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SCHUMANN: Klavierquintett Es-Dur

Robert Schumann
Lebensdaten: 8. Juni 1810 Zwickau - 29. Juli 1856 Endenich
Werk: Klavierquintett Es-Dur, op. 44
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1842
Besetzung: Klavier und Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 29 Minuten
Sätze:
  1. Allegro brillante
  2. In Modo d'una Marcia. Un poco largamente
  3. Scherzo. Molto vivace - Trio I & II
  4. Allegro ma non troppo

Robert Schumanns Quintett für Klavier und Streicher in Es-Dur hat sich einen Rang der Anerkennung unter den Klavierquintetten erarbeitet, eines von nur einer Handvoll, darunter auch Johannes Brahms' Beitrag zum Genre, sowie Dvořáks Opus 81, die weitere Bekanntheit erreichten als nur unter den ausführenden Künstlern. Obwohl Schumanns Meriten als Komponisten "rein" instrumentaler Musik umstritten sind, kann kein tiefer blickender Zuhörer bezweifeln, dass das Es-Dur-Quintett das Produkt einer sehr ertragreichen musikalischen Vorstellungskraft ist - frisch, lebensfroh und einfallsreich. 1842 war Schumanns Jahr der Kammermusik (so wie 1840 das des Liedes war): nachdem er drei Streichquartette produziert hatte, entschied Schumann eine zufriedenstellende Synthese seiner kürzlich erlernten Geläufigkeit mit Streichern und dem Klavier zu erstellen - seinem Hauptinstrument.

Der erste Satz, Allegro brillante benannt, beginnt mit einer beschwingten Idee, die noch lange im Ohr nachklingt, nachdem die Struktur schon einen ruhigeren Ton angenommen hat. Träumereien über diese Idee werden charakteristischen Figurationen am Klavier gegenübergestellt, bevor das zweite Thema, ein Dialog zwischen Cello und Bratsche, übernimmt. Die Durchführung beginnt in der Tonart a-Moll im Klavier; Fragmente der Melodie werden von den anderen Musikern gespielt, während sich die Musik in entferntere harmonische Regionen hineinbewegt. Die unaufhörliche Modulation und fragmentarische thematische Entwicklung werden von einem kühnen Auftreten des zuvor heroischen Hauptthemas unterbrochen. Schumann nimmt im Verlaufe der Reprise nur wenig Veränderungen an der Exposition vor, ändert nur wenige Takte für die notwendigen harmonischen Wechsel und das zweite Thema wird erwartungsgemäß in der Tonika anstatt der Dominante wiedergegeben.

In modo d'una Marcia, un poco largamente ist die Bezeichnung des folgenden Satzes, in dem durchweg eine Begräbnisatmosphäre vorherrscht. Die schlichte, mysteriöse Melodie wird von der ersten Violine vor dem Hintergrund einfacher Viertelnoten in den tiefen Registern der anderen vier Instrumente eingeführt. Das Auftreten des zweiten Themas ist ein willkommener Sonnenstrahl. Schumanns rhythmische Palette produziert ein magisches Gefühl der Statik, als ob die Zeit für einen kurzen, kostbaren Moment stillstehen würde. Es war auf Betreiben Felix Mendelssohns, dass Schumann entschied den Teil in As-Dur, der ursprünglich als Mittelteil dieses eigenartigen Satzes diente, zu verwerfen und ihn mit dem furiosen Angriff in f-Moll (Agitato) zu ersetzen, den die Nachwelt nun kennen lernen durfte. Der vielleicht beeindruckendste Moment im Satz ist das bemerkenswerte, absichtlich grobe Auftreten des Hauptthemas durch die Bratsche (auf deren C-Saite) in der Mitte der heftigen Triolenpassagen. Der Satz wird von einer Rückkehr des ursprünglichen Marschthemas abgerundet, nun mit einem dröhnenden Pizzicatohintergrund, der in einen leisen, außerweltlichen Akkord abklingt.

Das Scherzo molto vivace nimmt eine Reprise sowohl der Tonalität, als auch des lebhaften Charakters des ersten Satzes vor. Schumann verwendete zwei separate Trios im Satz, das erste ist ein lyrischer Kanon und der zweite ein kräftigerer Abschnitt in as-Moll.

Einige von Schumanns instrumentalen Werken schließen mit Sätzen ab, die nur blasse Schatten ihrer Geschwister sind; nicht so jedoch im Klavierquintett. Vom ersten Angriff in c-Moll (die Perkussivität davon überraschte schon viele unvorbereitete Hörer) bis zur finalen, glorreichen, kontrapunktischen Beendigung durchtränkt der Komponist dieses Finale mit einer so pikanten Mischung aus Elan, Unruhe und delikater Lyrik, dass es sicherlich als krönender Moment des gesamten Werks angesehen werden kann. Die Doppelfuge, die als Coda zum Finale dient, nutzt das Hauptthema des ersten Satzes als ihr eines Thema und das Hauptthema des letzten Satzes als ihr zweites und bildet daraus einen noblen und passenden Abschluss.

(c) Blair Johnston

Kaufempfehlung:
Dolf Bettelheim (Klavier), Samuel Rhodes (Bratsche), Beaux Arts Trio
Label: Philips, ADD, 1979/75
YouTube:
Daniil Trifonow (Klavier), Ariel String Quartet
Mai 2011 in Tel Aviv

VAUGHAN WILLIAMS: Fantasia on a Theme by Thomas Tallis

Ralph Vaughan Williams
Lebensdaten: 12. Oktober 1872 Down Ampney (England) - 26. August 1958 London
Werk: Fantasia on a Theme by Thomas Tallis
Epoche: Postromantik
Entstehungszeit: 1910
Uraufführung: 6. September 1910 in der Kathedrale von Gloucester
Besetzung: Streichquartett und 2 Streichorchester
Aufführungsdauer: ca. 15 Minuten

Die Uraufführung von Vaughan Williams' Fantasia on a Theme by Thomas Tallis fand im Rahmen des Three Choirs Festivals in der Kathedrale von Gloucester am 6. September 1910 statt. Das Programm widmete sich hauptsächlich Edward Elgars Oratorium "The Dream of Gerontius", was zu gewissen Teilen ihren relativ kühlen Zuspruch erklären könnte. Aber auch die für damalige Verhältnisse unübliche Behandlung eines unüblichen Quellenmaterials könnte das Publikum verwirrt haben.

