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SCHUBERT: Wandererfantasie

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien - 19. November 1828 Wien
Werk: Fantasie C-Dur, D 760 "Wandererfantasie"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1822
Uraufführung: 1832 im Musikverein Wien
Besetzung: Klavier
Aufführungsdauer: ca. 21 Minuten

Mit ihrem Grundriss aus vier Sätzen - Allegro, Adagio, Scherzo und Finale - ist die "Wandererfantasie" bis auf den Namen eine Sonate, obwohl eine für ihre Zeit bemerkenswerte. Das Werk ist in seiner Form zyklisch und wird als ein durchgängiger Satz ohne Pausen gespielt, jeder Abschnitt besitzt eine thematische Verwandtschaft, üblicherweise eine entfernte, zu "Der Wanderer", ein Lied, das Schubert sieben Jahre zuvor komponiert hatte. Diese Abkehr von der klassischen Sonatenform ähnelt der gleichermaßen beeindruckenden und technisch anspruchsvollen Klaviersonate Liszts; aber das ist nicht alles. Die intime Natur der meisten Schubert-Lieder und auch eines Großteils seiner späten Klaviermusik, wird hier ersetzt durch ein Werk an heroischem Ausmaß, in dem ein fragmentarisches rhythmisches Muster - lang, kurz kurz, lang, kurz kurz, lang, lang - das in den ersten wenigen Takten des Allegro gehört wird, erweitert, umgekehrt, wiederholt und mit umwerfender Wirkung ausgearbeitet wird. Schubert spielt den gesamten Anfangsteil hindurch weiterhin Verstecken mit der Idee und kehrt im Finale zu ihr zurück, so dass an vielen Orten die Wirkung mehr wie eine Art Variationen über ein rhythmisches Muster ist anstatt ein eigenständiges Sonatenthema.

Die "Wandererfantasie" ist jedoch keineswegs ein "monothematisches" Werk. Schubert gab ihr diesen Titel nicht, doch ist er nützlich, um das C-Dur-Werk von seinen anderen Klavierfantasien zu unterscheiden. Im Kontrast zur Bravour des ersten Abschnitts, wird die grübelnde Melodie des Liedes (leicht verändert) als lyrisches Zwischenspiel enthüllt, bevor weitere Exkursionen folgen. In einem sich ausbreitenden Strom an Bewegung folgt ein Rondo, eine versuchte (aber schon bald aufgegebene) Fuge und, im Scherzo, ein schneller Walzer. Trotz solch kontrastierender Elemente gibt es ein Gefühl der Kontinuität und Integrität in der Art, wie Schubert jede neue Idee ergründet, bevor er zum nun bekannten Anfang zurückkehrt und ihn in den Schlusstakten mit einem Freudenschrei von seinem besessenen Rhythmus befreit.

(c) Roy Brewer

Kaufempfehlung:
Luiza Borac (Klavier)
Label: Avie, DDD, 2004
YouTube:
Alfred Brendel (Klavier)

SCHUBERT: Die schöne Müllerin

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien - 19. November 1828 Wien
Werk: Die schöne Müllerin, D 795
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1823
Besetzung: Gesang und Klavier
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 6 Minuten
Lieder:

  1. Das Wandern
  2. Wohin?
  3. Halt!
  4. Danksagung an den Bach
  5. Am Feierabend
  6. Der Neugierige
  7. Ungeduld
  8. Morgengruß
  9. Des Müllers Blumen
  10. Tränenregen
  11. Mein!
  12. Pause
  13. Mit dem grünen Lautenbande
  14. Der Jäger
  15. Eifersucht und Stolz
  16. Die liebe Farbe
  17. Die böse Farbe
  18. Trockne Blumen
  19. Der Müller und der Bach
  20. Des Baches Wiegenlied

Schuberts anerkanntester Beitrag zum musikalischen Kanon war nicht nur seine revolutionäre Herangehensweise an das Kunstlied, sondern seine Kombination aus grundlegend miteinander verknüpften Liedern zu Zyklen, wie sie in seinen beiden Zyklen auf Texten von Wilhelm Müller exemplifiziert wurde, nämlich Die schöne Müllerin von 1823 und Die Winterreise von 1827. "Ein böser Wink des Schicksals", so spekulierte Schubert-Forscher Richard Capell 1928, "und Die schöne Müllerin hätte zu einer weiteren jener weitschweifenden Erzählungen werden können, die über jeden lyrischen Anstand hinaus ausgedehnt wurden und mit denen uns Schubert von Zeit zu Zeit, um es direkt zu sagen, ziemlich gelangweilt hat. Dank Müller war es etwas völlig anderes - neu und unaufhörlich fesselnd. Der allerwichtigste Vorteil ist der, dass die Unterbrechungen im Konzert mit der Zeit eine Aneinanderreihung neuer Standpunkte anbieten: es wird uns ein Drama enthüllt in einer Reihe an lyrischen Momenten." Man muss Capells oberflächliche und unerbittliche Verallgemeinerungen von Schuberts Werken nicht teilen, um zu begreifen, dass Schubert mit der schönen Müllerin einen Weg gefunden hat sein Talent für ergreifende Melodik mit den Anforderungen der groß angelegten Form wieder zusammenzuführen - auf außergewöhnliche und synergetische Weise.

