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TSCHAIKOWSKI: Sinfonie Nr. 5 e-Moll

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg
Werk: Sinfonie Nr. 5 e-Moll, op. 64
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1888
Uraufführung: 17. November 1888 in St. Petersburg
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 45 Minuten
Sätze:

  1. Andante - Allegro con anima
  2. Andante cantabile, con alcuna licenza
  3. Valse. Allegro moderato
  4. Finale. Andante maestoso - Allegro vivace

Tschaikowski komponierte dieses Werk zwischen Mai und Ende August 1888 und dirigierte seine Uraufführung am 17. November des gleichen Jahres in St. Petersburg. Elf Jahre trennten die "schicksalsschwere" Vierte Sinfonie von 1877 und die Fünfte, über die Tschaikowski sowohl während als auch nach der Komposition ambivalente Gefühle ausdrückte. An seine Patronin Nadeschda von Meck schrieb er im August 1888, dass "es für mich scheint, als wäre ich nicht gescheitert und das ist gut." Nachdem er sie in Prag dirigiert hatte, schrieb er jedoch: "Sie ist gescheitert; es gibt da etwas Abstoßendes, etwas Überflüssiges und Unaufrichtiges, das das Publikum sofort erkennt." Bis März konnte er jedoch schreiben: "Ich mag sie nun deutlich besser."

Tschaikowski hatte das Orchester zwischen 1877 (als er sich dem, in eigenen Worten, "kopflosen Akt" der Ehe verschrieben hatte) und 1888 keineswegs vernachlässigt. Er komponierte ganze vier bezaubernde und fantasiereiche Suiten, von denen die zweite und dritte als Sinfonien hätten durchgehen können, wenn er sie so hätte nennen wollen. Darüber hinaus schrieb er 1885 die unnummerierte, aber geniale "Manfred-Sinfonie". Dennoch hat Tschaikowski die sinfonische Form nie als gleichartig zu Oper oder Ballett empfunden. Seine Methode war der Herangehensweise von Liszts Tongedichten näher als dem österreichisch-deutschen Erbe, das unter seinen Zeitgenossen von Brahms und Bruckner fortgeführt wurde. Tschaikowski bevorzugte Sequenzen (in diesem Fall das Etablieren und Wiederholen einer viertaktigen Zelle) gegenüber enharmonischer Entwicklung. Hörer, die seine Musik manchmal so verwirrend finden wie er selbst Brahms' Neigung aufgrund einer Überladung mit Sequenzen empfand, finden, dass solch wiederholte Figuren in einem überladenen Effekt resultieren. Seine größten Talente waren Melodie und Orchestrierung: man möge sich die aus einer Musik entlehnten Popsongs ansehen, wie beispielsweise "Moon Love", geschnitzt aus dem langsamen Satz der Sinfonie Nr. 5.

Wie die Vierte wird die Sinfonie Nr. 5 von einem sechstaktigen "Schicksalsmotto" vereint, welches direkt in einer dunkel gefärbten Andante-Einführung zu hören ist bis der Korpus des 4/4-Satzes nach einer Pause zu einem Allegro con anima (sowohl mit "Seele", wie auch Geist) in Sonatenform wird. Es baut sich zu einer wilden Klimax in Fortissimo auf bevor es niedergeschlagen endet. Tschaikowski nannte den reichhaltig melodiösen langsamen Satz Andante cantabile, con alcuna licenza (Langsam singbar mit gewisser Freiheit). Grundsätzlich in D-Dur ist es eine Sonatina (Exposition und Reprise) in 12/8-Takt mit einer ausgeklügelten, dreiteiligen Liedstruktur als Ersatz einer Durchführung. Ihre spezielle Pracht ist eine Arietta für Solohorn, die von "Moon Love" geplündert wurde, obwohl das ominöse Mottothema des ersten Satzes zweimal unterbricht - so wie die Statue des Commendatore auf Don Giovannis Einladung zum Abendesessen antwortet.

Der dritte Satz ist quasi ein Scherzo, aber tatsächlich ein Walzer in A-Dur aus Tschaikowskis bester Ballettschublade mit einem Trio in fis-Moll, sowie einer langen Coda, die das Motto wiederholt, nun in 3/4-Takt. Deutsche Wissenschaftler waren empört ob eines Walzers in einer nummerierten Sinfonie, nicht so aber Brahms, der gerade in Hamburg war, um eine Probe zu hören und während eines trinkfreudigen Mittagessens mit Tschaikowski am nächsten Tag die ersten drei Sätze lobte.

Das Motto beginnt den letzten Satz wie den ersten, nun aber in E-Dur, Andante maestoso, und führt zu einem weiteren Allegro-Sonatenkonstrukt - dieses hier eher Vivace als Moderato mit einem Alla-breve-Takt, der es in Fahrt hält. Am Ende der Reprise schreibt Tschaikowski sechs B-Dur-Akkorde - eine falsche Kadenz, die beständig Applaus hervorruft - vor dem Motto, das nun in Messhemd und Fanon gekleidet, eine Coda in Dur startet, die so lange ist wie die gesamte Durchführung. Sie beschleunigt zu einem Presto-Wettrennen zum Doppelstrich bevor sie sich ganz zu Ende ausbreitet zu einer triumphal klingenden Tetrade an abschließenden Akkorden.

