Posts mit dem Label sinfonische_dichtung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label sinfonische_dichtung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

MUSSORGSKI: Eine Nacht auf dem kahlen Berge

Modest Mussorgski
Lebensdaten: 21. März 1839 Karewo (Russland) - 28. März 1881 St. Petersburg
Werk: Eine Nacht auf dem kahlen Berge (Notsch na Lysoj gore)
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1886
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 11 Minuten

Im einem Brief vom 5. Juli 1867 an Nikolai Rimski-Korsakow schrieb Modest Mussorgski: "(Ich habe) eine Johannisnacht auf dem kahlen Berge vollendet, ein musikalisches Gemälde mit folgendem Programm: (1) Zusammenkunft der Hexen, ihr Geschwätz und Getratsche; (2) Satans Gefolge; (3) gottlose Befriedigung Satans; und (4) Hexensabbat." Mussorgski verkündete, dass "meine Komposition in Form und Charakter russisch und original ist. Ihr Ton ist heißblütig und chaotisch... die Johannisnacht ist etwas Neues und wird einen zufriedenstellenden Eindruck erzeugen..."

Der Eindruck war nicht ganz so zufriedenstellend für Mili Balakirew, der das Werk 1869 nicht mehr als Programmpunkt für ein Konzert der Freien Schule in Betracht zog. Balakirew sandte das Manuskript an Mussorgski zurück mit handgeschriebenen Randnotizen wie dem Kommentar "Müll!". Später zog Mussorgski unter dem Eindruck von Liszts Totentanz in Erwägung den Satz als Werk für Klavier und Orchester umzugestalten, aus diesem Plan wurde jedoch nichts.

Im Mai 1877 skizzierte Mussorgski die Handlung seiner komischen Oper Der Jahrmarkt von Sorotschinzy und schlug eine ausgedehnte Überarbeitung der Musik der Johannisnacht als Intermezzo zu Beginn des dritten Akts vor. Mussorgski stellte diesen Teil der Oper 1880 fertig, behielt Musik aus den Abschnitten (1) und (3) des Originals bei und fügte neues Material hinzu. Als "Traumvision des Bauernburschen" gekennzeichnet hatte es auch ein neues Programm: während ein Junge auf einem Hügel vor sich hinträumt, wird er von entmenschten Stimmen bedroht und findet sich verspottet im Schattenreich wieder. Die Stimmen warnen ihn vor dem Teufel und dem "Schwarzen Gott" Tschernobog; als die Schatten verschwinden treten diese beiden auf. Tschernobog wird glorifiziert, eine Schwarze Messe gesungen und ein Hexensabbat bricht aus. Als eine Kircheglocke erklingt verschwindet Tschernobog und die Dämonen krümmen sich vor Schmerz. Ein Kirchenchor singt, die Dämonen entfernen sich und der Junge erwacht. Mussorgski sollte den Jahrmarkt von Sorotschinzy nie vollenden.

Im oben zitierten Brief von 1867 schrieb Mussorgski an Rimski-Korsakow: "Ich hätte gerne, dass wir beide gemeinsam die Orchestrierung begutachten (...) wir könnten einige Dinge aufklären." Rimski-Korsakow erfüllte seinen Teil der Abmachung 1886, fünf Jahre nach Mussorgskis Tod durch die Produktion der Nacht auf dem kahlen Berge. Dies war die Musik des "Burschentraums", abzüglich der Chorteile und den abrupten, dramatisch wirkungsvollen "Stichen". Die erste Hälfte des zweiten Teils wurde entfernt und Rimski-Korsakow entfernte das meiste Dur-Material inklusive einer kurzen Fanfarenphrase. Das gesamte Werk wurde einer rationalisierten Orchestrierung und Takts unterworfen und in symmetrische Sektionen unterteilt. Rimski-Korsakow wurde oft vorgeworfen den Abschnitt der "Mettglocke" "komponiert" zu haben, der die Nacht auf dem kahlen Berge abschließt, in Wahrheit aber ist die gesamte Musik von Mussorgski abgesehen vom abschließenden Flötentrio ganz zu Schluss. Die Version von Rimski-Korsakow wurde zu einem unmittelbaren Welterfolg vom Tag ihrer Veröffentlichung an und verhalf Mussorgskis Name sich zu etablieren. Sie bleibt die beliebteste Version von Mussorgskis berühmtem Stück, obwohl die originalen Versionen in modernen Ausgaben verfügbar sind und ebenfalls mit Beifall wiederbelebt wurden. Einige Dirigenten, wie Claudio Abbado und Esa-Pekka Salonen, nahmen persönliche Anpassungen der Version von 1867 vor.