Dennoch liegt etwas Paradoxes im letzten Satz von Capells Ausführung, die als Vorteil aufzuführen scheint, was andernorts als Nachteil ausgelegt zu werden scheint: dass die Momente selbst, anstatt eine gut konstruierte Komposition zu erschaffen mit einer an Beethoven heranreichenden bautechnischen Integrität, gerade so ergreifend sind, dass sie die Hörer alle Schwächen im musikalischen, poetischen und semantischen Makrokosmos vergessen lassen. Mit dieser Ansicht resoniert eine übliche Reaktion auf Schuberts instrumentale Werke - dass die Unvollendete beispielsweise aus einer beträchtlichen Bandbreite an Melodien aufgebaut ist, jede an beeindruckender Qualität, was jeden Versuch einer Analyse ihrer Arrangements und Beziehungen als pedantisch disqualifiziert. Weil er vielleicht realisierte, dass abhängig vom Niveau des Textes an semantischer Allgemeingültigkeit, seine Herangehensweise als Komponist Konsistenz vermissen lässt, nutzte Schubert die wiederkehrenden Bilder in Müllers Texten (das Fließen des Baches, die Umlaufbahn des Mühlenrads) und ließ sie als eine Art vereinheitlichenden, semantischen Raum dienen, in dem seine wunderbaren "lyrischen Momente" auftreten können.

Der erste der Texte des Liederzyklus etabliert schnell die unruhig und manchmal unbehaglich zyklischen Wege, die die 20 Lieder einschlagen werden und man kann unmittelbar annehmen, dass dies nicht eine Erzählung von Ereignissen sein wird, sondern vielmehr eine Erkundung gewisser wiederkehrender, ausdrucksstarker Stimmungen: "Das Wandern ist des Müllers Lust... das Wandern, das Wandern, das Wandern..." Die zweiteilige Strophennatur des Liedes findet ihren Nachhall in den metaphorisch zyklischen Bildern des Textes: das Wasser, das seinen ewigen Lauf nimmt; das Rad an der Mühle, das vom Strom des Baches in Bewegung gebracht wird; die Mühlsteine in der Mühle, die das endlose Wandern des Wassers übertragen.

Strophenformen reflektieren diese wiederkehrenden Symbole, während sie eine überraschende Bandbreite an Ausdruck gestatten. In "Die liebe Farbe" beispielsweise begleitet eine gänzlich strophische (wiederholte) Melodie drei Verse an Text mit weit gestreuten Effekten. Im ersten spricht der Erzähler von grünen Verzierungen, die er anlegen möchte, um seiner Liebsten zu gefallen, da Grün ihre Lieblingsfarbe ist. Im zweiten Vers ist ein Jäger das Thema, der "durch Heid' und Hagen" jagt, vermutlich in Jagdgrün. Die Hörer nehmen nun an, dass der Jäger die Geliebte des Erzählers geraubt hat, denn im letzten Vers ist das Grün, das er tragen soll, das Grün auf seinem Grab. Die einstmals aufgeweckte Melodie hat sich nun ohne offenkundige musikalische Hilfsmittel verwandelt zur Stimme der Ironie und Bitterkeit (was Schuberts angebliche Meinung unterstreicht, dass es so etwas wie wirklich "fröhliche Musik" nicht gäbe). Indem er im Text nach Zusammenhängen sucht, findet Schubert sogar noch ausdrucksstärkere Möglichkeiten in der Musik selbst.

(c) Jeremy Grimshaw, Richard Capell

Kaufempfehlung:
Sigfried Lorenz (Bariton), Norman Shetler (Klavier)
Label: Berlin, DDD, 1987
YouTube:
Christoph Prégardien (Tenor), Michael Gees (Klavier)
1. Mai 2015 bei der Schubertiade Hohenems

SCHUBERT: Klavierquintett A-Dur "Forellenquintett"

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien (Österreich) - 19. November 1828 Wien (Österreich)
Werk: Klavierquintett A-Dur, D 667 "Forellenquintett"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1819
Besetzung: Klavier und Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 36 Minuten
Sätze:

  1. Allegro vivace
  2. Andante
  3. Scherzo. Presto
  4. Thema und Variationen. Andantino
  5. Finale. Allegro giusto

Im Sommer 1819 reiste Schubert mit dem berühmten Bariton Johann Michael Vogl zur Stadt Steyr, an einem Fluss gelegen, wo es auch ein Übermaß an musikalischen Aktivitäten gab. Schuberts und Vogls Darbietung einiger der Lieder des Komponisten - vor allem des "Erlkönig" (Schubert selbst übernahm die Rolle des Vaters!) und der "Forelle" - zog das Interesse von Sylvester Paumgartner auf sich, einem reichen Geschäftsmann im Bergbau und ein begabter Cellist, der daraufhin Schubert beauftragte ein Quintett zu schreiben basierend auf der "Forelle" (und vielleicht nach einem Werk von Hummel strukturiert, das er selbst in seiner Sammlung hatte). Das daraus resultierende "Forellenquintett" - für die unübliche Kombination aus Klavier, Violine, Bratsche, Cello und Kontrabass angelegt - wurde zu einem von Schuberts langanhaltenderen Kammerwerken und steht typisch für seinen frühen Stil. Eine wichtige Eigenschaft ist die Integration des Klavierteils in die musikalische Struktur, in gleichgestellter Bedeutung mit jenen der Streicher. In eigenen Anmerkungen bezog sich Schubert auf typische Klaviermusik als "abscheulich pochend" und besteht in diesem Werk, so wie auch in anderen, dass sich das Klavier als normaler und gleichberechtigter Teil eines Ensembles verhalte.

