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BRUCKNER: Sinfonie Nr. 9 d-Moll

Anton Bruckner
Lebensdaten: 4. September 1824 Ansfelden (Österreich) - 11. Oktober 1896 Wien
Werk: Sinfonie Nr. 9 d-Moll, WAB 109
Epoche: Romantik/Postromantik
Entstehungszeit: 1887-96
Uraufführung: 11. Februar 1903 in Wien
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 1 Minute
Sätze:

  1. Feierlich, misterioso
  2. Scherzo. Bewegt, lebhaft - Trio. Schnell
  3. Adagio. Langsam, feierlich

Während Bruckner mit seiner neunten und letzten Sinfonie voranschritt bat er Gott täglich um die Kraft sie zu vollenden, indem er sprach: "wenn er die Feder aus meiner Hand nimmt, so ist es seine Verantwortung." Zwichen 1889 und 1896 arbeitete der Komponist hartnäckig an der Neunten. Aber am 11. Oktober 1896 kam Bruckner nach einem Morgenspaziergang nach Hause und verstarb friedlich. Dabei hinterließ er die vermutlich bedeutsamste unvollendete Sinfonie seit Schubert.

Die Neunte wird oft als die wichtigste musikalische Verbindung zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert genannt, indem sie die Innovationen von Wagners Tristan noch einen Schritt weiter bringt. Die pochenden Rhythmen des Scherzo scheinen auf Strawinsky und Bartók vorauszublicken, während die großen Intervallsprünge und beißenden Dissonanzen auf die Zweite Wiener Schule voraussehen. Obwohl mit einem dreisätzigen Grundriss das Standardformat für Bruckners letztes sinfonisches Werk gewählt wurde, zeigen die letzten Skizzen (die zusammen mit ein paar "vervollständigten" Versionen des Finales aufgenommen wurden), dass Bruckner musikalischer Geist trotz nachlassender Gesundheit und gelegentlichen geistigen Ruhepausen bis zum Schluss lebensstrotzend und kreativ blieb. Der enorme vierte Satz hätte sogar den der Achten an Ausmaß übertroffen und nutzte eine Fuge, sowie Zitate aus dem Te Deum. Dennoch liegt auch etwas Befriedigendes und Erhabenes darin mit dem Adagio zu enden.

Das feierliche Summen, gegen das die Sinfonie beginnt, legt den Nährboden für einen außerweltlichen Konflikt, entwickelt sich zu einem Wirbelwind und bricht in das zerschmetternde Hauptthema aus. Dem folgt ein charakteristischer, hymnischer Abschnitt und ein rastloses, beinahe rockendes drittes Thema; in der Durchführung entsteht ein sich drehendes 6/8-Thema, welches später als treibende Kraft benutzt wird, gegen die sich die apokalyptische Coda auslebt und in einer bedrohlichen leeren Quinte endet. Kein Anzeichen eines Bauerntanzes oder irdischen Bildes bleibt im pochenden, dämonischen Scherzo über, welches an zweiter Stelle folgt; obwohl es mit elfenhafter Leichtigkeit beginnt, entwickelt sich selbst das Trio zu einer mysteriösen, knisternden Traumlandschaft aus vagen und beunruhigenden Bildern. Das folgende Adagio wird als Abschiedsrede zum Leben des Komponisten gedeutet. Der gequälte Sprung einer None kündigt eine sich langsam entfaltende Vision an, welche Tristan-ähnlich in eine Klimax an spiritueller Ekstase explodiert. Dem folgt ein wunderschönes, herbstliches Liedthema, das durch einen nostalgischen Rückblick auf die Freuden des Lebens zu strahlen scheint; dann tritt ein nüchternes, Marsch-ähnliches Thema auf, welches aus dem Beginn der Sinfonie abgeleitet wurde. Gegen eine stotternde Phrase aus Sechzehntelnoten gestellt, erhält das herbstliche Thema einen letzten Auftritt. Ihm gesellt sich nach und nach das noble hymnische Thema zu, das sich sukzessive mit Dissonanzen verbittert, während es in seiner versuchten Inbrunst sogar noch intensiver wird; dies baut sich bis zur berühmten Septdissonanz auf, beißend und erschütternd und wird gefolgt von einer noch erschütternderen Stille, als ob man ins Nichts starre. Doch dann verschiebt ein Motiv aus dem Beginn des Satzes die Musik heimlich zu einer letzten, heiteren Ebene. In der Coda zitiert Bruckner gekonnt aus seinen siebten und achten Sinfonien und verabschiedet sich so eloquent und bewegend aus der Welt.

