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PROKOFJEW: Sinfonie Nr. 1 D-Dur "Symphonie Classique"

 

Sergei Prokofjew

Lebensdaten: 23. April 1891 Gut Sonzowka (Russland) - 5. März 1953 Moskau
Werk: Sinfonie Nr. 1 D-Dur, op. 25 "Symphonie Classique"
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1916/17
Besetzung: Orchester
Uraufführung: 21. April 1918
Aufführungsdauer: ca. 15 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Larghetto
  3. Gavotte. Allegro non troppo
  4. Finale. Molto vivace

Prokofjews Sinfonie Nr. 1 (1916-17) stellt das früheste reife Werk des Komponisten in einem Genre dar, zu dem er für den Rest seiner Karriere immer wieder zurückkehrte. Obwohl die Sinfonie in Russland und im Ausland sehr positiv aufgenommen wurde - und bis heute eines der am häufigsten in den Spielplan aufgenommenen Werke des Komponisten ist - blieb Prokofjews Haltung ihr gegenüber zwiespältig und schwankte zwischen ablehnend und defensiv.

Die erste Sinfonie ist besonders faszinierend, wenn man Prokofjew als eine führende Figur der russischen Avantgarde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts betrachtet. Die anachronistische Bezeichnung des Werks als "klassisch" scheint in Bezug auf eine Reihe von Merkmalen besonders treffend zu sein. Die Sinfonie ist in einer vertrauten viersätzigen Form gehalten, wobei die beiden schnellen Außensätze (Allegro bzw. Vivace) einen langsamen Satz (Larghetto) und einen von einem stilisierten Tanz inspirierten Satz (Gavotto) umklammern; die Texturen sind sparsam, die Besetzung angemessen für ein Orchester des späten 18. oder frühen 19. Jahrhunderts. In der Tat ist anzumerken, dass der Untertitel "klassisch" von Prokofjew selbst stammt; der Musikwissenschaftler R.D. Darrell hat vermutet, dass der Komponist ihn zum Teil gewählt hat, um den Charakter des Werks zu beschreiben, weil er einerseits hoffte, dass das Werk eines Tages ein Klassiker werden würde und andererseits aus reinem Schabernack gegenüber Kritikern. (In Bezug auf Letzteres schrieb Prokofjew, er wolle "die Gänse necken".)

Obwohl die Sinfonie zuweilen scharf dissonant ist, bleibt sie auf einer stabilen tonalen Basis stehen. Sicherlich wird das "klassische" Modell in der harmonischen Sprache des Werks strapaziert, die von Prokofjews charakteristischen mehrdeutigen Kadenzen und plötzlichen Verschiebungen zwischen tonalen Zentren geprägt ist. Dennoch behält das Werk viele Merkmale der Wiener Klassik bei, von der Sonaten-Allegro-Form des ersten Satzes über die mozartsche Gavotte und das Trio des dritten Satzes bis hin zum überschwänglichen, witzigen Finale. Trotz der Suggestion ihres Titels ist die "klassische" Sinfonie nicht wirklich neoklassisch im Sinne der zeitgenössischen Werke von Strawinsky, sondern eher ein Werk von eleganter Einfachheit, das den Geist der hohen Wiener Klassik heraufbeschwört, gefiltert durch die abenteuerlichere Sensibilität von Prokofjews eigener Musiksprache.

(c) Alexander Carpenter, R.D. Darrell, Sergei Prokofjew

Kaufempfehlung:
Berliner Philharmoniker, Dir. Seiji Ozawa
DGG, DDD, 1989-91

YouTube:

hr-Sinfonieorchester, Dir. François Leleux
12. Mai 2017 im hr-Sendesaal (Frankfurt/Main)

PROKOFJEW: Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur

Sergei Prokofjew
Lebensdaten: 23. April 1891 Gut Sonzowka (Russland) - 5. März 1953 Moskau
Werk: Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur, op. 26
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1917-21
Besetzung: Klavier und Orchester
Uraufführung: 1921 in Chicago
Aufführungsdauer: ca. 27 Minuten
Sätze:

  1. Andante - Allegro
  2. Tema con variazioni
  3. Allegro ma non troppo

Für sein drittes Klavierkonzert bediente sich Prokofjew der Vergangenheit als Inspiration: dieses Konzert beinhaltet Material, das aus Skizzen stammt, welche zwischen 1911 und 1918 angefertigt wurden. Der ersten Satz enthält zwei Themen, die 1916 geschrieben wurden, sowie eine zuerst 1911 skizzierte Akkordpassage; der zweite Satz enthält ein Thema und Variationen, die 1913 geschrieben wurden, während der Finalsatz thematisches Material aus einem verworfenen Streichquartett nutzt, das 1918 begonnen wurde. Als er dieses Konzert während eines Urlaubs in Großbritannien begann, schrieb Prokofjew: "Ich hatte bereits all das thematische Material, das ich benötigte, mit Ausnahme des dritten Themas des Finales und des Nebenthemas des ersten Satzes." Das dritte Klavierkonzert ist vielleicht Prokofjews bestes Werk in diesem Genre und reicht an Beliebtheit und Regelmäßigkeit der Darbietungen an Tschaikowski und Rachmaninow heran. Seine Opuszahl rangiert es direkt nach der "Klassischen" ersten Sinfonie von 1917 ein und das Konzert ist auf seine Art in vielerlei Hinsicht ähnlich zur ersten Sinfonie: beide Werke sind lebhaft, bissig, mit brillanter Orchestrierung und einer gewissen transparenten Struktur. Beide Stücke sind auch eindeutig das Werk eines geschickten, jungen Komponisten mit beträchtlichen technischen Fertigkeiten; die beiden Werke unterscheiden sich jedoch stark in Bezug auf ihren Zuspruch. Die "klassische" Sinfonie wurde in Russland einigermaßen wohlwollend aufgenommen, obwohl sie dort nur einmal aufgeführt wurde, bevor Prokofjew in die Vereinigten Staaten auswanderte. Nachfolgende Darbietungen der Sinfonie in den USA waren erfolgreich. Dem dritten Klavierkonzert jedoch war kein solcher Erfolg beschienen und das Werk wurde nach einer guten Uraufführung in Chicago 1921 (zusammen mit der Oper "Die Liebe zu den drei Orangen") später in New York geradewegs abgelehnt.

Das Konzert weist einiges dieser "harmonischen Lebhaftigkeit", wie Nancy Siff sie nannte, der Sinfonien der mittleren Epoche auf mit seinen plötzlichen Wecheln von Tonart zu Tonart und chromatischer Harmonie. Die mit Prokofjews Musik allgemein verbundene Differenziertheit und Bravour ist stets vorhanden, sowie auch der in vielen seiner orchestralen Werken aufzufindende Humor. Das Konzert steht in traditioneller Konzertform aus drei Sätzen (das einzige von Prokofjews fünf Klavierkonzerten, das die traditionelle Form nutzt) und beginnt und endet mit schnellen Sätzen, flankiert von einem langsamen Mittelsatz. Jeder Satz ist ungefähr gleich lang und das thematische Gewicht und Fokus ist die ganze Sätze hindurch gleichmäßig verteilt. Das Werk beginnt mit einem temperamentvollen Anfangssatz, der einen von Kastagnetten untermalten, heiteren Marsch beinhaltet, gefolgt von den fünf Variationen des zweiten Satz und endet mit einer grandiosen Darstellung der farbenfrohen Harmonien und virtuosen Orchestrierung. Die Solopartitur des Klaviers ist auch virtuos, bisweilen ziemlich perkussiv.

(c) Alexander Carpenter

Kaufempfehlung:
Martha Argerich, Berliner Philharmoniker, Dir. Claudio Abbado
Label: DGG, ADD, 1966/74
YouTube:
Yuja Wang, Lucerne Festival Orchestra, Dir. Claudio Abbado
2009 beim Lucerne Festival

PROKOFJEW: Sinfonie Nr. 5 B-Dur

Sergei Prokofjew
Lebensdaten: 23. April 1891 Gut Sonzowka (Russland) - 5. März 1953 Moskau
Werk: Sinfonie Nr. 5 B-Dur, op. 100
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1944
Besetzung: Orchester
Uraufführung: 13. Januar 1945 in Moskau
Aufführungsdauer: ca. 42 Minuten
Sätze:

  1. Andante
  2. Allegro moderato
  3. Adagio
  4. Allegro giocoso

Prokofjew komponierte diese Musik 1944 und dirigierte ihre Uraufführung am 13. Januar 1945 in Moskau. Jedermann nahm überall an, dass sie "Qual und Triumph im Weltkrieg" symbolisiere - in anderen Worten sein Gegenstück zu Dmitri Schostakowitschs "Leningrader" Sinfonie von 1941. Es war aber die sechste Sinfonie des Komponisten von 1945-47, nicht seine Fünfte, die an den Horror des Zweiten Weltkrieges erinnerte. Jene, die darauf bestanden, die fünfte Sinfonie wäre ein Spiegel der Kriegsleiden wussten nicht, dass der Scherzo-Satz aus Cinderella entlehnt wurde. Aber auch Prokofjew half bei der Aufklärung nicht gerade weiter, als er eines jener vom sowjetischen Amtsapparat erwarteten Positionspapiere veröffentlichte: "Ich konzipierte [die Fünfte] als eine Sinfonie der Größe des menschlichen Geistes."
Nach dem Scheitern seiner vierten Sinfonie (eine 1929 entstandene Umarbeitung von Material aus seinem damals neuen Ballett Der verlorene Sohn), wandte Prokofjew der Gattung seinen Rücken zu. Als er schließlich zu ihr zurückkehrte, war sein indirektes Vorbild Schostakowitschs Fünfte von 1937 - vier Sätze in der Concerto-Grosso-Folge: langsam, schnell, langsam, schnell. Ansonsten ist die Musik jedoch Prokofjew pur, sowohl in Inhalt, als auch Stil.

Das einführende Andante ist ein Satz in Sonatenform, der in 3/4-Takt mit einem fließenden Hauptthema beginnt, gespielt unisono in Oktaven von Flöten und Fagotten, mit einem Anhang in Triolen, der später eine separate Identität annehmen wird. Viele Überarbeitungen führen zu einer neuen Melodie in 4/4-Takt, eingeführt von Flöte und Oboe. Eine nervöse Figur in den hohen und tiefen Streichern verschafft sich in der direkt nachfolgenden Durchführung den Status eines Themas. Die Blechbläser kündigen die Reprise an, indem sie das Anfangsthema sehr dramatisch wiedergeben. Die Rhetorik spitzt sich zu und kulminiert in einer Coda der - warum auch nicht? - "Größe des menschlichen Geistes."
Das Scherzo Allegro marcato hat (nur nicht im Namen) einen Danse macabre-ähnlichen Liedabschnitt in d-Moll, gefolgt von einem etwas schnelleren Trio in Walzer-Takt in D-Dur, entlehnt aus Cinderella ohne mit der Wimper zu zucken (oder dies zu merken).
Der offizielle langsame Satz ist ein leidenschaftlich lyrisches ABA-Adagio in F-Dur, das mit einer Erinnerung an Alexander Newski (1939) beginnt, aber im Stile von Prokofjews Ballett Romeo und Julia fortfährt. Um den Ausdruck zu intensivieren wechselt er häufig die Tonart bis zur Klimax, die Newskis Schlachtmusik in Erinnerung ruft. Eine langsame Einführung (leichtfüßig orchestriert und basierend auf der Musik des ersten Satzes) stellt dieses Finale Allegro giocoso in B-Dur auf seine Beine. Die Streicher beginnen in Takt 23 mit einem Rhythmus, der mit süß-saurer Würzung Fröhlichkeit vorbereitet. Die Klarinette spielt eine synkopiertes Hauptthema, das an die Ausgelassenheit in Romeo und Julia vor den Todesfällen Mercutios und Tybalts erinnert; diese kehrt im gesamten Rondo-ähnlichen Satz immer wieder zurück. Prokofjews Finale läuft auf eine Retrospektive auf seine stilistische Richtung nach der Sinfonie Nr. 4 hinaus - inklusive einer Rückkehr in die UdSSR 1933 - und endet mit einem Parforceritt als Coda.
Die erste Aufführung war ein Triumph, der Höhepunkt von Prokofjews sowjetischen Jahren, dicht gefolgt von einem körperlichen Unfall, von dem er sich nie vollständig erholte. Von undiagnostiziertem Bluthochdruck gestört, fiel er die Treppen hinab (hier sind noch Fragen offen) und zog sich eine massive Gehirnerschütterung zu.

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Orchestre National de France, Dir. Mstislav Rostropowitsch
Label: Warner, DDD, 1987
YouTube:
Mariinskij teatr Оrkestr, Dir. Waleri Gergijew
New York, 2015