Der erste Satz ist mit 13 Minuten unverhältnismäßig lang, fast ein Drittel der Länge des gesamten fünfsätzigen Werks. Es ist ein fröhlicher Satz in Sonatenform, vorangetrieben von Klavierarpeggi und Triolenfiguren in den Streichern. Es folgt ein lyrisches Andante, anmutig ausdrucksstark in Moll und jedes Gefühl von Melancholie vermeidend. Es enthält drei Themen, wovon eines ein ausgedehntes Klaviersolo gestattet.

Der kurze dritte Satz, ein Presto, beginnt aggressiv, aber wird zu einer Art "Tanzgedicht" mit enthaltenen österreichischen Volksmelodien. Der rhythmische Impuls ist unermüdlich.

Dies führt zum berühmtesten Satz des Werks, das Thema und die Variationen über "Die Forelle". Obwohl im Kern fast langweilig wird die Form von Thema und Variationen in Schuberts Händen geistreich und zufriedenstellend - jede Variation ist sowohl für sich genommen fesselnd, als auch integral für das Ganze. Wie im ersten Satz ist das Klavier durchgängig mit den Streichern verwoben und der resultierende Klang ist fast sinfonisch (eine Ausnahme dazu ist die dritte Variation, die eine wirbelnde Klavierkaskade mit gedämpfter Streicherbegleitung ist).

Der Finalsatz ist einfach und leicht mit einem wirbelnden, fast "zigeunerhaften" Klang, der bisweilen an Dvořák erinnern kann. Wie der dritte und vierte Satz scheint auch der letzte in kleinere Einheiten gebrochen zu sein, im Stile einer Sammlung an Tänzen. Obwohl er zur Zeit des Forellenquintetts bereits elf Streichquartette geschrieben hatte, stellt diese Komposition Schuberts erstes wirklich bedeutendes Kammerwerk dar. Seine Fähigkeit diese Kombination an Instrumenten zu vermengen und auszubalancieren scheint instinktiv und das Stück wird zurecht als eines seiner beliebtesten und besten frühen Werke angesehen.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
Alfred Brendel (Klavier), Cleveland Quartet
Label: Philips, ADD, 1977
YouTube:
Sergej Kusnetsow (Klavier), Wladislaw Naroditski, Andrei Usow, Sergei Astaschonok, Grigori Krotenko
im kleinen Saal des Konservatoriums in Moskau

SCHUBERT: Streichquartett Nr. 14 d-Moll "Der Tod und das Mädchen"

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien (Österreich) - 19. November 1828 Wien (Österreich)
Werk: Streichquartett Nr. 14 d-Moll, D 810 "Der Tod und das Mädchen"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1824
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 40 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Andante con moto
  3. Scherzo. Allegro molto - Trio
  4. Presto

So morbide das heutzutage auch erscheinen mag war die Beschäftigung mit dem Tod im 19. Jahrhundert ziemlich angesagt. Die romantische Bewegung in der Musik, Schauspiel, Kunst und Literatur nahm die Idee des Todes als jenseitig und erfüllend anstatt furchteinflößend an. Die medizinische Forschung steckte noch in den Kinderschuhen und die einzig wirkliche Linderung für viele Krankheiten war das Ende des Lebens. Der Tod war sanft. Der Tod war friedlich. Der Tod war ein Ende für Leid.

In diesem Licht war Franz Schuberts eigene Faszination vom Tod weder unüblich noch unerklärlich. Im März 1824 schrieb er nach dem fast zweijährigen Erleiden von Syphilis-Symptomen: "Jede Nacht, wenn ich zu Bett gehe, hoffe ich nicht wieder aufzuwachen und jeder Morgen dient nur als Erinnerung an das Elend des vorherigen Tages."

Da der immer noch junge Komponist noch nicht das Zeitliche segnen musste, entwickelte er weiterhin seinen musikalischen Genius und stellte im gleichen Monat die ursprüngliche Fassung des Streichquartetts in d-Moll "Der Tod und das Mädchen" fertig. Auf dem Anfangsthema seines gleichnamigen Liedes (1817) beruhend, illustriert dieses Quartett eindeutig Schuberts Sympathie, sogar Sehnsucht nach dem Tod. Indem er ihm die Musik des Liedes zuordnet, erfüllt Schubert das Quartett auch mit den Gefühlen des originalen Texts, in dem der Tod ein verängstigtes Mädchen darauf drängt ihm zu vertrauen: er möchte ihr nichts Böses und sie würde in seinen Armen tief und fest schlafen.

