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MUSSORGSKI: Eine Nacht auf dem kahlen Berge

Modest Mussorgski
Lebensdaten: 21. März 1839 Karewo (Russland) - 28. März 1881 St. Petersburg
Werk: Eine Nacht auf dem kahlen Berge (Notsch na Lysoj gore)
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1886
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 11 Minuten

Im einem Brief vom 5. Juli 1867 an Nikolai Rimski-Korsakow schrieb Modest Mussorgski: "(Ich habe) eine Johannisnacht auf dem kahlen Berge vollendet, ein musikalisches Gemälde mit folgendem Programm: (1) Zusammenkunft der Hexen, ihr Geschwätz und Getratsche; (2) Satans Gefolge; (3) gottlose Befriedigung Satans; und (4) Hexensabbat." Mussorgski verkündete, dass "meine Komposition in Form und Charakter russisch und original ist. Ihr Ton ist heißblütig und chaotisch... die Johannisnacht ist etwas Neues und wird einen zufriedenstellenden Eindruck erzeugen..."

Der Eindruck war nicht ganz so zufriedenstellend für Mili Balakirew, der das Werk 1869 nicht mehr als Programmpunkt für ein Konzert der Freien Schule in Betracht zog. Balakirew sandte das Manuskript an Mussorgski zurück mit handgeschriebenen Randnotizen wie dem Kommentar "Müll!". Später zog Mussorgski unter dem Eindruck von Liszts Totentanz in Erwägung den Satz als Werk für Klavier und Orchester umzugestalten, aus diesem Plan wurde jedoch nichts.

Im Mai 1877 skizzierte Mussorgski die Handlung seiner komischen Oper Der Jahrmarkt von Sorotschinzy und schlug eine ausgedehnte Überarbeitung der Musik der Johannisnacht als Intermezzo zu Beginn des dritten Akts vor. Mussorgski stellte diesen Teil der Oper 1880 fertig, behielt Musik aus den Abschnitten (1) und (3) des Originals bei und fügte neues Material hinzu. Als "Traumvision des Bauernburschen" gekennzeichnet hatte es auch ein neues Programm: während ein Junge auf einem Hügel vor sich hinträumt, wird er von entmenschten Stimmen bedroht und findet sich verspottet im Schattenreich wieder. Die Stimmen warnen ihn vor dem Teufel und dem "Schwarzen Gott" Tschernobog; als die Schatten verschwinden treten diese beiden auf. Tschernobog wird glorifiziert, eine Schwarze Messe gesungen und ein Hexensabbat bricht aus. Als eine Kircheglocke erklingt verschwindet Tschernobog und die Dämonen krümmen sich vor Schmerz. Ein Kirchenchor singt, die Dämonen entfernen sich und der Junge erwacht. Mussorgski sollte den Jahrmarkt von Sorotschinzy nie vollenden.

Im oben zitierten Brief von 1867 schrieb Mussorgski an Rimski-Korsakow: "Ich hätte gerne, dass wir beide gemeinsam die Orchestrierung begutachten (...) wir könnten einige Dinge aufklären." Rimski-Korsakow erfüllte seinen Teil der Abmachung 1886, fünf Jahre nach Mussorgskis Tod durch die Produktion der Nacht auf dem kahlen Berge. Dies war die Musik des "Burschentraums", abzüglich der Chorteile und den abrupten, dramatisch wirkungsvollen "Stichen". Die erste Hälfte des zweiten Teils wurde entfernt und Rimski-Korsakow entfernte das meiste Dur-Material inklusive einer kurzen Fanfarenphrase. Das gesamte Werk wurde einer rationalisierten Orchestrierung und Takts unterworfen und in symmetrische Sektionen unterteilt. Rimski-Korsakow wurde oft vorgeworfen den Abschnitt der "Mettglocke" "komponiert" zu haben, der die Nacht auf dem kahlen Berge abschließt, in Wahrheit aber ist die gesamte Musik von Mussorgski abgesehen vom abschließenden Flötentrio ganz zu Schluss. Die Version von Rimski-Korsakow wurde zu einem unmittelbaren Welterfolg vom Tag ihrer Veröffentlichung an und verhalf Mussorgskis Name sich zu etablieren. Sie bleibt die beliebteste Version von Mussorgskis berühmtem Stück, obwohl die originalen Versionen in modernen Ausgaben verfügbar sind und ebenfalls mit Beifall wiederbelebt wurden. Einige Dirigenten, wie Claudio Abbado und Esa-Pekka Salonen, nahmen persönliche Anpassungen der Version von 1867 vor.

