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BRUCH: Violinkonzert Nr. 1 g-Moll

 

Max Bruch

Lebensdaten: 6. Januar 1838 Köln - 2. Oktober 1920 Berlin
Werk: Violinkonzert Nr. 1 g-Moll, op. 26
Epoche: Postromantik
Entstehungszeit: 1864-68
Besetzung: Violine und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 24 Minuten
Sätze:

  1. Prelude. Allegro moderato
  2. Adagio
  3. Finale. Allegro energico

Bruch schrieb sechs substanzielle, mehrsätzige Werke für Violine und Orchester, aber nur dieses - das erste seiner drei offiziellen Konzerte - und die Schottische Fantasie sind heute noch wirklich bekannt. Eine kleine Wiedergutmachung für diese Vernachlässung ist die Tatsache, dass dies eines der beliebtesten Konzerte des 19. Jahrhunderts im Repertoire ist, was umso bemerkenswerter ist, weil es das erste große Orchesterwerk war, das Bruch überhaupt veröffentlicht hatte. Das Werk fiel ihm nicht leicht. Bruch begann 1857 mit ersten Skizzen des Konzerts, zog es aber nach seiner Uraufführung 1866 wieder zurück. Nach einer gründlichen Überarbeitung, die auf Ratschlägen einer ganzen Reihe von Violinisten und Komponisten beruhte, am Bekanntesten darunter der Violinvirtuose Joseph Joachim, veröffentlichte Bruch 1868 eine finale Version. Sie wurde von Joachim uraufgeführt und ihm gewidmet. Obwohl er das Werk in der traditionellen Form Schnell-Langsam-Schnell angelegt hat, entwickelte Bruch jeden Satz in Sonatenform und verband sie alle ohne Pause.

Der erste Satz Allegro moderato trägt den Untertitel Vorspiel, ein Relikt aus der Zeit, als Bruch dies eher zu einer Fantasie als einem Konzert machen wollte. Ein ruhiger Paukenwirbel und ein paar niedergeschlagene Phrasen der Holzbläser bereiten die Bühne für den nachdenklichen Auftritt der Violine, eine Melodie, die sukzessive aufsteigt. Dies alles wird etwas bestimmter wiederholt bis das volle Orchester die Kontrolle über das Holzbläsermotiv übernimmt und die Violine ein langes, leidenschaftliches Thema über bebenden Streichern und unheilvollen Paukenschlägen zum Besten gibt. Das zweite Hauptthema ist sanglicher und liegt tiefer im Violinregister bis eine Reihe an Trillern es in erregtere hohe Gefilde trägt, wo es für eine gewisse Zeit verweilt. Dann wird erneut das erste Thema präsentiert, Doppelgriffe verdoppelt seine Intensität. Dies führt in die Durchführung ein, eine stürmische Passage für das Orchester, während der die Violine friedvoll bleibt. In der Rückkehr der Anfangstakte des Satzes dienen die Solophrasen der Violine nun als verkürzte Kadenzen. Eine kurze Kombination aus Reprise und Coda im Orchester führt zum zweiten Satz.

Das Adagio ist eine nostalgische Arie für die Violine. Die Solopartitur wird zunehmend kopmliziert und schlittert in ein feurigeres, aber weniger klar umrissenes zweites Thema, welche in drei schweren Seufzern des Orchesters und anschließend des Solisten kulminiert. Bruch unterzieht dem allen einer profunden Entwicklung, hochgradig emotional ohne dabei rührselig zu werden. Die Reprise lässt nach und fügt eine sehr kurze Pause vor dem Finalsatz ein.

Dieser ist das Allegro energetico, welches sich nach einem behutsamen Orchesteraufbau als froher Tanz in etwas ungarischem Stil herausstellt (ein Tribut sowohl an Joachim, der Ungar war, als auch das von Joachim beeinflusste Finale von Brahms' Violinkonzert). Dem Tanzthema folgt etwas hastendes, virtuoses Material für den Solisten und anschließend eine große, romantische Melodie, welche gegen Ende der Exposition ihre eigene Klimax kreiert. Bruchs Idee der Durchführung besteht hier größtenteils aus einer transponierten Wiederholung von allem, gespielt in etwas emotionalerem Register. Es ist der ungarische Tanz, der das Konzert zu einem belebenden Ende bringt, welches man nach dem bedrückten Beginn des Werks kaum hätte vermuten können.