(c) Mili Balakirew, Uncle Dave Lewis, Modest Mussorgski

Kaufempfehlung:
Berliner Philharmoniker, dir. Claudio Abbado
YouTube:
Radio Filharmonisch Orkest, dir. Markus Stenz

LISZT: Les préludes

Franz Liszt
Lebensdaten: 22. Oktober 1811 Raiding (Kaiserreich Österreich-Ungarn) - 31. Juli 1886 Bayreuth
Werk: Les préludes, S 97
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1848
Uraufführung: 23. Februar 1854
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 16 Minuten

Liszt war der virtuose Erfinder der Sinfonischen Dichtung (oder Tondichtung), einer Gattung, in der eine literarische oder anderweitig außermusikalische Quelle das narrative Fundament für ein einsätziges Orchesterwerk liefert. Liszts Sinfonische Dichtungen waren jedoch nicht ausschließlich von ihrem Quellenmaterial abhängig: das Ziel des Komponisten war eher die Essenz des poetischen Konzepts in Musik zu destillieren, anstatt sie exakt zu reproduzieren. Les préludes (1848-54) ist die dritte und bei Weitem bekannteste von 12 Sinfonischen Dichtungen, die Liszt während seiner Amtszeit als Außerordentlicher Großherzoglicher Musikdirektor in Weimar geschrieben hatte. Alle 12 Werke wurden der Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein gewidmet.

Trotz der Suggestion durch sein Titel ist Les préludes ein für sich vollständiges, allein stehendes Werk. Lange bevor es seine finale Form erreichte, hatte es Liszt jedoch in einem anderen Kontext erdacht. 1844-45 hatte er einen Zyklus für männlichen Chor und Klavier komponiert, Les quatre elements, der auf Gedichten von Joseph Autran basiert. Liszt plante die vier Chöre, die die Erde, Nordwinde, Wellen und Sterne darstellen, mit einer Ouvertüre einzuführen. In den folgenden Jahren legte er die Chöre beiseite, während er diesen Einführungssatz zu überarbeiten begann. Während er unabhängig wurde von einem ursprünglichen Zweck, bezog sich Liszt auch nicht mehr als eine "Ouvertüre" darauf und 1854 wurde es zu einem vollständigen Werk für sich. Liszt leitete den Titel aus einer Ode des französischen Dichters Alphone de Lamartine "Méditations poetiques" ab, die das Leben eines Mannes von jugendlicher Liebe durch die barschen Realitäten von Arbeit und Krieg und schließlich zur Selbstakzeptanz beschreibt. Ein Auszug aus dem Gedicht begleitet Liszts Partitur: "Was sonst ist unser Leben als eine Reihe an Préludes zu einem unbekannten Lied, dessen erste und feierlichste Noten vom Tode angestimmt werden?"

Obwohl Les préludes nicht spezifisch inspiriert wurde von Lamartines Text, reflektiert seine endgültige Version treu die Sequenzen der wechselnden Stimmung jedes Abschnitts des Gedichts. Der musikalische Verlauf entfaltet sich parallel zu den Themen im Text ohne eine direkte Übersetzung seiner Bestandteile zu liefern. Ein einzelnes Motiv aus drei Noten stellt die Hauptidee dar und dessen zahlreiche Verwandlungen und Abänderungen spiegeln die vielen und verschiedenen Stimmungen jedes Abschnitts wieder. Ein weiteres Thema, ein entfernter Cousin des Originalmotivs, entsteht schließlich und liefert ein Element des Kontrasts und unterläuft ebenfalls Verwandlungen. Les préludes endet mit einer Rückkehr zum Drei-Noten-Motiv in seiner Originalfassung, so wie der nachdenklichen, zweifelnden Stimmung des Anfangs.