Vaughan Williams begegnete Tallis' Hymne, während er das Buch "The English Hymnal" 1906 herausbrachte; sie trat zuerst in Erzbischof Parkers metrischem Psalter von 1567 auf und war eine Vertonung der Worte "Why fumeth in fight?". Die eigenartigen modalen Eigenschaften der Melodie mit ihren auffallenden verminderten Septen gestatteten dem Komponisten nicht nur beträchtliche harmonische Freiheit gegenüber den üblichen Einschränkungen der Diatonik und Chromatik, sondern machte auch das gleichzeitige Gefühl des Altertümlichen und Modernen möglich, das das Markenzeichen des Werks ist.

Die Tallis-Fantasie ist für zwei Streichorchester, von denen das eine als "entfernter" Chor funktioniert, sowie einem einzelnen Streichquartett angelegt. Nach fünf weit auseinander gelegenen Akkorden und ein paar wenigen Takten, in denen das Thema fragmentarisch von Pizzicato-Bässen, Celli und gestrichen schwankenden mittleren Streichern angestoßen wird, wird Tallis' Hymnenmelodie in ihrer Originalharmonie von Bratschen und Celli mit Tremolando-Begleitung der hohen Streicher dargeboten, bevor sie in einer Version wiederholt wird, die die gesamten harmonischen und kontrapunktischen Fertigkeiten einer großen Streichersektion offen legt.

Dann trennen sich die Streicherchöre für einen kurzen Teil ab, in dem Fragmente von Tallis' Thema im ersten Streichorchester von entfernten, akkordischen Träumereien des zweiten Orchesters beantwortet werden. Dies dient nicht nur als kurze Durchführung, sondern führt auch das einzelne Streichquartett ein, dessen meisterhafter Kontrapunkt Vaughan Williams' Affinität für Streichinstrumente demonstriert. Wenn dann die rhapsodische Meditation an Intensivität zunimmt, treten die moderneren Aspekte der Komposition stärker in den Fokus mit vage impressionistischen Harmonien, die sich mit den modalen vermengen und zu einem beeindruckenden Höhepunkt führen, in dem die beiden Orchester mit ihrer vollen Akkordkraft von der Leine gelassen werden. Das Streichquartett führt eine abschließende, leuchtende Träumerei über Tallis' Melodie ein und die Fantasie endet mit einer kurzen Coda, in der die Solovioline einen kurzen Segen ausspricht, während das Orchester abklingt.

(c) Mark Satola

Kaufempfehlung:
New Zealand Symphony Orchestra, Dir. James Judd
Label: Naxos, DDD, 2001
YouTube:
BBC Symphony Orchestra, Dir. Anthony Davis
in der Kathedrale von Gloucester

HAYDN: Streichquartett Nr. 77 C-Dur "Kaiserquartett"

Joseph Haydn
Lebensdaten: 31. März 1732 Rohrau (Österreich) - 31. Mai 1809 Wien
Werk: Streichquartett Nr. 77 C-Dur, Hob. III:77 "Kaiserquartett"
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1797
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 26 Minuten
Teile:

  1. Allegro
  2. Poco Adagio. Cantabile
  3. Menuetto - Trio
  4. Finale. Presto

Dies ist sowohl das bekannteste, als auch berüchtigste der Streichquartette Haydns, alles nur, weil der zweite Satz, eine wunderschöne Hymne, später vom bösesten Regime des 20. Jahrhunderts misshandelt wurde. Damals im späten 18. Jahrhundert stellte Napoleon eine ernste Bedrohung für das Habsburger Kaiserreich dar; nachdem seine Armeen 1796 die Steiermark angegriffen hatten, trieb dies Haydn zu einem Ausbruch an Nationalismus. Als sogenanntes Kaiserlied vertonte er patriotische Worte von L.L. Haschka und hatte damit einen unmittelbaren Erfolg in seiner Hand. Er war entschlossen alle "popularisierten" Arrangements selbst zu schreiben, darunter eines für Streichquartett. Dieses wurde zum langsamen Satz des dritten Quartetts seiner Sammlung opus 76. Die bewegte, ehrwürdige Melodie war zu gut um sie beiseite zu legen. Spätere Komponisten wie Czerny und Smetana gliederten sie in eigene Werk ein. Und ein paar Jahrzehnte nach dem endgültigen Zusammenbruch des österreichischen Kaiserreichs beschlagnahmten die Nazis die Melodie für das Lied "Deutschland über alles". Dies schränkte die Beliebtheit des Quartetts unter den Alliierten während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein, dieser Fleck wurde aber schon bald abgeschwemmt.

Das ganze Quartett scheint eine patriotische Angelegenheit zu sein, sobald man erkennt, dass der erste Takt des beginnenden Allegros ein musikalisches Anagramm ist. Seine Noten korrespondieren mit den ersten Buchstaben der Worte "Gott erhalte Franz den Kaiser" (für "Kaiser" wurde ein C verwendet); dies wiederum ist die Anfangszeile des Kaiserlieds, auf dem der zweite Satz beruht. Das ist kaum auffällig, wenn man nicht gerade die Partitur studiert, denn man hört nur eine helle, vergnügte C-Dur-Melodie, der die erste Violine schon bald einen obsessiv punktierten Rhythmus zuordnet. Im späten 18. Jahrhundert wurde dieser Rhythmus übrigens symbolisch mit königlichen Anlässen assoziiert. Das gesamte thematische Hauptmaterial des Satzes leitet sich aus diesem kurzen Stück Musik ab. Die Durchführung enthält eine für Haydn charakteristische Überraschung: eine ungarische Szene in E-Dur mit einer zigeunerhaften Begleitung aus starken Akzenten auf unbetonten Schlägen. Dies war Haydns Tribut an die ungarischen Aristokraten, die Haydn anstellten und diese Quartette in Auftrag gegeben hatten; sie übernahmen einen Großteil der Rechnung für den Krieg des Kaisers gegen Napoleon.

Der zweite Satz, Poco Adagio - Cantabile, beginnt mit einem besonders zarten Auftritt der Kaiserhymne und nimmt daraufhin vier Variationen daran vor. Die erste ist eine ruhige, aber kunstvolle Ausarbeitung für die erste Violine, während die zweite Geige das Thema in seiner Originalform spielt. Die nächste Variation verlegt das Thema zum Cello hinab, während die Bratsche und zweite Violine die Harmonie liefern und die erste Violine den Kontrapunkt bietet. Schließlich erhält die Bratsche ihren eigenen Auftritt des Themas in der dritten Variation, während die darüber- und darunterliegenden Instrumente sich darum schlängeln. Zu guter Letzt kommt eine üppig harmonisierte Version des Themas mit ausgeklügelteren inneren Stimmen als zu Beginn, aber nichts so komplexes wie das, was dazwischen stattgefunden hat.

