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RAVEL: Daphnis et Chloé

Maurice Ravel
Lebensdaten: 7. März 1875 Ciboure (Frankreich) - 28. Dezember 1937 Paris
Werk: Daphnis et Chloé
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1909-12
Uraufführung: 8. Juni 1912 im Théâtre du Chatelet von Paris
Besetzung: Chor (textlos) und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 55 Minuten
Abschnitte:

  1. Introduction et danse religieuse
  2. Danse générale
  3. Danse grotesque de Dorcon
  4. Danse légére et gracieuse de Daphnis
  5. Danse de Lycéion
  6. Nocturne. Danse lente et mystérieuse des Nymphes
  7. Introduction
  8. Danse guerrière
  9. Danse suppliante de Chloé
  10. Lever du jour
  11. Pantomime (Les amours de Pan et Syrinx)
  12. Danse générale (Bacchanale)

Viele sehen Daphnis et Chloé, eine choreografische Sinfonie in drei Szenen, als Maurice Ravels großartigstes Werk an. Diese Bezeichnung könnte aber nicht gerade fair sein; es gab sein ganzes Leben hindurch so viele verschiedene Maurice Ravels, jeder mit einem anderen Satz musikalischer Ziele, jeder ergründete andere musikalische Welten, so dass es nicht richtig wäre die Bezeichnung des absoluten Meisterwerks an irgendeines der besten Werke einer jeden dieser Epochen zu heften, nur weil genau dieses länger, ambitionierter und zugänglicher ist. Aber Daphnis et Chloé ist sicherlich eines der farbenfrohsten, verzwicktesten und in einem sehr direkten, fast physischen Sinn wunderbar orchestriertesten Werke aller Zeiten; müsste man einem von Ravels Werken einen überragenden Status verleihen ausschließlich aufgrund seiner Orchestrierung, würde zweifellos dieses Ballett das dafür ausgewählte sein. Es könnte im gesamten Repertoire des 20. Jahrhunderts (inklusive der Werke Strawinskis) kein gekonnter orchestriertes Werk geben und ganze Regale an Schulbüchern zu Orchestrierung könnte man ohne Verlust wegwerfen und einfach durch ein gründliches Studium dieser Partitur ersetzen.

Daphnis et Chloé wurde zwischen 1909 und 1912 im Auftrag Djagilews und der Ballets Russes komponiert und ist eine Vertonung einer Geschichte, die von Michel Fokine aus dem gleichnamigen griechischen Werk von Longos adaptiert wurde. Es wurde am 8. Juni 1912 uraufgeführt. Das Konzert war nicht gut vorbereitet und nur wenige Menschen nahmen von Ravels Stück Notiz. Zwei aus der Partitur entnommene Orchestersuiten machten allerdings Furore, als Ravel sie kurze Zeit später herausbrachte (insbesondere die Suite Nr. 2, die vielleicht immer noch Ravels meistgespieltes Werk ist).

Ravel war immer schon mehr daran interessiert traditionelle musikalische Formen und Strukturen zu reproduzieren anstatt die Art klanglicher Tonwelten zu erreichen, die etwas herzlos als impressionistische Musik über einen Haufen geschert werden; Daphnis et Chloé ist, Abschnitt für Abschnitt, entlang eindeutig klassischer Linien aufgebaut (Ravel war darauf extrem stolz). Selbst die berühmte Musik zum Sonnenaufgang zu Beginn der dritten Szene mit ihrer brillanten Zweiunddreißigstelnoten, die im Orchester verstreut wurden und dem hellen Zirpen von Flöten und Piccolo, sowie der ekstatischen, aufsteigenden Melodie, trägt nichts in sich, das man progressiv oder in technischem Sinne sogar besonders innovativ nennen könnte, obwohl sicherlich nichts, das zuvor komponiert wurde, auch nur annähernd so klingt. Das war die Essenz von Ravels Genie: die Fähigkeit das Alte zu nehmen und es irgendwie wie komplett neu und anders klingen zu lassen. Ob Daphnis et Chloé Ravels größte Errungenschaft ist, mag eine irrelevante Frage sein: aber vom allerersten Ruf des hinter der Bühne postierten Chores, entfernt und von einer antiken Welt der Hirten und Nymphen nach vorne getragen, bis zur rhythmischen Orgie des Schlusstanzes ist es ein fester Beweis für Ravels beeindruckende Fähigkeit verschiedene Element zu einem umwerfenden neuen Ganzen zu verschmelzen.

(c) Blair Johnston

Kaufempfehlung:
London Symphony Orchestra, dir. Pierre Monteux
YouTube:
WDR Sinfonieorchester Köln, WDR Rundfunkchor Köln, dir. Jukka-Pekka Saraste
Kölner Philharmonie

STRAWINSKY: Der Feuervogel

Igor Strawinsky
Lebensdaten: 17. Juni 1882 Oranienbaum (Russland) - 6. April 1971 New York City
Werk: Der Feuervogel (Schar-Ptiza, L'Oiseau de feu)
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1910
Uraufführung: 25. Juni 1910 in Paris
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 45 Minuten
Teile:

  1. Einführung
  2. Koschtscheis Zaubergarten
  3. Auftritt des vom Fürsten Iwan Tsarewitsch verfolgten Feuervogels
  4. Tanz des Feuervogels
  5. Iwan Tsarewitsch fängt den Feuervogel
  6. Flehen des Feuervogels
  7. Auftritt der 13 verwunschenen Prinzessinnen
  8. Das Spiel der Prinzessinnen mit den goldenen Äpfeln (Scherzo)
  9. Plötzlicher Auftritt von Iwan Tsarewitsch
  10. Chorowod der Prinzessinnen (Kreistanz)
  11. Tagesanbruch (Iwan Tsarewitsch betritt den Palast Koschtscheis)
  12. Magisches Glockenspiel
  13. Auftritt von Koschtscheis Wachmonstern
  14. Ergreifung von Iwan Tsarewitsch
  15. Auftritt von Koschtschei, dem Unsterblichen
  16. Sein Dialog mit Iwan Tsarewitsch
  17. Die Fürbitte der Prinzessinnen
  18. Auftritt des Feuervogels
  19. Tanz von Koschtscheis Gefolge unter dem Fluch des Feuervogels
  20. Höllentanz aller Untertanen Koschtscheis
  21. Wiegenlied (Der Feuervogel)
  22. Koschtschei erwacht
  23. Tod Koschtscheis
  24. Verschwinden des Palasts und Auflösung von Koschtscheis Zauber
  25. Wiederbeleben der gelähmten Krieger
  26. Allgemeine Danksagung

Der Feuervogel war Strawinskis erster großer Erfolg und das erste seiner Ballette, die durch Sergei Djagilews berühmten Ballets Russes ihre Uraufführung erhielten. Seine Fantasie-ähnliche Handlung erzählt die Geschichte des Fürsten Iwan, der sich mit dem Feuervogel anfreundet und die magische Kreatur später heraufbeschwört, um ihm beim Vernichten des bösen Zauberers Koschtschei und seiner teuflischen Monster zu helfen.

In zwei Szenen und 22 Tanznummern angelegt, beginnt das Ballett mit der "Einführung", die von einem unheilvollen, suchenden Ostinato dominiert wird, welche man zunächst in den Bassstreichern hören kann. Die Stimmung bleibt dunkel und mysteriös im nachfolgenden "Koschtscheis Zaubergarten", die Angelegenheiten erhellen sich aber mit der funkelnden Instrumentierung, die den Auftritt des Feuervogels darstellt und im "Tanz des Feuervogels", wo man die Kreatur fast schon umherflitzen und -flattern sieht. Diese Musik stimmt überein mit dem zweiten Satz der Suite Nr. 2 von 1919, der beliebtesten von dreien, die der Komponist aus dem Ballett heraus zusammenstellte.

Nach dem Ergreifen des Feuervogels wird die Musik wieder dunkel und vor Verlangen befüllt, wenn die Kreatur verzweifelt Fürst Iwan bittet sie frei zu lassen, was dieser bewilligt und ihm somit Sympathien bringt. Die Musik der nächsten vier Nummern beschäftigt sich mit den verwunschenen Prinzessinnen und ist hell und verspielt in den ersten beiden, reflektiert und sentimental in den letzten beiden.

"Tagesanbruch" ist kräftig und farbenfroh, vermittelt aber eine unheilvolle Stimmung, ein Gefühl, das sich fortsetzt, wenn der Fürst Koschtscheis Palast betritt. Die nächsten Nummern beschäftigen sich mit Koschtschei und dessen Entourage an Monstern, sowie mit der Gefangennahme des Fürsten. Hier wird die Musik bedrohlich und dunkel, ohne jedoch jemals ihren fantasiehaften Charakter zu verlieren.

Die Musik, die das Wiederkehren des Feuervogels zur Rettung des Fürsten darstellt, hat wiederum einen farbenfrohen, emsigen Charakter. Es folgen der Tanz an Koschtscheis Hof und der berühmte Höllentanz, ein groteskes, rhythmisches Stück, das viele Hörer als siebten Satz aus der Suite Nr. 2 wiedererkennen könnten.

Es folgt das "Wiegenlied" mit einem exotischen, einsamen Thema am Fagott. Dieser Abschnitt dient als Quelle für den achten Satz. Das kurze "Koschtschei erwacht" geht der berühmtesten Musik des Balletts voraus - "Koschtscheis Tod" - das auch das Finale der Suite Nr. 2 bildet. Es enthält eine aufsteigende, stattliche Melodie - vielleicht das bekannteste Thema aller Werke Strawinskis - die immer imposanter und lauter wächst, während es voranschreitet und das Ballett mit einem vollständigen Gefühl des Triumphs krönt.

(c) Robert Cummings

Kaufempfehlung:
Chicago Symphony Orchestra, Dir. Pierre Boulez
Label: DGG, DDD, 1992
YouTube:

TSCHAIKOWSKI: Dornröschen

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg (Russland)
Werk: Dornröschen, op. 66 (Spjaschtschaja Krasawitza)
Epoche: Romantik/Postromantik
Entstehungszeit: 1888-89
Uraufführung: 3. Januar 1890 in St. Petersburg (Russland)
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden, 17 Minuten
Teile:

  • Nr. 1a: Introduction
  • Nr. 1b: Marche de salon
  • Nr. 2a: Entrée des fées
  • Nr. 2b: Scène dansante
  • Nr. 3: Grand pas d'ensemble
  • Nr. 4: Scène et final
  • Nr. 5a: Introduction
  • Nr. 5b: Scène des tricoteuses
  • Nr. 6: Grande valse villageoise
  • Nr. 7: Entrée d'Aurore
  • Nr. 8: Grand pas d'action
  • Nr. 9: Scène et final
  • Nr. 10: Entr'acte
  • Nr. 11: Scène de la chasse royale
  • Nr. 12: Colin-Maillard
  • Nr. 13: Coda-Farandole
  • Nr. 14a: Scène et départ des chasseurs
  • Nr. 14b: Entrée de la Fée des lilas
  • Nr. 15: Pas d'action
  • Nr. 16: Scène
  • Nr. 17: Panorama
  • Nr. 18: Entr'acte symphonique
  • Nr. 19: Scène du château de sommeil
  • Nr. 20: Scène et final - Le réveil d'Aurore
  • Nr. 21: Marche
  • Nr. 22: Grand polonaise dansée
  • Nr. 23: Pas de quatre
  • Nr. 24: Pas de caractère
  • Nr. 25: Pas de quatre
  • Nr. 26: Pas de caractère
  • Nr. 27: Pas berrichon
  • Nr. 28: Grand pas de quatre
  • Nr. 29: Sarabande
  • Nr. 30a: Coda générale
  • Nr. 30b: Apothéose