Dieses Werk ist aus verschiedenen Gründen bemerkenswert. Es wird als eines von Schuberts besten Kammerwerken angesehen und nahm schon immer einen wichtigen Platz im Repertoire für Streichquartette ein. Sein unumwunden programmatischer Inhalt verknüpft es mit Werken des späten 19. Jahrhunderts, in denen sich strukturelle Überlegungen außermusikalischen und dramatischen Einflüssen unterwarfen. Und letztendlich ist das Quartett eine eindrucksvolle Erinnerung an jene, die Schubert gerne in die Schublade eines Miniaturisten oder "Liedkomponisten" stecken: neben der "Unvollendeten"-Sinfonie und der Wandererfantasie bleibt sie ein Zeugnis seines Gespürs für groß angelegte Organisation und der unerfüllten Verheißung als Resultat seines frühen Todes.

Das Werk beginnt aggressiv mit lautstarken Phrasen, die sowohl die thematische, wie auch die rhythmische Struktur des ersten Satzes etablieren. Schubert nutzt hier eines seiner typischen, rhythmischen Mittel, eine Viertelnote, der Achteln in Triolen folgen. Das zweite Thema ist herzig lyrisch, freudvoll und optimistisch, voller Leben und Energie. Der Satz endet atemlos, aber anmutig.

Der zweite Satz, ein vierzehnminütiges Andante con moto, führt in das "Todesthema" ein, das mit der anfänglichen Klaviereinführung von "Der Tod und das Mädchen" korrespondiert. Es folgen fünf Variationen des Themas, von denen sich alle nur geringfügig vom Original unterscheiden, als ob der Tod hartnäckig sei - nicht etwa schwankend oder sich beirren lassend.

Mit weniger als vier Minuten ist das Scherzo des dritten Satzes abrupt und verwirrend, als ob seine einzige Funktion wäre als Prolog für das treibende, fast dämonische Finale zu dienen. Es ist rhythmisch herausfordernd und enthält unerwartete Akzente und Kadenzen.

Im finalen Satz wendet Schubert seinen üblichen Schwung und Antrieb an, um einen unaufhaltsamen Rausch zunächst zu beginnen und dann aufzubauen. Die Phrase einer punktierten Achtelnote, der eine Sechzehntel folgt wird durchweg als treibende Kraft verwendet, obwohl sie immer wieder unterbrochen wird. Der Tod ist unnachgiebig und der Satz wirbelt einem massiven, aber abrupten Abschluss entgegen.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
Jerusalem Quartet
Label: HMF, DDD, 2007
YouTube:
Alban Berg Quartet

SCHUBERT: Sinfonie Nr. 7 h-Moll "Unvollendete"

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien (Österreich) - 19. November 1828 Wien (Österreich)
Werk: Sinfonie Nr. 7 h-Moll "Unvollendete"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1822
Besetzung: Orchester
Uraufführung: 17. Dezember 1865 im Musikvereinssaal von Wien (Österreich)
Aufführungsdauer: ca. 25 Minuten
Sätze:

  1. Allegro moderato
  2. Andante con moto

Anfang 1822 befand sich Schubert auf dem Zenit seiner Karriere und er begann eine monumentale Sinfonie in h-Moll zu schreiben. Ende dieses Jahres hatte er die beiden ersten Sätze fertig und einen dritten skizziert. Wenig später erlitt er Syphilis und war für gewisse Zeit komplett arbeitsunfähig, so dass er die Arbeit an der Sinfonie unterbrach und sie beiseite legte. Gegen Frühling hatte er wieder zu etwas Kraft zurückgefunden. Er erhielt eine Ehrenmitgliedschaft im Musikverein für Steiermark im österreichischen Graz. Als Teil seiner Aufnahme sandte er die beiden fertigen Sätze der h-Moll-Sinfonie an den Leiter des Musikvereins, Anselm Hüttenbrenner, der sie unmittelbar in eine Schublade steckte und dort vergaß. Dort schmachtete sie bis 1860, als Hüttenbrenners jüngerer Bruder Joseph über sie stolperte und als verlorenen Schatz erkannte und den Wiener Dirigenten Johann Herbeck drängte das Stück aufzuführen. Das Werk wurde schließlich am 17. Dezember 1865 aufgeführt.

Die Sinfonie selbst ist gleichermaßen groß, als auch unaufdringlich. Von den ersten, mysteriösen Anfangstakten an wird klar, dass dies nicht der jugendliche Schubert ist, der zuvor sechs leichtgewichtige Sinfonien geschaffen hatte. Selbstsicher und kühn lässt Schubert den 14-minütigen Anfangssatz beginnen, indem er einen Eckstein in die Bässe setzt, auf dem eine ruhige, wehende Melodie liegt, die sukzessive an Masse und Kraft aufbaut bis hin zu einer schnellen Auflösung. Dies alles stellt sich als eine Einführung heraus und es folgt eine der brillantesten Melodien des Komponisten. Diese wird ebenfalls schnell größer und dramatischer und eine wirksame Überleitung führt zum Anfang zurück. Ein intensiver, aufsteigender Mittelteil, fast triumphal in seinen großen Akkorden, führt zu einer finalen Reprise des Anfangs und der großartige Satz endet weihevoll.

