Posts mit dem Label sinfonie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label sinfonie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

PROKOFJEW: Sinfonie Nr. 1 D-Dur "Symphonie Classique"

 

Sergei Prokofjew

Lebensdaten: 23. April 1891 Gut Sonzowka (Russland) - 5. März 1953 Moskau
Werk: Sinfonie Nr. 1 D-Dur, op. 25 "Symphonie Classique"
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1916/17
Besetzung: Orchester
Uraufführung: 21. April 1918
Aufführungsdauer: ca. 15 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Larghetto
  3. Gavotte. Allegro non troppo
  4. Finale. Molto vivace

Prokofjews Sinfonie Nr. 1 (1916-17) stellt das früheste reife Werk des Komponisten in einem Genre dar, zu dem er für den Rest seiner Karriere immer wieder zurückkehrte. Obwohl die Sinfonie in Russland und im Ausland sehr positiv aufgenommen wurde - und bis heute eines der am häufigsten in den Spielplan aufgenommenen Werke des Komponisten ist - blieb Prokofjews Haltung ihr gegenüber zwiespältig und schwankte zwischen ablehnend und defensiv.

Die erste Sinfonie ist besonders faszinierend, wenn man Prokofjew als eine führende Figur der russischen Avantgarde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts betrachtet. Die anachronistische Bezeichnung des Werks als "klassisch" scheint in Bezug auf eine Reihe von Merkmalen besonders treffend zu sein. Die Sinfonie ist in einer vertrauten viersätzigen Form gehalten, wobei die beiden schnellen Außensätze (Allegro bzw. Vivace) einen langsamen Satz (Larghetto) und einen von einem stilisierten Tanz inspirierten Satz (Gavotto) umklammern; die Texturen sind sparsam, die Besetzung angemessen für ein Orchester des späten 18. oder frühen 19. Jahrhunderts. In der Tat ist anzumerken, dass der Untertitel "klassisch" von Prokofjew selbst stammt; der Musikwissenschaftler R.D. Darrell hat vermutet, dass der Komponist ihn zum Teil gewählt hat, um den Charakter des Werks zu beschreiben, weil er einerseits hoffte, dass das Werk eines Tages ein Klassiker werden würde und andererseits aus reinem Schabernack gegenüber Kritikern. (In Bezug auf Letzteres schrieb Prokofjew, er wolle "die Gänse necken".)

Obwohl die Sinfonie zuweilen scharf dissonant ist, bleibt sie auf einer stabilen tonalen Basis stehen. Sicherlich wird das "klassische" Modell in der harmonischen Sprache des Werks strapaziert, die von Prokofjews charakteristischen mehrdeutigen Kadenzen und plötzlichen Verschiebungen zwischen tonalen Zentren geprägt ist. Dennoch behält das Werk viele Merkmale der Wiener Klassik bei, von der Sonaten-Allegro-Form des ersten Satzes über die mozartsche Gavotte und das Trio des dritten Satzes bis hin zum überschwänglichen, witzigen Finale. Trotz der Suggestion ihres Titels ist die "klassische" Sinfonie nicht wirklich neoklassisch im Sinne der zeitgenössischen Werke von Strawinsky, sondern eher ein Werk von eleganter Einfachheit, das den Geist der hohen Wiener Klassik heraufbeschwört, gefiltert durch die abenteuerlichere Sensibilität von Prokofjews eigener Musiksprache.

(c) Alexander Carpenter, R.D. Darrell, Sergei Prokofjew

Kaufempfehlung:
Berliner Philharmoniker, Dir. Seiji Ozawa
DGG, DDD, 1989-91

YouTube:

hr-Sinfonieorchester, Dir. François Leleux
12. Mai 2017 im hr-Sendesaal (Frankfurt/Main)

HINDEMITH: Mathis der Maler


Paul Hindemith

Lebensdaten: 16. November 1895 Hanau (Preußen) - 28. Dezember 1963 Frankfurt/Main
Werk: Mathis der Maler
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1933/34
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 26 Minuten
Sätze:
  1. Engelkonzert
  2. Grablegung
  3. Versuchung des heiligen Antonius
Die neoklassizistischen (oder vielleicht besser gesagt neobarocken) Belange in Hindemiths aufsehenerregenden Instrumentalwerken der 1920er verbanden sich mit dem, das Hindemith später als wachsende Aufmerksamkeit für "die ethischen Gebote der Musik und die moralischen Verpflichtungen der Musikers" in seiner Oper Mathis der Maler bezeichnete. Hindemith ergründete den Konflikt, dem ein Künstler in turbulenten Zeiten gegenübersteht: die Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft wahrzunehmen, in der man lebt oder nur den künstlerischen Idealen treu zu bleiben, die er verficht. Mit der Geschichte des deutschen Renaissancemalers Matthias Grünewald konnte Hindemith seine eigene Situation kommentieren. Seine Haltung blieb den Nazis nicht unentdeckt und die Sinfonie, welche er der Oper entnahm, wurde nur auf Drängen des Dirigenten Wilhelm Furtwängler hin 1934 in Berlin uraufgeführt. Die Oper selbst wurde erst 1938 in Zürich zum ersten Mal gehört, nachdem Hindemith Deutschland verlassen hatte.