(c) James Reel

Kaufempfehlung:
Salvatore Accardo (Violine), Gewandhausorchester Leipzig, dir. Kurt Masur
Label: Decca, ADD, 1978

YouTube:
Hilary Hahn (Violine), hr-Sinfonieorchester, dir. Andrés Orozco-Estrada
9. Dezember 2016 in der Alten Oper Frankfurt (Main)


SIBELIUS: Violinkonzert d-Moll

Jean Sibelius
Lebensdaten: 8. Dezember 1865 Hämeenlinna (Finnland) - 20. September 1957 Järvenpää (Finnland)
Werk: Violinkonzert d-Moll, op. 47
Epoche: Postromantik/Moderne
Entstehungszeit: 1903-04
Uraufführung: 8. Februar 1904 in Helsinki
Besetzung: Violine und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 32 Minuten
Sätze:

  1. Allegro moderato
  2. Adagio di molto
  3. Allegro, ma non tanto

Das Violinkonzert ist nicht das einzige Werk, das der Finne Sibelius für Solovioline und Orchester geschrieben hat; er schrieb eine Reihe an exzellenten, kürzeren Werken, darunter Zwei Serenaden (1913) und Sechs Humoresken (1917). Aber das Konzert ist sicherlich das ambitionierteste all dieser Werke. Trotz der frühen Begeisterung einiger weniger Violinisten - insbesondere von Maud Powell, der in der US-Uraufführung mit den New Yorker Philharmonikern 1906 der Solist war und das Werk auf einer transkontinentalen Tour mehrfach spielte - gelang es dem Werk nur langsam beim Publikum Gefallen zu finden. Erst als Jascha Heifetz sich des Werkes annahm und es in den 1930ern aufnahm wurde das Konzert zu dem was es heute ist: eines der beliebtesten Konzerte aus dem Repertoire der nationalen Romantik.

Sibelius selbst war ein guter Violinist. Er begann mit 15 das Instrument beim Kapellmeister seiner Heimatstadt zu lernen und nahm kurze Zeit später an Kammermusikkonzerten teil und spielte auch in seinem Schulorchester. Er hatte das Gefühl zu spät in seinem Leben mit der Violine begonnen zu haben, um ein wahrer Virtuose zu werden, aber er schaffte es seiner intensiven Kenntnis vom Instrument auf diesem, seinem einzigen Konzert, das er 1903 fertiggestellt hatte, Ausdruck zu verleihen. Der Solist bei der Uraufführung sollte der Freund des Komponisten, Willy Burmeister, sein. Als aber terminliche Schwierigkeiten auftraten wurde die Ehre die Uraufführung des Werks am 8. Februar 1904 in Helsinki zu spielen an Viktor Nováček verliehen, Sibelius selbst dirigierte. Nach dieser gleichgültig rezipierten Aufführung nahm Sibelius das Werk für Überarbeitungen zurück. Letztendlich wurde das Werk gekürzt, darunter die Herausnahme einer Solokadenz und es enthielt einen helleren Orchesterklang. Die erste Aufführung der überarbeiteten Partitur fand am 19. Oktober 1905 in Berlin statt mit Richard Strauss als Dirigenten, sowie Karl Halir, einem Mitglied von Joseph Joachims Quartett, als Solisten.

Sibelius hegte nicht die größte Hochachtung für Violinenvirtuosen oder für viele der für sie komponierten Werke. In seinem Konzert schafft er es eine ideale Balance zwischen instrumentaler Brillanz und den reiner musikalischen, strukturellen und emotionalen Werten zu schaffen. Einmal gab er einem Schüler einen Rat über das Komponieren von Konzerten und sagte, dass man die Geduld des Publikums (und die Dummheit mancher Solisten!) beachten und lange, rein orchestrale Passagen vermeiden solle. Er nahm seinen eigenen Rat sicherlich zu Herzen, da der Violinist das ausdrucksstarke Hauptthema des ersten Satzes im vierten Takt aufnimmt und das Rampenlicht für den Rest des halbstündigen Konzerts kaum mehr verlässt.