Das Menuett ist ein gut gelaunter Salontanz, besonders gekennzeichnet von einer leicht spöttischen, nach unten gleitenden Phrase in der ersten Violine. Das Trio ist eine vorsichtig klingende Variation des Hauptthemas des Menuetts.

Das Presto-Finale wirft uns in etwas, das ein Wissenschaftler als eine Gefechtsszene in c-Moll beschrieben hat: Franz gegen Napoleon. Der Satz beginnt mit drei lauten, zerklüfteten Akkorden und lässt schließlich die erste Violine ein Trommelfeuer aus acht Noten abfeuern, die Musik ist aber nur wenig explizit militaristisch. Nachdem dieses Material intensiv verarbeitet wurde, kehrt das Hauptthema in einer C-Dur- Version zurück, die zweifellos optimistisch klingt, doch nicht unbedingt triumphal.

(c) James Reel

Kaufempfehlungen:
Joachim-Quartett
Label: Tho, DDD, 1986
YouTube:
Attacca Quartet
Banff International String Quartet Competition, 2013

BORODIN: Streichquartett Nr. 2 D-Dur

Alexander Borodin
Lebensdaten: 12. November 1833 St. Petersburg - 27. Februar 1887 St. Petersburg
Werk: Streichquartett Nr. 2 D-Dur
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1881
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 28 Minuten
Teile:

  1. Allegro moderato
  2. Scherzo. Allegro
  3. Nocturne. Andante
  4. Finale. Andante - Vivace
Borodins Streichquartett Nr. 2 in D-Dur unterschiedet sich auf zweierlei Weise von vielen der anderen Werke des Komponisten: es wurde zügig fertiggestellt, im August 1881 und es fehlt ein veröffentlichtes Programm. Diese beiden Faktoren könnten zusammenhängen; Borodin widmete das Quartett seiner Frau Jekaterina und es wurde geschrieben als Erinnerung daran, als sie sich 20 Jahre zuvor in Heidelberg kennenlernten und ineinander verliebten. Der Komponist scheint sich in diesem Quartett selbst darzustellen mit dem Cello (er war ein Hobbyspieler), während Jekaterina von der ersten Violine porträtiert wird. Jeder Satz ist warm und wonnevoll, das Ganze legt die Schilderung einer wachsenden, tiefer werdenden Liebe nahe. Der erste Satz bginnt mit einer süßen, seufzenden Melodie, die zwischen der ersten Violine und dem Cello in fast schon plauderhafter Art ausgetauscht wird. Borodin und Jekaterina dominieren den Rest des Satzes mit einer verführerischen Unterhaltung; selbst die Durchführung bringt mühelose, gelassene Umgestaltungen der Melodien der Exposition hervor und die leuchtende Coda rundet den Satz wunderbar ab. Ein in freier Sonatenform geschriebenes Scherzo folgt. Das helle erste Thema springt anmutig mit, während das zweite Thema an einen Walzer erinnert; beides sind behutsame Tänze, behutsam gehandhabt. Die Durchführung ist in entschiedenerem, geradem Rhythmus, die Reprise bringt aber schon bald den Dreier-Rhythmus und dessen dazugehörigen Charakter zurück. Borodin und Jekaterina treten im nun folgenden, berühmten Nocturne wieder auf. Über einer leuchtenden Gaze an Begleitung von zweiter Violine und Bratsche führt das Cello in eine lange, zarte, inbrünstige Melodie ein, die als cantabile ed espressivo angegeben wurde. Diese Melodie wird schon bald an die erste Violine gereicht, die sie über begleitendem Kommentar des Cellos spielt. Es tritt ein entschiedeneres, zweites Thema in beiden Instrumenten auf, die es entwickeln, bevor sie das erste Thema in einem intimen Kanon spielen. Das erste Thema klingt bis zum Ende des Satzes nach, wenn es in einer langen Coda aufsteigt, bis es Violine und Cello zusammen in einer silbrigen Tonkette spielen. Das Finale beginnt mit einer Andante-Einführung, als ob es unwillig sei von den emotionalen Höhepunkten des vorherigen Satzes herunterzukommen, führt aber schon bald zu einem wieselflinken, energiegeladenen Vivace, dessen lange Coda einen passend fröhlichen Abschluss zum gesamten Werk liefert. Was Liebesbriefe anbelangt ist Borodins Streichquartett Nr. 2 unübertroffen; was Streichquartette anbelangt wird es verdientermaßen geschätzt.

(c) Andrew Lindemann Malone

Kaufempfehlung:
Emerson String Quartet
Label: DGG, DDD, 1984
YouTube:
Kiev String Quartet "Rasumovsky"

MOZART: Streichquartett Nr. 19 C-Dur "Dissonanzen"

Wolfgang Amadeus Mozart
Lebensdaten: 27. Januar 1756 Salzburg - 5. Dezember 1791 Wien
Werk: Streichquartett Nr. 19 C-Dur, KV 465 "Dissonanzen"
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1785
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 30 Minuten
Sätze:

  1. Adagio - Allegro
  2. Andante cantabile
  3. Menuetto & Trio. Allegro
  4. Allegro

Das letzte der sechs Quartette, die Mozart an Haydn widmete, das KV 465, steht offiziell in der sonnigen Tonart C-Dur, verdankt ihren Beinamen "Dissonanzen" der langsamen, nervösen Einleitung voller unaufgelöster Harmonien über einer pochenden Cellomelodie. Schon bald macht dieses verwirrende Adagio Platz für den hellen Allegro-Hauptteil des ersten Satzes. Die ersten Violinen pfeifen ein kurz phrasiertes Hauptthema, das die anderen Instrumente bald darauf in kontrapunktischer Nachahmung aufgreifen. Eine zweite, aufgeregtere Melodie und eine dritte in Triolen werden alle zu Futter für eine kurze Durchführung, obwohl es das erste Thema ist, das nun in kleiner Besetzung die Geschehnisse dominiert bis die Reprise das aufgewühlte Quartett beruhigt - die Exposition kehrt natürlich ohne die Last der "dissonanten" Einleitung zurück.