(c) Margaret Godfrey

Kaufempfehlung:
Maygar Rádió Szimfonikus Zenekara, Dir. Arpad Joó
Label: Hun, DDD, 1984
YouTube:
Berliner Philharmoniker, Dir. Daniel Barenboim
Staatsoper Berlin, 1998

SIBELIUS: Finlandia

Jean Sibelius
Lebensdaten: 8. Dezember 1865 Hämeenlinna (Finnland, Teil Russlands) - 20. September 1957 Järvenpää (Finnland)
Werk: Finlandia, op. 26
Epoche: Postromantik
Entstehungszeit: 1900
Uraufführung: 2. Juli 1900
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 9 Minuten

Jean Sibelius' Finlandia wurde zum fortwährend beliebtesten Werk des Komponisten teilweise aufgrund des politischen Klimas in Finnland zur Zeit seines Entstehens. Russland setzte 1899 eine strikte Zensurpolitik in der kleinen Nation durch. Im Oktober dieses Jahres komponierte Sibelius ein Melodrama über das Gedicht "Das Schmelzen des Eises auf dem Fluss Ulea" des finnischen Schriftstellers Zachria Topelius, das von besonders patriotischem Eifer gekennzeichnet ist; "Ich wurde frei geboren und werde auch frei sterben" ist einer seiner typischen Gedanken und einer, den Sibelius besonders in sich aufnahm. Im nächsten Monat fand eine von der finnischen Presse veranstaltete Wohltätigskeitsveranstaltung statt. Während ihr vordergründiger Zweck war Geld für die Pensionskassen von Zeitungen zu sammeln, war es eigentlich eine Fassade für eine Meinungsversammlung der freien Presse zu einer Zeit, als sich der Druck des Zaren auf dem Land verstärkte.

Sibelius entnahm seinem Melodram sechs Bilder für ein Konzert, das der Zusammenkunft am 4. November ein feierliches Ende setzen sollte. Harmlos als "Musik für die Pressefeier" bezeichnet schloss das Werk mit "Finnland erwacht", das Sibelius im folgenden Jahr zu einer eigenständigen sinfonischen Dichtung überarbeitete. Dem Vorschlag seine künstlerischen Vertrauten Axel Carpelan folgend benannte er dieses stürmisch patriotische Essay in Finlandia um; seit dieser Zeit wurde das Werk praktisch zu Finnlands zweiter Nationalhymne. Aufgrund der Zensurbeschränkungen wurde das Werk oft unter dem nicht mal ansatzweise passenden Titel Impromptu gespielt bis Finnland nach dem Ersten Weltkrieg seine Unabhängigkeit erreichte.

Das Werk beginnt mit einer fragenden, undeutlich ominösen Bläsersequenz, die die "Kräfte der Dunkelheit" aus Topelius' Text heraufbeschwört und ein farbenreiches Drama auslöst, das wechselweise reflektiv, jubilierend und militant ist. Am Berühmtesten ist jedoch ein hymnenartiges Thema, das seinen ersten Auftritt in einer Atmosphäre von ruhiger Ehrfurcht hat; gegen Ende des Werks wurde es zu einem kräftigen Ausdruck des Triumphs. Tatsächlich ist die Finlandia ein klarer Vorbote der Sinfonien des Komponisten, in denen das Orchester so oft die Rolle eines immer stärker werdenden, aufsässigen Sattelschleppers annimmt.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
Göteborgs Symfoniker, Dir. Neeme Järvi
Label: DGG, DDD, 1992-2005
YouTube:
Helsinki Philharmonic Orchestra, Dir. Jukka-Pekka Saraste
im Musiikkitalo von Helsinki

R. STRAUSS: Also sprach Zarathustra

Richard Strauss
Lebensdaten: 11. Juni 1864 München (Bayern) - 8. September 1949 Garmisch-Partenkirchen
Werk: Also sprach Zarathustra, op. 30, TrV 176
Epoche: Postromantik
Entstehungszeit: 1896
Besetzung: Orchester
Uraufführung: 27. November 1896 in Frankfurt am Main
Aufführungsdauer: ca. 34 Minuten
Sätze:

  1. Einleitung
  2. Vor den Hinterweltlern
  3. Von der großen Sehnsucht
  4. Von den Freuden und Leidenschaften
  5. Das Grablied
  6. Von der Wissenschaft
  7. Der Genesende
  8. Das Tanzlied
  9. Nachtwandlerlied

Wie viele seiner Zeitgenossen war der junge Richard Strauss begeistert von Wagner; tatsächlich enthüllt eine Reihe seiner Kompositionen, vor allem die früher Oper Guntram (1887-93), die Intention seitens Strauss' den Geist der Werke des älteren Komponisten wiederzubeleben. Wie man jedoch bei der Annahme von Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" als Thema eines Tongedichts feststellen kann, nahm Strauss' Musik schon bald eine eigene Identität ein. Zu dieser Zeit war Nietzsche, obwohl ein ehemaliger Anhänger Wagners, zum lautstärksten und wortgewandtesten Kritiker von Wagners Philosophie und Kunst geworden. Indem er seine künstlerische Vision an die von Nietzsche anpasste, zog sich Strauss für immer aus dem Lager der "echten" Wagnerianer zurück.

