g-Moll die vielleicht tiefgründig persönlichste aller Tonarten, eine, in der er nicht nur mächtige Leidenschaften, sondern auch Tragödie ausdrückte. Die vorliegende Kombination aus Melancholie und manchmal gewaltsamem Drama im g-Moll-Quintett wird von Mozarts außerordentlich talentierter Verwertung der dunklen Klänge, die innerhalb dieser Instrumentation verborgen liegen können, unterstrichen. Dies wird z.B. besonders auffällig im lebhaften Kontrast, der zwischen der überwiegend ernsten Farbgebung und Passagen gezogen wird, die die höchsten Register der Violine hervorheben.

Bemühungen im anfänglichen Allegro zu einer Dur-Tonart zu fliehen werden von der vorherrschenden Dunkelheit resolut niedergeschmettert. Wie im C-Dur-Quintett wurde das Menuett an zweiter Stelle des Werks platziert, obwohl es wenig zur Anhebung der Stimmung beiträgt. Das Adagio non troppo ist ein einsames, verzweifeltes Lied. Obwohl sich das Finale schließlich zur Paralleltonart G-Dur wendet, ist es keine "glückliche" Tonart, sondern eine, die ein mehrdeutiges Terrain besetzt, eine typische Eigenschaft in Mozarts Spätwerken. Ein Jahr nach der Vollendung der Quintette in C-Dur und g-Moll warb Mozart für ihren Druck zusammen mit seinem Arrangement für Streichquintett der Serenade c-Moll, KV 388.

(c) Brian Robins

Kaufempfehlung:
János Fehérvári (Bratsche), Éder Quartet
Label: Naxos, DDD, 1994
YouTube:
Ensemble ACJW
am 4. Dezember 2011 in der Carnegie Hall von New York City

BEETHOVEN: Streichquartett Nr. 15 a-Moll

Ludwig van Beethoven
Lebensdaten: 16. Dezember 1770 Bonn (Kurköln) - 26. März 1827 Wien (Österreich)
Werk: Streichquartett Nr. 15 a-Moll, op. 132
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1825
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 44 Minuten
Sätze:

  1. Assai sostenuto - Allegro
  2. Allegro ma non tanto
  3. Canzona di ringraziemento. Molto adagio
  4. Alla Marcia, assai vivace
  5. Allegro appassionato

Dieses war das zweite der drei Quartette, die Beethoven als Auftrag des Fürsten Nikolai Golizyn fertiggestellt hatte. Nr. 12, op. 127 (1823-24) wurde zuerst fertig, gefolgt von diesem Werk in a-Moll und dem Dreizehnten (1826) als letztem. Das Werk trägt den Beinamen "Heiliger Dankgesang" aufgrund der in der Partitur geschriebenen Bemerkung (eigentlich auf Französisch) Beethovens, die zum dritten Satz gehört.

Aus dieser Anmerkung, sowie der Zeit der Komposition des Werks kann man zuverlässig ableiten, dass die eindeutig in der Musik gehörte Krise zu der langwierigen Krankheit gehört, die Beethoven von April 1825 bis zum August dieses Jahres erlitt. Der Komponist unternimmt keine Versuche seine Gefühle während der Krankheit darzustellen; stattdessen reflektiert er über sie und bedankt sich in dieser Partitur für seine Genesung, für das Bezwingen des Schmerzes und Leidens, die er sicherlich als Symptome einer lebensbedrohlichen Krankheit eingeschätzt haben muss.

Der als Assai sostenuto - Allegro bezeichnete erste Satz hat eine eigenartige, aber geniale Struktur: Beethoven präsentiert ein vier Töne umfassendes Motiv, das sich durchweg als die zentrale Kraft herausstellt und das er zwischen drei separaten Expositionen entwickelt. Es gibt zwei wichtige Themengruppen, von denen die erste offenbar das physische Leiden des Komponisten repräsentiert und die letzte sein Gefühl der Hoffnung es zu besiegen. Diese Themen verwandeln sich brillant während der Satz voranschreitet und das Thema des Leidens erscheint schließlich am Schluss als freudige Hymne.