Der zweite Satz, Andante cantabile, wickelt sich in ein warmes F-Dur ein und alle vier Instrumente erkunden eine Bandbreite an hochgradig lyrischen thematischen Passagen. Als Drittes erfolgt ein originelles, haydn-isches Menuett (und eines, das Beethoven beeinflussen sollte), voller plötzlicher dynamischer Kontraste und dem Gegenüberstellen verschiedener Kombinationen an Instrumenten. Der kurze Trio-Abschnitt taucht für eine Passage an aufgewühltem Pathos in c-Moll ein. So wie es beginnt trägt das Finale (Allegro) jedes Anzeichen für ein gewöhnliches, wenn auch kurzes Rondo, doch die Musik steuert zunehmend in unerwartetes harmonisches Gebiet, schleudert in Moll hinein und fragmentiert die Themen; dies ist vielleicht ein Allegrosatz in Sonatenform, bei dem die Durchführung unter die Bestandteile des Rondos aufgeteilt wurde. Künstler können dies entweder als Komödie oder Tragödie spielen, die Musik aber ist eine kühne Mischung aus Beidem.

(c) James Reel

Kaufempfehlung:
Klenke-Quartett
Label: Profil, DDD, 2004/05
YouTube:
Hagen-Quartett

DVOŘÁK: Streichquartett Nr. 12 F-Dur "Amerikanisches"

Antonín Dvořák
Lebensdaten: 8. September 1841 Nelahozeves (Böhmen) - 1. Mai 1904 Prag
Werk: Streichquartett Nr. 12 F-Dur, op. 96 "Amerikanisches"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1893
Besetzung: Streichquartett
Uraufführung: 1. Januar 1894 in Boston
Aufführungsdauer: ca. 26 Minuten
Sätze:

  1. Allegro ma non troppo
  2. Lento
  3. Molto vivace
  4. Finale. Vivace ma non troppo

Antonín Dvořák hatte seit 12 Jahren kein Streichquartett mehr komponiert als er sich im Sommer 1893 daran machte das Streichquartett Nr. 12 F-Dur, op. 96 zu komponieren; das daraus entstandene "amerikanische" Streichquartett zählt neben der Sinfonie "Aus der neuen Welt" und vielleicht einer Handvoll an Slawischen Tänzen zur einzigen Musik Dvořáks, die viele Musikliebhaber überhaupt kennengelernt haben.

Dvořák verbrachte drei Jahre in den Vereinigten Staaten (1892-95) als Direktor des neu gegründeten National Conservatory of Music in New York; es war während eines Urlaubes im ländlichen Iowa, als er dieses beliebte Streichquartett geschrieben hatte. Dvořáks Fortschritt mit dem Werk war so schnell und zufriedenstellend, dass er zum Schluss seines ersten Entwurfs einen Spruch der Dankbarkeit an Gott hineinkritzelte! Das Quartett erhielt am folgenden Neujahrstag in Boston seine Uraufführung und benötigte nicht viel Zeit, um sich in dem Gebilde des Quartettrepertoires der Welt festzusetzen.

In dem Quartett op. 96 steckt mehr Amerika als nur der Name und der Ort der Komposition - Dvořák war fasziniert von der Musik der Indianer und Afroamerikaner und das gesamte "amerikanische" Quartett hindurch können wir hören, wie sich diese neuen Farben mit seiner üblichen Art des Quartetts vermischen. Viele der Themen sind pentatonisch entwickelt (die pentatonische Tonleiter besteht aus fünf Tönen und enthält keine Halbtöne); Synkopierung und schwungvolle Rhythmen findet man im Überfluss.

Die Bratsche bringt im ersten Satz Allegro ma non troppo die Geschehnisse ins Rollen mit einer fröhlichen, alltäglichen Melodie, die das warme Brummen ihrer tiefsten Lagen erkundet. Die einladende A-Dur-Melodie, die die Exposition abrundet, hat einen leichten Hauch Amerika in sich und wir sollten sie noch umso mehr lieben für ihre Introvertiertheit. Ein eigentümliches Fugato in f-Moll, das mit Enthusiasmus von den zweiten Violinen begonnen wird, trifft mit der Durchführung ein, genau vor der lieblichen Reprise.

Es mögen zwar 12 Jahre gewesen sein, seitdem er das letzte Mal einen langsamen Satz für ein Quartett geschrieben hatte, aber Dvořáks legendäres Gespür für langsame Sätze ist im zweiten Satz des Op. 96, ein Lento, so einmalig wie eh und je (eine beachtliche Leistung, da der langsame Satz des vorherigen Quartetts - in C-Dur, op. 61 - ein Meisterwerk seiner Zunft ist). Das Scherzo ist Dvořáks übliches, rhythmisch verspieltes Ding; gemäß Dvořák zitieren die ersten Violinen in der Hauptmusik Vogelgesang.

Das Finale ist geschäftig und emsig auf einem sehr energetischen, synkopierten Rhythmus in den zweiten Violinen und Bratschen, der sich kurz in ein Flickwerk an sich verschiebenden Akzenten verwandelt. Die ersten Violinen singen, zuerst kapriziös und dann hingebungsvoll oberhalb dieser motorischen Begleitung. Während des ernsten Mittelteils wird ein völlig anderer Ton angeschlagen.

(c) Blair Johnston

Kaufempfehlung:
Prager Streichquartett
Label: DGG, ADD, 1973-77
YouTube:
Pražák Quartet

BRAHMS: Klavierquintett f-Moll

Johannes Brahms
Lebensdaten: 7. Mai 1833 Hamburg - 3. April 1897 Wien
Werk: Klavierqiuntett f-Moll, op. 34
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1861
Uraufführung: 22. Juni 1866 in Leipzig
Besetzung: Klavier und Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 43 Minuten
Sätze:

  1. Allegro non troppo
  2. Andante, un poco Adagio
  3. Scherzo. Allegro - Trio
  4. Finale. Poco sostenuto - Allegro non troppo
Diese jugendliche Werk hatte eine schwere Geburt. Brahms stellte es 1862 als Streichquintett vor, aber der Violinist Joseph Joachim fand die Musik zu schwer, um von Streichern getragen zu werden und schlug vor es für das Klavier umzuschreiben. So wandelte es Brahms zu einer Sonate für zwei Klaviere um, diese Version stellt aber Pianistin Clara Schumann nicht zufrieden, die Brahms überredete die Streicher wieder mit in die Gleichung einzubringen. Die finale Umwandlung für Klavier mit Streichquartett wurde im Herbst 1864 fertiggestellt; Brahms veröffentlichte es mit einer Widmung an Prinzessin Anna von Hessen - nicht unüblich für einen jungen Komponisten, der nach einem Mäzenen sucht, vielleicht aber auch eine kleine Beleidigung gegenüber Joachim und Clara Schumann, die ganz auf ihre Art an dieser langwierigen Entstehungsgeschichte beteiligt waren. Das Klavierquintett zeigt den am Wenigsten risikoscheuen, jungen Brahms; der gesamtheitliche Effekt ist oft ungestüm trotz Passagen an reichlich Gefühlsbetontheit und die Nutzung von Themen und sprunghaften Harmoniewechseln scheinen impulsiv, obwohl Brahms bedacht darauf ist gewisse motivische Elemente, insbesondere absteigende Halbtöne, durch alle Sätze hindurch einzufädeln im Versuch eine strukturelle Einheit zu schaffen. (Dies war eine Idee, die Brahms bei Beethovens Appassionata-Sonate aufgeschnappt hatte.) Schlau beginnt Brahms damit den Hörer mit einem zurückhaltenden Auftreten des Anfangsthemas des ersten Satzes in ein Wohlbehagen einzuschläfern. Schon bald jedoch bricht das Thema mit Energie aus, woraufhin die Musik für ein zweites Thema in die unerwartete Tonart cis-Moll gleitet. Brahms unterzieht dieses Material einer eigenwilligen Durchführung und in der Reprise bewegt er das zweite Thema in fis-Moll hinein. Der zweite Satz, Adagio, ist eine Passage an Gelassenheit, obwohl sie immer verwundbar ist für harmonische Instabilität; er basiert auf einer entfernt slawischen Melodie mit einer wehmütigen Harmonisierung. Das Scherzo beginnt mit tiefen Cellotönen in Pizzicato, eine Startrampe für das synkopierte Hauptthema, das sich durch die Streicher anschleicht und bald in einen robusten Marsch in Moll ausbricht. Der kontrastierende Trioteil steht in der beruhigenden Tonart C-Dur und schafft es ein fließendes, lyrisches Zwischenspiel zu etablieren auf Basis einer eigentlichen Fanfare als Phrase. Nach einer unheilvollen Einführung baut sich das Finale zu einem schnellen Rondo auf mit der Ankunft eines impulsiven, aber ruhigen Themas über einer nervösen, fast galoppierenden Begleitung. Die erste Violine rauscht mit einem zweiten Thema daher, langsamer und irgendwie flehend. Brahms behandelt diese Thema von vorne und hinten anstatt nur eine formelle Durchführung zu liefern und überlagert in einer Presto-Coda viele der Hauptmotive des Satzes - und des gesamten Quintetts.

(c) James Reel

Kaufempfehlung:
Stephen Hough (Klavier), Takács Quartet
Label: Hyperion, DDD, 2007
YouTube:
Nikia Mndoyants (Klavier), Ébène Quartet

BEETHOVEN: Streichquartett Nr. 15 a-Moll

Ludwig van Beethoven
Lebensdaten: 16. Dezember 1770 Bonn (Kurköln) - 26. März 1827 Wien (Österreich)
Werk: Streichquartett Nr. 15 a-Moll, op. 132
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1825
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 44 Minuten
Sätze:

  1. Assai sostenuto - Allegro
  2. Allegro ma non tanto
  3. Canzona di ringraziemento. Molto adagio
  4. Alla Marcia, assai vivace
  5. Allegro appassionato

Dieses war das zweite der drei Quartette, die Beethoven als Auftrag des Fürsten Nikolai Golizyn fertiggestellt hatte. Nr. 12, op. 127 (1823-24) wurde zuerst fertig, gefolgt von diesem Werk in a-Moll und dem Dreizehnten (1826) als letztem. Das Werk trägt den Beinamen "Heiliger Dankgesang" aufgrund der in der Partitur geschriebenen Bemerkung (eigentlich auf Französisch) Beethovens, die zum dritten Satz gehört.

Aus dieser Anmerkung, sowie der Zeit der Komposition des Werks kann man zuverlässig ableiten, dass die eindeutig in der Musik gehörte Krise zu der langwierigen Krankheit gehört, die Beethoven von April 1825 bis zum August dieses Jahres erlitt. Der Komponist unternimmt keine Versuche seine Gefühle während der Krankheit darzustellen; stattdessen reflektiert er über sie und bedankt sich in dieser Partitur für seine Genesung, für das Bezwingen des Schmerzes und Leidens, die er sicherlich als Symptome einer lebensbedrohlichen Krankheit eingeschätzt haben muss.

Der als Assai sostenuto - Allegro bezeichnete erste Satz hat eine eigenartige, aber geniale Struktur: Beethoven präsentiert ein vier Töne umfassendes Motiv, das sich durchweg als die zentrale Kraft herausstellt und das er zwischen drei separaten Expositionen entwickelt. Es gibt zwei wichtige Themengruppen, von denen die erste offenbar das physische Leiden des Komponisten repräsentiert und die letzte sein Gefühl der Hoffnung es zu besiegen. Diese Themen verwandeln sich brillant während der Satz voranschreitet und das Thema des Leidens erscheint schließlich am Schluss als freudige Hymne.

Der zweite Satz ist ein als Allegro ma non tanto bezeichnetes Scherzo. Obwohl die Stimmung der Musik hier fröhlicher ist, legt sein etwas gedämpfter Charakter nahe, dass der genesende Komponist immer noch skeptisch ist sich in zu große Aktivitäten zu stürzen. Der dritte Satz, Molto adagio genannt, ist das emotionale Herzstück des Werks. Ein langsames, hymnisches Thema von religiösem Charakter dominiert die Geschehnisse und tritt durchweg in verschiedenerlei Gestalt auf, am Ende erscheint es in seiner endgültigen, himmlischen Version. Die Form dieses Satzes ist unüblich, sie besteht auf fünf Teilen und schreitet von Schilderungen der Hoffnungen des kranken Komponisten voran zu seinen Gefühlen über Genesung und wiederkehrende Stärke und schließlich seiner Genesung und der Dankbarkeit zu Gott.

Der vierte Satz besteht aus einem kurzen Marsch und wurde Assai vivace getauft. In mancherlei Hinsicht ist dies ein ziemlich verwirrendes Kapitel im gesamtheitlichen Schema der Musik, denn die leicht martialische Natur des Themas scheint mit dem Rest des Werks nicht ganz übereinzustimmen. Dennoch dient die Musik hier als wirksamer Kontrast zum vorherigen Satz, als ob sie eine Rückkehr vom Himmel zur Realität der Erde nahelegen würde.