Obwohl das Ballett zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein goldenes Zeitalter erlebte, ist man sich allgemein einig, dass die das Medium begleitende Musik nicht gemeinsam mit den anderen Komponenten aufblühte. Selbst in so gefeierten Werken wie Giselle würde wohl nur ein Ballettfanatiker freiwillig eine seiner Melodien mitsummen. Dies ist keineswegs eine Kritik, da die für eine solche Produktion spezifizierte Musik funktional sein sollte. Man kann behaupten, dass Tschaikowsky der erste Komponist war, der großartige Ballettmusik komponierte, indem er sie mit seinem typischen Melodienreichtum, Emotion und Drama infizierte. Als lang anhaltender Bewunderer des Tanzes legte der Komponist genauso viel Gewicht in seine drei großen Tanzpartituren wie er das für seine Sinfonien und Opern getan hat. Zum ersten Mal konnten Suiten aus den Balletten ohne Bühne und Choreographie für ein rein musikalisches Erlebnis gespielt werden.

Nach der unterdurchschnittlichen Uraufführung des Schwanensee 1877, ruiniert von einer größtenteils amateurhaften Produktion, verstrich über ein Jahrzehnt, bevor der Komponist vom Direktor der Hoftheater in St. Petersburg den Auftrag erhielt die Musik für ein Ballett zu Perraults Märchen Dornröschen beizusteuern. Tschaikowski stürzte sich kopfüber in das Projekt. Der Komponist war nicht nur wieder in glücklichen Gefilden, er befand sich auch in einem allgemeinen Zustand der Freude durch die gelegentlichen Besuche der dreijährigen Tochter der Dienerin eines Freundes; trotz seiner gefeierten Melancholie schienen Kinder bei Tschaikowski einen freudvollen Nerv zu treffen, ein Gefühl, das von ihm erwidert wurde durch seine Fähigkeit auf deren Niveau schelmisch und albern zu werden. Die Nähe des kleinen Mädchens lieferte einen fantasievollen Geist, der sich in dieser fröhlichsten aller Kompositionen des Komponisten niederschlägt. Die meisten Musikwissenschaftler und Historiker stimmen überein, dass Dornröschen die am Besten gefertigte von Tschaikowskis drei Ballettmusiken ist, klassisch in ihrer Zurückhaltung, besonders, wenn man sie mit der Hyperromantik ihres Vorgängers Schwanensee oder den saisonabhängigen Schrullen des Nussknackers vergleicht, sie besitzt dennoch die richtige Menge an Farbe und Elan, um sie zu einem echten Tschaikowski zu machen; ihr Walzer bleibt ein Evergreen.

Die bekannte Geschichte des Balletts beginnt mit Prinzessin Auroras Taufe am königlichen Hof. Die Freude verblasst schnell beim unerwarteten Auftreten der bösen Fee Carabosse, die die Prinzessin mit einem Fluch belegt und vorherbestimmt, dass Aurora mit 16 Jahren ihren Finger an einer Spindel stechen wird und in einen verhexten Schlaf fallen wird. Dies alles tritt ein, aber der Flucht wird schließlich vom Traumprinzen besiegt, der sich durch die Mauern des Fluches kämpft, um Aurora zu küssen und damit aufzuwecken. Der langwierige Schlussakt ist eine Hochzeitsfeier, bei der viele andere bekannte Märchenfiguren anwesend sind. Dieser Akt wird oftmals alleine als Auroras Hochzeit gespielt.

Dornröschen feierte seine Uraufführung unter großem Beifall und Erfolg am 1. Januar 1890 im Mariinski-Theater von St. Petersburg mit einer Choreografie des großartigen Marius Petipa. 1921 belebte Djagilew das Werk wieder für eine bekannte Produktion in London.

(c) Wayne Reisig

Kaufempfehlung:
Russisches Nationalorchester, Dir. Michail Pletnjow
Label: DGG, ADD/DDD, 1978-97
Orchestre du Théâtre National de l'Opéra de Paris, Dir. David Coleman
Label: NVC, ADD, 1999
YouTube:
Orchestre du Théâtre National de l'Opéra de Paris, Dir. David Coleman

COPLAND: Appalachian Spring

Aaron Copland
Lebensdaten: 14. November 1900 New York City - 2. Dezember 1990 North Tarrytown (New York)
Werk: Appalachian Spring
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1945
Uraufführung: Mai 1945
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 25 Minuten
Sätze:

  1. Very Slowly
  2. Allegro
  3. Moderato (The Bride & Her Intended)
  4. Fast (The Revivalist & His Flock)
  5. Subito Allegro (Solo Dance of the Bride)
  6. As at first (Slowly)
  7. Doppio movimento (Variations on a Shaker Hymn; Simple Gifts)
  8. Moderato - Coda

Noch lange nach seiner Komposition bleibt Aaron Coplands Appalachian Spring sowohl das wesentliche Meisterwerk des Komponisten und eines der maßgeblichsten Ballette des 20. Jahrhunderts. Als Auftrag der Tänzerin und Choreographin Martha Graham geschrieben, schildert der Appalachian Spring die Leben eines frisch verheirateten Pionierpaares im Pennsylvania des 19. Jahrhunderts. Das im Verlauf dieser tänzerischen "Erzählung" entstehende Szenario beinhaltet einen Hausbau, eine Predigt, ein fröhliches Fest und das Paar alleine in einem Moment hoffnungsfroher Reflektion. Appalachian Spring entfaltet sich durchweg mit einem Geist an unfehlbarem Optimismus (obwohl durch das Gedicht von Hart Crane, von dem der Name des Balletts entstammt - nachdem die Musik geschrieben war - klar wird, dass sich der "Spring" im Titel eigentlich auf eine Quelle bezieht und nicht auf die Jahreszeit Frühling).