Hindemiths Inspiration für die Oper kam teilweise durch Grünewalds Meisterwerk, dem Isenheimer Altar, einem getäfelten Triptychon, dessen Struktur in der dreisätzigen Sinfonie gespiegelt wird. Der erste Satz, "Engelkonzert", dient als Ouvertüre der Oper und wurde hier vollständig übernommen. Nach ruhigen, breit angelegten Akkorden in den Streichern führen die Hörner ein auf dem deutschen Volkslied "Es sungen drei Engel" basierendes Thema ein, welches eine füllig orchestrierte, strahlende Klimax erreicht. Ein schnelleres Thema wird von Soloflöte und Streichern eingeführt und einer lebhaften, kontrapunktischen Verarbeitung mit einfallsreicher und hochgradig bunter Orchestrierung unterzogen, eine neue, neoromantische Klangwelt für Hindemith. Der Höhepunkt des Satzes stellt sich in zwei Teilen dar: das Volkslied kehrt in den Hörnern zurück, dann in voller Montur in den Blechbläsern; nach einem Moment an ruhigen Fugatostreichern versammelt sich das Orchester für die finalen, unverfrorenen (und unverfroren triolischen) Akkorden, während die Streicher läuten und Glocken und Triangel schimmern.

Der zweite Satz trägt den Titel "Grablegung" und stellt in der Oper ein kurzes Intermezzo dar, in dem Mathis' Trauer über den Tod seiner Tochter zum Ausdruck gebracht wird. In diesem spärlichen Klagelied überwiegen auf Quarten und Quinten basierende Harmonien, Intervalle, die der Komponist oft zum Ausdruck von Ernst verwendete. Flöte und Oboe verflechten sich über Pizzicatostreichern in einer zarten Klage; es gibt einen kurzen Aufschrei der Trauer, dann eine Rückkehr zur Besinnlichkeit des Anfangs, wo die Flöte eine Geste des Trostes anbietet.

Die Musik des ausführlichen Finales wurde der Szene der Oper entnommen, in der die Versuchung des Heiligen Antonius (eine der Szenen des Isenheimer Altars) mit den Versuchungen und Hindernissen Mathis' verglichen wird. Ein chromatisches Rezitativ für unisono spielende, tiefe Streicher bildet die thematische Grundlage der folgenden drei Episoden, beginnend mit einem schnellen Abschnitt in galloppierendem Rhythmus, der unnachgiebige Verfolgung und hoffnungslosen Kampf nahelegt. Ein beunruhigender, hoher Triller in den Violinen führt in den nächsten Abschnitt über, eine sinnliche Melodie für Bratschen und Celli, die die fleischlichen Freuden darstellen, welche St. Antonius (vergeblich) angeboten wurden. Die Unruhe des ersten Abschnitts kehrt zurück und erreicht eine Kadenz, an deren Punkt die Streicher die kontrapunktisch komplexe Auflösung beginnen, welche auf der gregorianischen Hymne "Lauda Sion salvatorem" beruht. Läutende "Hallelujas" in den Blechbläsern führen die Sinfonie zum Ende.

(c) Paul Hindemith, Mark Satola

Kaufempfehlung:
Sydney Symphony Orchestra, Dir. Werner Andreas Albert
Label: CPO, DDD, 1987-92

YouTube:
Gustav Mahler Jugendorchester, Dir. Herbert Blomstedt
2010 bei den London Proms

SIBELIUS: Sinfonie Nr. 5 Es-Dur


Jean Sibelius

Lebensdaten: 8. Dezember 1865 Hämeenlinna (Russland) - 20. September 1957 Järvenpää (Finnland)
Werk: Sinfonie Nr. 5 Es-Dur, op. 82
Epoche: Postromantik/Moderne
Entstehungszeit: 1914/15, rev. 1916, rev. 1919
Uraufführung: 21. Oktober 1921 in Helsinki
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 32 Minuten
Sätze:
  1. Tempo molto moderato - Allegro moderato - Presto
  2. Andante mosso, quasi allegretto
  3. Allegro molto - Un pochettino largamente
Sibelius komponierte zwischen 1915 und 1919 drei Versionen dieses Werks und dirigierte die Premiere der letzten davon am 21. Oktober 1921 in Helsinki. Sie ist zurückhaltend orchestriert: doppelte Holzbläser, Blechbläser ohne Tuba, Pauken und Streicher. Rechtzeitig zu seinem 50. Geburtstag, der in Finnland als Nationalfeiertag begangen wurde, stellte Sibelius eine erste Version seiner Fünften Sinfonie fertig und dirigierte sie, angelegt in vier Sätzen - erstaunlich umfangreicher als die finale Version und vergleichsweise unausgereift. (Wer neugierig ist sie zu vergleichen kann sich eine Aufnahme von 5/I vom BIS-Label anhören). Nur Teile der tiefen Streicher haben eine unmittelbar nach der Uraufführung begonnene Überarbeitung überlebt. Als er immer noch nicht zufrieden war überdachte und überarbeitete sie Sibelius im Laufe von zwei Jahren. Was daraus resultierte (5/III) wurde zur beliebtesten seiner sieben Sinfonien: ein Triumph des strukturellen Einfallsreichtums und eine Bestätigung für nicht-programmatische Musik zu einer Zeit, als Lisztianer jeder Couleur - insbesondere Richard Strauss und Gustav Mahler - "absolute" Kunst dekonstruierten.