Das Finale ist ein als Allegro appassionato ausgewiesenes Rondo. In der Form gibt es hier nichts innovatives, Beethoven scheint sich damit zu begnügen darauf hinzuweisen, dass ein Rückkehr zur Routine seinem Zweck genug Lohn bringen kann, genauso wie es symbolisieren kann, dass eine Rückkehr zur Gesundheit einen die einfachen Dinge im Leben schätzen lässt. Die Stimmung hier ist durchweg fröhlich und voller Farbe und Sonnenschein. Der Komponist vermittelt eindeutig, dass die Krise hinter ihm liegt, dass die Musik hier keinen Triumph feiert, sondern eher Freude und Dankbarkeit ausdrückt. Dieses Werk wurde in Paris und Berlin 1827 erstgedruckt und dem Fürsten Nikolai Golizyn gewidmet.

(c) Robert Cummings

Kaufempfehlung:
Alban Berg Quartett
Label: Warner, DDD/LA, 1989
YouTube:
Quatuor Ebène
am 26. August 2013 auf dem Festival Wissembourg

BEETHOVEN: Streichquartett Nr. 13 B-Dur

Ludwig van Beethoven
Lebensdaten: 16. Dezember 1770 Bonn (Kurköln) - 26. März 1827 Wien (Österreich)
Werk: Streichquartett Nr. 13 B-Dur, op. 130
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1825-26
Uraufführung: 21. März 1826
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 40 Minuten
Sätze:

  1. Adagio ma non troppo - Allegro
  2. Presto
  3. Andante con moto ma non troppo
  4. Alla danza tedesca. Allegro assai
  5. Cavatina. Adagio molto espressivo
  6. Finale. Allegro

Dieses Werk zählt zu Beethovens letzten und ist das letzte von drei Quartetten, die er komponierte, um den Auftrag des Fürsten Nikolai Golizyn zu erfüllen. Nr. 12, op. 127 wurde in der Zeit zwischen 1823-24 geschrieben und ihm folgte die Nr. 15, op. 132 im Jahr 1825. Das dreizehnte Quartett wurde Anfang Januar 1826 fertiggestellt, sein ursprüngliches Finale wurde aber durch ein neues ersetzt, das Ende November 1826 fertig wurde. Dieses zweite Finale gilt als Beethovens letzte fertiggestellte Komposition. Der Komponist stimmte zu das Original zu ersetzten, die sogenannte Große Fuge, op. 133, auf Geheiß seines Verlegers. Es ist ohnehin eine ziemlich in sich geschlossen und stellte sich für die Künstler und das Publikum als ziemlich schwer heraus, das das Werk bei seiner Uraufführung am 21. März 1826 gehört hatte. Beethoven erkannte vermutlich aber auch, dass die Große Fuge ein ziemlich übergroßes Werk war, zu groß um als Finale für das dreizehnte Quartett in B zu dienen, das für sich schon ein großes Stück war, aber ein Werk, dessen Charakter in den vorherigen fünf Sätzen weniger episch klingend ist.

Das Werk erhielt den Beinamen "Lieb" durch Beethoven selbst, der sich in einigen seiner Schriften damit auf es bezog. Es besteht aus sechs Sätzen und kann als ähnlich zu einem Divertimento oder einer Suite angesehen werden, im älteren Sinn dieser Formen. Der erste Satz wechselt durchweg zwischen langsamer und schneller Musik und trägt die Anmerkungen Adagio ma non troppo und Allegro. Er bewegt sich von traurig zu verspielt, von nachdenklich zu fröhlich. Beethovens Behandlung des thematischen Material und seine Handhabung der Sonatenhauptsatzform ist hier ziemlich innovativ.

Dann folgt ein kurzes Scherzo, eines der besten des Komponisten in allen Gattungen. Die Komposition dieses Presto-Satzes ist brillant und voller Farbe; die Stimmung ist leicht und launig. Das anschließende Andante con moto ma non troppo ist hell und ziemlich lebhaft trotz der Bezeichnungen; tatsächlich fügte Beethoven hier auch die Angabe "poco scherzando" mit ein.

Der nächste Satz ist als Alla danza Tedesca (Tanz in deutschem Stil) benannt. Die Musik hier ist erneut leicht, aber auch etwas trocken. Die als Kavatine bezeichnete, nächst Passage Adagio molto espressivo ist düster und melancholisch und auch ziemlich innig. Der Komponist selbst sprach von der Wirkung, die diese Musik auf seinen Gemütszustand hatte und von ihrer Fähigkeit die ein oder andere Träne zu erwirken. Das Hauptthema ist, wie seine Bezeichnung nahelegt, liedhaft und ziemlich liebevoll.

Wie zuvor erwähnt stellt das Finale das letzte fertiggestellte Stück dar, das Beethoven schrieb. Seine glückliche Stimmung widerlegt die gesundheitlichen Probleme und den Gemütszustand des Komponisten nicht. Obwohl er gerade erst von einer ernsthaften Krankheit genesen war, war er immer noch nicht gesund und sollte nur noch ein paar Monate länger leben. Darüber hinaus schrieb Beethoven dieses Finale während eines widerstrebten Aufenthaltes bei seinem Bruder Johann in Gneixendorf (im Donautal), wohin er mit seinem sorgenschweren Neffen Karl gereist war. Der Komponist vertrug sich nicht mit seiner Schwägerin und man kann sich nur vorstellen, dass die unbequemen Verhältnisse, in denen er diese Musik schrieb, dem Komponieren kaum zuträglich waren, vor allen Dingen Kompositionen in fröhlichem Guss. Jedenfalls liefert dieses Finale dem Werk ein brillantes Ende, ein ziemlich anderes als das der ursprünglichen und ziemlich komplexen Fuge. Dieses Quartett wurde 1827 in Wien das erste Mal gedruckt und trug eine Widmung an den Fürsten Golizyn. Die Uraufführung der finalen Version fand am 22. April 1827 statt, einen Monat nach dem Tod des Komponisten.