(c) Roger Dettmer, Pjotr Tschaikowski

Kaufempfehlung:
Leningrader Philharmoniker, Dir. Jewgeni Mrawinski
Label: DGG, ADD, 1961
YouTube:
State Academic Symphony Orchestra "Evgeny Svetlanov", Dir. Wassili Petrenko
am 21.12.2015 in Moskau

TSCHAIKOWSKI: Violinkonzert D-Dur

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg
Werk: Violinkonzert D-Dur, op. 35
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1878
Besetzung: Violine und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 32 Minuten
Sätze:

  1. Allegro moderato
  2. Canzonetta. Andante
  3. Finale. Allegro vivacissimo

Tschaikowski komponierte dieses Werk 1878. In Clarens, nahe Genf, stellte Tschaikowski nach seinem Fehlversuch einer Ehe, sowie seinem Selbstmordversuch, sowohl den Onegin als auch Anfang 1878 die vierte Sinfonie fertig. Nach einer Rundreise nach Moskau im Februar für die Uraufführung der Sinfonie, wurde er in Clarens vom Violinisten Iossif Kotek besucht. Tschaikowski skizzierte aus Zuneigung zu Kotek in gerade einmal 11 Tagen ein Violinkonzert und hatte die Orchestrierung zwei Wochen später fertig, darin befand sich ein neuer langsamer Satz anstelle eines, den Kotek und Tschaikowski jüngerer Bruder Modest als zu schwach empfunden hatten.

Pjotr Iljitsch widmete das neue Konzert an Leopold Auer, den legendenumwobenen ungarischen Emigranten, der zwei Generationen an russischen Virtuosen unterrichten sollte. Doch genau wie Nikolaj Rubinstein vier Jahre zuvor das Klavierkonzert b-Moll verunglimpft hatte, erklärte Aue dieses neue für "unspielbar" (obwohl auch er sich widerruf und zu einem der Meister des Werkes wurde). Daher war es ein Wiener Publikum, das am 4. Dezember 1881 mit Adolf Brodski und Dirigent Hans Richter die Uraufführung zu hören bekam. Es war eine unzureichend geprobte und schwach begleitete Aufführung über die Eduard Hanslick schrieb: "sie ruft in uns den empörenden Gedanken hervor, dass es einfach Musik geben könnte, die 'in den Ohren stinkt'". Er schrieb in der gleichen Kritik jedoch auch, dass "das Konzert Proportion hat, musikalisch ist und nicht ohne Genie."

Zusätzlich zu seiner strukturellen Schlüssigkeit strotzt das Konzert geradeso vor Melodien, in solcher Fülle, dass die wunderbare Eröffnungsmelodie des Orchesters nie noch einmal auftritt! Danach erhält der Solist den jeweils ersten Versuch an ihnen, beginnend mit dem "sehr gemäßigten" Hauptthema. Das zweite ist als molto espressivo bezeichnet, woraufhin das Hauptthema vor der Durchführung zurückkehrt, die in einer prächtigen Solokadenz endet, gefolgt von der Reprise und Coda.

Die Canzonetta ("kleines Lied") in Andante in 3/4-Takt mit ABA-Form enthält ein Hauptthema in g-Moll (das zusätzlich als molto espressivo bezeichnet wurde) und ein kontrastierend schnelleres, Chopin-ähnliches zweites Thema in Es-Dur. Ohne Pause beginnt der nächste Satz wie ein Überschallflugzeug von der Startrampe. Es ein Trepak in Rondoform mit zwei extrovertierten Themen mit folkloristischem Charakter, abgerundet von einer ausgedehnten Coda, die das Stück wie ein Derwisch beenden lässt. Kein russischer Komponist vor oder nach Tschaikowski hat je wieder ein Konzert mit größerer Finesse oder Elan beendet, nicht einmal Rachmaninow (der mit Tschaikowskis Segen schon früh lernte wo er sein Handwerk lernen musste).

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Nathan Milstein (Violine), Wiener Philharmoniker, Dir. Claudio Abbado
Label: DGG, ADD, 1973
YouTube:
Julia Fischer (Violine), Orchestre Philharmonique du Radio France, Dir. Wassili Petrenko

TSCHAIKOWSKI: Sinfonie Nr. 4 f-Moll

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg
Werk: Sinfonie Nr. 4 f-Moll, op. 36
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1878
Uraufführung: Februar 1878 in Moskau
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 42 Minuten

"Ich möchte nicht, dass aus meiner Feder sinfonische Werke entstehen, die nichts ausdrücken und die aus leerem Spiel mit Akkorden, Rhythmen und Modulationen bestehen. Sollte eine Sinfonie nicht das ausdrücken, wofür es keine Worte gibt, das aber ausgedrückt werden muss?", schrieb Tschaikowski über seine f-Moll-Sinfonie in einem Brief an Tanejew 1878.

Alle Sinfonien Tschaikowskis sind tief aus ihm ausgewrungen und sind titanische Werke der Liebe. In seinen Schriften schreibt er über viele von ihnen als wären sie lebende Wesen - die Kinder, von denen er wusste, dass er sie ansonsten nicht kriegen würde. Der Prinz darunter ist die extrovertierte und wilde Vierte.

Ende 1876 hatte Tschaikowski begonnen seine f-Moll-Sinfonie zu skizzieren. Er hatte sich auch entschieden zu heiraten, vielleicht aus der Hoffnung auf sowohl soziale Erlösung und psychische Katharsis. Im Frühling 1877 enthüllte eine seiner Studentinnen, Antonina Miljukowa, dass sie hoffnungslos in ihn verliebt sei und im Juli heiratete er. Die Ehe scheiterte und Tschaikowski geriet in einen solchen Strudel der Selbstverachtung, dass er seine Frau misshandelte und dann verließ und auch einen halbherzigen Suizidversuch unternahm. Nichtsdestotrotz fuhr Tschaikowski mit der Arbeit an der Vierten fort und fand vielleicht eine Zuflucht aus dem Elend seines Lebens in den Wundern der Musik. Im Oktober dieses Jahres formalisierte seine wohlhabende Mäzenin, Nadeschda von Meck, ein ein regelmäßiges Gehalt an ihn. Er schien Inspiration und auch emotionale Nahrung aus ihrer lang anhaltenden Beziehung geschöpft zu haben und im Januar 1878 war das Werk vollendet.