Was sich im ersten Satz schließlich entwickelte ist eine Struktur, die mit der doppelten Exposition zweier Themengruppen beginnt, die zweite davon in G-Dur (wo die Streicher auftreten). Sibelius formulierte nicht nur sein grundlegendes Material um; sein Stimmungsbarometer reicht bis zu einer für die Fagotte als "düster" beschriebenen Passage. Durch eine Reihe an Tonarten erreicht er eine lange Durchführung, die sich zu einer Rekapitulation hin aufbaut, woraufhin sich der 12/8-Takt nach einer langsamen Beschleunigung plötzlich in 3/4-Takt, Es-Dur zu B-Dur verwandelt und Allegro moderato zum neuen Grundtempo wird. Was nun folgt wurde von einem separaten Scherzo-Satz der Version von 1915 geborgen - vollständig mit Trio - aber einer, der in die harmonische Wiederaufnahme der ersten beiden Themengruppen übergeht, gefolgt von einer Coda, die sich in ein Presto beschleunigt.

Das Andante mosso, quasi allegretto ist strukturell so simpel wie der erste Satz komplex ist, aber er ist nicht gerade simplifizierend: faktisch gibt es hier verschiedene Variationen über einen Rhythmus - zwei Gruppen von fünf Vierteln, getrennt von einer Viertelpause. Dieses "Thema" wird zunächst von Bratschen und Celli gespielt nach einem Motiv für Klarinetten, Fagotte und Hörner, das als Gegenmelodie zurückkehrt. Sibelius kreiert "sechs Melodien" (nach Michael Steinbergs Auffassung), die oberflächlich mehr oder weniger besinnlich sind, darunter aber mysteriös, kurzzeitig sogar turbulent mit einem transluziden Abschnitt (in acht Teile aufgeteilte Violinen), der reine Genialität erkennen lässt. Ebenfalls unter der Oberfläche findet man einen ersten Auftritt (von den tiefen Streichern) des proklamierenden Themas, das das Finale dominieren wird.

Die Streicher spielen das erste Thema in einem von manchen Sibelius-Anhängern so bezeichneten Rondo, andere bestehen darauf es hätte Sonatenstruktur. Es ist eine schwirrende und summende Angelegenheit, die im heroischen, zweiten Thema für Hornpaare gipfelt, welche in Triolen ganze Noten spielen. Das Momentum wird aufrecht erhalten, während die beiden Themen einen komplexen Kurs durch verschiedene Tonarten und ungeheuren Dissonanzen nehmen, den schließlich nur das Hornthema, von den Trompeten erneut gespielt, einer Machete im Dschungel ähnlich durchschneidet. Posaunen und Hörner gesellen sich dazu bis Sibelius Stille anordnet, der sechs Akkorde folgen, welche seine Fahrt in einen sicheren und fröhlichen Hafen einlaufen lassen.

(c) Roger Dettmer, Michael Steinberg

Kaufempfehlung:
Göteborgs Symfoniker, Dir. Neeme Järvi
Label: DGG, DDD, 1992-2005

YouTube:
Wiener Philharmoniker, Dir. Leonard Bernstein

STRAWINSKY: Psalmensinfonie


Igor Strawinsky
Igor Strawinsky

Lebensdaten: 17. Juni 1882 Oranienbaum (Russland) - 6. April 1971 New York City
Werk: Psalmensinfonie (Symphonie de Psaumes)
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1930
Uraufführung: 13. Dezember 1930 in Brüssel
Besetzung: gemischter Chor und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 20 Minuten
Sätze:
  1. Exaudi orationem meam, Domine
  2. Expectans expectavi Dominum
  3. Alleluja, laudate Dominum
Vor der Endphase seiner Karriere, während der er damit begann geistliche Musik in positivem Sinne auszuschütten, war die Anzahl der Vertonungen religiöser Texte in Igor Strawinsky Katalog relativ dünn gesät. Es gibt natürlich das Pater Noster von 1926 und das Credo von 1932, aber das einzige, wirklich umfangreiche Werk in ausdrücklich religiöser Stimmung, das vor der Messe von 1947 erschien, ist die berühmte Psalmensinfonie für Chor und Orchester, die Strawinsky 1930 im Zuge eines Auftrag komponierte, welcher ihm Sergei Kussewizki Ende 1929 gab. Die Partitur der Sinfonie wird dementsprechend passend von einer doppelte Widmung eingeleitet, die besagt, dass "diese Sinfonie für den Ruhm des Herrn komponiert und dem Boston Symphony Orchestra aus Anlass seines fünfzigjährigen Bestehens gewidmet wurde."