Also sprach Zarathustra, einer der Höhepunkte in Strauss' früher Karriere, wurde im Sommer 1896 fertiggestellt und feierte im November desselben Jahres Premiere. Zwischen Till Eulenspiegels lustige Streiche (1894-95) und Don Quixote (1896-97) gepresst zählte es zu den Werken, die für immer die Reputation des Komponisten festigten und die Essenz seiner einzigartigen orchestralen Sprache zusammenfassten.

Also sprach Zarathustra hat neun Teile. Der Einführung - die zu besonderer Unsterblichkeit gelang durch ihre Verwendung in Stanley Kubricks Film "2001: Odyssee im Weltraum" - folgen diese charakteristischen Episoden, von denen jede ein Element von Nietzsches Text ergründet, von "Von den Hinterweltlern" bis zu einem Ausdruck intensiver Sehnsucht und einer Darstellung von Freude und Leidenschaft. Zentral im Werk steht "Das Grablied", das die Bühne bereitet für das clevere und ironische "Von der Wissenschaft", in dem sich eine gekürzte Fuge sanft über die Wissenschaft lustig macht, indem sie - vielleicht prophetisch - alle zwölf chromatischen Töne in ihr Thema einbaut. "Der Genesende" erlangt langsam wieder zu Stärke und bricht aus in das energische "Das Tanzlied", angetrieben von einer Solovioline.

Der letzte Teil "Nachtwandlerlied" nutzt auf subtile Weise tonale und thematische Andeutungen (am Bemerkenswertesten eine Rückkehr zur Tonalität des Anfangsteils), um nahezulegen, dass die Reise des namenlosen Nachtwanderers zyklisch ist - ewig zu seinem Beginn zurückkehrend. Dieser Mangel an Auflösung wird in der nachklingenden Dissonanz gespiegelt, dem Halbton zwischen H und C, der das Werk beendet und das Fragen und die verunsichernde Natur von Nietzsches eigenem Ende einfängt.

Das Ganze von Also sprach Zarathustra ist durchkomponiert; obwohl manche suggerieren, dass es Aspekte von Sonaten- und Rondoformen enthält, ist kein strukturelle Analyse ohne Bezug zu Nietzsches Text aufrecht zu erhalten. Wie die meisten Tongedichte von Strauss beschäftigt auch Also sprach Zarathustra massive instrumentale Kräfte; es liefert jedoch einen Kontrast zu Strauss' erzählerischeren Werken in seiner Aufstellung des Orchesters in einer subtileren und geschickteren Art. Kurz gesagt übernehmen hier umwandelbare Motive den Platz der langen, gewundenen Melodien, die in Werken wie Ein Heldenleben (1898) auftauchen. Die ziemliche Prägnanz seines musikalischen Materials legt den Versuch des Komponisten nahe die Natur und den Charakter seiner literarischen Quelle widerzuspiegeln.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
Düsseldorfer Symphoniker, Dir. John Fiore
Label: Hänssler, DDD, 2001/02
Royal Concertgebouworkest, Dir. Andris Nelsons
Label: CMajor, 2013
YouTube:
Radiosinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks, Dir. Mariss Jansons

DEBUSSY: La Mer

Claude Debussy
Lebensdaten: 22. August 1862 St. Germain-en-Laye (Frankreich) - 26. März 1918 Paris (Frankreich)
Werk: La Mer, L 109
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1903-05
Uraufführung: Oktober 1905
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 25 Minuten
Sätze:

  1. De l'aube à midi sur la mer
  2. Jeux de vagues
  3. Dialogue du vent et de la mer

Debussys La Mer (Das Meer; 1903-05) ist eines der berühmtesten nicht-sinfonischen Orchesterstücke, das je geschrieben wurde. Während der 1890er stellten sich Bilder von Ozeanen als wiederkehrende Quelle der Inspiration für den Komponisten heraus. Sirènes, die dritte der Nocturnes (1897-99) und Passagen der Oper Pelléas et Mélisande (1893-1905) sind unmittelbare Zeugnisse einer gewissen seemännischen Neigung. La Mer jedoch geht noch ein großes Stück weiter als jedes vorherige Werk - von Debussy oder einem anderen Komponisten - im Einfangen des rauen Wesens dieses evokativsten aller Naturschauspiele. La Mer ist nicht bloß eine Übung in musikalischer Landschaftsmalerei, sondern vielmehr eine klangliche Repräsentation der unzähligen Gedanken, Stimmungen und tief verwurzelter, instinktiver Reaktionen, die das Meer in einer einzelnen menschlichen Seele erweckt.

La Mer setzt sich aus drei einzelnen Sätzen zusammen: "De l'aube à midi sur la mer" (Vom Sonnenaufgang bis Mittag auf dem Meer), "Jeux de vagues" (Spiel der Wellen) und "Dialogue du vent et de la mer" (Dialog des Winds und des Meeres). "De l'aube à midi sur la mer" entfaltet sich in 6/8-Takt nach einer Einführung in Très lent (sehr langsam). Wie in so großen Teilen der reifen Musik des Komponisten ist es nicht immer möglich eine klare Unterscheidung zwischen thematischem Material und Begleitung und Struktur vorzunehmen. Tatsächlich ist die Struktur in Debussys Musik oft selbst am Wichtigsten; die wenigen Anflüge an diskreten Melodien, die sich der Satz leistet (so wie das glasige Violinsolo, das nach etwa 60 Takten im Stück erscheint oder die kurze Hornphrase kurz nach dem Taktwechsel zu 6/8) werden schon kurz darauf in das komplexe orchestrale Gewebe eingefügt. Es gibt Stellen, während denen das rhythmische und metrische Schema, vielleicht absichtlich, von bis zu sechs oder sieben verschiedenen Schichten an gleichzeitigen Aktivitäten verhüllt wird. Der Satz endet mit einer der beeindruckendsten musikalischen Aussagen des Komponisten: in einer mysteriösen Phrase stirbt eine finale Bläserattacke in Forte-fortissimo hin zu Piano, während der Satz sich dem Ende nähert.

Die Partitur von "Jeux de vagues" ist als Ganzes nüchterner als die des ersten Satzes. Regelmäßige Triller und Ausbrüche von rhythmischer Lebendigkeit erwecken die ausgelassenen, unvorhersehbaren Motive des Satzes anschaulich zum Leben, während das extrem ruhige Ende absichtlich darin scheitert eine der musikalische Erwartungen aufzulösen, die sich in den vorhergehenden, aktiveren Abschnitten aufgebaut haben. Die Komposition dieses Abschnitts (Soloflöte und Harmonie in der Harfe) ruft die identische Orchestrierung in Erinnerung, die der Komponist am Ende des Prélude à l'après-midi d'un faune (Präludium zum Nachmittag eines Fauns; 1894) angewandt hatte. Tatsächlich sind diese parallelen Abschnitte auch im dramatischen Nutzen ziemlich ähnlich.

Der abschließende "Dialogue" ist eine stürmische Gegenüberstellung einer dringlichen, artikulierten Rhythmusphrase - die zuerst in pianissimo von den Celli und Kontrabässen eingeführt wird und den ganzen Satz hindurch genial moduliert wird - mit einer grandiosen Idee als Legato, die von Vielen mit den Melodien César Francks (ein wichtiger Einfluss für den jungen Debussy) verglichen wurde. Ein zurückgehaltenes Forte-fortissimo bringt dieses heftige, urgewaltige Werk zu einem kräftigen Abschluss.

(c) Blair Johnston

Kaufempfehlung:
Berliner Philharmoniker, Dir. Simon Rattle
Label: Warner, DDD/LA, 2004
Lucerne Festival Orchestra, Dir. Claudio Abbado
Label: EuroArts, 2003
YouTube:
New York Philhamonic, Dir. Pierre Boulez
Avery Fisher Hall in New York City (1992)

R. STRAUSS: Till Eulenspiegels lustige Streiche

Richard Strauss
Lebensdaten: 11. Juni 1864 München (Bayern) - 8. September 1949 Garmisch-Partenkirchen
Werk: Till Eulenspiegels lustige Streiche, op. 28, TrV 171
Epoche: Postromantik
Entstehungszeit: 1894-95
Besetzung: Orchester
Uraufführung: 5. November 1895 in Köln (Preußen)
Aufführungsdauer: ca. 15 Minuten