Der zweite Satz ist ein als Allegro ma non tanto bezeichnetes Scherzo. Obwohl die Stimmung der Musik hier fröhlicher ist, legt sein etwas gedämpfter Charakter nahe, dass der genesende Komponist immer noch skeptisch ist sich in zu große Aktivitäten zu stürzen. Der dritte Satz, Molto adagio genannt, ist das emotionale Herzstück des Werks. Ein langsames, hymnisches Thema von religiösem Charakter dominiert die Geschehnisse und tritt durchweg in verschiedenerlei Gestalt auf, am Ende erscheint es in seiner endgültigen, himmlischen Version. Die Form dieses Satzes ist unüblich, sie besteht auf fünf Teilen und schreitet von Schilderungen der Hoffnungen des kranken Komponisten voran zu seinen Gefühlen über Genesung und wiederkehrende Stärke und schließlich seiner Genesung und der Dankbarkeit zu Gott.

Der vierte Satz besteht aus einem kurzen Marsch und wurde Assai vivace getauft. In mancherlei Hinsicht ist dies ein ziemlich verwirrendes Kapitel im gesamtheitlichen Schema der Musik, denn die leicht martialische Natur des Themas scheint mit dem Rest des Werks nicht ganz übereinzustimmen. Dennoch dient die Musik hier als wirksamer Kontrast zum vorherigen Satz, als ob sie eine Rückkehr vom Himmel zur Realität der Erde nahelegen würde.

Das Finale ist ein als Allegro appassionato ausgewiesenes Rondo. In der Form gibt es hier nichts innovatives, Beethoven scheint sich damit zu begnügen darauf hinzuweisen, dass ein Rückkehr zur Routine seinem Zweck genug Lohn bringen kann, genauso wie es symbolisieren kann, dass eine Rückkehr zur Gesundheit einen die einfachen Dinge im Leben schätzen lässt. Die Stimmung hier ist durchweg fröhlich und voller Farbe und Sonnenschein. Der Komponist vermittelt eindeutig, dass die Krise hinter ihm liegt, dass die Musik hier keinen Triumph feiert, sondern eher Freude und Dankbarkeit ausdrückt. Dieses Werk wurde in Paris und Berlin 1827 erstgedruckt und dem Fürsten Nikolai Golizyn gewidmet.

(c) Robert Cummings

Kaufempfehlung:
Alban Berg Quartett
Label: Warner, DDD/LA, 1989
YouTube:
Quatuor Ebène
am 26. August 2013 auf dem Festival Wissembourg

BEETHOVEN: Streichquartett Nr. 13 B-Dur

Ludwig van Beethoven
Lebensdaten: 16. Dezember 1770 Bonn (Kurköln) - 26. März 1827 Wien (Österreich)
Werk: Streichquartett Nr. 13 B-Dur, op. 130
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1825-26
Uraufführung: 21. März 1826
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 40 Minuten
Sätze:

  1. Adagio ma non troppo - Allegro
  2. Presto
  3. Andante con moto ma non troppo
  4. Alla danza tedesca. Allegro assai
  5. Cavatina. Adagio molto espressivo
  6. Finale. Allegro

Dieses Werk zählt zu Beethovens letzten und ist das letzte von drei Quartetten, die er komponierte, um den Auftrag des Fürsten Nikolai Golizyn zu erfüllen. Nr. 12, op. 127 wurde in der Zeit zwischen 1823-24 geschrieben und ihm folgte die Nr. 15, op. 132 im Jahr 1825. Das dreizehnte Quartett wurde Anfang Januar 1826 fertiggestellt, sein ursprüngliches Finale wurde aber durch ein neues ersetzt, das Ende November 1826 fertig wurde. Dieses zweite Finale gilt als Beethovens letzte fertiggestellte Komposition. Der Komponist stimmte zu das Original zu ersetzten, die sogenannte Große Fuge, op. 133, auf Geheiß seines Verlegers. Es ist ohnehin eine ziemlich in sich geschlossen und stellte sich für die Künstler und das Publikum als ziemlich schwer heraus, das das Werk bei seiner Uraufführung am 21. März 1826 gehört hatte. Beethoven erkannte vermutlich aber auch, dass die Große Fuge ein ziemlich übergroßes Werk war, zu groß um als Finale für das dreizehnte Quartett in B zu dienen, das für sich schon ein großes Stück war, aber ein Werk, dessen Charakter in den vorherigen fünf Sätzen weniger episch klingend ist.