Wie die zehn Jahre zuvor komponierten Sinfonien für Holzbläser zwingt uns die Psalmensinfonie einen Schritt zurück zu machen und unsere musikalische Terminologie zu überdenken. Hier wird der Begriff "Sinfonie" mehr oder weniger in seinem ursprünglichen Sinn verwendet, nämlich das, was "klingt" oder "zusammen erklingt" und das ohne jeglichen Bezug entweder zum traditionellen mehrsätzigen Format, das die orchestrale Musik seit der Zeit Haydns dominiert oder der überaus persönlichen dramatischen Erzählung, zu der die Sinfonie im Verständnis der Mehrheit des musikalischen Publikums des 19. Jahrhunderts wurde. Der gewissermaßen widersprüchliche Titel des Werks reflektiert Strawinskys selbst formulierte Absicht eine Art perfekte Balance zwischen Stimmen und Instrumenten zu erreichen, in der keine von beiden eine Form der Überlegenheit über die anderen animmt. Wir können diese Dualität des Ausdrucks quasi mit der gleichen, in der Widmung des Werkes erwähnten Dualität der Geisteshaltung verbinden - wir finden hier eine wirkungsvolle Umsetzung der Idee, dass der Mensch und das Göttliche in der Kunst zwei bestimmte Gebiete des genau gleichen Raumes besetzen. Eine Idee, die dem Komponisten nach der Bekräftigung seines orthodoxen Glaubens in den 1920ern sicher auf dem Herzen lag. Die in der Sinfonie verwendeten, drei lateinischen Psalme (Psalme 38, 49 und 150) werden auf größtenteils homophone Weise behandelt, die die stärker kontrapunktische Struktur der Instrumente gleichermaßen scharf konstrastiert, wie auch mit unbeschreiblichem Gespür, welcher eine große Menge der prächtigen, spirituellen Stimmung der Sinfonie ausmacht, feierlich bestärkt. Technisch gesehen erschafft Strawinsky diese spirituelle Stimmung, indem er auf einige Elemente des Orchesters, die wir am Stärksten mit individueller Wärme und Ausdruck assoziieren - die vollen, hohen Streicher und die Klarinetten - komplett verzichtet und dazu empfiehlt, dass die Sopran- und Altpartien des Chors von einem Knabenchor übernommen werden.

Die drei Sätze werden ohne jegliche Pause gespielt. Der erste Satz tritt in beständigen Sechzehntel- und Achtelphrasen auf, worüber die stark in Halbtöne getauchten Stimmen ihre ernsten, sich langsamer bewegenden Gedanken liefern. Der zweite Satz ist als Doppelfuge angelegt, die erste nur für das Orchester, in der zweiten stimmen alle in den Psalm 39 überein. Kinetischer in seiner Natur ist der Finalsatz, der den Psalm 150 in Gänze enthält. Es gibt zwei Säulen rund um die zentrale, kraftvoll energische Aktivität - eine zur Einführung, eine zum Abschluss - die heiterere, verehrende Musik bieten. Die zweiten dieser Säulen wird in eine ausgedehnte Coda verwandelt, die auf einem unüblich weiträumigen C-Dur-Akkord endet, der ungeachtet der Schwierigkeit, die er für Tonstimmung und Balance darstellt (der erste Oboe beispielsweise wird das E eine Oktave plus ein Zehntel über dem Mittel-C gegeben), in sich scheinbar eine Reflektion der Ideale der Sinfonie zu übermenschlicher Klarheit zu enthalten scheint.

(c) Blair Johnston

Kaufempfehlung:
Deutsches Symphonieorchester Berlin, Windsbacher Knabenchor, dir. Karl-Friedrich Beringer
Label: Rondeau, DDD, 2000

YouTube:
Orchestra e Coro del Teatro alla Scala, dir. Riccardo Muti
in der Mailänder Scala
 

BRUCKNER: Sinfonie Nr. 9 d-Moll

Anton Bruckner
Lebensdaten: 4. September 1824 Ansfelden (Österreich) - 11. Oktober 1896 Wien
Werk: Sinfonie Nr. 9 d-Moll, WAB 109
Epoche: Romantik/Postromantik
Entstehungszeit: 1887-96
Uraufführung: 11. Februar 1903 in Wien
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 1 Minute
Sätze:

  1. Feierlich, misterioso
  2. Scherzo. Bewegt, lebhaft - Trio. Schnell
  3. Adagio. Langsam, feierlich

Während Bruckner mit seiner neunten und letzten Sinfonie voranschritt bat er Gott täglich um die Kraft sie zu vollenden, indem er sprach: "wenn er die Feder aus meiner Hand nimmt, so ist es seine Verantwortung." Zwichen 1889 und 1896 arbeitete der Komponist hartnäckig an der Neunten. Aber am 11. Oktober 1896 kam Bruckner nach einem Morgenspaziergang nach Hause und verstarb friedlich. Dabei hinterließ er die vermutlich bedeutsamste unvollendete Sinfonie seit Schubert.

