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WALTON: Belshazzar's Feast

William Walton
Lebensdaten: 29. März 1902 Oldham (England) - 8. März 1983 Ischia (Italien)
Werk: Belshazzar's Feast
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1931-57
Uraufführung: 8. Oktober 1931
Besetzung: Bariton, Chor, Orgel und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 34 Minuten
Teile:

  1. Thus spake Isaiah
  2. If I forget thee, O Jerusalem
  3. By the waters of Babylon
  4. Babylon was a great city
  5. Praise ye the God of Gold
  6. Thus in Babylon the mighty city
  7. And in that same hour, as they feasted
  8. Then sing aloud to God our strength
  9. The trumpeters and pipers are silent
  10. Then sing aloud to God our strength

1929 erhielt Walton den ersten Auftrag, den die BBC jemals an einen britischen Komponist vergab und zwar für ein Werk "für kleinen Chor, kleines Orchester mit nicht mehr als fünfzehn [Musikern] und Solist." Als Thema des Werks entschied sich Walton für den biblischen Fall Belshazzars (besser bekannt als Nebukadnezar, König von Babylon und despotischer Eroberer Jerusalems), wie er von seinem Freund und Gönner Sir Osbert Sitwell dramatisiert wurde. Ende 1930 berichtete ein Mitglied des Musikrates der BBC nervös, dass Waltons Unternehmung "auf solche Ausmaße angewachsen war, dass es nicht als ein Werk angesehen werden kann, welches speziell für die Radioübertragung geschrieben wurde".

Nichtsdestotrotz stellte der Komponist es fertig und das in großem Stil, nämlich inklusive zweier Blechblasabteilungen. Vor der Uraufführung im Oktober 1931 rief der Chor zum Streik auf und sagte das Werk wäre zu unmöglich schwer um aufgeführt zu werden. Der Komponist beantwortete Beschwerde folgendermaßen: "Ich weiß, dass es schwierig ist... aber es ist in natürlicher Form nicht für einen Kirchenchor geschrieben." Die Reichweite und das Drama des Werks, das der Kritiker Compton Mackenzie als "wie ein großer, explosiver Sonnenuntergang" beschrieben hatte, hat sich seither als unwiderstehlich für das Publikum erwiesen. Der angesehene britische Dirigent Henry Wood nannte es "wahrhaft wunderbar, als wenn die Welt zu ihrem Ende kommen würde."

Die Handlung setzt ein mit einer Beschreibung des materiellen Reichtums Babylons (ein beträchtlicher Abschnitt, den Thomas Beecham respektlos "Einkaufsliste" nannte"), darunter auch "die Seelen von Menschen". Der rohen Energie, in der die Unterdrücker ihre Götter aus Silber, Bronze, Gold und anderen wertvollen Besitztümer anbeten, folgt ein Chor an aufrichtiger Klage, denn die Israeliten bedauern ihr Schicksal und bekräftigen ihren Glauben an Gott. Während das Festmahl in Belshazzars Palast wilder und haltloser wird, erscheint eine mysteriöse, hebräische Nachricht an der Wand: "mene mene tekel uparsin" (Ihr wurdet gewogen und für zu leicht befunden). Die Rache erfolgt auf dem Fuße: "In dieser Nacht wurde der König Belshazzar getötet und sein Königreich zerteilt."

Walton schrieb Musik im großen Stil mit äußerstem Selbstbewusstsein und seine Orchestrierung, brillant und evokativ, steht in scharfem Kontrast zu dem, was mit Händel beginnend den größten Teil der englischen Chortradition darstellte.

(c) Roy Brewer

Kaufempfehlung:
Christopher Purves (Bariton), Huddersfield Choral Socieety, Leeds Philharmonic Chorus, English Northern Philharmonia, dir, Paul Daniel
Label: Naxos, DDD, 1996/2001
YouTube:
Bryn Terfel (Bariton), BBC Singers, BBC Symphony Chorus, BBC Symphony Orchestra, dir. Andrew Davis

HAYDN: Die Schöpfung

Joseph Haydn
Lebensdaten: 31. März 1732 Rohrau (Österreich) - 31. Mai 1809 Wien (Österreich)
Werk: Die Schöpfung, Hob. XXI:2
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1798
Uraufführung: 29. März 1798 in Wien
Besetzung: Solisten, Chor und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 45 Minuten
Teile:

  • Einführung. Die Vorstellung des Chaos
  • Im Anfange schuf Gott
  • Und der Geist Gottes schwebte auf der Fläche der Wasser
  • Nun schwanden vor dem heiligen Strahle
  • Verzweiflung, Wut und Schrecken
  • Und Gott machte das Firmament
  • Da tobten brausend heftige Sturme
  • Mit Staunen sieht das Wunderwerk
  • Und laut ertönt aus ihren Kehlen
  • Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser
  • Rollend in schäumenden Wellen
  • Und Gott sprach: Es bringe die Erde Gras hervor
  • Nun beut die Flur das frische Grün
  • Und die himmlischen Heerscharen
  • Stimmt an die Saiten
  • Und Gott sprach: Es sei'n Lichter an der Feste der Himmels
  • In vollem Glanze (Accompagnato)
  • Die Himmel erzählen die Ehre Gottes
  • Und Gott sprach: Es bringe das Wasser
  • Auf starken Fittiche schwinget sich der Adler stolz
  • Und Gott schuf große Walfische und ein jedes
  • Seid fruchtbar alle (Accompagnato)
  • Und die Engel rührten ihr' unsterblichen Harfen
  • In holder Anmut stehn
  • Der Herr ist groß in seiner Macht
  • Und Gott sprach: Es bringe die Erde hervor lebende Geschöpfe nach ihrer Art
  • Gleich öffnet sich der Erde Schoß (Accompagnato)
  • Nun scheint in vollem Glanze der Himmel
  • Und Gott schuf den Menschen
  • Mit Würd' und Hoheit angetan
  • Und Gott sah jedes Ding
  • Vollendet is das große Werk
  • Zu dir, o Herr, blickt alles
  • Vollendet ist das große Werk
  • Alles lobe seinen Namen
  • Aus Rosenwolken bricht, geweckt
  • Von deiner Gut, o Herr und Gott
  • Der Sterne hellster, o wie schön
  • Heil dir, o Gott!
  • Nun ist die erste Pflicht erfüllt
  • Holde Gattin!
  • Der thauende Morgen, o wie ermuntert er!
  • O glücklich Paar
  • Singt dem Herren alle Stimmen!
  • Des Herren Ruhm, er bleibt in Ewigkeit

Eines von Haydns zwei großen Chormeisterwerken, Die Schöpfung, wurde im Jahr 1795 komponiert zu einem Libretto, das speziell hierfür von Baron Gottfried von Swieten angefertigt wurde und gemeinschaftlich auf dem Buch Genesis, ergänzt durch passende Abschnitte aus dem Buch der Psalmen und auf John Miltons allegorischer Studie über Schöpfung und Sündenfall, Paradise Lost, beruht.

Zu dieser Zeit war der einst scheinbar unaufhaltsame händelsche Oratorienkult schnell altmodisch und unmodern geworden im Zuges des Rufes der Aufklärung nach Vernunft und der Abweisung religiöser Dogmen zugunsten dem Streben nach materieller Objektivität. Im Nachhinein wirkt es daher schon ein wenig ironisch, dass ein von Händel bereits abgelehntes Thema einen Konvergenzpunkt für Haydns frommen Glauben und dem vorherrschenden, intellektuellen Klima der Epoche liefert, das gleichzeitig noch neues Vertrauen in ein Genre schürte, dessen Tage bereits gezählt schienen. Der Musikwissenschaftler Hans Schnoor nannte dies "einen außergewöhnlichen Fall der vollständig musikalischen Interpretation der sozialen und individuellen Psyche" und es war doppelt bemerkenswert, wenn man die Exzentrizitäten und Eigenheiten bedenkt, die in Swietens Text verstreut sind.

Das Oratorium beginnt mit einer der futuristischsten Episoden, die man in der gesamten vorromantischen Musik findet. Es ist die berühmte "Vorstellung des Chaos", die als Geleit zum Werk dient. Die unfokussierten harmonischen Strukturen und Atmosphäre an vager Formlosigkeit muss Haydns Zeitgenossen verdutzt haben und der Abschnitt klingt auch für moderne Ohren immer noch verblüffend und hoch impressionistisch.