Der in Sonatenform angelegte Anfangssatz kontrastiert Passagen der Zurückhaltung und Melancholie mit Passagen großer Kraft und Intensität. Eine unübliche Eigenschaft ist die Kadenz für den Solisten mitten im Satz, die einige Qualitäten mit ähnlichen Passagen der großen Virtuosenkonzerte des 19. Jahrhunderts teilt, aber substanzieller ist und stärker integriert in die Gesamtform des Stücks. Holzbläserduette beginnen den langsamen, zweiten Satz, woraufhin der Solisten die füllige, fast Tschaikowski-hafte Hauptmelodie aufnimmt. Später im Satz hat der Violinist einen teuflischen, zweiteiligen Kontrapunkt zu spielen. Dies ist nur eine der zahlreichen, technischen Hürden, die der Solist in diesem Werk bewältigen muss; viele mehr treten im brillanten, tänzerischen dritten Satz auf mit seinem insistierenden Rhythmus und der volkstümlichen Anordnung seiner Melodien. Die Aufregung und das Momentum dauern bis ganz zum Ende des Werks fort.

(c) Chris Morrison

Kaufempfehlung:
Viktoria Mullova (Violine), Boston Symphony Orchestra, dir. Seiji Ozawa
Label: Philips, DDD, 1985
YouTube:
Maxim Vengerov (Violine), Chicago Symphony Orchestra, dir. Daniel Barenboim
aus der Philharmonie in Köln

BACH: Violinkonzert d-Moll

Johann Sebastian Bach
Lebensdaten: 21. März 1685 Eisenach - 28. Juli 1750 Leipzig
Werk: Violinkonzert d-Moll, BWV 1043
Epoche: Barock
Entstehungszeit: 1730-31
Besetzung: 2 Violinen und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 17 Minuten
Sätze:

  1. Vivace
  2. Largo ma non tanto
  3. Allegro

Diese Musik wurde zwischen 1717 und 1723 in Köthen komponiert und höchstwahrscheinlich uraufgeführt von Joseph Spiess und Martin Friedrich Marcus mit Fürst Leopolds Hoforchester. In Köthen hatte Bach keine Orgel zur Verfügung trotz seiner gesamtdeutschen Reputation als Virtuose an diesem Koloss unter den barocken Instrumenten. Er war jedoch auch an der Violine, der Gambe und natürlich dem Klavier sachkundig. Ohne der Verfügbarkeit seiner ersten Wahl oder kirchlichen Verpflichtungen, wie sie später in Leipzig auf ihn zukommen sollten, konzentrierte sich Johann Sebastian auf Instrumentalmusik in vielerlei Kombinationen - das Meiste davon ging später verloren. Zusammen mit der Sammlung der Brandenburgischen Konzerte überlebten nur noch zwei weitere Konzerte für Solovioline und das Konzert d-Moll für zwei Violinen aus einer Sammlung aus wer weiß wie vielen über diejenigen hinaus, die Bach nach 1729 für ein, zwei, drei und vier Klaviere neu geschrieben hatte. All seine Konzerte, darunter die Brandenburgischen, hatten Vivaldi als ihren Ausgangspunkt und manche waren sogar Transkriptionen der Werke des italienischen Meisters. Bachs Genie war natürlich, dass er die Musik eines Mannes, der indirekt sein Mentor war, individualisieren und auch übersteigen konnte. Seine Werke hatten nicht die Sinnlichkeit oder Esprit derjenigen Vivaldis; Bach war Lutheraner und damit über Stimmung und Umwelt hinaus an eine Religion gebunden, die die säkularen Exzesse ablehnte, in denen sich der Katholizismus (so sah es zumindest Luther) seit dem Mittelalter gesuhlt hatte.

Obwohl die Oper in Bachs Erziehung, Leben oder Musik keinen Platz fand, war er dennoch fähig zu vorzüglicher Lyrik, Wärme und Sanftmütigkeit und das nie stärker als im Largo, ma non tanto bezeichneten Mittelsatz dieses Doppelkonzerts mit seinem sizilianischen 12/8-Rhythmus und den Solomelodien, die sich gegenseitig zu liebkosen scheinen, während sie sich überdecken und verknüpfen. Zu beiden Seiten dieses köstlichen Duologs zeigt der barocke Kontrapunktiker jedoch seine Meisterhand in Synthese und Organisation. Das Konzert beginnt mit einer fugalen Darstellung zweier kontrastierender Themen und ihrer "Durchführung" im Ritornellostil durch g-Moll und c-Moll, bevor das Orchester das Anfangsthema ein letztes Mal in einer "Reprise" wiederholt. Das in Dreiertakt stehende Allegro-Finale enthält gleichermaßen Nachahmung und Wiederholung mit den Solisten im Vordergrund und Zentrum. Mehr noch als im ersten Satz gibt es das Gefühl einer embryonalen Sonatenform mit der bezaubernden Überraschung einer Reprise in g-Moll anstatt der Tonika d-Moll.