Das Werk erhielt den Beinamen "Lieb" durch Beethoven selbst, der sich in einigen seiner Schriften damit auf es bezog. Es besteht aus sechs Sätzen und kann als ähnlich zu einem Divertimento oder einer Suite angesehen werden, im älteren Sinn dieser Formen. Der erste Satz wechselt durchweg zwischen langsamer und schneller Musik und trägt die Anmerkungen Adagio ma non troppo und Allegro. Er bewegt sich von traurig zu verspielt, von nachdenklich zu fröhlich. Beethovens Behandlung des thematischen Material und seine Handhabung der Sonatenhauptsatzform ist hier ziemlich innovativ.

Dann folgt ein kurzes Scherzo, eines der besten des Komponisten in allen Gattungen. Die Komposition dieses Presto-Satzes ist brillant und voller Farbe; die Stimmung ist leicht und launig. Das anschließende Andante con moto ma non troppo ist hell und ziemlich lebhaft trotz der Bezeichnungen; tatsächlich fügte Beethoven hier auch die Angabe "poco scherzando" mit ein.

Der nächste Satz ist als Alla danza Tedesca (Tanz in deutschem Stil) benannt. Die Musik hier ist erneut leicht, aber auch etwas trocken. Die als Kavatine bezeichnete, nächst Passage Adagio molto espressivo ist düster und melancholisch und auch ziemlich innig. Der Komponist selbst sprach von der Wirkung, die diese Musik auf seinen Gemütszustand hatte und von ihrer Fähigkeit die ein oder andere Träne zu erwirken. Das Hauptthema ist, wie seine Bezeichnung nahelegt, liedhaft und ziemlich liebevoll.

Wie zuvor erwähnt stellt das Finale das letzte fertiggestellte Stück dar, das Beethoven schrieb. Seine glückliche Stimmung widerlegt die gesundheitlichen Probleme und den Gemütszustand des Komponisten nicht. Obwohl er gerade erst von einer ernsthaften Krankheit genesen war, war er immer noch nicht gesund und sollte nur noch ein paar Monate länger leben. Darüber hinaus schrieb Beethoven dieses Finale während eines widerstrebten Aufenthaltes bei seinem Bruder Johann in Gneixendorf (im Donautal), wohin er mit seinem sorgenschweren Neffen Karl gereist war. Der Komponist vertrug sich nicht mit seiner Schwägerin und man kann sich nur vorstellen, dass die unbequemen Verhältnisse, in denen er diese Musik schrieb, dem Komponieren kaum zuträglich waren, vor allen Dingen Kompositionen in fröhlichem Guss. Jedenfalls liefert dieses Finale dem Werk ein brillantes Ende, ein ziemlich anderes als das der ursprünglichen und ziemlich komplexen Fuge. Dieses Quartett wurde 1827 in Wien das erste Mal gedruckt und trug eine Widmung an den Fürsten Golizyn. Die Uraufführung der finalen Version fand am 22. April 1827 statt, einen Monat nach dem Tod des Komponisten.

(c) Robert Cummings

Kaufempfehlung:
Leipziger Streichquartett
Label: MDG, DDD, 2006
YouTube:
American String Quartet
am 18. November 2012 in New York

SCHUBERT: Klavierquintett A-Dur "Forellenquintett"

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien (Österreich) - 19. November 1828 Wien (Österreich)
Werk: Klavierquintett A-Dur, D 667 "Forellenquintett"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1819
Besetzung: Klavier und Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 36 Minuten
Sätze:

  1. Allegro vivace
  2. Andante
  3. Scherzo. Presto
  4. Thema und Variationen. Andantino
  5. Finale. Allegro giusto

Im Sommer 1819 reiste Schubert mit dem berühmten Bariton Johann Michael Vogl zur Stadt Steyr, an einem Fluss gelegen, wo es auch ein Übermaß an musikalischen Aktivitäten gab. Schuberts und Vogls Darbietung einiger der Lieder des Komponisten - vor allem des "Erlkönig" (Schubert selbst übernahm die Rolle des Vaters!) und der "Forelle" - zog das Interesse von Sylvester Paumgartner auf sich, einem reichen Geschäftsmann im Bergbau und ein begabter Cellist, der daraufhin Schubert beauftragte ein Quintett zu schreiben basierend auf der "Forelle" (und vielleicht nach einem Werk von Hummel strukturiert, das er selbst in seiner Sammlung hatte). Das daraus resultierende "Forellenquintett" - für die unübliche Kombination aus Klavier, Violine, Bratsche, Cello und Kontrabass angelegt - wurde zu einem von Schuberts langanhaltenderen Kammerwerken und steht typisch für seinen frühen Stil. Eine wichtige Eigenschaft ist die Integration des Klavierteils in die musikalische Struktur, in gleichgestellter Bedeutung mit jenen der Streicher. In eigenen Anmerkungen bezog sich Schubert auf typische Klaviermusik als "abscheulich pochend" und besteht in diesem Werk, so wie auch in anderen, dass sich das Klavier als normaler und gleichberechtigter Teil eines Ensembles verhalte.

Der erste Satz ist mit 13 Minuten unverhältnismäßig lang, fast ein Drittel der Länge des gesamten fünfsätzigen Werks. Es ist ein fröhlicher Satz in Sonatenform, vorangetrieben von Klavierarpeggi und Triolenfiguren in den Streichern. Es folgt ein lyrisches Andante, anmutig ausdrucksstark in Moll und jedes Gefühl von Melancholie vermeidend. Es enthält drei Themen, wovon eines ein ausgedehntes Klaviersolo gestattet.

Der kurze dritte Satz, ein Presto, beginnt aggressiv, aber wird zu einer Art "Tanzgedicht" mit enthaltenen österreichischen Volksmelodien. Der rhythmische Impuls ist unermüdlich.

Dies führt zum berühmtesten Satz des Werks, das Thema und die Variationen über "Die Forelle". Obwohl im Kern fast langweilig wird die Form von Thema und Variationen in Schuberts Händen geistreich und zufriedenstellend - jede Variation ist sowohl für sich genommen fesselnd, als auch integral für das Ganze. Wie im ersten Satz ist das Klavier durchgängig mit den Streichern verwoben und der resultierende Klang ist fast sinfonisch (eine Ausnahme dazu ist die dritte Variation, die eine wirbelnde Klavierkaskade mit gedämpfter Streicherbegleitung ist).

Der Finalsatz ist einfach und leicht mit einem wirbelnden, fast "zigeunerhaften" Klang, der bisweilen an Dvořák erinnern kann. Wie der dritte und vierte Satz scheint auch der letzte in kleinere Einheiten gebrochen zu sein, im Stile einer Sammlung an Tänzen. Obwohl er zur Zeit des Forellenquintetts bereits elf Streichquartette geschrieben hatte, stellt diese Komposition Schuberts erstes wirklich bedeutendes Kammerwerk dar. Seine Fähigkeit diese Kombination an Instrumenten zu vermengen und auszubalancieren scheint instinktiv und das Stück wird zurecht als eines seiner beliebtesten und besten frühen Werke angesehen.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
Alfred Brendel (Klavier), Cleveland Quartet
Label: Philips, ADD, 1977
YouTube:
Sergej Kusnetsow (Klavier), Wladislaw Naroditski, Andrei Usow, Sergei Astaschonok, Grigori Krotenko
im kleinen Saal des Konservatoriums in Moskau

SCHUBERT: Streichquartett Nr. 14 d-Moll "Der Tod und das Mädchen"

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien (Österreich) - 19. November 1828 Wien (Österreich)
Werk: Streichquartett Nr. 14 d-Moll, D 810 "Der Tod und das Mädchen"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1824
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 40 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Andante con moto
  3. Scherzo. Allegro molto - Trio
  4. Presto