Ein gleichermaßen genialer Moment und einer, dem John Milton zweifellos zugestimmt hätte, kommt, wenn der Chor über einem gedämpften, langsam pulsierenden Hintergrund des Orchesters singt: "Und der Geist Gottes schwebte auf der Fläche der Wasser..."

Urplötzlich und unerhört singt der Chor "Und es ward Licht!" in einem der ergreifendsten Fortissimo-Ausbrüche in C-Dur, die man in der gesamten Musik finden kann! Es war ein logischer, natürlicher Schritt und einer, der völlig typisch war für den späten, großartigen Haydn am Gipfelpunkt seiner Schaffenskraft. Danach folgt ein frohlockender Erguss nach dem anderen, wenn der Chor dem himmlischen Schöpfer für jeden nachfolgenden Tag der Schöpfung huldigt.

Erzählende oder rein beschreibende Stücke werden den drei Solisten überlassen, die nach den Erzengeln Gabriel, Uriel und Raphael benannt sind, nur vom Orchester begleitet. Haydns meisterhaft angewandte technische Fähigkeiten stellen jedoch sicher, dass es durchweg eine zufriedenstellende Balance gibt zwischen den jeweiligen vokalen und instrumentalen Kräften, wie zu hören ist, wann immer Chor und Solisten zusammen zu hören sind. Gute Beispiele dafür sind "Mit Staunen sieht das Wunderwerk" für Sopran mit Chor und das Terzett "In holder Anmut steh'n", das direkt in den Chor "Der Herr ist groß in seiner Macht" führt. In diesem Abschnitt sind alle drei Solisten und der Chor mit Orchester beschäftigt, genauso wie im berühmtesten Teil des Oratoriums "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes".

(c) Michael Jameson

Kaufempfehlung:
Christina Landshamer, Maximilian Schmitt, Rudolf Rosen (Solisten), Collegium Vocale Gent, Orchestre des Champs-Élysées, Dir. Philippe Herreweghe
Label: PHI, DDD, 2014
Christoph Pregardien, Edith Mathis, René Pape (Solisten), Festival Choir Luzern, Scottish Chamber Orchestra, Dir. Peter Schreier
Label: Arthaus, 1992
YouTube:
Christina Landshamer, Toby Spence, Matthew Rose (Solisten), Orchestra of the Age of Enlightenment, Dir. Trevor Pinnock

HÄNDEL: Der Messias

Georg Friedrich Händel
Lebensdaten: 5. März 1685 Halle/Saale (Herzogtum Magdeburg) - 14. April 1759 London (Großbritannien)
Werk: Der Messias, HWV 56 (Messiah)
Epoche: Barock
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Entstehungszeit: 1741
Uraufführung: 13. April 1742 in der New Music Hall von Dublin (Irland)
Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden, 15 Minuten
Teile:

  1. Sinfonia in E minor
  2. Comfort ye my people
  3. Ev'ry valley shall be exalted
  4. And the glory of the Lord
  5. Thus saith the Lord of Hosts
  6. But who may abide the day of His coming
  7. And He shall purify the sons of Levi
  8. Behold, a virgin shall conceive
  9. O thou that tellest good tiding to Zion
  10. For behold, darkness shall cover the earth
  11. The people that walked in darkness
  12. For unto us a Child is born
  13. Pifa in C major [Pastoral Symphony]
  14. There were shepherds abiding in the field
  15. And lo, the angel of the Lord came upon them
  16. But lo, the angel of the Lord came upon them (Arioso)
  17. And the angel said unto them
  18. And suddenly there was with the angel a multitude
  19. Glory to God in the highest
  20. Rejoice greatly
  21. Then shall the eyes of the blind be open'd
  22. He shall feed His flock like a shepherd
  23. His yoke is easy, His burden is light
  24. Behold the Lamb of God
  25. He was despised and rejected
  26. Surely, He hath borne our griefs and carried our sorrows
  27. And with His stripes we are healed
  28. All we like sheep
  29. All they that see Him, laugh Him to scorn
  30. He trusted in God that He would deliver Him
  31. Thy rebuke hat broken His heart
  32. Behold, and see if there be any sorrow
  33. He was cut off out of the land of the living
  34. But Thou didst not leave His soul in hell
  35. Lift up your heads, O ye gates
  36. Unto which of the angels said He at any time
  37. Let all the angels of God worship Him
  38. Thou art gone up on high
  39. The Lord gave the word; great was the company of the preachers
  40. How beautiful are the feet of them
  41. Their sound is gone out into all the lands (Arioso)
  42. Their sound is gone out into all the lands (Chorus)
  43. Why do the nations so furiously rage together
  44. The Kings of the earth rise up
  45. Let us break their bonds asunder
  46. He that dwelleth in heaven
  47. Thou shalt break them with a rod of iron
  48. Hallelujah
  49. I know that my Redeemer liveth
  50. Since by man came death
  51. Behold, I tell you a mystery
  52. The trumpet shall sound
  53. Then shall be brought to pass the saying
  54. O death, where is thy sting?
  55. But thanks to be to God
  56. If God be for us
  57. Worthy is the Lamb was slain
  58. Amen