Der 11-minütige Satz Andante con moto beginnt mit einer herrlichen Melodie, die geradlinig ohne Verzierung präsentiert wird und dies führt nahtlos zu einer weiteren herrlichen Melodie in den Holzbläsern. Große Schritte auf breiten Schultern tragen die Musik in eine neue Tonart, in der die Themen wiederholt werden. Die Ruhe kehrt zurück mit den ersten Themen und nach einer Zusammenfassung dessen, was geschehen ist, marschiert der Satz - und das Werk - ruhig gen Ende.

(c) Michael Morrison

Kaufempfehlung:
Bamberger Symphoniker, Dir. Jonathan Nott
Tudor, DDD, 2003
YouTube:
Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks, Dir. Lorin Maazel

SCHUBERT: Klaviersonate Nr. 21 B-Dur

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien (Österreich) - 19. November 1828 Wien (Österreich)
Werk: Klaviersonate Nr. 21 B-Dur, D 960
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: September 1828
Besetzung: Klavier solo
Aufführungsdauer: ca. 40 Minuten
Sätze:

  1. Molto moderato
  2. Andante sostenuto
  3. Scherzo. Allegro vivace con delicatezza - Trio
  4. Allegro ma non troppo

Viele von Schuberts großartigsten Werken stammen aus seinem letzten Jahr, einem wahrhaften Annus Mirabilis, das die Schöpfung seiner "Großen" Sinfonie in C-Dur, des Streichquintetts D 956, der Klaviertrios D 929 und 898, der Messe Es-Dur D950 und der Fantasie f-Moll für Klavier zu vier Händen D 940 erlebte. Am 26. September 1828 wurde Schuberts Klaviersonate in B-Dur D 960, sein letztes instrumentales Werk, vollendet. Die letzten drei Sonaten des Komponisten erörtern Begrenztheit und Abschiednehmen; Alfred Brendel legte nahe, dass sie "uns in die romantischen Gefilde der Verwunderung, Schrecken und Ehrfurcht führen". Vielleicht erforscht die B-Dur-Sonate die menschliche Sterblichkeit sogar noch tiefgründiger als ihre Gefährtinnen.

Wie Claudio Arrau einmal bemerkte, "ist dies ein Werk in Annäherung an den Tod geschrieben... man fühlt es vom allerersten Thema an... der Abbruch und die Stille nach einem langen, mysteriösen Triller im Bass." Was Tovey als "ein vortreffliches Thema von äußerster Ruhe und Weite" beschrieb endet auf mysteriöse Art mit dem gleichen entfernten Triller und kehrt zeitweise zurück, um einer Musik von unheilvoller Schönheit tieferen Schmerz zu vermitteln. Die Exposition enthält noch zwei weitere Nebenthemen, beide in entfernten Tonarten und was folgt beinhaltet auch ein bemerkenswertes Eigenzitat - die Verbindungen zwischen der Durchführung des ersten Satzes der B-Dur-Sonate und einem hartnäckigen Thema aus sechs Noten aus einer Vertonung der Kathedralenszene von Goethes Faust, komponiert im Dezember 1814, werden oft übersehen. Wie John Reed jedoch in 'Schubert: The Final Years' nahelegt "verirrt sich so manch eine erkennbare Variation viel weiter von ihrem Thema weg!"

Das Andante sostenuto in cis-Moll zählt zu Schuberts großartigsten langsamen Sätzen. Kontinuierliche Würde und Erhabenheit des Ausdrucks nehmen uns mit bis an die Schwelle zum Abgrund: diesen entfernten, einsamen Ort, den T.S. Eliot als "den Ruhepol der sich drehenden Welt" erkannte. Die Musik wird von einer wiederkehrenden Phrase in der Begleitung dominiert, die vier Oktaven umspannt und eine Melodie von übermäßiger Schönheit umschließt. Die charakteristische rhythmische Begleitung ruft ein österreichisches Volkslied in Erinnerung, dessen stummer zweiter Schlag Hammer-schwingende Handwerker befähigt hätte ihre vernichtenden Schläge auf das Beste zu synchronisieren. Die allgemein verbreitete Überlieferung ist, dass Schubert eine Gruppe an Arbeitern beobachtete und einige ihrer Arbeitslieder notierte, als er sich in den Sommermonaten 1815 zu einem Urlaub in Gmunden befand. Die charakteristische Phrase mit punktiertem Rhythmus wurde später in dem Notturno Es-Dur für Klaviertrio (D 897) verwendet.