So morbide das heutzutage auch erscheinen mag war die Beschäftigung mit dem Tod im 19. Jahrhundert ziemlich angesagt. Die romantische Bewegung in der Musik, Schauspiel, Kunst und Literatur nahm die Idee des Todes als jenseitig und erfüllend anstatt furchteinflößend an. Die medizinische Forschung steckte noch in den Kinderschuhen und die einzig wirkliche Linderung für viele Krankheiten war das Ende des Lebens. Der Tod war sanft. Der Tod war friedlich. Der Tod war ein Ende für Leid.

In diesem Licht war Franz Schuberts eigene Faszination vom Tod weder unüblich noch unerklärlich. Im März 1824 schrieb er nach dem fast zweijährigen Erleiden von Syphilis-Symptomen: "Jede Nacht, wenn ich zu Bett gehe, hoffe ich nicht wieder aufzuwachen und jeder Morgen dient nur als Erinnerung an das Elend des vorherigen Tages."

Da der immer noch junge Komponist noch nicht das Zeitliche segnen musste, entwickelte er weiterhin seinen musikalischen Genius und stellte im gleichen Monat die ursprüngliche Fassung des Streichquartetts in d-Moll "Der Tod und das Mädchen" fertig. Auf dem Anfangsthema seines gleichnamigen Liedes (1817) beruhend, illustriert dieses Quartett eindeutig Schuberts Sympathie, sogar Sehnsucht nach dem Tod. Indem er ihm die Musik des Liedes zuordnet, erfüllt Schubert das Quartett auch mit den Gefühlen des originalen Texts, in dem der Tod ein verängstigtes Mädchen darauf drängt ihm zu vertrauen: er möchte ihr nichts Böses und sie würde in seinen Armen tief und fest schlafen.

Dieses Werk ist aus verschiedenen Gründen bemerkenswert. Es wird als eines von Schuberts besten Kammerwerken angesehen und nahm schon immer einen wichtigen Platz im Repertoire für Streichquartette ein. Sein unumwunden programmatischer Inhalt verknüpft es mit Werken des späten 19. Jahrhunderts, in denen sich strukturelle Überlegungen außermusikalischen und dramatischen Einflüssen unterwarfen. Und letztendlich ist das Quartett eine eindrucksvolle Erinnerung an jene, die Schubert gerne in die Schublade eines Miniaturisten oder "Liedkomponisten" stecken: neben der "Unvollendeten"-Sinfonie und der Wandererfantasie bleibt sie ein Zeugnis seines Gespürs für groß angelegte Organisation und der unerfüllten Verheißung als Resultat seines frühen Todes.

Das Werk beginnt aggressiv mit lautstarken Phrasen, die sowohl die thematische, wie auch die rhythmische Struktur des ersten Satzes etablieren. Schubert nutzt hier eines seiner typischen, rhythmischen Mittel, eine Viertelnote, der Achteln in Triolen folgen. Das zweite Thema ist herzig lyrisch, freudvoll und optimistisch, voller Leben und Energie. Der Satz endet atemlos, aber anmutig.

Der zweite Satz, ein vierzehnminütiges Andante con moto, führt in das "Todesthema" ein, das mit der anfänglichen Klaviereinführung von "Der Tod und das Mädchen" korrespondiert. Es folgen fünf Variationen des Themas, von denen sich alle nur geringfügig vom Original unterscheiden, als ob der Tod hartnäckig sei - nicht etwa schwankend oder sich beirren lassend.

Mit weniger als vier Minuten ist das Scherzo des dritten Satzes abrupt und verwirrend, als ob seine einzige Funktion wäre als Prolog für das treibende, fast dämonische Finale zu dienen. Es ist rhythmisch herausfordernd und enthält unerwartete Akzente und Kadenzen.