Die Neunte wird oft als die wichtigste musikalische Verbindung zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert genannt, indem sie die Innovationen von Wagners Tristan noch einen Schritt weiter bringt. Die pochenden Rhythmen des Scherzo scheinen auf Strawinsky und Bartók vorauszublicken, während die großen Intervallsprünge und beißenden Dissonanzen auf die Zweite Wiener Schule voraussehen. Obwohl mit einem dreisätzigen Grundriss das Standardformat für Bruckners letztes sinfonisches Werk gewählt wurde, zeigen die letzten Skizzen (die zusammen mit ein paar "vervollständigten" Versionen des Finales aufgenommen wurden), dass Bruckner musikalischer Geist trotz nachlassender Gesundheit und gelegentlichen geistigen Ruhepausen bis zum Schluss lebensstrotzend und kreativ blieb. Der enorme vierte Satz hätte sogar den der Achten an Ausmaß übertroffen und nutzte eine Fuge, sowie Zitate aus dem Te Deum. Dennoch liegt auch etwas Befriedigendes und Erhabenes darin mit dem Adagio zu enden.

Das feierliche Summen, gegen das die Sinfonie beginnt, legt den Nährboden für einen außerweltlichen Konflikt, entwickelt sich zu einem Wirbelwind und bricht in das zerschmetternde Hauptthema aus. Dem folgt ein charakteristischer, hymnischer Abschnitt und ein rastloses, beinahe rockendes drittes Thema; in der Durchführung entsteht ein sich drehendes 6/8-Thema, welches später als treibende Kraft benutzt wird, gegen die sich die apokalyptische Coda auslebt und in einer bedrohlichen leeren Quinte endet. Kein Anzeichen eines Bauerntanzes oder irdischen Bildes bleibt im pochenden, dämonischen Scherzo über, welches an zweiter Stelle folgt; obwohl es mit elfenhafter Leichtigkeit beginnt, entwickelt sich selbst das Trio zu einer mysteriösen, knisternden Traumlandschaft aus vagen und beunruhigenden Bildern. Das folgende Adagio wird als Abschiedsrede zum Leben des Komponisten gedeutet. Der gequälte Sprung einer None kündigt eine sich langsam entfaltende Vision an, welche Tristan-ähnlich in eine Klimax an spiritueller Ekstase explodiert. Dem folgt ein wunderschönes, herbstliches Liedthema, das durch einen nostalgischen Rückblick auf die Freuden des Lebens zu strahlen scheint; dann tritt ein nüchternes, Marsch-ähnliches Thema auf, welches aus dem Beginn der Sinfonie abgeleitet wurde. Gegen eine stotternde Phrase aus Sechzehntelnoten gestellt, erhält das herbstliche Thema einen letzten Auftritt. Ihm gesellt sich nach und nach das noble hymnische Thema zu, das sich sukzessive mit Dissonanzen verbittert, während es in seiner versuchten Inbrunst sogar noch intensiver wird; dies baut sich bis zur berühmten Septdissonanz auf, beißend und erschütternd und wird gefolgt von einer noch erschütternderen Stille, als ob man ins Nichts starre. Doch dann verschiebt ein Motiv aus dem Beginn des Satzes die Musik heimlich zu einer letzten, heiteren Ebene. In der Coda zitiert Bruckner gekonnt aus seinen siebten und achten Sinfonien und verabschiedet sich so eloquent und bewegend aus der Welt.

(c) Anton Bruckner, Wayne Reisig

Kaufempfehlung:
Radio-Sinfonieorchester Saarbrücken, Dir. Stanisław Skrowaczewski
Label: Oehms, DDD, 2000
YouTube:
Wiener Philharmoniker, Dir. Leonard Bernstein

TSCHAIKOWSKI: Sinfonie Nr. 5 e-Moll

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg
Werk: Sinfonie Nr. 5 e-Moll, op. 64
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1888
Uraufführung: 17. November 1888 in St. Petersburg
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 45 Minuten
Sätze:

  1. Andante - Allegro con anima
  2. Andante cantabile, con alcuna licenza
  3. Valse. Allegro moderato
  4. Finale. Andante maestoso - Allegro vivace

Tschaikowski komponierte dieses Werk zwischen Mai und Ende August 1888 und dirigierte seine Uraufführung am 17. November des gleichen Jahres in St. Petersburg. Elf Jahre trennten die "schicksalsschwere" Vierte Sinfonie von 1877 und die Fünfte, über die Tschaikowski sowohl während als auch nach der Komposition ambivalente Gefühle ausdrückte. An seine Patronin Nadeschda von Meck schrieb er im August 1888, dass "es für mich scheint, als wäre ich nicht gescheitert und das ist gut." Nachdem er sie in Prag dirigiert hatte, schrieb er jedoch: "Sie ist gescheitert; es gibt da etwas Abstoßendes, etwas Überflüssiges und Unaufrichtiges, das das Publikum sofort erkennt." Bis März konnte er jedoch schreiben: "Ich mag sie nun deutlich besser."