Die Musik von Appalachian Spring unmittelbar charakteristich für Coplands "Americana"-Stil der späten 1930er und 40er. Die harmonische Sprache, die größtenteils auf triadischen und anderen leicht dissonanten Klängen beruht, wird von allgemeiner Magerkeit und Einfachheit gekennzeichnet; an geeigneten Stellen wendet Copland jedoch vollere, luxuriösere Strukturen an. Das melodische Material variiert je nach episodischer Natur des Balletts: die Einführung beispielsweise ist himmlisch und beinahe nonmelodisch, ihr folgen aber unmittelbar hervorspringende, stachelige Motive, in denen melodische Quarten eine wichtige Rolle spielen. Was zweifellos die berühmteste Melodie des Balletts ist, ist gar nicht von Copland: der Komponist präsentiert die traditionelle Shaker-Hymne "Simple Gifts" und entwickelt meisterhaft eine Sammlung an Variationen, die zur Klimax des gesamten Werks voranschreiten, einem finalen Tutti-Ausruf des Themas, gekennzeichnet von besonderer Würde und Erhabenheit. Um mit der Natur und dem Zweck der Musik standzuhalten ist die rhythmische Sprache besonders lebhaft, sogar atemberaubend und macht Appalachian Spring zu einem der kinetischsten Werke Coplands. Ungleichmäßige und wechselnde Taktangaben sind eine besonders bemerkenswerte Eigenschaft; selbst wenn die Musik in einem einzelnen Takt verbleibt, stellen wechselnde Akzente ein bestimmtes Gefühl fortschreitender Bewegung und rhythmischer Überraschung sicher.

Praktische und wirtschaftliche Einschränkungen brachten Copland dazu die ursprüngliche Version des Werks für ein Ensemble von 13 Instrumenten zu arrangieren. Innerhalb kurzer Zeit von der Uraufführung des Balletts arrangierte Copland die Musik jedoch zu einer Konzertsuite für volles Orchester und in dieser Form wird es heutzutage am Häufigsten gespielt. Viele Puristen bevorzugen die ursprüngliche Instrumentation, die, das muss erwähnt werden, eine hervorstechende Ernsthaftigkeit und Rauheit hat, die in der Version für volles Orchester größtenteils abgewiegelt wird. Letztere wartet jedoch auch mit ihren eigenen Vorzügen auf, die sich im kleineren Original nicht finden. Wie auch immer blüht Appalachian Spring weiterhin als immerwährender Favorit auf und bleibt Coplands beliebtester Beitrag zum Pantheon der Klassiker des 20. Jahrhunderts.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
English Symphony Orchestra, Dir. William Boughton
Label: Nimbus, DDD, 1990
YouTube:
Sydney Camerata Chamber Orchestra, Dir. Luke Gilmour

TSCHAIKOWSKI: Schwanensee

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg (Russland)
Werk: Schwanensee (Lebedinoje ozero)
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1875-76
Besetzung: Orchester
Uraufführung: 20. Februar 1877 im Bolschoi-Theater von Moskau (Russland)
Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden, 10 Minuten
Teile:

  • Einführung
  • Scène (Nr. 1) (Allegro giusto)
  • Walzer As-Dur (Nr. 2)
  • Scène (Nr. 3) Auftritt der Pagen (Allegro moderato)
  • Pas de trois: Intrada - 1 (Andante sostenuto) - 2 (Allegro semplice - Presto) - 3 Prinz - 4 (Allegro) - Coda
  • Pas de deux: Walzer D-Dur - 1 (Andante/Adagio) - 2 (Walzer B-Dur)
  • Pas d'action (Andantino quasi moderato - Allegro)
  • Scène (Nr. 8) Dämmerung
  • Tanz der Pokale (Tempo di polacca)
  • Finale: Schwanenthema (Andante)
  • Scène (Nr. 10) Schwanenthema (Moderato)
  • Scène (Nr. 11) Bennos Auftritt
  • Scène (Nr. 12)
  • Tanz der Schwäne (Nr. 13): 1 Walzer A-Dur - 2 31. Tanz der Königin - 3 Gemeinsamer Tanz - 4 Tanz der kleinen Schwäne -
  • Scène (Nr. 14) (Moderato)
  • Scène (Nr. 15) Danse de fançailles (Allegro giusto)
  • Gemeinsamer Tanz und Tanz der Zwerge (Nr. 16)
  • Scène : Aufzug der Gäste & Walzer (Nr. 17)
  • Scène (No. 18) (Allegro - Allegro giusto)
  • Pas de Six: Intrada - Var. 1 (Allegro) - Var. 2 (Andante con moto) - Var. 3 (Moderato) - Var. 4 (Allegro) - Var. 5 (Moderato -
  • Pas de Deux
  • Ungarischer Tanz (Csárdás)
  • Russischer Tanz
  • Spanischer Tanz
  • Neapolitanischer Tanz
  • Mazurka
  • Scène (No. 24) (Allegro - Valse - Allegro vivo)
  • Entr'acte (No. 25)
  • Scène (No. 26) (Allegro ma non troppo)
  • Tänze der kleinen Schwäne (No. 27) (Moderato)
  • Scène (No. 28) (Allegro agitato)
  • Finale (Andante - Allegro agitato - Alla breve)