(c) Robert Cummings

Kaufempfehlung:
Leipziger Streichquartett
Label: MDG, DDD, 2006
YouTube:
American String Quartet
am 18. November 2012 in New York

SCHUBERT: Streichquartett Nr. 14 d-Moll "Der Tod und das Mädchen"

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien (Österreich) - 19. November 1828 Wien (Österreich)
Werk: Streichquartett Nr. 14 d-Moll, D 810 "Der Tod und das Mädchen"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1824
Besetzung: Streichquartett
Aufführungsdauer: ca. 40 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Andante con moto
  3. Scherzo. Allegro molto - Trio
  4. Presto

So morbide das heutzutage auch erscheinen mag war die Beschäftigung mit dem Tod im 19. Jahrhundert ziemlich angesagt. Die romantische Bewegung in der Musik, Schauspiel, Kunst und Literatur nahm die Idee des Todes als jenseitig und erfüllend anstatt furchteinflößend an. Die medizinische Forschung steckte noch in den Kinderschuhen und die einzig wirkliche Linderung für viele Krankheiten war das Ende des Lebens. Der Tod war sanft. Der Tod war friedlich. Der Tod war ein Ende für Leid.

In diesem Licht war Franz Schuberts eigene Faszination vom Tod weder unüblich noch unerklärlich. Im März 1824 schrieb er nach dem fast zweijährigen Erleiden von Syphilis-Symptomen: "Jede Nacht, wenn ich zu Bett gehe, hoffe ich nicht wieder aufzuwachen und jeder Morgen dient nur als Erinnerung an das Elend des vorherigen Tages."

Da der immer noch junge Komponist noch nicht das Zeitliche segnen musste, entwickelte er weiterhin seinen musikalischen Genius und stellte im gleichen Monat die ursprüngliche Fassung des Streichquartetts in d-Moll "Der Tod und das Mädchen" fertig. Auf dem Anfangsthema seines gleichnamigen Liedes (1817) beruhend, illustriert dieses Quartett eindeutig Schuberts Sympathie, sogar Sehnsucht nach dem Tod. Indem er ihm die Musik des Liedes zuordnet, erfüllt Schubert das Quartett auch mit den Gefühlen des originalen Texts, in dem der Tod ein verängstigtes Mädchen darauf drängt ihm zu vertrauen: er möchte ihr nichts Böses und sie würde in seinen Armen tief und fest schlafen.

Dieses Werk ist aus verschiedenen Gründen bemerkenswert. Es wird als eines von Schuberts besten Kammerwerken angesehen und nahm schon immer einen wichtigen Platz im Repertoire für Streichquartette ein. Sein unumwunden programmatischer Inhalt verknüpft es mit Werken des späten 19. Jahrhunderts, in denen sich strukturelle Überlegungen außermusikalischen und dramatischen Einflüssen unterwarfen. Und letztendlich ist das Quartett eine eindrucksvolle Erinnerung an jene, die Schubert gerne in die Schublade eines Miniaturisten oder "Liedkomponisten" stecken: neben der "Unvollendeten"-Sinfonie und der Wandererfantasie bleibt sie ein Zeugnis seines Gespürs für groß angelegte Organisation und der unerfüllten Verheißung als Resultat seines frühen Todes.

Das Werk beginnt aggressiv mit lautstarken Phrasen, die sowohl die thematische, wie auch die rhythmische Struktur des ersten Satzes etablieren. Schubert nutzt hier eines seiner typischen, rhythmischen Mittel, eine Viertelnote, der Achteln in Triolen folgen. Das zweite Thema ist herzig lyrisch, freudvoll und optimistisch, voller Leben und Energie. Der Satz endet atemlos, aber anmutig.

Der zweite Satz, ein vierzehnminütiges Andante con moto, führt in das "Todesthema" ein, das mit der anfänglichen Klaviereinführung von "Der Tod und das Mädchen" korrespondiert. Es folgen fünf Variationen des Themas, von denen sich alle nur geringfügig vom Original unterscheiden, als ob der Tod hartnäckig sei - nicht etwa schwankend oder sich beirren lassend.

Mit weniger als vier Minuten ist das Scherzo des dritten Satzes abrupt und verwirrend, als ob seine einzige Funktion wäre als Prolog für das treibende, fast dämonische Finale zu dienen. Es ist rhythmisch herausfordernd und enthält unerwartete Akzente und Kadenzen.

Im finalen Satz wendet Schubert seinen üblichen Schwung und Antrieb an, um einen unaufhaltsamen Rausch zunächst zu beginnen und dann aufzubauen. Die Phrase einer punktierten Achtelnote, der eine Sechzehntel folgt wird durchweg als treibende Kraft verwendet, obwohl sie immer wieder unterbrochen wird. Der Tod ist unnachgiebig und der Satz wirbelt einem massiven, aber abrupten Abschluss entgegen.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
Jerusalem Quartet
Label: HMF, DDD, 2007
YouTube:
Alban Berg Quartet

SCHUBERT: Streichquintett C-Dur

Franz Schubert
Lebensdaten: 31. Januar 1797 Wien (Österreich) - 19. November 1828 Wien (Österreich)
Werk: Streichquintett C-Dur, D 956
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1828
Besetzung: Streichquintett
Aufführungsdauer: ca. 52 Minuten
Sätze:

  1. Allegro ma non troppo
  2. Adagio
  3. Scherzo. Presto - Trio. Andante sostenuto
  4. Allegretto

Benjamin Britten stellte einst fest, dass "die fruchtbarsten und produktivsten 18 Monate der Musikgeschichte die Zeitspanne war, in der Franz Schubert die Winterreise, seine C-Dur-Sinfonie, seine letzten drei Klaviersonaten, das Streichquintett in C-Dur, sowie ein Dutzend weiterer großartiger Stücke schrieb". Das Streichquintett, D. 956, ist sicherlich einer der Gipfelpunkte des Kanons für Kammermusik und wird oft als ein bedeutsames Beispiel für das Vermächtnis des Komponisten angeführt.

Der 31-jährige Schubert erreichte in der Periode zwischen dem Tod seines Vorbilds Beethoven und seinem eigenen Dahinscheiden sicherlich einen Durchbruch in groß angelegten Formen, deren Art man bis dato noch nicht gesehen hatte. Das Quintett fällt einem aber eher als Musik eines jungen Mannes auf anstatt als ein zusammenfassendes Werk; es gibt eine jugendliche Ambition, die Beethovens ersten Streichquartetten nicht unähnlich ist.