Obwohl sie der Dritten nach nur drei Jahren folgte, war die Vierte den ersten dreien plötzlich Jahrzehnte, sogar Generationen voraus. Tschaikowskis jugendliche Naivität war verschwunden und an ihrer Statt steht ein profunder Blick der unbedeutenden Rolle des Menschen in einem monströsen Universum. Das Werk schlägt zu gegen die Grenzen von Trotz, Hoffnung, Ernüchterung und Triumph und ist gleichermaßen reichhaltig melodisch und donnernd bombastisch. Das Schicksal - Tschaikowskis lebenslanger Begleiter und Folterer - hat plötzlich eine Stimme und sie wird gehört im Ausbruch der Posaunen, Hörner und Trompeten zu Beginn der Sinfonie. Laut, hartnäckig, bar jeder Wärme oder Vibrato fordert sie in einem einzigen Moment totale Aufmerksamkeit ein und kehrt den ganzen ersten Satz hindurch regelmäßig wider, um selbst die kürzesten und unschuldigsten Anflüge von Glück niederzuschlagen. Unter vielen Mitbewerbern zählt dieser Satz zu Tschaikowskis besten in puncto musikalischer Struktur und emotionaler Wirkung.

Im Alter von 38 Jahren immer noch hoffnungsfroh, fügte Tschaikowski sogar einen Satz der ruhigen Besinnlichkeit und ein unglaublich wirksames Pizzicato-Scherzo ein, bevor er freisetzt, was man am Besten als großartigen Derwisch der Freude und Feier beschreibt, der den Hörer in einer atemberaubenden Ekstase entführt. In Tschaikowskis Gedanken war dies definitiv so, wie es sein musste. So unnachgiebig und unpersönlich das Schicksal ist, musste seine Missachtung und Sieg darüber sogar noch großartiger sein. Befürworter einiger anderer Komponisten könnten darüber streiten, aber es steht die Behauptung, dass Tschaikowski in seiner Vierten das Akzeptieren des Menschen und seines Platzes im Universum so gut in sinfonischer Musik umsetzt wie niemand anderes. Das Werk wurde von Meck gewidmet, aber als "An meine beste Freundin" verschlüsselt. Es wurde im Februar 1878 in Moskau uraufgeführt.

(c) Michael Morrison

Kaufempfehlung:
Leningrader Philharmoniker, Dir. Jewgeni Mrawinski
Label: DGG, ADD, 1961
YouTube:
Wiener Philharmoniker, Dir. Herbert von Karajan

TSCHAIKOWSKI: Romeo und Julia

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg (Russland)
Werk: Romeo und Julia (Romeo i Dschuljetta)
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1869
Uraufführung: März 1870 in Moskau
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 20 Minuten

Zahlreiche Komponisten gingen auf Shakespeares zeitloses Drama über verbotene und jugendliche Liebe ein, aber Tschaikowskis Umsetzung (zusammen mit Berlioz' und Prokofjews) ist die Beste. Es ist die einzige der Dreien, die als Stück eines sinfonischen Konzerts gedacht ist und damit von vornherein die bekannteste davon.

Tschaikowski, ein Anwalt, befand sich als Komponist mit 29 Jahren noch in der Entwicklung, als Mili Balakirew (eine selbst ernannte Vaterfigur für russische Komponisten) ihn dazu überredete ein Orchesterwerk über das Thema der "Liebe unter schlechtem Stern" zu schreiben. Balakirew entwarf die Gestalt, plante die Tonarten und legte sogar einen Teil der tatsächlichen Musik nahe. Nach der Uraufführung 1870 überzeugte er Tschaikowski es zu überarbeiten. Der Erfolg des Werks in dieser Form verhalf der Neigung des Komponisten zu lähmendem Zweifel sich in nützliche Selbstkritik zu verwandeln. (Nicht, dass diese Verwandlung jemals vollständig geworden wäre; Tschaikowski litt die gesamte Karriere hindurch unter Anfällen von Depression und Selbstzweifel). Der Komponist überarbeitete es 1880 erneut; diese Version ist fast immer diejenige, die gespielt wird. Obwohl die finale Version vermutlich die beste ist, ist auch die von 1869 ein schönes Werk und absolut wert gehört zu werden. Die frühere Version beginnt mit einer lieblichen Melodie, die Elemente des großartigen Liebesthemas enthält. In der ersten und zweiten Überarbeitung entfernte Tschaikowski dies und ersetzte sie mit dem segensreichen Thema, das Bruder Lorenzo darstellt. Die Auswirkung dieses Wechsels auf die Struktur der Ouvertüre ist groß. die erste Version scheint mit einer Julia zu beginnen, die noch in relativem Kindesalter zu sein scheint, aber bereits mit dem vorhandenen Potenzial zu der großen Liebe, das in verwandelten Vorahnungen des Liebesthemas auftritt. Der Fokus liegt demnach auf der Entwicklung des Dramas, wie es sich entfaltet. Die späteren Versionen, die mit einem Gebet beginnen, scheinen den Hörer mit auf einen Blick zurück auf eine Tragödie zu nehmen, die bereits stattgefunden hat.

Beide Versionen verlaufen identisch durch Schilderungen der Konflikte zwischen den Häusern Montague und Capulet und enthüllen dann die großartige Liebesmusik. Danach erscheint mir allerdings Tschaikowskis ursprüngliche Idee die bessere zu sein: es gibt eine großartige Durchführung, die fugenähnlich klingt und einen kontrapunktischen Konflikt gestattet, der auf den wichtigsten Rhythmen und Themen der Ouvertüre basiert. Sie ist ungemein spannend, definitiv mehr als die Musik, durch die sie ersetzt wurde. Eine Begründung für ihr Entfernen könnte nach der Denkweise gefunden werden, dass die Originalversion ein zu großes dramatisches Gewicht hat und den Rest der Musik überschattet. Die größten Unterschiede danach liegen in Details der Orchestrierung und im Finale, das in der Originalversion viel zu kurz gerät.