Vielleicht mit Ausnahme der Wassermusik ist das Oratorium Messias das einzige Werk Händels, das weltweit bekannt ist. Dennoch wurde es zu einer Zeit komponiert, als Händel etwas das Glück entschwunden zu sein schien. Seine letzten Versuche zur Oper zurückzukehren stellten sich mit Imeneo (1740) und Deidamia (1741) als Fehlgriffe heraus und Gerüchte besagten sogar, dass er aus Verzweiflung über das Londoner Publikum im Begriff war England zu verlassen. Zufällig lockte Pfarrer und Autor Charles Jennens, Händels Zuarbeiter für "Saul", Händel zur Idee des englischen Oratoriums zurück; fast zur gleichen Zeit erhielt der Komponist ein Angebot von William Cavendish, Lordleutnant von Irland, in der nächsten Spielzeit der Darbietung von Oratorien in Dublin teilzunehmen. Das von Jennens an Händel vorgelegte Libretto drehte sich um die Geburt und Passion Christi. Es hieß "Messiah". Händel machte sich am 22. August 1741 an die Arbeit an dem Libretto und stellte die Partitur gerade einmal drei Wochen später am 12. September fertig.

Das daraus resultierende geistliche und nicht-dramatische Oratorium war ein Novum für Händel und obwohl es die letzte große Phase von Oratorienkompositionen des Komponisten einläutete schrieb er nie wieder ein ähnliches. Der Messias ist daher völlig atypisch innerhalb des Kontextes von Händels Oratorien, von denen sich der Großteil auf das Alte Testament oder apokryphische Texte in dramatisierter Form bezieht. Als eine Bekräftigung des christlichen Glaubens bringt er den weltlichen Händel näher an Bach als jedes andere seiner Werke, obwohl auch das nicht ausreichte, um zeitgenössische Vorwürfe opernhafter Einflüsse zu verhindern. Es lohnt sich auch ins Gedächtnis zu rufen, dass zu Händels Zeit der Messias häufiger in Opernhäusern als in Kirchen aufgeführt wurde.

Jennens teilte seinen Text in drei Teile auf, wovon der erste von der Prophezeiung des Messias' und deren Erfüllung handelt. Der zweite nimmt uns von der Passion bis zum Triumph der Wiederauferstehung, während sich der letzte Teil um die Rolle des Messias im Leben nach dem Tod kümmert. Händels Vertonung besteht aus der üblichen Gegenüberstellung von Rezitativen, Arien und Chören. Jennens Libretto schöpft aus einem großen Spektrum an Quellen sowohl aus Altem und Neuem Testament, einzigartig für Händels Oratorien ist aber, dass es keine mit Namen benannten Personen gibt. Das Drama wird daher ausschließlich durch die Botschaft im Text ausgedrückt, am Beeindruckendsten durch die überwältigenden Chöre, die die anhaltende Popularität des Oratoriums sichergestellt haben. Die Uraufführung fand in der New Music Hall von Dublin am 13. April 1742 statt. Sie wurde unter großem Beifall aufgenommen, das Dublin Journal rief aus, dass "der Messias von den wichtigsten Kritikern als das vollendetste Werk der Musikgeschichte angesehen wird." Der Triumph wiederholte sich im folgenden Jahr im Covent Garden, wofür Händel zwei weitere Soli hinzufügte. Weitere Überarbeitungen erfolgten 1745 für die berühmten Aufführungen im Foundling Hospital, was alle nachfolgenden Dirigenten mit dem Problem zurückließ, welche nun Händels "endgültigen" Absichten waren. Zur Zeit des Todes des Komponisten im Jahre 1758 hatte der Messias bereits einen Kultstatus erreicht, den er nie wieder verlor.