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Café Zimmermann
Label: Alpha, DDD, 2002
YouTube:
Yehudi Menuhin, Dawid Oistrach (Violine)

TSCHAIKOWSKI: Violinkonzert D-Dur

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg
Werk: Violinkonzert D-Dur, op. 35
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1878
Besetzung: Violine und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 32 Minuten
Sätze:

  1. Allegro moderato
  2. Canzonetta. Andante
  3. Finale. Allegro vivacissimo

Tschaikowski komponierte dieses Werk 1878. In Clarens, nahe Genf, stellte Tschaikowski nach seinem Fehlversuch einer Ehe, sowie seinem Selbstmordversuch, sowohl den Onegin als auch Anfang 1878 die vierte Sinfonie fertig. Nach einer Rundreise nach Moskau im Februar für die Uraufführung der Sinfonie, wurde er in Clarens vom Violinisten Iossif Kotek besucht. Tschaikowski skizzierte aus Zuneigung zu Kotek in gerade einmal 11 Tagen ein Violinkonzert und hatte die Orchestrierung zwei Wochen später fertig, darin befand sich ein neuer langsamer Satz anstelle eines, den Kotek und Tschaikowski jüngerer Bruder Modest als zu schwach empfunden hatten.

Pjotr Iljitsch widmete das neue Konzert an Leopold Auer, den legendenumwobenen ungarischen Emigranten, der zwei Generationen an russischen Virtuosen unterrichten sollte. Doch genau wie Nikolaj Rubinstein vier Jahre zuvor das Klavierkonzert b-Moll verunglimpft hatte, erklärte Aue dieses neue für "unspielbar" (obwohl auch er sich widerruf und zu einem der Meister des Werkes wurde). Daher war es ein Wiener Publikum, das am 4. Dezember 1881 mit Adolf Brodski und Dirigent Hans Richter die Uraufführung zu hören bekam. Es war eine unzureichend geprobte und schwach begleitete Aufführung über die Eduard Hanslick schrieb: "sie ruft in uns den empörenden Gedanken hervor, dass es einfach Musik geben könnte, die 'in den Ohren stinkt'". Er schrieb in der gleichen Kritik jedoch auch, dass "das Konzert Proportion hat, musikalisch ist und nicht ohne Genie."

Zusätzlich zu seiner strukturellen Schlüssigkeit strotzt das Konzert geradeso vor Melodien, in solcher Fülle, dass die wunderbare Eröffnungsmelodie des Orchesters nie noch einmal auftritt! Danach erhält der Solist den jeweils ersten Versuch an ihnen, beginnend mit dem "sehr gemäßigten" Hauptthema. Das zweite ist als molto espressivo bezeichnet, woraufhin das Hauptthema vor der Durchführung zurückkehrt, die in einer prächtigen Solokadenz endet, gefolgt von der Reprise und Coda.

Die Canzonetta ("kleines Lied") in Andante in 3/4-Takt mit ABA-Form enthält ein Hauptthema in g-Moll (das zusätzlich als molto espressivo bezeichnet wurde) und ein kontrastierend schnelleres, Chopin-ähnliches zweites Thema in Es-Dur. Ohne Pause beginnt der nächste Satz wie ein Überschallflugzeug von der Startrampe. Es ein Trepak in Rondoform mit zwei extrovertierten Themen mit folkloristischem Charakter, abgerundet von einer ausgedehnten Coda, die das Stück wie ein Derwisch beenden lässt. Kein russischer Komponist vor oder nach Tschaikowski hat je wieder ein Konzert mit größerer Finesse oder Elan beendet, nicht einmal Rachmaninow (der mit Tschaikowskis Segen schon früh lernte wo er sein Handwerk lernen musste).