Es ist oft aufschlussreich zu sehen, was ein Komponist zu zwei verschiedenen Zeitpunkten aus den gleichen Ideen und Material gemacht hat. Ob sie nun größeres musikalisches Potenzial hat oder nicht, stellte Tschaikowskis Absegnen seiner finalen Version sicher, dass es die Version ist, die überdauert und in dieser Form wird sie als eines der großartigsten Programmstücke im sinfonischen Repertoire akzeptiert. Insbesondere das sehnsüchtige Liebesthema wird allgemein als eine der großartigsten Melodien aller Zeiten anerkannt, während die aufregende Kampfmusik und Tschaikowskis unfehlbar klare und fantasievolle Orchestrierung den Hörer mit kaum einem Fehltritt hindurch geleiten. Die Originalversion ist in ihrem musikalischen Wert jedoch nicht weit dahinter; man sollte ihr häufigere Wiederbelebungen verpassen und wenn es nur ist, um die zuvor beschriebene,großartige Fugatopassage zum Hören zu bringen.

(c) Joseph Stevenson

Kaufempfehlung:
London Symphony Orchestra, Dir. Geoffrey Simon
Label: Chandos, DDD, 1981/82
YouTube:
London Symphony Orchestra, Dir. Waleri Gergijew

TSCHAIKOWSKI: Dornröschen

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg (Russland)
Werk: Dornröschen, op. 66 (Spjaschtschaja Krasawitza)
Epoche: Romantik/Postromantik
Entstehungszeit: 1888-89
Uraufführung: 3. Januar 1890 in St. Petersburg (Russland)
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden, 17 Minuten
Teile:

  • Nr. 1a: Introduction
  • Nr. 1b: Marche de salon
  • Nr. 2a: Entrée des fées
  • Nr. 2b: Scène dansante
  • Nr. 3: Grand pas d'ensemble
  • Nr. 4: Scène et final
  • Nr. 5a: Introduction
  • Nr. 5b: Scène des tricoteuses
  • Nr. 6: Grande valse villageoise
  • Nr. 7: Entrée d'Aurore
  • Nr. 8: Grand pas d'action
  • Nr. 9: Scène et final
  • Nr. 10: Entr'acte
  • Nr. 11: Scène de la chasse royale
  • Nr. 12: Colin-Maillard
  • Nr. 13: Coda-Farandole
  • Nr. 14a: Scène et départ des chasseurs
  • Nr. 14b: Entrée de la Fée des lilas
  • Nr. 15: Pas d'action
  • Nr. 16: Scène
  • Nr. 17: Panorama
  • Nr. 18: Entr'acte symphonique
  • Nr. 19: Scène du château de sommeil
  • Nr. 20: Scène et final - Le réveil d'Aurore
  • Nr. 21: Marche
  • Nr. 22: Grand polonaise dansée
  • Nr. 23: Pas de quatre
  • Nr. 24: Pas de caractère
  • Nr. 25: Pas de quatre
  • Nr. 26: Pas de caractère
  • Nr. 27: Pas berrichon
  • Nr. 28: Grand pas de quatre
  • Nr. 29: Sarabande
  • Nr. 30a: Coda générale
  • Nr. 30b: Apothéose

Obwohl das Ballett zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein goldenes Zeitalter erlebte, ist man sich allgemein einig, dass die das Medium begleitende Musik nicht gemeinsam mit den anderen Komponenten aufblühte. Selbst in so gefeierten Werken wie Giselle würde wohl nur ein Ballettfanatiker freiwillig eine seiner Melodien mitsummen. Dies ist keineswegs eine Kritik, da die für eine solche Produktion spezifizierte Musik funktional sein sollte. Man kann behaupten, dass Tschaikowsky der erste Komponist war, der großartige Ballettmusik komponierte, indem er sie mit seinem typischen Melodienreichtum, Emotion und Drama infizierte. Als lang anhaltender Bewunderer des Tanzes legte der Komponist genauso viel Gewicht in seine drei großen Tanzpartituren wie er das für seine Sinfonien und Opern getan hat. Zum ersten Mal konnten Suiten aus den Balletten ohne Bühne und Choreographie für ein rein musikalisches Erlebnis gespielt werden.

Nach der unterdurchschnittlichen Uraufführung des Schwanensee 1877, ruiniert von einer größtenteils amateurhaften Produktion, verstrich über ein Jahrzehnt, bevor der Komponist vom Direktor der Hoftheater in St. Petersburg den Auftrag erhielt die Musik für ein Ballett zu Perraults Märchen Dornröschen beizusteuern. Tschaikowski stürzte sich kopfüber in das Projekt. Der Komponist war nicht nur wieder in glücklichen Gefilden, er befand sich auch in einem allgemeinen Zustand der Freude durch die gelegentlichen Besuche der dreijährigen Tochter der Dienerin eines Freundes; trotz seiner gefeierten Melancholie schienen Kinder bei Tschaikowski einen freudvollen Nerv zu treffen, ein Gefühl, das von ihm erwidert wurde durch seine Fähigkeit auf deren Niveau schelmisch und albern zu werden. Die Nähe des kleinen Mädchens lieferte einen fantasievollen Geist, der sich in dieser fröhlichsten aller Kompositionen des Komponisten niederschlägt. Die meisten Musikwissenschaftler und Historiker stimmen überein, dass Dornröschen die am Besten gefertigte von Tschaikowskis drei Ballettmusiken ist, klassisch in ihrer Zurückhaltung, besonders, wenn man sie mit der Hyperromantik ihres Vorgängers Schwanensee oder den saisonabhängigen Schrullen des Nussknackers vergleicht, sie besitzt dennoch die richtige Menge an Farbe und Elan, um sie zu einem echten Tschaikowski zu machen; ihr Walzer bleibt ein Evergreen.