Im finalen Satz wendet Schubert seinen üblichen Schwung und Antrieb an, um einen unaufhaltsamen Rausch zunächst zu beginnen und dann aufzubauen. Die Phrase einer punktierten Achtelnote, der eine Sechzehntel folgt wird durchweg als treibende Kraft verwendet, obwohl sie immer wieder unterbrochen wird. Der Tod ist unnachgiebig und der Satz wirbelt einem massiven, aber abrupten Abschluss entgegen.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
Jerusalem Quartet
Label: HMF, DDD, 2007
YouTube:
Alban Berg Quartet

BRAHMS: Klarinettenquintett h-Moll

Johannes Brahms
Lebensdaten: 7. Mai 1833 Hamburg - 3. April 1897 Wien (Österreich)
Werk: Klarinettenquintett h-Moll, op. 115
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1891
Besetzung: Klarinette und Streichquartett
Uraufführung: 12. Dezember 1891 in Berlin
Aufführungsdauer: ca. 37 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Adagio
  3. Andantino - Presto non assai, ma con sentimento
  4. Con moto

Als Clara Schumann dieses Quintett zum ersten Mal hörte, schrieb sie: "Es ist ein wirklich fabelhaftes Werk, die klagende Klarinette ergreift einen; es ist höchst bewegend. Und was für interessante Musik, tief und voller Bedeutung!" Diese rührenden Worte von Brahms' engster Freundin widerlegen Brahms' unredlichen Vergleich des Werks mit seinem früheren Klarinettentrio: "[Es ist] bei Weitem ein Werk von größerer Dummheit." Vom ersten Satz an pulsiert die Musik an Verlangen. In seinen Anfangstakten liegt die Saat, die im Rest der Komposition aufkeimt, die gleichermaßen perfekt ist in ihrer Kraft an Evokation, wie in ihrer strukturellen Genauigkeit. Die herbstliche Stimmung des Werks stammt teilweise aus den durchgängig vorhandenen und subtilen Wechseln zwischen den nah verwandten Tonarten von D-Dur und h-Moll.

Am Bemerkenswertesten ist das Adagio des zweiten Satzes, ein zärtliches Liebeslied, dessen Wehmut den gesamten Niedergang des spätromantischen, musikalischen Ethos' zu reflektieren scheint. Natürlich bietet dieses Werk mehr als seine traumhaften Bilderbeschwörungen. Man höre sich das Presto an mit seinem ungarischen Volkstanz-Stil und die fesselnden Variationen des Finales, von denen die letzten zum Anfangsthema des ersten Satzes zurückkehren, um den Kreis zu schließen. Das ist nicht Dummheit, aber zumindest "Wahnwitz"!

(c) Peter Bates, Clara Schumann

Kaufempfehlung:
Steven Kanoff (Klarinette), Sine Nomine Quartet
Label: Doron, DDD, 1989
YouTube:
Michael Collins (Klarinette), State Borodin Quartet
27.02.2015 im Mariinski-Theater von St. Petersburg

MOZART: Klarinettenquintett A-Dur "Stadler"

Wolfgang Amadeus Mozart
Lebensdaten: 27. Januar 1756 Salzburg - 5. Dezember 1791 Wien (Österreich)
Werk: Klarinettenquintett A-Dur, KV 581 "Stadler"
Epoche: Klassik
Besetzung: Klarinette und Streichquartett
Entstehungszeit: 1789
Aufführungsdauer: ca. 32 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Larghetto
  3. Menuetto & Trio I, II
  4. Allegro con Variazioni

Die Jahre 1789 und 1790 waren die schwierigsten in Mozarts Karriere; in dieser Zeit eskalierten seine finanziellen Schwierigkeiten und seine Popularität als Künstler schwand in der wankelmütigen Wiener Öffentlichkeit. Dieser Umstände eingedenk war es nicht überraschend, dass diese Jahre einen deutlichen Rückgang in der Zahl der Werke erlebte, die Mozart produzierte. An irgendeinem Tag im Spätsommer 1789 jedoch erhielt Mozart einen Auftrag für eine neue Oper von Kaiser Joseph II. Zu der Zeit als er mit der Komposition der betreffenden Oper, Così fan tutte, begann, muss er auch an der Arbeit für das gewesen sein, was später eines seiner beliebtesten Kammermusikwerke werden sollte, das Klarinettenquintett in A-Dur. Nicht nur sonnt sich dieses Quintett überwiegend in der gleichen güldenen Wärme und Weichheit, die auch viel von Così charakterisiert, eine Skizze für sein Finale wurde sogar zu "Ah lo veggio", eine von Ferrandos Arien aus dem zweiten Akt der Oper. Das Quintett wurde gegen Ende September 1789 fertiggestellt - vielleicht am 29., worauf in Mozarts thematischem Katalog hingewiesen wird.