Während die Komposition von Schwanensee im Zeitraum von 1875-76 erfolgte, beinhaltete sie Musik aus einem unveröffentlichten Werk von 1871 namens "Der See der Schwäne", dem ersten Versuch des Komponisten an Ballett. Zusätzlich, heißt es, sei ein Walzer aus dem zweiten Akt aus seiner Oper "Undine" von 1869 übernommen worden. Schwanensee war ursprünglich kein Erfolg, aber kurz nach dem Tod des Komponisten 1893 begann es sich zu etablieren. Das Werk wurde damals in der Version von Riccardo Drigo auf die Bühne gebracht, die mit vielen Ausschneidungen, Beifügungen und dem Umnummerieren von Stücken über viele Jahre zur dargebrachten Standardversion wurde.

Für Schwanensee komponierte Tschaikowski eine Einführung und 29 Tanznummern, die sich auf vier Akte aufteilen. Die Geschichte, die im mittelalterlichen Deutschland spielt, handelt von Prinz Siegfried und seiner Königsmutter, die ihrem Sohn Vorwürfe macht für eine verschwenderische Feier in seinem Schloss und ihm befiehlt aus einer Gruppe von Prinzessinnen, die für ihn am nächsten Tag zu einem Ball eingeladen wurde, eine Braut zu wählen. Am selben Abend veranstaltet der plötzlich gelangweilte Siegfried auf Geheiß seines Freundes Benno mit einigen Jägern eine Jagd auf eine Gruppe Schwäne. An einem Seeufer trifft der Prinz in dieser Nacht das wunderschöne Mädchen Odette, die ihn anfleht die Jagd auf die Schwäne abzusagen, da sie ihre Freunde seien, wie sie selbst vom Zauberer Rotbart zu diesem beflügelten Aussehen verflucht, außer zwischen Mitternacht und der Morgendämmerung, wenn sie zu ihrer menschlichen Form zurückkehren können. Auf dem Ball am nächsten Abend kann sich Siegfried nicht für eine Braut entscheiden, bemerkt aber einen seltsamen Gast, nämlich den verkleideten Rotbart und dessen Tochter Odile, der der Zauberer das exakte Ebenbild Odettes verpasst hat. Der ahnungslose Siegfried wählt sie als seine Braut und schwört ihr einen Eid der Treue. In einem dramatischen Finale am Seeufer stürzt sich Odette in den See und Siegfried tut es ihr gleich, wodurch Rotbart und dessen böse Macht zerstört werden. Die jungen Mädchen sind von ihrer Schwanenform befreit und Siegfried und Odette sind wiedervereint, während der See verschwindet.

Die mit Odette und den Schwänen verknüpfte Musik ist vermutlich die berühmteste des Balletts. Sie erscheint zum ersten Mal gegen Ende des ersten Akts im "Flug der Schwäne". Die Oboe führt mit einer Harfenbegleitung in das bezaubernde Thema ein, das Ganze erschafft eine Fantasie-artige Atmosphäre des Staunens und der Erwartung. Im Finale von Akt 4 wird die Musik schneller und mit Aufregung gespielt in Vorbereitung des Abtritts der Hauptfiguren. Es gibt natürlich viele weitere bekannte Themen in diesem farbenfrohen Werk, darunter der Walzer im "Eintritt der Gäste" in Akt 1. Es ist sowohl unbeschwert und auch feierlich in seiner Nonchalance und den brillanten Farben.

Tschaikowski schrieb auch eine Reihe an Tänzen mit volkstümlicher Ausrichtung, darunter ein ungarischer Csardas, ein spanischer Tanz, neapolitanischer Tanz und eine Mazurka, die alle farbenfroh erdacht und brillant orchestriert sind. Eine vollständige Aufführung dieses Balletts kann zwischen etwas über zwei Stunden und ungefähr zwei Stunden und 20 Minuten andauern.

(c) Robert Cummings

Kaufempfehlung:
Boston Symphony Orchestra, Dir. Seiji Ozawa
Label: DGG, ADD/DDD, 1978-97
Margot Fonteyn, Rudolf Nurejew (Ballett), Wiener Symphoniker, Dir. John Lanchbery
Label: DGG, 1966
YouTube:
Ballett und Orchester des Mariinski-Theaters St. Petersburg, Dir. Waleri Gergijew

STRAWINSKY: Petruschka

Igor Strawinsky
Lebensdaten: 17. Juni 1882 Oranienbaum (Russland) - 6. April 1971 New York City (New York, USA)
Werk: Petruschka
Epoche: Moderne
Besetzung: Orchester
Entstehungszeit: 1911
Uraufführung: 13. Juni 1911 am Théâtre du Chátelet in Paris (Frankreich)
Aufführungsdauer: ca. 35 Minuten
Teile:

  1. Jahrmarkt in der Fastnachtswoche
  2. Russischer Tanz
  3. Petruschka
  4. Der Mohr
  5. Walzer (Der Mohr und die Ballerina)
  6. Jahrmarkt in der Fastnachtswoche (gegen Abend)
  7. Tanz der Ammen
  8. Ein Bauer und ein Bär
  9. Die Zigeunerinnen und ein genusssüchtiger Kaufmann
  10. Tanz der Kutscher
  11. Die Maskierten