Die bekannte Geschichte des Balletts beginnt mit Prinzessin Auroras Taufe am königlichen Hof. Die Freude verblasst schnell beim unerwarteten Auftreten der bösen Fee Carabosse, die die Prinzessin mit einem Fluch belegt und vorherbestimmt, dass Aurora mit 16 Jahren ihren Finger an einer Spindel stechen wird und in einen verhexten Schlaf fallen wird. Dies alles tritt ein, aber der Flucht wird schließlich vom Traumprinzen besiegt, der sich durch die Mauern des Fluches kämpft, um Aurora zu küssen und damit aufzuwecken. Der langwierige Schlussakt ist eine Hochzeitsfeier, bei der viele andere bekannte Märchenfiguren anwesend sind. Dieser Akt wird oftmals alleine als Auroras Hochzeit gespielt.

Dornröschen feierte seine Uraufführung unter großem Beifall und Erfolg am 1. Januar 1890 im Mariinski-Theater von St. Petersburg mit einer Choreografie des großartigen Marius Petipa. 1921 belebte Djagilew das Werk wieder für eine bekannte Produktion in London.

(c) Wayne Reisig

Kaufempfehlung:
Russisches Nationalorchester, Dir. Michail Pletnjow
Label: DGG, ADD/DDD, 1978-97
Orchestre du Théâtre National de l'Opéra de Paris, Dir. David Coleman
Label: NVC, ADD, 1999
YouTube:
Orchestre du Théâtre National de l'Opéra de Paris, Dir. David Coleman

TSCHAIKOWSKI: Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg (Russland)
Werk: Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll, op. 23
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1874
Besetzung: Klavier und Orchester
Uraufführung: 15. Oktober 1875 in Boston (Massachusetts)
Aufführungsdauer: ca. 35 Minuten
Sätze:
  1. Allegro non troppo e molto maestoso - Allegro con spirito
  2. Andantino semplice - Prestissimo
  3. Allegro con fuoco
Obwohl Tschaikowski bereits ein versierter Komponist war (er hatte bereits seine ersten beiden Sinfonien, ein Streichquartett und zwei bedeutende sinfonische Dichtungen produziert, die alle erfolgreiche und anhaltend beliebte Werke waren) suchte er immer noch nach der Anerkennung von Mentoren wie Balakirew und Nikolai Rubinstein. Am Weihnachtsabend 1874 spielte er das Konzert für Rubinstein (der der vorgesehen Solist war) in einem leeren Schulzimmer. Rubinstein reagierte mit einer Lawine an Verachtung, die durch Tschaikowskis eigene Aufzeichnungen berühmt wurde. Tschaikowski zog verzweifelt von dannen. Später rief ihn Rubinstein aber noch einmal an und legte eine Liste an Veränderungen vor, die Tschaikowski bis zu einem gewissen Zeitpunkt vornehmen müsse, damit Rubinstein es einmal spielen sollte. Tschaikowski schrieb, dass er antwortete "ich werde nicht eine einzige Note ändern und ich werde das Konzert so veröffentlichen wie es gerade ist." In seiner Erinnerung fuhr er fort: "und dies habe ich tatsächlich getan." Naja, nicht ganz. Obwohl es wirklich keine beträchtlichen Veränderungen gibt, nahm er am Konzert einige kleine Überarbeitungen vor, bevor es gedruckt wurde, wie das mit den meisten Kompositionen geschieht. Die Premiere wurde Hans von Bülow überlassen, der es am 15. Oktober 1875 in Boston uraufführte. Das Publikum war verzückt und verlangte eine Wiederholung des gesamten Finalsatzes. Bülow brachte das Konzert nach Europa zurück, wo es schnell zum Repertoire anderer führender Pianisten hinzugefügt wurde; selbst Rubinstein begann es 1878 zu spielen. Es war ein überwältigender Erfolg und ist im Grunde seither der Inbegriff des romantischen Klavierkonzerts.

Die Form des Konzerts ist ungleichgewichtig: durch das Beinhalten einer bemerkenswert umfangreichen Einführung überdauern die weiten Melodien des ersten Satzes fast 25 Minuten, mehr als die Länge der beiden anderen Sätze zusammen. Sein fesselnder Horn-Ruf zu Beginn mit kräftigen Orchesterakkorden, die ihn unterbrechen, führt unmittelbar in eine der bekanntesten und beliebtesten aller klassischen Melodien, gespielt von Streichern mit fülliger harmonischer Unterstützung vom Soloklavier. Tschaikowski löst eine große formale Überraschung aus, indem er geradewegs in eine voll ausgeprägte Kadenz für Soloklavier geht, eine mächtige Bearbeitung des Themas. Die Streicher bekräftigen dann die Melodie wieder in ihrer ursprünglichen Form - und all dies ist nur die Einführung zum wirklichen ersten Satz. Sicherlich eine langwierige Einführung (106 Takte), aber wenn sie einmal endet war das das letzte Mal, dass diese Musik auf irgendeine Art im Konzert verwendet wurde. Der eigentliche Satz ist eine Ausarbeitung zweier Themen in voll angelegter Sonatenhauptsatzform in Allegro, eines ist ein angeblich eine ukrainische Volksweise, das andere ein ruhiges romantisches Thema. Es gibt großes Drama und Leidenschaft in deren Ausarbeitung; wenn alles vorüber ist stellt man fest, dass es auch ein Mindestmaß (für Tschaikowskis Verhältnisse) von Angst und Pathos gibt. 