Es folgt ein lebhaftes Scherzo in B-Dur, das "con delicatezza" gespielt werden soll. Aber Anspannung und Störfälle sind nie abwesend von einem wolkenverhangenen Trio und einer unbehaglichen Rückkehr zum Material des Scherzo mittels eines unwahrscheinlichen, wenn auch verwandten A-Dur. Diese Trilogie an Sonaten endet größtenteils wie sie begonnen hat; Beethovens Einfluss tritt in einem Rondo-Finale auf, dessen Hauptidee Vergleiche zu dem Satz zulässt, der geschrieben wurde, um die sogenannte Große Fuge zu ersetzen, die wiederum das eigentliche Finale von Beethovens Quartett B-Dur, op. 130, war. Das Rondothema beginnt wiederholt in der falschen Tonart von c-Moll, eine Unklarheit, die aufgelöst wird, wenn das Thema das letzte Mal auftritt und die nach extensiver Auseinandersetzung und Entwicklung die ihm vorangehende Oktave G in die Dominante F abgesenkt wird in Vorbereitung auf die finale, brillante Coda. "Somit endet Schubert fröhlich und vergnügt", schrieb Robert Schumann, "als ob er in der Lage wäre einen weiteren Arbeitstag zu meistern." Die Geschichte erzählt aber anderes: Schubert spielte seine letzten drei Sonaten auf einem von Dr. Ignaz Menz gehaltenen Fest am Samstag des 27. September 1828, nachdem er erst am vorherigen Tag das Werk in B-Dur vollendet hatte. Er starb weniger als zwei Monate später.

(c) Michael Jameson, Alfred Brendel, Claudio Arrau, Donald Tovey, John Reed, T.S. Eliot, Robert Schumann

Kaufempfehlung:
Mitsuko Uchida (Klavier)
Label: Decca, DDD, 1996/97
YouTube:
Alfred Brendel (Klavier)

SCHUBERT: Sinfonie Nr. 8 C-Dur "Große"

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien (Österreich) - 19. November 1828 Wien (Österreich)
Werk: Sinfonie Nr. 9 C-Dur, D 944 "Große"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1825-1826
Besetzung: Orchester
Uraufführung: 21. März 1839 im Gewandhaus von Leipzig (Sachsen)
Aufführungsdauer: ca. 53 Minuten
Sätze:

  1. Andante - Allegro ma non troppo
  2. Andante con moto
  3. Scherzo. Allegro vivace - Trio
  4. Allegro vivace
Dieses Werk wurde in seiner Gänze erst am 21. März 1839 in Leipzig gespielt mit Mendelssohn als Dirigent. Nachdem er zwischen 1813 und 1818 sechs komplette Sinfonien im Stile von Haydn und Mozart komponiert hatte, stellte Schubert im verbleibenden Jahrzehnt seines kurzen Lebens nur eine weitere fertig. Diese war die Große in C-Dur, geschrieben 1825-26 (anstatt 1828, wie man bis vor kurzem noch annahm) und ist somit die angeblich verloren gegangene "Gasteiner" Sinfonie. Obwohl er eine Kopie der Partitur auf "März 1828" datierte ist es tatsächlich die Nr. 8, trotz einer ganzen Armada an Wissenschaftlern, die sie abwechselnd als Nr. 7, 9 und sogar 10 benannt hatten.

Im Jahr 1818 hatten die Wiener Schubert als Liedkomponisten typisiert und dieser Stempel blieb haften. Seine Werke für Klavier, Kammer und Orchester waren trotz ihrer exzellenten Qualitäten kaum bekannt. Sein älterer Bruder Ferdinand hortete das Manuskript der Nr. 8, das 1838 schließlich Robert Schumann sah und es mit nach Leipzig nahm. Orchester in Wien und Paris weigerten sich jedoch kategorisch sie zu spielen und Londoner Musiker lachten spöttisch während Proben 1844, als Mendelssohn erfolglos versuchte sie dort so zu spielen wie er es in Leipzig getan hatte ("mit Kürzungen" - großen). Vor allen Dingen die Streicher hassten es ihre endlos repetitiven Phrasen zu spielen: ihre noch nicht durch Wagner und Bruckner trainierten Bogenärme waren nicht geschaffen für Schuberts "himmlische Längen". Nachdem alle Wiederholungen erlebt wurden, dauert die Achte über eine Stunde mit fast keiner Verschnaufpause in ihrer Wucht. Drei von Schuberts vier Sätzen wenden die Sonatenhauptsatzform an - der erste, das Finale und die Liedteile in einem ABA-Scherzo. Nur der langsame Satz steht in erweiterter Liedform (ABABA).

Ein weiches, aber akzentuiertes Hornthema in der langsamen Einleitung ahnt weitere voraus, die in der Exposition folgen werden; es kehrt in einer langen Coda triumphal zurück. Der Hauptteil des Satzes, als "nicht zu schnell" markiert, ist rhythmisch so mächtig und unnachgiebig, dass ein unmodifiziertes Allegro-Tempo ihn unter Umständen zerstört hätte (und uns).

Punktierte Rhythmen charakterisieren das Andante in a-Moll, dessen con-Moto-Eigenschaft es davon abhält zu schleppen oder gefühlvoll bekümmert zu klingen. Schuberts nachfolgender Übergang zu A-Dur ist atemberaubend und sein ruhiges Arrangement für Hörner zauberhaft. Wie der Satz begann, endet er auch in a-Moll.