Wie die beiden anderen Meisterwerke in Igor Strawinskys früher Karriere, der Feuervogel und die Sacre de printemps, wurde Petruschka in enger Zusammenarbeit mit Sergei Djagilew geschrieben und produziert, dem Direktor der Ballet Russes. Strawinsky schrieb davon, wie er sich wünschte nach dem enorm erfolgreichen Feuervogel sich neu aufzufrischen, indem er ein Konzertstück für Klavier und Orchester komponierte. Klavier gegen Orchester sollte sich als präzisere Beschreibung herausstellen, da sich Strawinsky unter dem Klavier eigentlich eine Puppe vorstellte, die zum Leben erwacht und mit Trompetenstößen und anderer Gewalt aus dem Orchester kämpft. Er nannte es Petruschka nach, wie er sagte, "dem unsterblichen, ewig unglücklichen Held aller Jahrmärkte der Welt." Als Djagilew Strawinsky im Sommer 1910 einen Besuch abstattete bemerkte er sofort die dramatischen Möglichkeiten des Werks und sie vereinbarten ein Ballett in voller Länge, das Petruschkas Abenteuer, Tragödie und Tod auf dem Jahrmarkt von St. Petersburg. Alexandre Benois, ein Mitarbeiter Djagilews und Verehrer des russischen Puppentheaters seit seiner Jugend, wurde angeheuert, um in der Umsetzung des Szenarios behilflich zu sein. Im Mai 1911 wurde die Partitur fertiggestellt und an Benois gewidmet, der auch als Ko-Autor der Geschichte angegeben wurde.

Nachdem sich ein großer Teil der Musik in der ersten Szene der Vorstellung verschiedener Kunden des Jahrmarkts widmete (Benois bestand darauf, dass diese wie echte Menschen behandelt werden sollten, sowohl in Partitur, wie auch in der Choreografie), tritt Petruschka auf und legt schließlich die Fäden ab, die ihn an seinen Meister, den Gaukler, gebunden hatten. Szene II zeigt Petruschkas unselige Versuche die Ballerina zu umgarnen, ebenfalls eine Puppe. In Szene III verliebt sich die Ballerina in eine weitere Puppe, den Mohren, zu Petruschkas großer Bestürzung. Der Jahrmarkt im Ganzen kehrt in Szene IV zurück und bereitet die Bühne für Petruschkas Tod durch die Hände des Mohren. Obwohl der Gaukler der Menge vermittelt, dass Petruschkas nicht wirklich lebendig ist, kehrt Petruschkas Geist zurück, um jeden heimzusuchen, der sich hinters Licht hat führen lassen.

Strawinskys Partitur für Petruschka ist brillant, bezaubernd und fesselnd, eine der magischsten Partituren in der gesamten klassischen Literatur. Strawinskys entlehnte volkstümliche Melodien, um die Szenen mit Menschenmengen zu illustrieren, er nutzte bitonale Akkorde, um Petruschkas doppelte Existenz als Puppe und lebendes Wesen hervorzuheben, er schrieb seine eigenen verlockenden Melodien und fügte alles nahtlos zusammen mit einem Genie für Dramatisierung und Gespür für Orchestrierung, das nur von Strawinsky kommen konnte. Der Beginn der vierten Szene, um nur ein Beispiel zu nennen, ist hinreißend: wirbelnde Streicher, die musikalisch Licht darzustellen scheinen, Bläsermelodien, die über die Streicher aufsteigen und schließlich eine volle Melodie, ausgelassen und glückselig, die an den Streichern aufblüht. Petruschka ist voller solcher Momente. 1947 überarbeitete Strawinsky die Partitur mit einem Fokus in Richtung Konzertaufführungen, er verkürzte die Instrumentierung, änderte Metronom-Angaben und nahm andere kleine Überarbeitungen vor. Beide Versionen sind mehr als geeignet, um dieses großartige Werk kennenzulernen.

(c) Andrew Lindemann Malone

Kaufempfehlung:
Royal Concertgebouw Orchestra, Dir. Riccardo Chailly
Label: Decca, DDD, 1985
Fassung für 2 Klaviere
Klavierduo Hans-Peter und Volker Stenzl (Klavier)
Label: Arthaus, 2004
YouTube:
Bolshoi-Theater in Moskau, 1997

TSCHAIKOWSKI: Der Nussknacker

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg (Russland)
Werk: Der Nussknacker, op. 71 (Schtschelkuntschik)
Epoche: Romantik/Postromantik
Besetzung: Orchester
Entstehungszeit: 1892
Uraufführung: 5. Dezember 1892 im Marijnskij-Theater von St. Petersburg (Russland)
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 12 Minuten
Teile:

  • Ouvertüre
  • 1. AktErstes Bild
  • 1. Weihnachtsfeier. Schmücken und Erleuchten des Weihnachtsbaumes
  • 2. Marsch der Zinnsoldaten
  • 3. Kleiner Galopp der Kinder und Auftritt der Eltern
  • 4. Drosselmeiers Bescherung
  • 5. Großvatertanz:
  • a) die Puppe
  • b) der Narr
  • c) der Mohr
  • 6. Tanz der Erwachsenen
  • 2. Akt--- zweites Bild
  • 7. Mascha geht zu Bett
  • 8. Schlacht der Mäuse und Pfefferkuchen-Soldaten
  • 9. Eingreifen vom Nussknacker und Rettung durch Mascha
  • 10. Verwandlung des Nussknackers in einen Prinzen
  • drittes Bild
  • 11. Im Tannenwald
  • 12. Schneeflocken-Walzer (Schneesturm)
  • 3. Aktviertes Bild
  • 13. Im Zauberschloss von Zuckerburg
  • 14. Divertissement:
  • a) Schokolade — Spanischer Tanz (Bolero)
  • b) Kaffee — Arabischer Tanz
  • c) Tee — Chinesischer Tanz
  • d) Trepak — Russischer Tanz
  • e) Tanz der Rohrflöten--- Pas de trois
  • 15. Blumenwalzer
  • 16. Pas de deux:
  • a) Intrada
  • b) Variation I: Tarantella
  • c) Variation II: Tanz der Zuckerfee
  • d) Coda
  • 17. Finale und Apotheose
  • 18. Erwachen Maschas aus dem Traum