Der zweite Satz ist zart, er beginnt mit so ruhigen Pizzicato-Akkorden, die beinahe flüstern. Eine Melodie in der Flöte von junger, jugendlicher Sanftheit ist das Hauptthema des Satzes. Es gibt einen Mittelteil mit einem zierlichen Walzer.

Das Finale beginnt mit einer sausenden Streicherphrase und einem mächtigen Trommelschlag. Das Hauptthema ist ein fesselnder, galoppierender Tanz, der aus vielen kurzen Phrasen aufgebaut ist. Ein weiteres romantisches Thema liefert einen Kontrast dazu.

(c) Joseph Stevenson

Kaufempfehlung:
Swjatoslaw Richter (Klavier), Wiener Symphoniker, Dir. Herbert von Karajan
Label: DGG, 1961
YouTube:
Martha Argerich (Klavier), Orchestre de la Suisse Romandie, Dir. Charles Dutoit

TSCHAIKOWSKI: Schwanensee

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg (Russland)
Werk: Schwanensee (Lebedinoje ozero)
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1875-76
Besetzung: Orchester
Uraufführung: 20. Februar 1877 im Bolschoi-Theater von Moskau (Russland)
Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden, 10 Minuten
Teile:

  • Einführung
  • Scène (Nr. 1) (Allegro giusto)
  • Walzer As-Dur (Nr. 2)
  • Scène (Nr. 3) Auftritt der Pagen (Allegro moderato)
  • Pas de trois: Intrada - 1 (Andante sostenuto) - 2 (Allegro semplice - Presto) - 3 Prinz - 4 (Allegro) - Coda
  • Pas de deux: Walzer D-Dur - 1 (Andante/Adagio) - 2 (Walzer B-Dur)
  • Pas d'action (Andantino quasi moderato - Allegro)
  • Scène (Nr. 8) Dämmerung
  • Tanz der Pokale (Tempo di polacca)
  • Finale: Schwanenthema (Andante)
  • Scène (Nr. 10) Schwanenthema (Moderato)
  • Scène (Nr. 11) Bennos Auftritt
  • Scène (Nr. 12)
  • Tanz der Schwäne (Nr. 13): 1 Walzer A-Dur - 2 31. Tanz der Königin - 3 Gemeinsamer Tanz - 4 Tanz der kleinen Schwäne -
  • Scène (Nr. 14) (Moderato)
  • Scène (Nr. 15) Danse de fançailles (Allegro giusto)
  • Gemeinsamer Tanz und Tanz der Zwerge (Nr. 16)
  • Scène : Aufzug der Gäste & Walzer (Nr. 17)
  • Scène (No. 18) (Allegro - Allegro giusto)
  • Pas de Six: Intrada - Var. 1 (Allegro) - Var. 2 (Andante con moto) - Var. 3 (Moderato) - Var. 4 (Allegro) - Var. 5 (Moderato -
  • Pas de Deux
  • Ungarischer Tanz (Csárdás)
  • Russischer Tanz
  • Spanischer Tanz
  • Neapolitanischer Tanz
  • Mazurka
  • Scène (No. 24) (Allegro - Valse - Allegro vivo)
  • Entr'acte (No. 25)
  • Scène (No. 26) (Allegro ma non troppo)
  • Tänze der kleinen Schwäne (No. 27) (Moderato)
  • Scène (No. 28) (Allegro agitato)
  • Finale (Andante - Allegro agitato - Alla breve)

Während die Komposition von Schwanensee im Zeitraum von 1875-76 erfolgte, beinhaltete sie Musik aus einem unveröffentlichten Werk von 1871 namens "Der See der Schwäne", dem ersten Versuch des Komponisten an Ballett. Zusätzlich, heißt es, sei ein Walzer aus dem zweiten Akt aus seiner Oper "Undine" von 1869 übernommen worden. Schwanensee war ursprünglich kein Erfolg, aber kurz nach dem Tod des Komponisten 1893 begann es sich zu etablieren. Das Werk wurde damals in der Version von Riccardo Drigo auf die Bühne gebracht, die mit vielen Ausschneidungen, Beifügungen und dem Umnummerieren von Stücken über viele Jahre zur dargebrachten Standardversion wurde.

Für Schwanensee komponierte Tschaikowski eine Einführung und 29 Tanznummern, die sich auf vier Akte aufteilen. Die Geschichte, die im mittelalterlichen Deutschland spielt, handelt von Prinz Siegfried und seiner Königsmutter, die ihrem Sohn Vorwürfe macht für eine verschwenderische Feier in seinem Schloss und ihm befiehlt aus einer Gruppe von Prinzessinnen, die für ihn am nächsten Tag zu einem Ball eingeladen wurde, eine Braut zu wählen. Am selben Abend veranstaltet der plötzlich gelangweilte Siegfried auf Geheiß seines Freundes Benno mit einigen Jägern eine Jagd auf eine Gruppe Schwäne. An einem Seeufer trifft der Prinz in dieser Nacht das wunderschöne Mädchen Odette, die ihn anfleht die Jagd auf die Schwäne abzusagen, da sie ihre Freunde seien, wie sie selbst vom Zauberer Rotbart zu diesem beflügelten Aussehen verflucht, außer zwischen Mitternacht und der Morgendämmerung, wenn sie zu ihrer menschlichen Form zurückkehren können. Auf dem Ball am nächsten Abend kann sich Siegfried nicht für eine Braut entscheiden, bemerkt aber einen seltsamen Gast, nämlich den verkleideten Rotbart und dessen Tochter Odile, der der Zauberer das exakte Ebenbild Odettes verpasst hat. Der ahnungslose Siegfried wählt sie als seine Braut und schwört ihr einen Eid der Treue. In einem dramatischen Finale am Seeufer stürzt sich Odette in den See und Siegfried tut es ihr gleich, wodurch Rotbart und dessen böse Macht zerstört werden. Die jungen Mädchen sind von ihrer Schwanenform befreit und Siegfried und Odette sind wiedervereint, während der See verschwindet.