Ähnlich wie bei Beethoven enthalten die Liedteile des Scherzo in Allegro vivace eine kleine Exposition, Durchführung und Reprise (vielleicht kannte Schubert die Neunte des alten Meisters ja doch) voller Tanzmelodien. Im Trio mit seinen breiteren Melodien für Bläser lässt C-Dur A-Dur den Vortritt, bevor sich die Liedsonate wiederholt.

Das Finale, erneut in C, Allegro vivace, beginnt mit einem aufgewühlten Thema in Triolenrhythmus, dass sich hartnäckig seiner Auflösung widersetzt (es ist die großartigste und berühmteste kompositorische Falle in der gesamten Musik). Schubert muss schließlich aufhören, bevor er ein neues Thema in Klarinetten und Hörnern einführen kann. Durchführung und Reprise folgen in titanischem Ausmaß, abgeschlossen von einer ähnlichen Coda - ein Satz, der insgesamt nicht weniger als 1.200 Takte umfasst!

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Berliner Philharmoniker, Dir. Simon Rattle
Label: Warner, DDD/LA, 2005
YouTube:
Wiener Philharmoniker, Dir. Karl Böhm

SCHUBERT: Streichquintett C-Dur

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien (Österreich) - 19. November 1828 Wien (Österreich)
Werk: Streichquintett C-Dur, D 956
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1828
Besetzung: Streichquintett
Aufführungsdauer: ca. 52 Minuten
Sätze:

  1. Allegro ma non troppo
  2. Adagio
  3. Scherzo. Presto - Trio. Andante sostenuto
  4. Allegretto

Benjamin Britten stellte einst fest, dass "die fruchtbarsten und produktivsten 18 Monate der Musikgeschichte die Zeitspanne war, in der Franz Schubert die Winterreise, seine C-Dur-Sinfonie, seine letzten drei Klaviersonaten, das Streichquintett in C-Dur, sowie ein Dutzend weiterer großartiger Stücke schrieb". Das Streichquintett, D. 956, ist sicherlich einer der Gipfelpunkte des Kanons für Kammermusik und wird oft als ein bedeutsames Beispiel für das Vermächtnis des Komponisten angeführt.

Der 31-jährige Schubert erreichte in der Periode zwischen dem Tod seines Vorbilds Beethoven und seinem eigenen Dahinscheiden sicherlich einen Durchbruch in groß angelegten Formen, deren Art man bis dato noch nicht gesehen hatte. Das Quintett fällt einem aber eher als Musik eines jungen Mannes auf anstatt als ein zusammenfassendes Werk; es gibt eine jugendliche Ambition, die Beethovens ersten Streichquartetten nicht unähnlich ist.

Für seine Partitur entschied sich Schubert gegen das Modell Mozarts und Beethovens, die für ihre Quintette jeweils eine zweite Bratsche zum gewöhnlichen Streichquartett hinzugefügt hatten; Boccherini lieferte den einzigen Präzedenzfall in der Nutzung zweier Celli. Schubert nutzt das zweite Cello, um dichte und vielschichtige Strukturen zu schaffen: manchmal dient das Cello als zweites Bassinstrument unterhalb eines vollen Quartetts, manchmal ist es ein Quartett, reich an Bässen und ohne Violinen und manchmal gibt es ein prächtiges Zusammenspiel zwischen instrumentalen Abschnitten.

Die ersten beiden Sätze haben einen ausdehnenden und absichtlichen Aufbau, der die ausufernden Strukturen Anton Bruckners vorauszuahnen scheint. Meistens aber bleibt das Stück ziemlich konventionell; es behält das übliche Format in vier Sätzen bei und hat ein energetisches Scherzo (jedoch ein wehmütigeres Trio) und ein schwungvolles, fast ungarisches Finale. Trotz der kargen Zwischenräume des langsamen Satzes legen diese Sätze die ersten Schritte eines Jugendlichen zur Reife nahe und das Werk als Ganzes dient als verlockende Erinnerung an das, was möglich gewesen wäre, wäre Schubert mehr Zeit für Schöpfung und Innovation gegönnt gewesen.

(c) James Liu, Benjamin Britten

Kaufempfehlung:
Truls Mørk (Cello), Artemis Quartet
Label: Virgin, DDD, 2007
YouTube:
Alexander Buzlov (Cello), State Borodin Quartet

SCHUBERT: Die Winterreise

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien (Österreich) - 19. November 1828 Wien (Österreich)
Werk: Die Winterreise, D 911
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1827
Besetzung: Gesang und Klavier
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 12 Minuten
Lieder:

  1. Gute Nacht
  2. Die Wetterfahne
  3. Gefror'ne Tränen
  4. Erstarrung
  5. Der Lindenbaum
  6. Wasserflut
  7. Auf dem Flusse
  8. Ruckblick
  9. Irrlicht
  10. Rast
  11. Frühlingstraum
  12. Einsamkeit
  13. Die Post
  14. Der greise Kopf
  15. Die Krähe
  16. Letzte Hoffnung
  17. Im Dorfe
  18. Der stürmische Morgen
  19. Täuschung
  20. Der Wegweiser
  21. Das Wirtshaus
  22. Mut
  23. Die Nebensonnen
  24. Der Leiermann
Die Masse an musikwissenschaftlichen Behandlungen von Franz Schuberts Liederzyklus "Die Winterreise" ist Zeugnis der strukturellen und dramatischen Komplexität des Werks; die Beurteilungen reihen von komplizierten Diagrammen, vollständig mit ineinandergreifenden Achsen und kryptischen semantischen Bezeichnungen, bis zu unverblümten Seufzern der Resignation über die Widerspenstigkeit des Werks. Vielleicht ist es diese Faszination, die Künstler und Wissenschaftler gleichermaßen an diesem Werk anzieht; Sänger und Wissenschaftler Michael Besack verfolgt die unklare dramatische Flugbahn von Schuberts Zyklus bis zur Antike zurück: "die epische Poesie und das tragische Theater hatten nie eine Geschichte mit einer Moral produziert", betonte er.

Eine zentrale Frage bezüglich des Zyklus' ist, ob es tatsächlich einer ist. Die zwei dutzend Gedichte von Wilhelm Müller, die Schubert als seine Texte übernahm erschienen stückchenweise in drei verschiedenen Publikationen zwischen 1822 und der Fertigstellung von Schuberts Vertonung im Jahr 1827; Müllers dritte Publikation, die schließlich den später von Schubert übernommenen Titel trug, enthielt die neuesten Gedichte zusammen mit denen, die zuvor veröffentlicht worden waren (die letztgenannten wurden jedoch umgeordnet). Die Chronologie von Schuberts Vertonung zieht auch die Idee eines fortdauernden, zyklischen Erzählung in Zweifel: er vertonte Müllers ursprüngliche 12 Lieder früh im Jahr 1827 und stellte das andere Dutzend erst später im Jahr fertig. Dennoch lässt sich aus dem Zyklus leicht eine zusammengefasste Geschichte lesen, obwohl einige der einzelnen Lieder häufiger auch alleine gespielt werden. Literaturwissenschaftlerin Cecilia Baumann beschreibt das Werk als "eine einfache Geschichte eines zurückgewiesenen Liebhabers, der die Stadt verlässt, in der seine Liebe wohnt und sich im Winter auf eine ziellose Reise aufmacht." Schubert-Biograf Jacques Chailley liest eine andere Art der Reise: "nicht nur die eines verachteten Liebenden - er ist nur ein Phantom - sondern ein dahinterliegendes Bild, das man in jedem Moment der Reise des Mannes in Richtung Tod ausmachen kann: 'Die Winterreise' ist die ernste Reise des Lebens." Solch existenzielle Ideen erhalten Unterstützung von der Trostlosigkeit von 'Auf dem Flusse', worin des Liebhabers Beschreibung des zugefrorenen Baches in die eines physischen Leichnams überzugehen scheint, sowie von der Melancholie der Klage des Leiermanns, die den Zyklus beendet.

Die Lieder grübeln eher über Ereignisse, die dem zurückgewiesenen Liebenden widerfahren sind, anstatt sie zu schildern; wie die ersten beiden Zeilen des ersten Liedes andeuten ("Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus") hat die Reise bereits statt gefunden: das berühmte fünfte Lied, "Der Lindenbaum", dreht sich genauso um Symbole der Erinnerung. Schuberts Einführung legt eine ruhige Stimmung in Dur fest mit einer luftigen, flattrigen Begleitung; es wird offenbar, dass diese Phrase das Rascheln des titelgebenden Lindenbaums darstellt. "Ich schnitt in seine Rinde so manches liebe Wort", erzählt der Wanderer den Hörern, "es zog in Freud' und Leide zu ihm mich immer fort". Nur kurz wechseln die Tonart und die Stimmung der Musik zu Moll, in direkter Verbindung zu dem Bild den Baum in der Dunkelheit zu passieren. Diese bildhaften Elemente befinden sich jedoch nur auf der Oberfläche. Einige musikalische Elemente erschaffen einen Sinn von geographischem und chronologischem Entfernen: die Phrase des Raschelns wird beständig unterbrochen von einem Sprung nach oben zu einem wunderlichen, schrittartigen Abstieg; das Echo einer "Jagdhorn"-Phrase suggeriert Distanz - räumlich und zeitlich; der Wind bläst den Hut des Wanderers vom Kopf, er trottet aber weiter voran ohne sich auch nur umzublicken. Die Kälte vermittelt dem Hörer, dass es Winter ist; daher sind Blätter an Bäumen eher unwahrscheinlich. Der Klang des Raschelns ist also nicht real, sondern ein halluziniertes Phänomen: "Nun bin ich manche Stunde entfernt von jenem Ort und imme hör ich's rauschen: du fändest Ruhe dort!" Schuberts Lied beschwört keine Bilder hervor; es beschwört die Handlung des Erinnerns an Bilder hervor.

(c) Jeremy Grimshaw, Michael Besack, Cecilia Baumann, Jacques Chailley

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Dietrich Fischer-Dieskau (Bariton), Alfred Brendel (Klavier)