Neben seinen ungemein beliebten Chören - von denen das "Hallelujah" König ist - liegt der größte Reiz des Messias in seinen wirkungsvollen Arien und Rezitativen für Solisten. Das beginnende "Every Valley", vom Tenor gesungen, legt die Stimmung an Melodienreichtum und gefühlvollem Charme fest und ihm wird gleich getan von "Rejoice Greatly" des Sopran, "He was Despised" des Alt und "The Trumpet Shall Sound" für den Bass.

(c) Brian Robins

Kaufempfehlung:
Henry Jenkinson, Otta Jones, Robert Brooks (Solisten), New College Oxford Choir, Academy of Ancient Music, Dir. Edward Higginbottom
Label: Naxos, DDD, 2006
Lynne Dawson, Hilary Summers, John Mark Ainsley (Solisten), King's College Choir, Brandenburg Consort, Dir. Roy Goodman
Label: Arthaus, 1984
YouTube:
Ailish Tynan, Alice Coote, Allan Clayton, Matthew Rose (Solisten), Chori of King's College Cambridge, Academy of Ancient Music, Dir. Stephen Cleobury

BACH: Matthäuspassion

Johann Sebastian Bach
Lebensdaten: 21. März 1685 Eisenach (Sachsen-Eisenach) - 28. Juli 1750 Leipzig (Sachsen)
Werk: Matthäuspassion, BWV 244
Epoche: Barock
Entstehungszeit: 1736
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Uraufführung: 30. März 1736 in der Thomaskirche von Leipzig (Sachsen)
Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden, 40 Minuten
Teile:

  1. Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen
  2. Da Jesus diese Rede vollendet hatte
  3. Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen
  4. Da versammelten sich die Hohenpriester
  5. Ja nicht auf das Fest, auf dass nicht ein Aufruhr
  6. Da nun Jesus war zu Bethanien
  7. Wozu dienet dieser Unrat?
  8. Da das Jesus merkete, sprach er zu ihnen
  9. Du lieber Heiland du
  10. Buß und Reu knirscht das Sündeerherz entzwei
  11. Da ging hin der Zwölfen einer, mit Namen Judas Ischarioth
  12. Blute nur, du liebes Herz!
  13. Aber am ersten Tage der süßen Brot
  14. Wo willst du, daß wir dir bereiten
  15. Er sprach: Gehet hin in die Stadt zu einem
  16. Und die Jünger täten
  17. Und sie wurden sehr betrübt
  18. Herr, bin ich's
  19. Ich bin's ich sollte büßen
  20. Er antwortet und sprach
  21. Wiewohl mein Herz in Tränen schwimmt
  22. Ich will dir mein Herze schenken
  23. Und da sie den Lobgesang gesprochen hatten
  24. Erkenne mich, mein Hüter
  25. Petrus aber antwortete und sprach zu ihm
  26. Ich will hier bei dir stehen
  27. Da kam Jesus mit ihnen zu einem Hofe
  28. O Schmerz! hier zittert das gequälte Herz!
  29. Ich will bei meinem Jesu wachen
  30. Und ging hin ein wenig, fiel nieder auf sein Angesicht
  31. Der Heiland fällt vor seinem Vater nieder
  32. Gerne will ich mich bequemen
  33. Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend
  34. Was mein Gott will, das g'scheh allzeit
  35. Und er kam und fand sie aber schlafend
  36. So ist mein Jesus nun gefangen
  37. Laßt ihn, haltet, bindet nicht
  38. Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden
  39. Und siehe, einer aus denen, die mit Jesu waren
  40. O Mensch, bewein' dein' Sünde groß
  41. Ach, nun ist mein Jesus hin!
  42. Die aber Jesum gegriffen hatten
  43. Mir hat die Welt
  44. Und wiewohl viel falsche Zeugen herzutraten
  45. Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen
  46. Mein Jesus schweigt
  47. Geduld! Wenn mich falsche Zungen stechen
  48. Und der Hohepriester antwortete und sprach
  49. Er ist des Todes schuldig
  50. Da speiten sie aus in sein Angesicht
  51. Weissage uns
  52. Wer hat dich so geschlagen
  53. Petrus aber saß draußen im Palast
  54. Wahrlich, du bist auch einer von denen
  55. Da hub er an, sich zu verfluchen und zu schwören
  56. Erbarme dich, mein Gott [Have mercy, Lord]
  57. Bin ich gleich von dir gewichen
  58. Des Morgens aber hielten alle Hohenpriester
  59. Was gehet uns das an?
  60. Und er warf die Silberlinge in den Tempel
  61. Gebt mir meinen Jesum wieder!
  62. Sie hielten aber einen Rat
  63. Befiehl du deine Wege
  64. Auf das Fest aber hatte der Landpfleger
  65. Laß ihn kreuzigen
  66. Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe!
  67. Der Landpfleger sagte: Was hat er denn Übels getan?
  68. Er hat uns allen wohlgetan
  69. Aus Liebe will mein Heiland sterben
  70. Sie schrieen aber noch mehr und sprachen
  71. Laß ihn kreuzigen
  72. Da aber Pilatus sahe, dass er nichts schaffete
  73. Sein Blut komme über uns
  74. Da gab er ihnen Barrabbam los
  75. Erbarm es Gott! Hier steht der Heiland angebunden
  76. Können Tränen meiner Wangen
  77. Da nahmen die Kriegsknechte des Landpflegers Jesum zu sich
  78. Gegrüßet seist du, Jüdenkönig
  79. Und speieten ihn an
  80. O Haupt voll Blut und Wunden
  81. Und da sie ihn verspottet hatten
  82. Ja freilich will in uns das Fleisch und Blut
  83. Komm, süßes Kreuz
  84. Und da sie an die Stätte kamen, mit Namen Golgatha
  85. Der du den Tempel Gottes zerbrichst
  86. Desgleichen auch die Hohenpriester spotteten sein
  87. Andern hat er geholfen
  88. Desgleichen schmäheten ihn auch die Mörder
  89. Ach, Golgatha, unselges Golgatha
  90. Sehet, Jesus hat die Hand uns zu fassen ausgespannt
  91. Und von der sechsten Stunde an ward eine Finsternis
  92. Der rufet den Elias
  93. Und bald lief einer unter ihnen
  94. Halt! laß sehen
  95. Aber Jesus schriee abermal laut
  96. Wenn ich einmal soll scheiden
  97. Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriß
  98. Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen
  99. Und es waren viel Weiber da
  100. Am Abend, da es kühle war
  101. Mache dich, mein Herze
  102. Und Joseph nahm den Leib
  103. Herr, wir haben gedacht
  104. Pilatus sprach zu ihnen: Da habt ihr die Huter
  105. Nun ist der Herr zur Ruh gebracht
  106. Wir setzen uns mit Tränen nieder
Es ist unklar wie viele Passionsvertonungen Bach schrieb: vielleicht, aber eher unwahrscheinlich fünf, vermutlich drei oder vier. Nur zwei haben bis heute überlebt; die zweite davon, die Matthäuspassion, datiert auf das Jahr 1729. Die Passionen, biblische Texte vertont als musikalische Werke großen Umfangs, wurden an Karfreitag aufgeführt und erzählten die Geschichte der Kreuzigung Jesu gemäß den Aposteln.