Tschaikowskis Ballett des Nussknackers basiert auf Alexandre Dumas' Übersetzung der ursprünglichen Geschichte von E.T.A. Hoffmann. Der erste Akt erzählt eine Geschichte der kleinen Clara, die ihrem magischen Weihnachtsgeschenk (einem Nussknacker in Form eines Soldaten) hilft eine Armee aus Mäusen zu besiegen. Als Belohnung nimmt er sie im zweiten Akt in sein magisches Königreich und stellt ihr eine Reihe an Gegenständen vor in einem farbenfrohen Strom an Ausdruckstänzen. Tschaikowski war zunächst unzufrieden mit dem Szenario für das Ballett, das sein letztes sein sollte, denn es ließ echtes Drama vermissen. Er fand sich jedoch damit ab und stellte die Nussknacker-Suite, op.71a, fertig, die von ihrer Uraufführung an beliebt war, bevor er danach das gesamte Ballett vollendete. Jene sieben Tänze - darunter die bekannten spanischen (Schokolade), arabischen (Kaffee), chinesischen (Tee) und russischen Tänze - und die Ouvertüre sind im Grunde genau so, wie sie im endgültigen, vollen Ballett erscheinen. Zu diesen fügte er Zwischenspiele und Szenen hinzu mit Musik und Orchestrierungen, die genauso entzückend sind. Sein Vorrat an lieblichen Themen ist endlos und er liefert beständig brilliante Orchestrierung ab. Einzigartige Bestandteile seiner Instrumentation sind u.a. die Ouvertüre, die vollständig ohne Celli und Kontrabässe auskommt; der "Tanz der Zuckerfee", der vom neuen Celesta inspiriert wurde, ein Instrument, dem Tschaikowski in Paris begegnete, als er an der Partitur arbeitete; und der "Schneeflockenwalzer", der einen Kinderchor beinhaltet. Er nutzte auch Spielzeuginstrumente, um perfekt im Bilde einer Geschichte für Kinder zu bleiben. Das Ballett war bei seinem ersten Auftritt nicht so erfolgreich wie seine anderen Bühnenwerke, das traditionelle Weihnachtsballett jedoch ist so beliebt, dass allein dessen jährliche Darbietung so manch eine Ballettgesellschaft am Leben erhält. Wenn man von diesem Ballett nur die berühmte Suite kennt, so sollte man definitiv auch einmal das gesamte Werk hören.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
Boston Symphony Orchestra, Dir. Seiji Ozawa
Label: DGG, ADD/DDD, 1978-97
Staatskapelle Berlin, Dir. Daniel Barenboim
Label: Arthaus, 2013
YouTube:
Orchestra of the Mariinsky Theatre, Dir. Valery Gergiev
aus dem Marijnskij-Theater in St. Petersburg

STRAWINSKY: Le sacre du printemps

Igor Strawinsky
Lebensdaten: 17. Juni 1882 Oranienbaum (Russland) - 6. April 1971 New York City (NY, USA)
Werk: Le sacre du printemps (Wesna Swjaschtschennaja, Die Weihe des Frühlings)
Epoche: Moderne
Besetzung: Orchester
Entstehungszeit: 1911-1913
Uraufführung: 29. Mai 1913 im Théâtre des Champs-Élysées in Paris (Frankreich)
Aufführungsdauer: ca. 35 Minuten
Teile:

  • Nr. 1a, Introduction (Introduktion)
  • Nr. 1b, Augures printaniers - Danses des adolescentes (Die Vorboten des Frühlings - Tanz der jungen Mädchen)
  • Nr. 1c, Jeu du rapt (Entführungsspiele)
  • Nr. 1d, Rondes printanières (Frühlingsreigen)
  • Nr. 1e, Jeu des cités rivales (Spiele der rivalisierenden Stämme)
  • Nr. 1f, Cortège du Sage (Prozession des alten Weisen)
  • Nr. 1g, L'Adoration de la terre (Kuss der Erde)
  • Nr. 1h, Danse de la terre (Tanz der Erde)
  • Nr. 2a, Introduction (Introduktion)
  • Nr. 2b, Cercles mystérieux des adolescentes (Mystischer Reigen der jungen Mädchen)
  • Nr. 2c, Glorification de l'élue (Verherrlichung der Auserwählten)
  • Nr. 2d, Évocation des ancêtres (Anrufung der Ahnen)
  • Nr. 2e, Action rituelle des ancêtres (Rituelle Handlung der Ahnen)
  • Nr. 2f, Danse sacrale (Opfertanz)

Zum Glück scheinen die Tage gezählt für zumindest eine Entwicklung, deren Feuer Strawinskys "Le sacre du printemps" (1913) entfachte: Versreime in pseudo-Dr. Seuss-Stil als Ersatz für Konzertkritiken, z.B:

Who wrote this fiendish Rite of Spring
What right had he to write the thing,
Against our helpless ears to fling
Its crash, clash, cling, clang, bing, bang, bing?
And then to call it Rite of Spring,
the season when on joyous wing
The birds melodious carols sing
And harmony's in everything!
He who could write the Rite of Spring,
If I be right, by right should swing!