Tschaikowski hatte das Orchester zwischen 1877 (als er sich dem, in eigenen Worten, "kopflosen Akt" der Ehe verschrieben hatte) und 1888 keineswegs vernachlässigt. Er komponierte ganze vier bezaubernde und fantasiereiche Suiten, von denen die zweite und dritte als Sinfonien hätten durchgehen können, wenn er sie so hätte nennen wollen. Darüber hinaus schrieb er 1885 die unnummerierte, aber geniale "Manfred-Sinfonie". Dennoch hat Tschaikowski die sinfonische Form nie als gleichartig zu Oper oder Ballett empfunden. Seine Methode war der Herangehensweise von Liszts Tongedichten näher als dem österreichisch-deutschen Erbe, das unter seinen Zeitgenossen von Brahms und Bruckner fortgeführt wurde. Tschaikowski bevorzugte Sequenzen (in diesem Fall das Etablieren und Wiederholen einer viertaktigen Zelle) gegenüber enharmonischer Entwicklung. Hörer, die seine Musik manchmal so verwirrend finden wie er selbst Brahms' Neigung aufgrund einer Überladung mit Sequenzen empfand, finden, dass solch wiederholte Figuren in einem überladenen Effekt resultieren. Seine größten Talente waren Melodie und Orchestrierung: man möge sich die aus einer Musik entlehnten Popsongs ansehen, wie beispielsweise "Moon Love", geschnitzt aus dem langsamen Satz der Sinfonie Nr. 5.

Wie die Vierte wird die Sinfonie Nr. 5 von einem sechstaktigen "Schicksalsmotto" vereint, welches direkt in einer dunkel gefärbten Andante-Einführung zu hören ist bis der Korpus des 4/4-Satzes nach einer Pause zu einem Allegro con anima (sowohl mit "Seele", wie auch Geist) in Sonatenform wird. Es baut sich zu einer wilden Klimax in Fortissimo auf bevor es niedergeschlagen endet. Tschaikowski nannte den reichhaltig melodiösen langsamen Satz Andante cantabile, con alcuna licenza (Langsam singbar mit gewisser Freiheit). Grundsätzlich in D-Dur ist es eine Sonatina (Exposition und Reprise) in 12/8-Takt mit einer ausgeklügelten, dreiteiligen Liedstruktur als Ersatz einer Durchführung. Ihre spezielle Pracht ist eine Arietta für Solohorn, die von "Moon Love" geplündert wurde, obwohl das ominöse Mottothema des ersten Satzes zweimal unterbricht - so wie die Statue des Commendatore auf Don Giovannis Einladung zum Abendesessen antwortet.

Der dritte Satz ist quasi ein Scherzo, aber tatsächlich ein Walzer in A-Dur aus Tschaikowskis bester Ballettschublade mit einem Trio in fis-Moll, sowie einer langen Coda, die das Motto wiederholt, nun in 3/4-Takt. Deutsche Wissenschaftler waren empört ob eines Walzers in einer nummerierten Sinfonie, nicht so aber Brahms, der gerade in Hamburg war, um eine Probe zu hören und während eines trinkfreudigen Mittagessens mit Tschaikowski am nächsten Tag die ersten drei Sätze lobte.

Das Motto beginnt den letzten Satz wie den ersten, nun aber in E-Dur, Andante maestoso, und führt zu einem weiteren Allegro-Sonatenkonstrukt - dieses hier eher Vivace als Moderato mit einem Alla-breve-Takt, der es in Fahrt hält. Am Ende der Reprise schreibt Tschaikowski sechs B-Dur-Akkorde - eine falsche Kadenz, die beständig Applaus hervorruft - vor dem Motto, das nun in Messhemd und Fanon gekleidet, eine Coda in Dur startet, die so lange ist wie die gesamte Durchführung. Sie beschleunigt zu einem Presto-Wettrennen zum Doppelstrich bevor sie sich ganz zu Ende ausbreitet zu einer triumphal klingenden Tetrade an abschließenden Akkorden.

(c) Roger Dettmer, Pjotr Tschaikowski

Kaufempfehlung:
Leningrader Philharmoniker, Dir. Jewgeni Mrawinski
Label: DGG, ADD, 1961
YouTube:
State Academic Symphony Orchestra "Evgeny Svetlanov", Dir. Wassili Petrenko
am 21.12.2015 in Moskau

HAYDN: Sinfonie Nr. 104 D-Dur

Joseph Haydn
Lebensdaten: 31. März 1732 Rohrau (Österreich) - 31. Mai 1809 Wien
Werk: Sinfonie Nr. 104 D-Dur, Hob. I:104
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1795
Uraufführung: 4. Mai 1795 im King's Theatre von London
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 29 Minuten
Sätze:

  1. Adagio - Allegro
  2. Andante
  3. Menuetto. Allegro & Trio
  4. Finale. Spiritoso

Die Sinfonie Nr. 104 wurde am 4. Mai 1795 in Londoner King's Theatre uraufgeführt. Dieses Konzert mit ausschließlich Haydn-Werken, dirigert vom Komponisten, beinhaltete auch eine Wiederaufführung seiner "Militärsinfonie (Nr. 100) und war einer der größten seiner vielen Triumphe in London während der 1790er. Zu dieser Zeit war er nicht nur unglaublich beliebt, sondern auch finanziell ziemlich gut ausgestattet: ein zu seinen Gunsten kurz vor seiner Rückkehr nach Österreich ausgerichtetes Abschiedskonzert brachte ihm 4.000 Gulden ein. Wie Haydn in seinem Tagebuch schrieb: "So viel kann man nur in England verdienen." Im August 1795 war Haydn seinen Pflichten bei Fürst Nikolaus II. Esterházy gemäß auf das europäische Festland zurückgekehrt. Sein überwältigender Ruhm in England hatte sich herumgesprochen und obwohl er keine weitere Sinfonie mehr schreiben sollte, sollten die 12 für London komponierten schon bald in Österreich und ganz Europa gespielt werden.