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Nathan Milstein (Violine), Wiener Philharmoniker, Dir. Claudio Abbado
Label: DGG, ADD, 1973
YouTube:
Julia Fischer (Violine), Orchestre Philharmonique du Radio France, Dir. Wassili Petrenko

BRAHMS: Violinkonzert D-Dur

Johannes Brahms
Lebensdaten: 7. Mai 1833 Hamburg - 3. April 1897 Wien (Österreich)
Werk: Violinkonzert D-Dur, op. 77
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1878
Uraufführung: 1. Januar 1879 in Leipzig
Besetzung: Violine und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 40 Minuten
Sätze:

  1. Allegro non troppo
  2. Adagio
  3. Allegro giocoso, ma non troppo vivace

Brahms komponierte diese Musik während des Sommers 1878 und leitete die Uraufführung mit seinem Widmungsträger Joseph Joachim als Solisten am 1. Januar 1879 in Leipzig.

In den 1860er-Jahren tourte Brahms als Joachims Pianist. Trotz der zwischen den Beiden liegenden Kilometern - der Violinist lebte in Berlin, während Brahms sich nach 1867 dauerhaft in Wien niederließ - gedeihten ihr gegenseitiger Respekt, sowie die Bewunderung. Das galt bis 1881, als "Jussuf", ein krankhaft eifersüchtiger Ehemann, seiner Frau Ehebruch vorwarf und seinen und Brahms' Verleger Fritz Simrock als entsprechenden Partner nannte. Da er Joachims Wahn kannte, tröstete Brahms die Dame privat in einem Brief, den sie während des Scheidungsprozesses allerdings öffentlich machte - und mit dem der Richter öffentlich übereinstimmte, was in den Gedanken des Geigers dem Affront weiteren Schaden zufügte. Die nächsten sechs Jahre lang herrschte Stillschweigen zwischen ihnen. Untypischerweise brach Brahms das Schweigen, indem er 1887 sein "Doppelkonzert" für Joachim und einen Cellisten nach Wahl schrieb - das letzte Werk für Orchester des Komponisten, obwohl er noch ein ganzes Jahrzehnt länger leben sollte. Aber dennoch war er nie mehr so eng an Joachim als 1878, als Brahms Skizzen für ein neues Klavierkonzert (das später fertiggestellte B-Dur, op. 83) beiseite legte, um stattdessen eines für ihn zu machen.

Als Sommerkomponist schrieb er die Musik in Pörtschach; ein kleiner Kurort am Wörthersee im südlichen Österreich, den er sowohl reizend, als auch zuträglich fand (bis ihn gewisse "Frauenbewunderer" 1879 über die Schmerzgrenze hinaus nervten). Brahms schuf ein großes Werk in der Tradition Beethovens, obwohl er die Idee von zwei Mittelsätzen aufgab; an ihrer Statt setzte er ein Adagio in F-Dur mit einem engelhaften Oboensolo, aber einem stürmischeren Mittelteil in f-Moll, bevor die Ruhe zurückkehrt.

Der Anfangssatz, als nicht zu schnell bezeichnet, hat eine volltönende Einführung des Orchesters in 3/4-Takt, die sich zu einer ersten Exposition des Hauptthemas aufbaut. Wenn die Violine eintritt, geschieht das mit einer ausgedehnten Zurschaustellung über Hörner in Oktaven und einem Paukenwirbel, bevor sie das Hauptthema und eine "zweitrangige" Gruppe spielt, aus der eine Melodie schlicht hinreißend ist. Brahms beginnt seine Durchführung in a-Moll; eine von Joachim beigesteuerte Kadenz erfolgt nach der Reprise.

Danach folgt das bereits erläuterte filigrane Adagio, dann ein Rondo-Finale mit einem "ungarischen" Hauptthema (das "giocoso, ma non troppo vivace" genannt wurde). Die Meisten sind sich einig, dass Brahms hiermit Joachims Herkunft salutierte; er wurde nahe Pressburg geboren, später Poszony genannt - das heutige Bratislava in der Slowakei. Die Musik strotzt vor Herausforderungen, wird aber nie zu dem Zirkusstück, das so viele Violinkonzerte des 19. Jahrhunderts darstellten.