Die mit Odette und den Schwänen verknüpfte Musik ist vermutlich die berühmteste des Balletts. Sie erscheint zum ersten Mal gegen Ende des ersten Akts im "Flug der Schwäne". Die Oboe führt mit einer Harfenbegleitung in das bezaubernde Thema ein, das Ganze erschafft eine Fantasie-artige Atmosphäre des Staunens und der Erwartung. Im Finale von Akt 4 wird die Musik schneller und mit Aufregung gespielt in Vorbereitung des Abtritts der Hauptfiguren. Es gibt natürlich viele weitere bekannte Themen in diesem farbenfrohen Werk, darunter der Walzer im "Eintritt der Gäste" in Akt 1. Es ist sowohl unbeschwert und auch feierlich in seiner Nonchalance und den brillanten Farben.

Tschaikowski schrieb auch eine Reihe an Tänzen mit volkstümlicher Ausrichtung, darunter ein ungarischer Csardas, ein spanischer Tanz, neapolitanischer Tanz und eine Mazurka, die alle farbenfroh erdacht und brillant orchestriert sind. Eine vollständige Aufführung dieses Balletts kann zwischen etwas über zwei Stunden und ungefähr zwei Stunden und 20 Minuten andauern.

(c) Robert Cummings

Kaufempfehlung:
Boston Symphony Orchestra, Dir. Seiji Ozawa
Label: DGG, ADD/DDD, 1978-97
Margot Fonteyn, Rudolf Nurejew (Ballett), Wiener Symphoniker, Dir. John Lanchbery
Label: DGG, 1966
YouTube:
Ballett und Orchester des Mariinski-Theaters St. Petersburg, Dir. Waleri Gergijew

TSCHAIKOWSKI: Der Nussknacker

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg (Russland)
Werk: Der Nussknacker, op. 71 (Schtschelkuntschik)
Epoche: Romantik/Postromantik
Besetzung: Orchester
Entstehungszeit: 1892
Uraufführung: 5. Dezember 1892 im Marijnskij-Theater von St. Petersburg (Russland)
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 12 Minuten
Teile:

  • Ouvertüre
  • 1. AktErstes Bild
  • 1. Weihnachtsfeier. Schmücken und Erleuchten des Weihnachtsbaumes
  • 2. Marsch der Zinnsoldaten
  • 3. Kleiner Galopp der Kinder und Auftritt der Eltern
  • 4. Drosselmeiers Bescherung
  • 5. Großvatertanz:
  • a) die Puppe
  • b) der Narr
  • c) der Mohr
  • 6. Tanz der Erwachsenen
  • 2. Akt--- zweites Bild
  • 7. Mascha geht zu Bett
  • 8. Schlacht der Mäuse und Pfefferkuchen-Soldaten
  • 9. Eingreifen vom Nussknacker und Rettung durch Mascha
  • 10. Verwandlung des Nussknackers in einen Prinzen
  • drittes Bild
  • 11. Im Tannenwald
  • 12. Schneeflocken-Walzer (Schneesturm)
  • 3. Aktviertes Bild
  • 13. Im Zauberschloss von Zuckerburg
  • 14. Divertissement:
  • a) Schokolade — Spanischer Tanz (Bolero)
  • b) Kaffee — Arabischer Tanz
  • c) Tee — Chinesischer Tanz
  • d) Trepak — Russischer Tanz
  • e) Tanz der Rohrflöten--- Pas de trois
  • 15. Blumenwalzer
  • 16. Pas de deux:
  • a) Intrada
  • b) Variation I: Tarantella
  • c) Variation II: Tanz der Zuckerfee
  • d) Coda
  • 17. Finale und Apotheose
  • 18. Erwachen Maschas aus dem Traum

Tschaikowskis Ballett des Nussknackers basiert auf Alexandre Dumas' Übersetzung der ursprünglichen Geschichte von E.T.A. Hoffmann. Der erste Akt erzählt eine Geschichte der kleinen Clara, die ihrem magischen Weihnachtsgeschenk (einem Nussknacker in Form eines Soldaten) hilft eine Armee aus Mäusen zu besiegen. Als Belohnung nimmt er sie im zweiten Akt in sein magisches Königreich und stellt ihr eine Reihe an Gegenständen vor in einem farbenfrohen Strom an Ausdruckstänzen. Tschaikowski war zunächst unzufrieden mit dem Szenario für das Ballett, das sein letztes sein sollte, denn es ließ echtes Drama vermissen. Er fand sich jedoch damit ab und stellte die Nussknacker-Suite, op.71a, fertig, die von ihrer Uraufführung an beliebt war, bevor er danach das gesamte Ballett vollendete. Jene sieben Tänze - darunter die bekannten spanischen (Schokolade), arabischen (Kaffee), chinesischen (Tee) und russischen Tänze - und die Ouvertüre sind im Grunde genau so, wie sie im endgültigen, vollen Ballett erscheinen. Zu diesen fügte er Zwischenspiele und Szenen hinzu mit Musik und Orchestrierungen, die genauso entzückend sind. Sein Vorrat an lieblichen Themen ist endlos und er liefert beständig brilliante Orchestrierung ab. Einzigartige Bestandteile seiner Instrumentation sind u.a. die Ouvertüre, die vollständig ohne Celli und Kontrabässe auskommt; der "Tanz der Zuckerfee", der vom neuen Celesta inspiriert wurde, ein Instrument, dem Tschaikowski in Paris begegnete, als er an der Partitur arbeitete; und der "Schneeflockenwalzer", der einen Kinderchor beinhaltet. Er nutzte auch Spielzeuginstrumente, um perfekt im Bilde einer Geschichte für Kinder zu bleiben. Das Ballett war bei seinem ersten Auftritt nicht so erfolgreich wie seine anderen Bühnenwerke, das traditionelle Weihnachtsballett jedoch ist so beliebt, dass allein dessen jährliche Darbietung so manch eine Ballettgesellschaft am Leben erhält. Wenn man von diesem Ballett nur die berühmte Suite kennt, so sollte man definitiv auch einmal das gesamte Werk hören.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
Boston Symphony Orchestra, Dir. Seiji Ozawa
Label: DGG, ADD/DDD, 1978-97
Staatskapelle Berlin, Dir. Daniel Barenboim
Label: Arthaus, 2013
YouTube:
Orchestra of the Mariinsky Theatre, Dir. Valery Gergiev
aus dem Marijnskij-Theater in St. Petersburg