Eine von Strauss' berühmtesten sinfonischen Dichtungen ist Till Eulenspiegel, ein einsätziges Werk für Orchester. Es wurde zwischen 1894 und 1895 komponiert, kurz nach der Uraufführung und dem Debakel bei Kritikern seiner ersten Oper Guntram. Indem er als Grundlage für das Tongedicht die berühmte Erzählung von Till Eulenspiegel wählte, fand Strauss ein wirksames Vehikel auf seine Kritiker zu antworten, die seine erste Oper abfällig bewerteten.

Die Figur des Till Eulenspiegel ist ein chronischer Schelm, dessen unnachgiebiger Sinn für das Sardonische seinesgleichen beständig herausforderte und ihn in Schwierigkeiten brachte. Till sollte nie aus seinen Fehlern lernen und machte den Gewohnheiten und jeder Kritik beständig eine Nase. Das Tongedicht beruht auf einer deutschen Volkserzählung, die seit ihrem ersten Auftreten im 14. Jahrhundert in zahlreichen Versionen erschienen ist. Manche glauben eine historische Grundlage für die Figur gefunden zu haben, aber man versteht ihn am Besten als eine Art Volkshelden, der das Establishment herausfordert. Obwohl keine einzige Quelle all die Abenteuer von Till Eulenspiegel enthält, ist die Figur in zahlreichen Adaptionen wiederzuerkennen, genau wie auch Strauss' musikalische Darstellung im Rondothema die musikalischen Kompositionen hindurch offensichtlich wird.

Die musikalische Form von Till Eulenspiegel ist ein groß angelegtes Rondo. Indem er die Figur Tills mit dem Rondothema verknüpft fand Strauss einen Weg die widerspenstige Natur des Protagonisten zu zeigen und auch das Werk zu vereinigen. Nach einer kurzen Einführung, die oft als einen Ausdruck von "es war einmal" interpretiert wird, äußert Strauss das Thema ganz zu Beginn in einer Bravourphrase für Horn. Das Thema tritt zwischen Episoden des Rondos wieder auf und genau in jenen Episoden hat Till Eulenspiegel seine Abenteuer. In puncto musikalischer Struktur liefern die Rondo-Episoden Kontrast und während sie sich weiter von der Hauptidee entfernen bereiten sie auch die Bühne für die Rückkehr des bekannten Rondothemas. Die nachfolgenden Episoden zeigen Till mit Bauern hadern, gegen Priester wettern, eine Frau umwerben und von ihr abgelehnt werden und sich über die Intelligenzschicht lustig machen. Innerhalb dieser Abschnitte gestattet Strauss seinem Thema für Till in verschiedenerlei Gestalt zurück zu kehren, aber immer noch wiedererkennbar. Letztendlich wird Till vor ein Gericht gestellt, das seinen Lebensweg Revue passieren lässt und ihn zum Tode verurteilt. Selbst dann kann Till nicht ohne eine spöttische Geste gehen und das Stück endet mit seinem Thema, das nun vollständig verwandelt wurde, indem all seine Permutationen ausgeschöpft wurden.

Till Eulenspiegel enthält mit die brillanteste Orchestrierung von Strauss und nutzt zahlreiche Instrumente, darunter die Klarinette in D. Strauss ging die Orchestrierung dieses Werks mit kaleidoskopischer Hand an und wechselt oft abrupt zwischen Instrumentengruppen. Dies verleiht dem Werk seine verlockende Tonfarbe und macht es auch zu einem virtuosen Stück für Orchster. Im Schreiben von Programmmusik wählte Strauss einen damals immer noch neuen Weg der Komposition und stellte sich in eine Reihe mit der Avant-Garde. Seine brillant orchestrierte Partitur mit ihrer virtuosen Instrumentation und den farbenfrohen Dissonanzen zeigten Strauss als Modernisten. Es bleibt ein beliebtes Konzertstück und eine von Strauss' bekanntesten Kompositionen.

(c) James Zychowicz

Kaufempfehlung:
Berliner Philharmoniker, Dir. Karl Böhm
Label: DGG, ADD/m/s, 1957-88
YouTube:
Tonhalle-Orchester Zürich, Dir. David Zinman
2014 in der Royal Albert Hall in London