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Anne-Sophie Mutter (Violine), Berliner Philharmoniker, Dir. Herbert von Karajan
Label: DGG, DDD, 1981
YouTube:
Janine Jansen (Violine), Chamber Orchestra of Europe, Dir. Bernard Haitink
aus dem Concertgebouw in Amsterdam

VIVALDI: Die vier Jahreszeiten

Antonio Vivaldi
Lebensdaten: 4. März 1678 Venedig - 28. Juli 1741 Wien (Österreich)
Werk: Die vier Jahreszeiten, RV 269, 315, 293 & 297 (op. 8 Nr. 1-4)
Epoche: Barock
Entstehungszeit: 1725
Besetzung: Violine und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 40 Minuten
Sätze:

  • Der Frühling (La primavera)
  1. Allegro
  2. Largo e pianissimo sempre
  3. Danza pastorale. Allegro
  • Der Sommer (L'estate)
  1. Allegro non molto
  2. Adagio
  3. Tempo impetuoso d'Estate. Presto
  • Der Herbst (L'autunno)
  1. Allegro
  2. Ubriachi dormienti. Adagio molto
  3. La caccia. Allegro
  • Der Winter (L'inverno)
  1. Allegro non molto
  2. Largo
  3. Allegro
Indem er hunderte an Beispielen produziert hat, muss Antonio Vivaldi als der unbestrittene König des barocken Instrumentalkonzerts angesehen werden. Durch das Schreiben solcher Werke für eine Vielzahl verschiedener Instrumente - Violine, Viola d'amore, Cello, Mandoline, Flöte, Oboe, Fagott, Trompete, Horn und andere - solo und in verschiedenen Kombinationen war Vivaldi ein bahnbrechender Faktor in der Entwicklung eines Genres, das in den Werken von Mozart und Beethoven zu klassischer Perfektion reifte, seinen Gipfel in den romantischen Werken von Paganini, Brahms und Tschaikowski erreichte und in den Werken solch unterschiedlicher Komponisten wie Berg, Prokofjew und Ligeti das gesamte 20. Jahrhundert hindurch anhaltende Beliebtheit genoss. Bedenkt man die bloße Menge von Vivaldis Violinkonzerten - alleine in der Tonart D-Dur schrieb er mindestens 35 Stück - ist es nicht überraschend, dass viele zu fast totaler Unbekanntheit verkamen. Auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe von vier Konzerten aus Vivaldis Opus 8 (1725) - in der Gesamtheit bekannt als Die vier Jahreszeiten - die die bekanntesten und charakteristischsten Werke des Komponisten bleiben. Neben den Eigenschaften, die mittlerweile mit dem Großteil von Vivaldis Musik assoziiert werden - Anmut, Virtuosität, energiegeladene, motorische Rhythmen - sind die Konzerte der vier Jahreszeiten für ihre außerordentliche programmatische Vorstellungskraft bemerkenswert, die von einem scharfen Fokus auf formale Struktur ausbalanciert wird. Jedes Konzert wird von einem beschreibenden Gedicht begleitet, dessen Bilderwelt zu einem essentiellen Bestandteil des Gefüges der Musik wird. Die Vögel beispielsweise, die die Jahreszeit "mit ihren fröhlichen Liedern" in La primavera (Der Frühling) begrüßen, werden farbenfroh dargestellt in den kunstvoll verzierten Phrasierungen des Werks. L'estate (Der Sommer) ist in ähnlich lebhaften Farben gemalt, die sowohl das Pfeifen eines Schafhirten, wie auch einen zunehmenden Sturm porträtieren. L'autunno (Der Herbst) wird von einer volkstümlichen Erntefeier und dem Galoppieren einer berittenen Jagdgruppe charakterisiert. Die Trostlosigkeit und Dissonanz von L'inverno (Der Winter) erschaffen ein ernstes, aber ausdrucksstarkes Porträt, das eine fesselnde Zusammenfassung von Vivaldis bildlichem Genie in diesen vier Werken liefert.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
Monica Huggett (Violine), The Academy of Ancient Music, Dir. Christopher Hogwood
Label: Decca, ADD/DDD, 1980-86
Midori Seiler (Violine), Akademie für Alte Musik Berlin, Dir. Georg Kallweit
Label: HMF, 2008
YouTube:
Julia Fischer (Violine), Academy of St. Martin in the Fields, Dir. Kenneth Sillito
Juli 2011 im National Botanical Garden von Wales