(c) Mili Balakirew, Uncle Dave Lewis, Modest Mussorgski

Kaufempfehlung:
Berliner Philharmoniker, dir. Claudio Abbado
YouTube:
Radio Filharmonisch Orkest, dir. Markus Stenz

MUSSORGSKI: Boris Godunow

Modest Mussorgski
Lebensdaten: 21. März 1839 Karewo (Russland) - 28. März 1881 St. Petersburg (Russland)
Werk: Boris Godunow
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1868-74
Uraufführung: 8. Februar 1874 in St. Petersburg
Besetzung: Gesang, Chor und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden, 45 Minuten
Teile (Version 1868):

  • Akt 1, Szene 1: Nowodjewitschij-Kloster
  • Akt 1, Szene 2: Boris' Krönung
  • Akt 2, Szene 3: Pimens Kammer
  • Akt 2, Szene 4: Die Wirtschaft an der litauischen Grenze
  • Akt 3, Szene 5: Der Kreml
  • Akt 4, Szene 6: Basiliuskathedrale
  • Akt 4, Szene 7: Boris' Tod

Die Idee Alexander Puschkins Versdrama Boris Godunow in eine Oper umzuwandeln wurde Modest Mussorgski vom Geschichtsprofessor Wladimir Nikolski während eines Besuch bei Ljudmila Schestakowa in St. Petersburg nahegelegt. Schestakowa sandte Mussorgski eine Kopie des Dramas, welches er bis Herbst 1868 angepasst hatte. Die erste Version von Boris Godunow wurde zwischen Oktober 1868 und Juli 1869 komponiert und die Orchestrierung bis Dezember fertiggestellt. Mussorgski legte die Partitur dem kaiserlichen Direktorat der Theater vor, das im Februar 1871 das Werk ablehnte. Die Gründe des Direktorats Boris Godunow abzuweisen hatten wenig mit dem revolutionären Stil der Oper zu tun; ihre größten Bedenken waren vielmehr der Mangel einer weiblichen Hauptfigur. Das Direktorat erkannte Mussorgskis Talent und bot ihm an die Entscheidung zu überdenken, falls eine zusätzliche Szene hinzugefügt würde. Mussorgski nahm diese Nachrichten mit Motivation auf und stürzte sich in eine große Überarbeitung der Oper und reichte dabei weit über das hinaus, was verlangt wurde. Er kürzte Szenen, u.a. die in Pimens Kammer und fügte andere hinzu, darunter die Szene im Wald bei Kromy, fügte Tänze und die Figur der Marina Mnischek hinzu. Diese Version der Oper wurde nach einem Testlauf von drei Szenen im Mariinski-Theater von St. Petersburg im Dezember 1873 akzeptiert. Boris Godunow feierte im Januar 1874 im Mariinski unter Naprawnik seine Uraufführung.

Boris Godunow war von Beginn an ein uneingeschränkter Erfolg beim russischen Publikum. Es wurde bis 1882 fünf mal wiederbelebt für insgesamt 22 Aufführungen, was es zuvor noch nie gab für eine eigene, russische Oper. Boris Godunow wurde nachfolgend zur beliebtesten aller russischen Opern. International errang eine von Nikolai Rimski-Korsakow vorgenommene Version große Beliebtheit aufgrund einer luxuriösen Neuorchestrierung von Mussorgskis absichtlich düsteren orchestralen Strukturen. Kaum hatte die neuere Version begonnen die Hauptstädte Europas zu erobern, als unter Kritikern Rufe laut wurden Mussorgski "ursprüngliche Version" wiederzubeleben. Das Problem ist, dass es zwei "ursprüngliche" Versionen gibt, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Ab den 1970ern wurden zahlreiche Kombinationen aus beiden zum Standard für Boris, basierend auf David Lloyd-Jones' kritischer Ausgabe von 1975, die beide Opern Seite an Seite druckte. Jede Kombination der Versionen von 1869 und 1872 des Boris Godunow verpfuscht das Szenario; die Version von 1869 ist dicht konstruiert in vier "Teilen" und kommt auf gerade sieben Szenen. Sie ist im Tonfall karg und ruft eher Bertolt Brechts dialektisches Theater der 1920er in Erinnerung als die Oper des 19. Jahrhunderts. Boris wird in der ersten Version zu einem offensichtlicheren Bösewicht als in der Überarbeitung, die diese Frage offen lässt. Die Version von 1872 ist auch ausgedehnter, in vier Akten und einem Prolog angelegt, die Szenen dauern länger und die Kanten von 1869 wurden etwas aufgeweicht. Erst 1998 wurde eine Aufnahme beider Versionen des Boris zusammen in einem Medium veröffentlicht und konkret wurde es zum allgemeinen Konsens, dass man die eine oder die andere Version wählen sollte, wenn eine "ursprüngliche" Version von Mussorgski dargeboten werden soll.