(c) Anton Bruckner, Wayne Reisig

Kaufempfehlung:
Radio-Sinfonieorchester Saarbrücken, Dir. Stanisław Skrowaczewski
Label: Oehms, DDD, 2000
YouTube:
Wiener Philharmoniker, Dir. Leonard Bernstein

BRUCKNER: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur "Romantische"

Anton Bruckner
Lebensdaten: 4. September 1824 Ansfelden (Österreich) - 11. Oktober 1896 Wien
Werk: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur, WAB 104 "Romantische"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1874-88
Uraufführung: 20. Februar 1881 in Wien
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 5 Minuten
Sätze:

  1. Bewegt, nicht zu schnell
  2. Andante, quasi allegretto
  3. Scherzo. Bewegt - Trio. Nicht zu schnell, keinesfalls schleppend
  4. Finale. Bewegt, doch nicht zu schnell

Bruckners vierte Sinfonie war diejenige, die eine Umkehr des Schicksals des Komponisten zum Besseren hin einleitete. Die Wiener Uraufführung unter Hans Richter 1880 war ein dröhnender Erfolg. Sie ermutigte den Komponisten so sehr, dass er nach einer sehr vielversprechenden Probe dem Dirigenten eine Münze in die Hand drückte mit der Anordnung sich ein Bier zu genehmigen. Bei dem Konzert wurde Bruckner nach jedem einzelnen Satz per Applaus auf die Bühne gebeten.

Die Originalfassung von 1874 wurde in ein fast völlig neues Werk umgearbeitet, die auffälligsten Änderungen waren das Ersetzen des mysteriös klingenden, ursprünglichen Scherzos mit dem nun bekannten "Jagdscherzo"; ein "Volksfest" untertiteltes Finale ersetzte das Original, nur um zwei Jahre später erneut ersetzt zu werden durch ein weniger programmatisches. Neben ausgedehnten Überarbeitungen der ersten beiden Sätze wurden diese Veränderungen in die Version eingebaut, die heute am bekanntesten ist und gespielt wird und als Version von 1878-80 bezeichnet wird. Eine weitere Überarbeitung 1887-88 durch Bruckners Schüler Löwe und Schalk ist größtenteils verschwunden.

Der Beiname "romantisch" wurde von einem Programm abgeleitet, zu dem Bruckner von Freunden überredet wurde es dem Werk beizufügen und das Bilder mittelalterlicher Ritter, Burgen, Jagd und anderer Dinge hervorrufen soll. Dass Bruckner diesen Vorschlag halbherzig annahm, kann in einer Antwort auf eine Frage bezüglich des Finales begründet liegen: "ich habe eigentlich vergessen, welches Bild ich im Sinn hatte." Und dennoch ist die Erklärung des ersten Satzes als "Mittelalterliche Stadt – Morgendämmerung – von den Stadttürmen ertönen Morgenweckrufe – die Tore öffnen sich – auf stolzen Rossen sprengen die Ritter hinaus ins Freie – der Zauber des Waldes umfängt sie – Waldesrauschen – Vogelgesang" ein wenig zutreffend. Gegen ein mysteriöses Tremolo steigt ein Hornruf auf, dem das gewichtige und heroische Hauptthema folgt; es folgt ein idyllischerer "Liedabschnitt", der an die Natur erinnert und voller Vogelgesang steckt, diesem folgt wiederum ein imposanteres drittes Thema; die Klimax des Satzes ist ein weiter, lodernder Blechbläserchoral, der die Durchführung abschließt; die Reprise endet mit den Hörnern, die kräftig die Anfangstöne der Sinfonie wiederholen gegen sich wiederholende Forte-Akkorde. Der langsame Satz, ein weich voranschreitendes Andante anstatt des üblichen Bruckner-Adagios, soll angeblich das Stelldichein zweier mittelalterlicher Liebhaber repräsentieren; dies wechselt sich ab mit einer vergeistigteren, choralähnlichen Passage und baut sich zu einer Klimax für das volle Orchester auf, die mehr Heroismus als Romantik heraufzubeschwören scheint. Das folgende Scherzo ist das vielleicht einzig unbestrittene Tongemälde der Sinfonie, eine ausgelassene, donnernde Schilderung einer mittelalterlichen Jagd, die für die Hörner einen Parforceritt darstellt; das Trio ist einer von Bruckners fesselndsten Ländlern, durchtränkt von der Heiterkeit des Landlebens. Das Finale der 1880er-Version ist ausgedehnt und episodisch und beginnt mit einem anhaltenden Crescendo einer Einführung und bricht in ein Thema aus, das aus dem Beginn der Sinfonie abgeleitet ist; ein entspanntes, reizendes zweites Thema wechselt sich mit Stellen von wagnerscher Intensität und gelegentlichen, flüchtigen Bezügen zu den vorherigen Sätzen ab; die lange Coda ist ein typischer Bruckner-Aufbau für eine volltönende Klangwand, bei der das Eröffnungsmotiv des Werks mit in die Struktur eingewoben wurde und zum Abschluss bringt, was oft als die erste von Bruckners reifen Sinfonien angesehen wird.