(deutsche Übersetzung ohne Rücksicht auf Reim in etwa:
Wer schrieb diese teuflische Weihe des Frühlings
Welches Recht hatte er dies zu schreiben,
Sie unseren hilflosen Ohren entgegenzuschleudern
Ihr Rums, Klirr, Kling, Klang, Puff, Paff, Puff?
Und es dann noch Weihe des Frühlings zu nennen,
Die Jahreszeit, wenn mit frohen Flügeln
Die Vögel melodiöse Lieder singen
Und Harmonie in allem liegt!
Der diese Weihe des Frühlings schreiben konnte,
Wenn ich Recht habe, dann soll er rechtmäßig am Galgen hängen!)

Nun erscheint das Umbringen des Komponisten - das der anonyme Autor im Boston Herald des 9. Februar 1924 in seiner letzten Strophe anscheinend befürwortet - etwas übertrieben als Strafe, aber man muss daran denken, dass solche Schmähungen sich nahtlos in die Aura des ''Succès de scandale'' einreihte, die die Sacre seit ihrer Uraufführung in Paris etwa zehn Jahre zuvor umgab. Die Wirkung dieses legendären Konzertes (sowie ähnlich "lebhafter" Rezeptionen des Werks an anderen Orten) trieb die Anerkennung des Werks als rundum bahnbrechendes Ereignis und Errungenschaft in der Sozialgeschichte und Kunst des 20. Jahrhunderts sicherlich voran. Will man frühe Reaktionen auf die Sacre verstehen, lohnt es sich zu bedenken, dass während Strawinsky an einem relativ frühen Punkt in seiner Karriere war, eine ganze Reihe an älteren, bekannten und traditioneller aufgestellten Komponisten - Strauss, Saint-Saëns, Sibelius, Elgar und, ja, Rachmaninow - weiterhin aktiv waren und im Publikum nach wie vor ziemlich Geltung hatten. Gleichzeitig war das von den Mitarbeitern der Sacre - Strawinsky, der Folklorist und Künstler Roerich, Choreograf Nijinsky und Impresario Djagilew - angenommene Szenario weit entfernt von den üblichen vornehmen, sensiblen und romantischen Themen, die bis dahin das Ballett dominiert hatten. Diese Sammlung von "Bildern aus dem heidnischen Russland" (der Untertitel des Werks) beschäftigt sich mit einer Erkundung der Natur, sowohl menschlicher und der der Erde selbst, durch die Rituale der Erneuerung - letztendlich menschlichen Opfern - einer früheren, "primitiveren" Gesellschaft.

Die Titel der beiden Hauptteile des Balletts, "Die Anbetung der Erde" und "Das Opfer", sowie jene seiner inneren Unterteilungen, machen die ritualhafte, sakrale und unantastbare Entwicklung der Geschehnisse, die mittels Musik und Choreographie nachgespielt werden, sowie die Bestandteile jener Entwicklung klar. Strawinsky unterdrückt und dann nach und nach steigert meisterhaft das Gespür der brutalen Unausweichlichkeit im Verlauf des gesamten Werks, während er in individuellen Szenen spezifischere Elemente zusammenfasst. Die Einführung hebt den Vorhang für die Erde selbst, das charakteristische Fagottsolo legt klagend eine gedämpfte, andächtige Stimmung fest. Komplexere Farben - die Strawinsky erreicht durch extreme Umfänge der Instrumente (wie im zuvor genannten Beispiel), spezielle Spieltechniken und endlos wechselnde Kombinationen aus seinem in großem Stil erweiterten Orchester - treten sukzessive auf und erweitern sich, nur um urplötzlich von einem Relikt des ursprünglichen Fagottthemas abgeschnitten zu werden. Die "Vorboten des Frühlings" beginnen mit einem der berühmtesten Akkorde der Musikgeschichte, einem knirschenden, bitonalen Klanggeschirr, das erbarmungslos in beständigem 2/4-Takt metrisch undefiniert mit unvorhersehbar wechselnden Akzenten eingehämmert wird.

Vergleichbare Beispiele von solch rhythmischer und harmonischer Härte sind im gesamten Werk im Überfluss vorhanden, diese Elemente übernehmen zusammen mit der instrumentalen Klangfarbe sowohl individuelle wie auch kollektive Rollen auf analoge Art zu jenen der Figuren. Wie auch die von Strawinsky in ihrem Porträt verwendeten musikalischen Elemente fungieren die Mädchen, Kinder und Älteren zusammen innerhalb der Identität ihrer Gesellschaft, nehmen gleichzeitig einzelne Rollen ein und behaupten sie in Beziehung zu einander. Die Handlung bahnt sich in einer zunehmend rasenden Flugbahn ihren Weg und findet ihren Gipfelpunkt - in einer Art ursprünglichem Äquivalent zu kalter Logik - im aufgeladenen, kompromisslosen Opfertanz, der sowohl das Ballett, als auch den Zyklus seines Rituals beendet.

(c) Michael Rodman

Kaufempfehlung:
The Cleveland Orchestra, Dir. Pierre Boulez
Label: DGG, DDD, 1991
Berliner Philharmoniker, Dir. Simon Rattle
Label: Arthaus, 2005
YouTube:
Ballett und Orchester des Mariinski-Theaters St. Petersburg, Dir. Waleri Gergijew
im Théâtre des Champs-Élysées in Paris, 29. Mai 2013