Der dramatische, gebieterische Beginn des ersten Satzes der Sinfonie Nr. 104 macht einem ausgelassenen Allegro Platz; sein einziges Hauptthema wird umfangreich entwickelt. Der zweite Satz Andante enthält ein relativ einfaches, vornehmes Thema, das im Verlauf seiner melodischen und harmonischen Reisen ziemlich berührend, sogar tiefgründig wird. Das große Menuett des dritten Satzes wird im zentralen Trio ruhig und enthält mehrere filigrane Stellen für die Holzbläser.

Wie das in vielen seiner 104 Sinfonien (und in ein paar der 12 "Londoner" Sinfonien) der Fall ist, wendet sich Haydn im Finale, Spiritoso genannt, der volkstümlichen Musik zu. Das Hauptthema des Satzes ist ein kroatisches Volkslied (als "Oj Jelena" identifiziert), das Haydn vermutlich in seiner alten Heimat Eisenstadt kennenlernte, wo die Winterresidenz der Esterházys lag. Zufällig ruft die Melodie, gemäß einigen Berichten, auch die Straßenrufe in Erinnerung, die üblicherweise von Verkäufern und Händlern im England des 18. Jahrhunderts genutzt wurden. Es kann sein, dass Haydn jene Straßenklänge in seinen Jahren in London hörte und durch das alte Volkslied daran erinnert wurde. Auf jeden Fall wird die Melodie einer aufregenden und komplexen Durchführung unterzogen und die Sinfonie endet mit einem imposanten und erhebenden Schlusswort.

(c) Chris Morrison

Kaufempfehlung:
Royal Concertgebouworkest, Dir. Colin Davis
Label: Philips, ADD, 1976-81
YouTube:
Wiener Philharmoniker, Dir. Bernard Haitink
in der Royal Albert Hall (London)

MAHLER: Das Lied von der Erde

Gustav Mahler
Lebensdaten: 7. Juli 1860 Kalischt (Böhmen) - 18. Mai 1911 Wien
Werk: Das Lied von der Erde
Epoche: Romantik/Postromantik
Entstehungszeit: 1907-08
Uraufführung: 20. November 1911 in München
Besetzung: Solisten und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 51 Minuten
Sätze:

  1. Das Trinklied vom Jammer der Erde
  2. Der Einsame im Herbst
  3. Von der Jugend
  4. Von der Schönheit
  5. Der Trunkene im Frühling
  6. Der Abschied

Obwohl es scheinbar eine Sammlung an Liedern mit Orchester ist, ist dies in jeder Hinsicht Mahlers neunte Sinfonie. Das Lied der Erde stellt eine Verfeinerung und Konzentrierung auf die Bedeutung und den Ausdruck der Achten Sinfonie dar. Im Lied der Erde überwiegt der gleiche kontrapunktisch orientierte Stil, doch lassen die dünneren Strukturen dies ausgeprägter erscheinen. Auch ist die intimere und persönlichere Natur eines Großteils der Komposition eine direkte Antwort auf die privaten Träumereien der chinesischen Gedichte, anstatt eines großen stilistischen Umbruchs.

Das Lied der Erde ist ein integriertes, sinfonisches Ganzes, da die sechs Lieder analog zu sinfonischen Sätzen in vier Teile organisiert sind. Mahlers harmonische und expressive Sprache ist so kraftvoll, dass es ihm gelang einen fortschreitenden Effekt zu erzeugen, der diese Lieder zu einer einzelnen semantischen und künstlerischen Einheit verbindet.

"Das Trinklied vom Jammer der Erde". Das erste Lied ist ein Hybrid aus Strophenlied und Sonatenform. Es steht für sich, nicht nur formal, sondern auch in seiner schwarzen, unerbittlichen Missachtung des Kummers im Angesicht der Sterblichkeit. Der eindringlich mitreißende Beginn kontrastiert mit einem ätherischen Mittelteil, kulminiert aber schließlich in einer eigenartigen und kreischenden Beschwörung des Schicksals des Menschen.

"Der Einsame im Herbst". Dieses resignierte Lied ruft Herbstnebel in Erinnerung, während der Dichter über den Verlust des Sommers und Lebens trauert. Die dünnen Strukturen und mäandernden Linien fangen die trostlose Einsamkeit perfekt ein.

"Von der Jugend". Dieser und die nächsten beiden Lieder stellen das "Scherzo" der sinfonischen Struktur dar. Sie sind alle kürzer, in hellerem Tonfall und nostalgisch in der Stimmung. Hier werden Erinnerungen von jungen Menschen beim Tee trinken eingefangen mit hellen und luftigen pentatonischen Skalen, die damit die Unschuld und unbekümmerte Haltung der Jugend darstellen.