Es wurde komponiert für den herausragenden Klarinettisten Anton Stadler (1753-1812), Mitglied des Hoforchesters in Wien und ein Freund Mozarts aus der Zeit, als sich Letztgenannter 1781 zum ersten Mal in Wien niederließ. Mozart hatte bereits eine Reihe an Kammermusikwerken für Stadler und dessen Bruder Mathias komponiert, wovon einige eigentlich für das Bassetthorn waren. Zusätzlich zum Spiel dieses tiefer gestimmten Instruments war Anton Stadler bekannt für seine Fähigkeit die tieferen Register einer üblichen Klarinette auszunutzen; um diese Nutzung des sogenannten Chalumeau-Umfangs zu ermöglichen entwickelte er eine zusätzliche Erweiterung für das Instrument. Für dieses modifizierte Instrument hatte Mozart sowohl das Klarinettenquintett als auch das berühmte Klarinettenkonzert in A-Dur, KV 622 komponiert - eines seiner letzten Werke. Obwohl das Interpretieren des Werkes auf einer modernen Klarinette weniger Transponierung tieferer Noten erfordert wie das bei dem Konzert der Fall ist, klingt das Werk dennoch am Besten auf einem Instrument, das die ursprüngliche Stimmung ermöglicht; verschiedene Aufnahmen wurden auf Klarinetten gemacht, die Stadlers Instrument rekonstruieren.

Das Quintett ist geschrieben für Klarinette, zwei Violinen, Viola und Cello und in vier Sätzen angelegt. Das eröffnende Allegro, ein Diskurs unter allen fünf Instrumenten, ist in Traurigkeit gefärbt; das ausnehmend liebliche Larghetto, das danach folgt, stellt die Klarinette mehr ins Rampenlicht, deren stürmische Melodien werden durchweg von gedämpften Streichern unterstützt. Das Minuetto ist besonders für das erste seiner beiden Trios bemerkenswert. Der letzte Satz ist eine Sammlung an Variationen, die auf einem jeder unschuldigen, fast kindisch klingenden Themen basiert, die Mozart so oft in seinen Finals anwendete. Aber wie es auch typisch ist für Mozart entlockt die Art, wie der Komponist eine große Vielfältigkeit an Stimmungen und musikalischen Strukturen entwickelt, enorme Reichhaltigkeit aus dem Material und erlaubt dem Klarinettisten große Virtuosität aufzuzeigen.

(c) Brian Robins

Kaufempfehlung:
Ulf Rodenhäuser (Klarinette), Ensemble Villa Musica
Label: MDG, DDD, 2003
YouTube:
Pedro Franco (Klarinette), Camerata de Murcia

BEETHOVEN: Streichquartett Nr. 14 cis-Moll

Ludwig van Beethoven
Lebensdaten: 16. Dezember 1770 Bonn (Kurköln) - 26. März 1827 Wien (Österreich)
Werk: Streichquartett Nr. 14 cis-Moll, op. 131
Epoche: Romantik
Besetzung: Streichquartett
Entstehungszeit: 1826
Aufführungsdaur: ca. 39 Minuten
Sätze:

  1. Adagio ma non troppo e molto espressivo
  2. Allegro molto vivace
  3. Allegro moderato
  4. Andante ma non troppo e molto cantabile
  5. Presto
  6. Adagio quasi un poco andante
  7. Allegro

Trotz seiner Opuszahl entstand dieses Quartett nach dem Fünfzehnten (1825) und ist eines von dreien, die im Auftrag des Fürsten Nikolai Golizyn komponiert wurden. Die anderen waren die Nummern 12 und 13. Wie das Dreizehnte und Fünfzehnte besteht auch dieses Quartett in cis-Moll aus mehr als den üblichen drei oder vier Sätzen. Es gibt tatsächlich sieben Sätze in diesem gewaltigen Werk und wie man vermuten könnte ist seine Form auch höchst ungewöhnlich.

