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VAUGHAN WILLIAMS: Fantasia on a Theme by Thomas Tallis

Ralph Vaughan Williams
Lebensdaten: 12. Oktober 1872 Down Ampney (England) - 26. August 1958 London
Werk: Fantasia on a Theme by Thomas Tallis
Epoche: Postromantik
Entstehungszeit: 1910
Uraufführung: 6. September 1910 in der Kathedrale von Gloucester
Besetzung: Streichquartett und 2 Streichorchester
Aufführungsdauer: ca. 15 Minuten

Die Uraufführung von Vaughan Williams' Fantasia on a Theme by Thomas Tallis fand im Rahmen des Three Choirs Festivals in der Kathedrale von Gloucester am 6. September 1910 statt. Das Programm widmete sich hauptsächlich Edward Elgars Oratorium "The Dream of Gerontius", was zu gewissen Teilen ihren relativ kühlen Zuspruch erklären könnte. Aber auch die für damalige Verhältnisse unübliche Behandlung eines unüblichen Quellenmaterials könnte das Publikum verwirrt haben.

Vaughan Williams begegnete Tallis' Hymne, während er das Buch "The English Hymnal" 1906 herausbrachte; sie trat zuerst in Erzbischof Parkers metrischem Psalter von 1567 auf und war eine Vertonung der Worte "Why fumeth in fight?". Die eigenartigen modalen Eigenschaften der Melodie mit ihren auffallenden verminderten Septen gestatteten dem Komponisten nicht nur beträchtliche harmonische Freiheit gegenüber den üblichen Einschränkungen der Diatonik und Chromatik, sondern machte auch das gleichzeitige Gefühl des Altertümlichen und Modernen möglich, das das Markenzeichen des Werks ist.

Die Tallis-Fantasie ist für zwei Streichorchester, von denen das eine als "entfernter" Chor funktioniert, sowie einem einzelnen Streichquartett angelegt. Nach fünf weit auseinander gelegenen Akkorden und ein paar wenigen Takten, in denen das Thema fragmentarisch von Pizzicato-Bässen, Celli und gestrichen schwankenden mittleren Streichern angestoßen wird, wird Tallis' Hymnenmelodie in ihrer Originalharmonie von Bratschen und Celli mit Tremolando-Begleitung der hohen Streicher dargeboten, bevor sie in einer Version wiederholt wird, die die gesamten harmonischen und kontrapunktischen Fertigkeiten einer großen Streichersektion offen legt.

Dann trennen sich die Streicherchöre für einen kurzen Teil ab, in dem Fragmente von Tallis' Thema im ersten Streichorchester von entfernten, akkordischen Träumereien des zweiten Orchesters beantwortet werden. Dies dient nicht nur als kurze Durchführung, sondern führt auch das einzelne Streichquartett ein, dessen meisterhafter Kontrapunkt Vaughan Williams' Affinität für Streichinstrumente demonstriert. Wenn dann die rhapsodische Meditation an Intensivität zunimmt, treten die moderneren Aspekte der Komposition stärker in den Fokus mit vage impressionistischen Harmonien, die sich mit den modalen vermengen und zu einem beeindruckenden Höhepunkt führen, in dem die beiden Orchester mit ihrer vollen Akkordkraft von der Leine gelassen werden. Das Streichquartett führt eine abschließende, leuchtende Träumerei über Tallis' Melodie ein und die Fantasie endet mit einer kurzen Coda, in der die Solovioline einen kurzen Segen ausspricht, während das Orchester abklingt.

(c) Mark Satola

Kaufempfehlung:
New Zealand Symphony Orchestra, Dir. James Judd
Label: Naxos, DDD, 2001
YouTube:
BBC Symphony Orchestra, Dir. Anthony Davis
in der Kathedrale von Gloucester

VAUGHAN WILLIAMS: Sinfonie Nr. 2 "A London Symphony"

Ralph Vaughan Williams
Lebensdaten: 12.10.1872 Down Ampney, England - 26.08.1958 London, England
Werk: Sinfonie Nr. 2 "A London Symphony"
Epoche: Postromantik
Entstehungszeit: 1911-1913
Uraufführung: 27. März 1914 in London, England
Aufführungsdauer: ca. 46 Minuten

Sätze:

  1. Lento - Allegro risoluto (molto pesante)
  2. Lento
  3. Scherzo (Nocturne). Allegro vivace
  4. Andante con moto - Maestoso alla marcia (quasi lento) - Allegro - Maestoso alla marcia (alla 1) - Epilogue (Andante sostenuto)
Geoffrey Toye dirigierte das Queen's Hall Orchestra bei der ersten Aufführung von Vaughan Williams' Londoner Sinfonie am 27. März 1914 in London. 1951 erst nahm Vaughan Williams neue Versionen der Sinfonien 1-6 vor. An Sir John Barbirolli schrieb er, dass "die London Symphony nicht mehr zu reparieren ist - doch mit all ihren Makeln liebe ich sie dennoch; sie ist tatsächlich meine Liebste aus der Familie der sechs." Seine Liebste hatte eine bewegte Geschichte. Sein Freund George Butterworth sagte: "Du weißt aber schon, dass du eine Sinfonie schreiben musst?" Vaughan Williams pflichtgemäß schrieb A London Symphony und hörte sie aufgeführt und schickte die Partitur 1914 zur Veröffentlichung nach Deutschland. Sie ging verloren, wurde aus den einzelnen Teilen aber wiederhergestellt; Vaughan Williams nahm 1918 Kürzungen und Anpassungen vor, 1920 erneut, bevor er das Werk mit einer Widmung in Gedenken an Butterworth veröffentlichte. Er war aber noch nicht fertig: Vaughan Williams nahm 1934 und erneut 1936 Kürzungen vor für eine dann endgültig gebliebene, ebenfalls veröffentlichte Version. Die Bitten gewisse Teile wiederherzustellen trafen auf taube Ohren: "Es ist viel zu lang, viel zu lang und in der Mitte gab es einige Stellen mit fürchterlich moderner Musik - schreckliches Zeug. Ich habe das herausgekürzt - habe es nicht ertragen", schrieb er an Bernard Herrmann, der die Version von 1920 in New York gespielt hatte.

In vier Sätzen angelegt, sind sie mehr wie vier zusammengehörige Tondichtungen im Stile von Sibelius' Lemminkäinen-Legenden. Vaughan Williams neigte dazu ihre programmatische Natur herunterzuspielen, vor allem in späteren Jahren, aber er schrieb Folgendes, verzahnt mit Beobachtungen von Michael Kennedy und Butterworth in Klammern:

"Es gibt vier Sätze. Der erste beginnt mit einem langsam Vorspiel (kurz vor der Dämmerung oder wie Wordsworth es beschrieb: 'dieses ganze mächtige Herz liegt noch ruhig', intonieren Harfe und Klarinette den Westminsterschlag). Dies führt zu einem lebhaften Allegro - das vielleicht den Lärm und Aufruhr Londons nahelegt mit seiner immer darunter liegenden Ruhe (zwei Solocelli, zwei Soloviolinen und Harfe beginnen eine Träumerei in einer von Londons Grünflächen oder Kirchen, die sich zu einer Rückbesinnung auf eines der Hauptthemen entwickelt...).

Der zweite (langsame) Satz wurde 'Bloomsbury Square an einem November-Nachmittag' genannt. Das mag als Hinweis auf die Musik dienen, ist aber nicht notwendigerweise eine 'Erklärung' für sie. (Für Butterworth eine 'Idylle an grauen Wolken und abgelegenen Nebenwegen'. Kennedy hörte das 'Weinen eines Lavendelverkäufers, das Vaughan Williams in Chelsea vernahm... das Läuten eines Hansom-Taxis'.)

Der dritte Satz ist eine Nocturne in Form eines Scherzo. Wenn sich der Hörer vorstellt, wie er nachts am Westminsterufer steht, umgeben von entfernten Klängen des Strands mit seinen großartigen Hotels auf der einen und dem 'New Cut' auf der anderen Seite, mit seinen belebten Straßen und flackernden Lichtern (die Fröhlichkeit der Cockneys zum fingierten Klang einer Mundharmonika), dann kann das als Stimmung hilfreich sein, in der man ihn hört...

Der letzte Satz besteht aus einem aufgewühlten Thema im Dreiertakt, sich abwechselnd mit einem Marschsatz, zunächst feierlich (nicht alle Anlässe in London sind in ihrer Natur Prunk) und später energiegeladen. Am Ende des Finales kommt eine Andeutung auf den Lärm und das Fieber des ersten Satzes - dieses Mal sehr gedämpft - dann einmal mehr der 'Westminsterschlag'. Es folgt ein 'Epilog', in dem sich das langsame Vorspiel zu einem Satz mit gewisser Länge entwickelt (Die sich kräuselnden Phrasen der Flöten, Violinen und Bratschen stellen eindeutig die Themse dar... das Coda wurde von einer Passage in H.G. Wells' Novelle Tono Bungay inspiriert: 'To run down the Thames so is to run one's hand over the pages in the book of England from end to end... The river passes - London passes, England passes...')."

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
London Symphony Orchestra, cond. Bryden Thomson
Label: Chandos, DDD, 1984-90


YouTube:
Orquesta Sinfónica de Radio Televisión Española, cond. Carlos Kalmar
2012