(c) Uncle Dave Lewis

Kaufempfehlung:
Galina Wischnewskaja, Nicolai Ghiaurov, Ludovico Spiess, Aleksei Maslennikov (Solisten), Wiener Philharmoniker, Dir. Herbert von Karajan
Label: Decca, ADD, 1971
Matti Salminen, Brian Asawa, Marie Arnet, Stefania Toczyska (Solisten), Grand Teatre de Liceu Symphony Orchestra, Dir. Sebastian Weigle
Label: Arthaus, 2004
YouTube:
Jewgeni Nesterenko, Wladislaw Pjawko, Irina Archipowa, Waleri Jaroslawtsew (Solisten), Bolschoi-Theater, Dir. Boris Chajkin

MUSSORGSKI: Bilder einer Ausstellung

Modest Mussorgski
Lebensdaten: 21. März 1839 Karewo (Russland) - 28. März 1881 St. Petersburg (Russland)
Werk: Bilder einer Ausstellung (Kartinki s wystawki)
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1874
Besetzung: Klavier solo
Aufführungsdauer: ca. 33 Minuten
Teile:

  1. Promenade
  2. Der Gnom (Gnomus)
  3. Promenade
  4. Das alte Schloss (Il vecchio castello)
  5. Promenade
  6. Spielende Kinder im Streit (Tuileries)
  7. Der Ochsenkarren (Bydło)
  8. Promenade
  9. Ballett der unausgeschlüpften Küken
  10. Samuel Goldenberg und Schmuÿle
  11. Promenade
  12. Limoges. Der Marktplatz (Limoges. Le marché)
  13. Die Katakomben (Sepulchrum romanum)
  14. Cum mortuis in lingua mortua
  15. Baba-Jaga (La cabane sur des pattes des poules)
  16. Das große Tor von Kiew

Wiktor Hartmann, ein russischer Maler und Architekt, war einer von Mussorgskis engsten Freunden. Als Hartmann 1873 im Alter von 41 Jahren in St. Petersburg starb, war der Komponist niedergeschmettert. Er schrieb an den Kunstkritiker Wladimir Stasow, indem er Shakespeare paraphrasierte: "Warum soll denn ein Hund, ein Ross, 'ne Ratte ein Leben haben und gerade die Hartmanns keinen Hauch?". Im Januar 1874 organisierte die russische Akademie der Künste eine Ausstellung von Hartmanns Werken. Mussorgski besuchte die Galerie, in der er verschiedene Bilder sah, die zur Grundlage der "Bilder einer Ausstellung" wurden. Am 2. Juni begann Mussorgski an den Bildern zu arbeiten, eine musikalische Impression von zehn von Hartmanns Gemälden (plus fünf "Promenaden") für Klavier und er stellte das Werk später im gleichen Monat noch fertig.

Die Bilder einer Ausstellung beginnen mit einer "Promenade" in 5/4-Takt, die durchweg als einheitsstiftendes Vehikel dient; es ist ein Porträt des Komponisten selbst, der von einem Gemälde zum nächsten wandert. Das erste Bild ist "Der Gnom", inspiriert von einem Entwurf für einen Spielzeugnussknacker, den Hartmann 1869 gezeichnet hatte. Nach einer weiteren Promande folgt "Das alte Schloss", eine mysteriöse, einsame Beschwörung, die auf Orgelpunkten aufbaut. "Die Tuilerien" wurde angeregt von einem Aquarell von spielenden Kinder im Garten der Tuilerien. Diesem hellen und impressionistischen Stück folgt der schwere Schritt von "Bydło" (ein polnischer Ochsenkarren). Mussorgskis Arrangement des "Balletts der unausgeschlüpften Küken" ist ein hochgradig fantasievolles Scherzo. Eine ernste Melodie in einer der jüdischen Musik verwandten Tonleiter lässt "Samuel Goldenberg und Schmuÿle" beginnen, in dem ein wohlhabender Jude durch eine hartnäckig wiederholte Phrase im Diskant dargestellt wird und ein armer Jude im Bass. Das schnelle Geplapper feilschender Hausfrauen charakterisiert "Limoges. Der Marktplatz". Ein weiterer plötzlicher Stimmungswandel, "Die Katakomben", der Hartmann auf einer Tour durch riesige Katakomben voller Skelette darstellt, wird durch nackte Akkordverläufe wiedergegeben. "Die Hütte auf Hühnerfüßen (Baba-Jaga)" wurde inspiriert von Hartmanns Entwurf für eine Uhr aus dem 14. Jahrhundert in der Form des Hutes einer Hexe. Mussorgski verwandelt sie in ein kleines Tongedicht über Baba-Jaga, die legendäre russische Hexe, die die Seele von Kindern fraß. Nach einem großen Aufblühen endet das Werk mit "Das große Tor von Kiew", angeregt von einem nie realisierten Entwurf, den Hartmann an einen Architekturwettbewerb eingereicht hatte. Die Bilder einer Ausstellung gelangen mit fülligen, bombastischen Akkorden zum Ende, die Glocken heraufbeschwören.

Obwohl bekannt ist, dass Mussorgski die "Bilder einer Ausstellung" in einer Aufführung zum Besten gab, wurde das Werk bis 1886 nicht gedruckt, fünf Jahre nach dem Tod des Komponisten. Es blieb relativ unbekannt bis Ravel 1922 eine farbenfrohe Orchestrierung vornahm und in dieser Form gelangte es zu sogar noch größerer Popularität als das Original.

(c) Uncle Dave Lewis

Kaufempfehlung:
Wladimir Aschkenasi (Klavier)
Label: Decca, DDD, 1982
YouTube:
Jewgeni Kissin (Klavier)