TSCHAIKOWSKI: Sinfonie Nr. 6 h-Moll "Pathétique"

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg (Russland)
Werk: Sinfonie Nr. 6 h-Moll, op. 74 "Pathétique"
Epoche: Romantik/Postromantik
Besetzung: Orchester
Entstehungszeit: 1893
Uraufführung: 28. Oktober 1893 in St. Petersburg (Russland)
Aufführungsdauer: ca. 45 Minuten
Sätze:

  1. Adagio - Allegro non troppo
  2. Allegro con grazia
  3. Allegro molto vivace
  4. Finale. Adagio lamentoso

Tschaikowski komponierte diese Musik zwischen Februar und August 1893 und dirigierte die Uraufführung am 28. Oktober dieses Jahres in St. Petersburg. Schon 1890 hatte Tschaikowski an seine seit 13 Jahren hilfreiche Mäzenin Nadeschda von Meck von einer möglichen "Programmsinfonie" geschrieben. 1893 war er bereit die Idee umzusetzen, die er seinem geliebten Neffen Wladimir Dawydow widmete, dem "Bobyk" vieler Tagebucheinträge und Briefe während der 1880er. Nach einer erfolgreichen Premiere war er jedoch nicht zufrieden mit dem Titel der Programmsinfonie (Nr. 6) auf der Hauptseite. Einige Tage später schlug sein Bruder Modest "Patetichesky" vor, was im Russischen "1. enthusiastisch, leidenschaftlich; 2. emotional und 3. bombastisch" bedeutet (und nicht etwa "theatralisch" oder "Mitleid erregend" wie das englische "pathetic"). Peter Iljitsch war entzückt von dem Vorschlag: "Exzellent, Modja, bravo, Patetichesky!" Er schrieb dies in die Partitur und schickte es am selben Tag an seinen Verleger Jürgenson. Zwei Tage später jedoch hatte er wieder Zweifel und bat Jürgenson Untertitel wegzulassen - und das Werk einfach als Sinfonie Nr. 6 mit Widmung an Bobyk zu veröffentlichen. Eine Woche später war er tot. Was Jürgenson angeht, konnte dieser der Versuchung nicht widerstehen im Jahre 1893 die Nr. 6 zu veröffentlichen, die in eleganter Lingua Franca "Symphonie pathétique" genannt wurde. Der Spitzname blieb seither bestehen.

Während der Entwicklungszeit des Werks war Tschaikowski in selten guter Stimmung, zufrieden mit seiner Kühnheit und dem Fluss, vor allem im bahnbrechenden Finale, einem langgezogenen Adagio mit Begräbnis-Charakter. Während andere immer noch konventionelle langsame Sätze schrieben, baute er auf der Idee eines "hinkenden Walzers" im 5/4-Takt auf. Und er machte aus dem Scherzo ein Marsch, der sich zu solch einem Höhepunkt an Aufregung aufbaut, dass das Publikum allerorts seither am Ende applaudiert.

Ein düsterer Adagio-Prolog beginnt mit einem Fagottsolo in e-Moll, das sich seinen Weg durch das trübe Gewässer geteilter Kontrabässe nach oben bahnt und dem ein nervöses, kleines Motiv folgt, welches zum Hauptthema aufblüht eines Allegro ma non troppo in Sonatenhauptsatzform in h-Moll. Die einprägsam seufzende, malvenfarbene Melodie, die diesen Satz dominiert ist eigentlich dessen zweites Thema. Ein krachendes Tutti des Orchesters bildet die leidenschaftlich aufgewühlte Durchführung, der eine gekürzte Reprise und eine kurze, ruhige Coda folgt.

Tschaikowskis Bezeichnung für diesen "Walzersatz" in D-Dur ist Allegro con grazia - ein Lied und Trio mit ausgedehnter Coda, deren Stimmung wehmütig und zwischendurch sogar melancholisch sein mag, aber deren Geist tänzerisch ist, sogar so weit um den "Blumenwalzer" aus dem Nussknacker nachklingen zu lassen, der ein Jahr zuvor komponiert wurde.

Das Marsch-Scherzo, angegeben als Allegro molto vivace, hat zu Beginn einen neckischen Charakter. Es ist eine Sonatine (Exposition und Reprise ohne Durchführung), die im Sturmschritt zu einer explosiven Klimax wächst, aber immer zur Tonika in G-Dur zurückkehrt.

Eine weitere Sonatine (sinfonische Durchführungen waren Tschaikowskis Reizthema) ist in h-Moll verankert, obwohl das tragische zweite Thema in D-Dur auftritt. Die allgemeine Stimmung ist untröstlich trauernd, aber eben nicht "pathetisch". Schließlich kehrt die Musik zu jenen trüben Abgründen zurück, aus denen die Sinfonie etwa 40 Minuten zuvor geboren wurde - jedoch ohne Segen oder Hoffnung.

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Leningrader Philharmoniker, Dir. Jewgeni Mrawinski
Label: DGG, ADD, 1961
YouTube:
Wiener Philharmoniker, Dir. Herbert von Karajan