BEETHOVEN: Violinkonzert D-Dur

Ludwig van Beethoven
Lebensdaten: 16. Dezember 1770 Bonn (Kurköln) - 26. März 1827 Wien (Österreich)
Werk: Violinkonzert D-Dur, op. 61
Epoche: Klassik/Romantik
Entstehungszeit: 1806
Besetzung: Violine und Orchester
Uraufführung: 23. Dezember 1806
Aufführungsdauer: ca. 45 Minuten
Sätze:

  1. Allegro ma non troppo
  2. Larghetto
  3. Rondo. Allegro

Beethoven schrieb sein Violinkonzert D-Dur, op. 61 (1806) auf dem Gipfelpunkt seiner sogenannten "zweiten" Phase, einer der fruchtbarsten Zeitspannen seines kreativen Schaffens. In den wenigen Jahren, die zum Violinkonzert hinführten, hatte Beethoven solch Meisterwerke wie die Sinfonie Nr. 3, op. 55 (1803), das Klavierkonzert Nr. 4, op. 58 (1805-06) und zwei seiner wichtigsten Klaviersonaten, die Nr. 21 C-Dur, op. 53 (Waldstein, 1803-04) und die Nr. 23 f-Moll, op. 57 (Appassionata, 1804-05) produziert. Das Violinkonzert stellt eine Fortführung dar - eigentlich eine der krönenden Errungenschaften - zu Beethovens Untersuchung des Konzerts, einer Gattung, in der er sich nur noch ein einziges weiteres Mal versuchen wollte für das Klavierkonzert Nr. 5 (1809).

Zur Zeit des Violinkonzerts hatte Beethoven die Violine in konzertanten Rollen in einem begrenzteren Kontext eingesetzt. Um die Zeit seiner ersten beiden Sinfonien hatte er zwei Romanzen für Violine und Orchester produziert; einige Jahre später nutzte er die Violine als Mitglied des Solistentrios im Tripelkonzert (1803-04). Trotz ihrer musikalischen Wirksamkeit müssen diese Werke noch als Studien und Versuche angesehen werden im Vergleich zum Violinkonzert, das deutlich offenkundiger Beethovens meisterhaftes Arrangement der eindeutigen formalen und dramatischen Kräfte der Konzert-Gattung aufzeigt.

Charakteristisch für Beethovens Musik ist wie die dramatischen und strukturellen Verwicklungen des Konzerts von vornherein auftauchen in einer Reihe an ruhigen Paukenschlägen, die einige frühe Kritiker dazu brachten, das Werk als das "Paukenschlagkonzert" zu dimittieren. So auffällig es ist, ist dieses flüchtige, pochende Motiv mehr als nur Aufmerksamkeitshascherei; es liefert in der Tat die grundlegende Basis für das melodische und rhythmische Material, das folgen soll. Mit über 25 Minuten an Länge ist der erste Satz als einer der ausgedehntesten von allen Werken Beethovens, inklusive der Sinfonien, bemerkenswert. Seine Breite geht aus Beethovens Verwendung der klassischen Ritornellform hervor - die sich im ausgedehnten Tutti manifestiert, das dem Auftreten der Violine vorausgeht - sowie aus dem durchweg umfangreichen Verwenden des melodischen Materials des Komponisten. Der zweite Satz nimmt einen Platz unter der gelassensten Musik ein, die Beethoven je produzierte. Befreit von der dramatischen Unruhe des ersten Satzes, zeichnet sich der zweite durch eine ruhige, organische Lyrik aus. Gegen Ende führt ein abrupter orchestraler Ausbruch in eine Kadenz, die das Werk wiederum direkt in den Finalsatz führt. Das geniale Rondo, charakterisiert von einer volkstümlichen Robustheit und tänzerischer Energie, stellt einige der virtuosesten Anforderungen des Werks an den Solisten.

Auf Drängen Muzio Clementis - neben Beethoven selbst einer der größten Klaviervirtuosen jener Zeit - erstellte Beethoven später eine überraschend wirksame Transkription des Violinkonzerts als das unnummerierte Klavierkonzert D-Dur, op.61a, das dem ersten Satz berühmtermaßen eine ausgedehnte Kadenz hinzufügt, die zusätzlich zum Klavier auch Pauken verwendet.

(c) Michael Rodman

Kaufempfehlung:
Christian Tetzlaff (Violine), Tonhalle-Orchester Zürich, Dir. David Zinman
Label: Arte, DDD, 2004
YouTube:
Itzhak Perlman (Violine), Berliner Philharmoniker, Dir. Daniel Barenboim