Das Quartett beginnt mit einer Fuge, die als Adagio ma non troppo e molto espressivo ausgewiesen ist. Die Stimmung ist durchgängig düster, aber mit einer Religiosität und Zartheit, die das Gespür des Komponisten für seine eigene Sterblichkeit nahezulegen scheint (Beethoven starb im März 1827). Gegen Ende dieses Satzes entschwindet die Musik und führt direkt in den als Allegro molto vivace bezeichneten Satz, was mehr wie ein typischer erster Satz erscheint. Er beginnt auf Pianissimo-Lautstärke mit einem Thema, das eher zu einem Rondo-Finale zu passen scheine. Es folgt ein Übergangsmotiv und schließlich erreichen wir ein zweites Thema. Das Material wird wiederholt, aber danach folgt kein eigentlicher Entwicklungsabschnitt. Stattdessen entwickelt eine erweiterte Coda das Übergangsmotiv weiter. An dieser Stelle scheint die traditionelle Sonatenhauptsatzform nicht mehr erkennbar zu sein.

Der dritte Satz beginnt ohne Pause und dient eigentlich als kurzes Zwischenspiel zum langen langsamen Satz, bezeichnet als Andante ma non troppo e molto cantabile. Er besteht aus einem Thema und sechs Variationen, von denen die meisten eher die Harmonie beinhalten anstatt die Essenz der Melodie selbst. Dieser Satz ist einer der tiefgreifendsten und komplexesten, die Beethoven als Kammermusik je schuf. Jede Variation wird in unterschiedlichem Tempo gespielt und schafft damit eine wahre "Vielseitigkeit", die für mancherlei Ohr zunächst wie zusammenhangslos wirken mag. Aber Beethovens Invention und Cleverness sind überall vorhanden. Die fünfte Variation mit ihrer geschickt ausgewrungenen Synkopierung z.B. ist wunderbar mysteriös und die Coda beginnt trickreich, als ob sie zu einer weiteren Variation werden würde, aber sie kehrt subtil zu den Hauptthemen zurück, um schließlich den Satz mit einem sanften Entschwinden zu Ende zu bringen.

Das Presto des fünften Satzes sprudelt vor Energie und Anmut. Es ist ein bestechendes, heiteres Scherzo mit einem Trio-Teil und trotz ein paar innovativer Verzierungen Beethovens der vielleicht traditionellste der in diesem Quartett beinhalteten Sätze. Sein ziemlich abruptes und raues Ende führt zu einem kurzen Zwischenspiel-ähnlichen Adagio quasi un poco andante. Dieser sechste Satz ist, wie der dritte, sehr kurz.

Das Finale startet mit einem schroffen Thema, dem unmittelbar ein weniger grimmiges, aber dunkleres Thema folgt. Eine dritte Melodie wird kurze Zeit später eingeführt, die dem letzten charakterlich näher steht, aber Trauer und Melancholie zum Ausdruck bringt. Die Themen treten erneut auf und die Form könnte bis hierhin suggerieren, dass es sich bei dem Satz um ein Rondo handele. Aber Beethoven steuert in Richtung thematischer Entwicklung, als ob er sagen wolle er hätte schließlich zur Sonatenhauptsatzform gefunden. Es folgt eine Rekapitulierung, aber mit vielen hoch fantasievollen Änderungen im vorherigen Material. Eine kräftige und tragische Coda beschließt das von vielen als Beethovens genialstes angesehene Quartett. Es wurde 1827 in Mainz das erste Mal gedruckt und Baron Joseph von Stutterheim gewidmet.

(c) Robert Cummings

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(Günter Pichler, Gerhard Schulz, Thomas Kakuska, Valentin Erben)