(c) Wayne Reisig

Kaufempfehlung:
Berliner Philharmoniker, Dir. Simon Rattle
Label: Warner, DDD/LA, 2006
YouTube:
Münchner Philharmoniker, Dir. Christian Thielemann

BRUCKNER: Sinfonie Nr. 7 E-Dur

Anton Bruckner
Lebensdaten: 4. September 1824 Ansfelden (Österreich) - 11. Oktober 1896 (Österreich)
Werk: Sinfonie Nr. 7 E-Dur, WAB 107
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1881-83
Uraufführung: 30. Dezember 1884 im Stadttheater in Leipzig (Sachsen)
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 5 Minuten
Sätze:

  1. Allegro moderato
  2. Adagio. Sehr feierlich und sehr langsam
  3. Scherzo. Nicht schnell - Trio. Etwas langsamer
  4. Finale. Bewegt, doch nicht zu schnell

Nachdem er erst kurz zuvor mit der Uraufführung der Vierten Sinfonie in Wien angenommen wurde, erhielt Anton Bruckner einen Besuch vom berühmten Dirigenten Artur Nikisch, der anbot die Siebte Sinfonie des Komponisten in deren Premiere zu leiten. Das Konzert fand am 30. Dezember 1884 in Leipzig mit dem Gewandhausorchester statt; Hans Richter und die Wiener Philharmoniker spielten im Januar 1885 die örtliche Premiere der Sinfonie. Trotz eher kühler Rezeption seitens der Kritiker war das Werk ein enormer Erfolg und der öffentliche Enthusiasmus verhalfen dazu Bruckners wachsende Reputation weiter zu festigen. Unter den Auszeichnungen war auch ein Telegramm von Johann Strauss (Sohn), das besagte "Ich bin tief bewegt. Es war die musikalische Erfahrung meines Lebens." Anders als seine anderen Sinfonien unterlief Bruckners Siebter praktisch keiner Überarbeitung; der einzige Punkt von Belang war ein Beckenschlag am Höhepunkt des Adagio, den Bruckner nach Vorschlag von Freunden hinzufügte, später aber wieder entfernte.

Die Sinfonie beginnt mit einem Streichertremolo, aus dem das eindringliche Hauptthema aufsteigt; das Thema soll Bruckner angeblich in einem Traum von seinem verstorbenen Freund Ignaz Dorn eingeflüstert worden sein und es tritt in subtilen Veränderungen die gesamte Sinfonie hindurch wieder auf. Dem folgt ein wehleidiges, aber belebtes Thema für Holzbläser und dann wiederum ein imposantes, tanzartiges drittes Thema. Die Durchführung ist umfangreich und nutzt effektiv die Umkehrung der Themen und die Reprise ist abwechslungsreich; ein langes Crescendo, das Fragmente des ersten Themas nutzt, bildet eine glühende und dynamische Coda.

Der tief empfundene zweite Satz, ein Adagio in Liedform, ist klagend und würdevoll. Er soll von der Vorahnung von Richard Wagners Tod inspiriert worden sein, das anfängliche Grablied bricht in eine klangvolle Hymne für Streicher aus. Diese wechselt sich ab mit einem wunderschönen, gewölbten Thema, das bei jedem Auftritt Trost spendet. Die Klimax wird mit dem dritten Auftreten des anfänglichen Themas des Satzes erreicht, welches gegen ein Ostinato von aufsteigenden Sixtolen von einer flammenden Klimax in C-Dur angetrieben wird. Schließlich folgt eine Totenklage für Wagnertubas, die angeblich komponiert worden sein soll, als Bruckner von Wagners Tod hörte, als Coda mit Streichern, die eine ergreifende Verwandlung des Hauptthemas der Sinfonie intonieren.

In einem Kontrast, der so beeindruckend ist wie der entsprechende Moment in Beethovens Eroica, zählt das windumtoste Scherzo, das folgt, zu Bruckners besten. Das Hauptthema soll dem Krähen eines Hahnes entnommen sein; das wehmütig nostalgische Trio ist tief ergreifend.

Das Finale beginnt mit einer kräftigen Verwandlung des Hauptthemas der Sinfonie. Dieser folgt ein schön modulierender Choral für Streicher gegen einen Walking Bass und diesem wiederum eine donnernde und unisono gespielte Verwandlung des Hauptthemas in Moll. Diese drei wunderbar konstrastierenden Ideen werden absichtlich verwoben, aber mit großer Lebhaftigkeit und Elan, bis die von Herzen extrovertierte Coda das Hauptthema der Sinfonie mit vollem Orchester nach Hause bringt.

(c) Wayne Reisig

Kaufempfehlung:
Wiener Symphoniker, Dir. Yakov Kreizberg
Label: Pentatone, DDD, 2004
YouTube:
Lucerne Festival Orchestra, Dir. Claudio Abbado