Die Matthäuspassion ist ein im Charakter sehr unterschiedliches Werk gegenüber seinem übriggebliebenen Vorgänger, der Johannespassion: die erstgenannte ist tief andächtig, introvertiert und in der Stimmung meditativ, während die letztgenannte dramatisch intensiver ist mit mehr Handlung in seiner Erzählung. Die Matthäuspassion wird oft mit Bachs monumentaler Messe h-Moll verglichen, sowohl in Reichweite, wie auch in Pietät. In der Thomaskirche von Leipzig uraufgeführt, vertont das Werk einen Text von Christian Picander (der auch der Autor der hypothetischen, verloren gegangenen Bach-Passion von 1725 gewesen sein mag). Ein weiterer bedeutsamer Unterschied zwischen Johannes- und Matthäuspassion liegt in ihren jeweiligen Texten: der der Johannespassion ist sehr kurz, beginnt mit Judas' Verrat an Christus und fokussiert sich auf dessen Prozess vor Pilatus; auf der anderen Seite ist der Text der Matthäuspassion sehr lang und enthält fast doppelt so viele Verse wie der der Johannespassion.

Die Matthäuspassion ist auch musikalisch viel stattlicher mit ihren zwei vierstimmigen Chören und dem großen Orchester aus Streichern, Flöten, Oboen, Cembalo und Orgel. Bach zieht besonders scharfen und vielseitigen Nutzen aus seinen beiden Chören in diesem Stück; sie werden repräsentativ als die Stimmen verschiedener Gruppen an Gläubigen gehört und auch als die lärmende, höhnische Menge bei der Kreuzigung. Ein gefeierter Aspekt des Werk ist die Art, wie Bach die Instrumentengruppen nutzt, um verschiedene Effekte zur Untermalung des Textes zu erreichen; ein Heiligenschein über Jesus wird z.B. durch die weichen, zurückhaltenden Akkorde eines Streicherensembles suggeriert und Bach zeichnet die Ermüdung Jesu auf dem Weg nach Golgatha mit einem tiefen Orgelpunkt. Wie die Johannespassion enthält auch die Matthäuspassion sowohl Text der Apostel, wie auch von Kirchenliedern und beide verwenden Rezitative, Arien und Choräle.

Die Ähnlichkeiten zwischen Bachs Passionen und dem katholischen Oratorium sind auffällig. Die Passionen sind wie das Oratorium eine Art religiöse Oper; wie auch in diesem offenkundiger dramatischen Genre dienen Arien als Vehikel für lyrischen Ausdruck und Rezitative, um die textliche Handlung voranzubringen. Die zentrale Figur in der Matthäuspassion ist sowohl musikalisch wie dramatisch der Evangelist (ein Tenor), der die Geschichte erzählt. Die Natur seiner ausschließlich erzählerischen und nicht handlungsinvolvierten Rolle wird durch seine Begrenzung auf rezitative Teile klar gemacht; ihm wird nie die Gelegenheit für ausgedehntere Lyrik gegeben. Diese Art des Ausdrucks wird den anderen Gesangssolisten zuteil, die die Persönlichkeiten all jener im Drama Involvierten übernehmen und ihnen eine Stimme verleihen.

Die Musik wird am Besten als Ganzes geschätzt, in dessen Kontext der dramatische Bogen und die geistliche Überzeugung des Werks überaus klar sind. Es gibt jedoch eine Reihe herausstechender Höhepunkte, die regelmäßig einzeln gespielt werden. Diese beinhalten die Sopranarie "Blute nur, du liebes Herz", die Altarie "Erbarme dich", die eine obligate, sprich hauptstimmige Violine mit beinhaltet und die Bassarie "Mache dich, mein Herze, rein."

(c) Alexander Carpenter

Kaufempfehlung:
Ian Bostridge, Franz-Josef Selig, Sibylla Rubens, Andreas Scholl, Werner Güra, Dietrich Henschel (Solisten), Collegium Vocale Gent, Dir. Philippe Herreweghe
Label: Harmonia Mundi, DDD, 1999
Margaret Marshall, Claes-Håkan Ahnsjö, Hermann Prey, Christoph Dobmeier (Solisten), Tölzer Knabenchor, Chorgemeinschaft Neubeuern, Bach Collegium München, Dir. Enoch zu Guttenberg
Label: Arthaus, 1990
YouTube:
Christina Landshamer, Stefan Kahle, Wolfram Lattke, Martin Lattke, Klaus Mertens, Gotthold Schwarz (Solisten), Thomanerchor und Gewandhausorchester Leipzig, Dir. Georg Christoph Biller
aus der Thomaskirche in Leipzig, 5.-6. April 2012