Für seine Partitur entschied sich Schubert gegen das Modell Mozarts und Beethovens, die für ihre Quintette jeweils eine zweite Bratsche zum gewöhnlichen Streichquartett hinzugefügt hatten; Boccherini lieferte den einzigen Präzedenzfall in der Nutzung zweier Celli. Schubert nutzt das zweite Cello, um dichte und vielschichtige Strukturen zu schaffen: manchmal dient das Cello als zweites Bassinstrument unterhalb eines vollen Quartetts, manchmal ist es ein Quartett, reich an Bässen und ohne Violinen und manchmal gibt es ein prächtiges Zusammenspiel zwischen instrumentalen Abschnitten.

Die ersten beiden Sätze haben einen ausdehnenden und absichtlichen Aufbau, der die ausufernden Strukturen Anton Bruckners vorauszuahnen scheint. Meistens aber bleibt das Stück ziemlich konventionell; es behält das übliche Format in vier Sätzen bei und hat ein energetisches Scherzo (jedoch ein wehmütigeres Trio) und ein schwungvolles, fast ungarisches Finale. Trotz der kargen Zwischenräume des langsamen Satzes legen diese Sätze die ersten Schritte eines Jugendlichen zur Reife nahe und das Werk als Ganzes dient als verlockende Erinnerung an das, was möglich gewesen wäre, wäre Schubert mehr Zeit für Schöpfung und Innovation gegönnt gewesen.

(c) James Liu, Benjamin Britten

Kaufempfehlung:
Truls Mørk (Cello), Artemis Quartet
Label: Virgin, DDD, 2007
YouTube:
Alexander Buzlov (Cello), State Borodin Quartet

BEETHOVEN: Streichquartett Nr. 14 cis-Moll

Ludwig van Beethoven
Lebensdaten: 16. Dezember 1770 Bonn (Kurköln) - 26. März 1827 Wien (Österreich)
Werk: Streichquartett Nr. 14 cis-Moll, op. 131
Epoche: Romantik
Besetzung: Streichquartett
Entstehungszeit: 1826
Aufführungsdaur: ca. 39 Minuten
Sätze:

  1. Adagio ma non troppo e molto espressivo
  2. Allegro molto vivace
  3. Allegro moderato
  4. Andante ma non troppo e molto cantabile
  5. Presto
  6. Adagio quasi un poco andante
  7. Allegro

Trotz seiner Opuszahl entstand dieses Quartett nach dem Fünfzehnten (1825) und ist eines von dreien, die im Auftrag des Fürsten Nikolai Golizyn komponiert wurden. Die anderen waren die Nummern 12 und 13. Wie das Dreizehnte und Fünfzehnte besteht auch dieses Quartett in cis-Moll aus mehr als den üblichen drei oder vier Sätzen. Es gibt tatsächlich sieben Sätze in diesem gewaltigen Werk und wie man vermuten könnte ist seine Form auch höchst ungewöhnlich.

Das Quartett beginnt mit einer Fuge, die als Adagio ma non troppo e molto espressivo ausgewiesen ist. Die Stimmung ist durchgängig düster, aber mit einer Religiosität und Zartheit, die das Gespür des Komponisten für seine eigene Sterblichkeit nahezulegen scheint (Beethoven starb im März 1827). Gegen Ende dieses Satzes entschwindet die Musik und führt direkt in den als Allegro molto vivace bezeichneten Satz, was mehr wie ein typischer erster Satz erscheint. Er beginnt auf Pianissimo-Lautstärke mit einem Thema, das eher zu einem Rondo-Finale zu passen scheine. Es folgt ein Übergangsmotiv und schließlich erreichen wir ein zweites Thema. Das Material wird wiederholt, aber danach folgt kein eigentlicher Entwicklungsabschnitt. Stattdessen entwickelt eine erweiterte Coda das Übergangsmotiv weiter. An dieser Stelle scheint die traditionelle Sonatenhauptsatzform nicht mehr erkennbar zu sein.

Der dritte Satz beginnt ohne Pause und dient eigentlich als kurzes Zwischenspiel zum langen langsamen Satz, bezeichnet als Andante ma non troppo e molto cantabile. Er besteht aus einem Thema und sechs Variationen, von denen die meisten eher die Harmonie beinhalten anstatt die Essenz der Melodie selbst. Dieser Satz ist einer der tiefgreifendsten und komplexesten, die Beethoven als Kammermusik je schuf. Jede Variation wird in unterschiedlichem Tempo gespielt und schafft damit eine wahre "Vielseitigkeit", die für mancherlei Ohr zunächst wie zusammenhangslos wirken mag. Aber Beethovens Invention und Cleverness sind überall vorhanden. Die fünfte Variation mit ihrer geschickt ausgewrungenen Synkopierung z.B. ist wunderbar mysteriös und die Coda beginnt trickreich, als ob sie zu einer weiteren Variation werden würde, aber sie kehrt subtil zu den Hauptthemen zurück, um schließlich den Satz mit einem sanften Entschwinden zu Ende zu bringen.

Das Presto des fünften Satzes sprudelt vor Energie und Anmut. Es ist ein bestechendes, heiteres Scherzo mit einem Trio-Teil und trotz ein paar innovativer Verzierungen Beethovens der vielleicht traditionellste der in diesem Quartett beinhalteten Sätze. Sein ziemlich abruptes und raues Ende führt zu einem kurzen Zwischenspiel-ähnlichen Adagio quasi un poco andante. Dieser sechste Satz ist, wie der dritte, sehr kurz.

Das Finale startet mit einem schroffen Thema, dem unmittelbar ein weniger grimmiges, aber dunkleres Thema folgt. Eine dritte Melodie wird kurze Zeit später eingeführt, die dem letzten charakterlich näher steht, aber Trauer und Melancholie zum Ausdruck bringt. Die Themen treten erneut auf und die Form könnte bis hierhin suggerieren, dass es sich bei dem Satz um ein Rondo handele. Aber Beethoven steuert in Richtung thematischer Entwicklung, als ob er sagen wolle er hätte schließlich zur Sonatenhauptsatzform gefunden. Es folgt eine Rekapitulierung, aber mit vielen hoch fantasievollen Änderungen im vorherigen Material. Eine kräftige und tragische Coda beschließt das von vielen als Beethovens genialstes angesehene Quartett. Es wurde 1827 in Mainz das erste Mal gedruckt und Baron Joseph von Stutterheim gewidmet.

(c) Robert Cummings

Kaufempfehlung:
Alban Berg Quartett
Label: Warner, DDD/LA, 1989
YouTube:
Alban Berg Quartett
(Günter Pichler, Gerhard Schulz, Thomas Kakuska, Valentin Erben)