"Von der Schönheit". Eine romantische Szene. Die sanfte Unschuld der Mädchen wird mit einem zart bewegten Andante geschildert. Beim Auftritt der Reiter gibt es einen plötzlichen militärischen Ausbruch im Orchester, während sich die Stimme in eine atemlose Melodie hinein beschleunigt, um damit auf effektive Weise die flatternden Herzen der Mädchen zu porträtieren.

"Der Trunkene im Frühling". Trotz einer sehnsüchtigen Mittelpassage ist dieses Lied überwiegend humorvoll in seinen Erinnerungen an die Natur und dem trunkenen Taumeln eines jungen Mannes. Mahler nutzt hier eine beeindruckende Bandbreite an harmonischen und orchestralen Effekten.

"Der Abschied". Es gibt hier zwei separate Gedichte. Das erste stellt eine einzelne Person dar, die darauf wartet, dass ein Freund zu einem letzten Lebewohl erscheine und das zweite ist das Lebewohl selbst. Als bei Weitem länger Satz des Werks, schickt Mahler jedem Gedicht einen langwierigen Orchesterteil voraus und macht dies damit auch zum Satz, der am stärksten instrumental orientiert ist. Der erste Orchesterteil ist sehnsüchtig und schwermütig und wird in Teilen nach dem Auftritt der Stimme wiederholt. Der zweite ist ein langer und bewegter Trauermarsch, der in einer großen und tragischen Klimax gipfelt. In der letzten Strophe, wenn der Dichter auf das Leben zurückblickt, komponierte Mahler eine resignierte und ausgedehnte Coda.

(c) Steven Coburn

Kaufempfehlung:
James King, Dietrich Fischer-Dieskau (Solisten), Wiener Philharmoniker, Dir. Leonard Bernstein
Label: Decca, ADD, 1966
YouTube:
Christa Ludwig, René Kollo (Solisten), Israel Philharmonic Orchestra, Dir. Leonard Bernstein

PROKOFJEW: Sinfonie Nr. 5 B-Dur

Sergei Prokofjew
Lebensdaten: 23. April 1891 Gut Sonzowka (Russland) - 5. März 1953 Moskau
Werk: Sinfonie Nr. 5 B-Dur, op. 100
Epoche: Moderne
Entstehungszeit: 1944
Besetzung: Orchester
Uraufführung: 13. Januar 1945 in Moskau
Aufführungsdauer: ca. 42 Minuten
Sätze:

  1. Andante
  2. Allegro moderato
  3. Adagio
  4. Allegro giocoso

Prokofjew komponierte diese Musik 1944 und dirigierte ihre Uraufführung am 13. Januar 1945 in Moskau. Jedermann nahm überall an, dass sie "Qual und Triumph im Weltkrieg" symbolisiere - in anderen Worten sein Gegenstück zu Dmitri Schostakowitschs "Leningrader" Sinfonie von 1941. Es war aber die sechste Sinfonie des Komponisten von 1945-47, nicht seine Fünfte, die an den Horror des Zweiten Weltkrieges erinnerte. Jene, die darauf bestanden, die fünfte Sinfonie wäre ein Spiegel der Kriegsleiden wussten nicht, dass der Scherzo-Satz aus Cinderella entlehnt wurde. Aber auch Prokofjew half bei der Aufklärung nicht gerade weiter, als er eines jener vom sowjetischen Amtsapparat erwarteten Positionspapiere veröffentlichte: "Ich konzipierte [die Fünfte] als eine Sinfonie der Größe des menschlichen Geistes."
Nach dem Scheitern seiner vierten Sinfonie (eine 1929 entstandene Umarbeitung von Material aus seinem damals neuen Ballett Der verlorene Sohn), wandte Prokofjew der Gattung seinen Rücken zu. Als er schließlich zu ihr zurückkehrte, war sein indirektes Vorbild Schostakowitschs Fünfte von 1937 - vier Sätze in der Concerto-Grosso-Folge: langsam, schnell, langsam, schnell. Ansonsten ist die Musik jedoch Prokofjew pur, sowohl in Inhalt, als auch Stil.

Das einführende Andante ist ein Satz in Sonatenform, der in 3/4-Takt mit einem fließenden Hauptthema beginnt, gespielt unisono in Oktaven von Flöten und Fagotten, mit einem Anhang in Triolen, der später eine separate Identität annehmen wird. Viele Überarbeitungen führen zu einer neuen Melodie in 4/4-Takt, eingeführt von Flöte und Oboe. Eine nervöse Figur in den hohen und tiefen Streichern verschafft sich in der direkt nachfolgenden Durchführung den Status eines Themas. Die Blechbläser kündigen die Reprise an, indem sie das Anfangsthema sehr dramatisch wiedergeben. Die Rhetorik spitzt sich zu und kulminiert in einer Coda der - warum auch nicht? - "Größe des menschlichen Geistes."
Das Scherzo Allegro marcato hat (nur nicht im Namen) einen Danse macabre-ähnlichen Liedabschnitt in d-Moll, gefolgt von einem etwas schnelleren Trio in Walzer-Takt in D-Dur, entlehnt aus Cinderella ohne mit der Wimper zu zucken (oder dies zu merken).
Der offizielle langsame Satz ist ein leidenschaftlich lyrisches ABA-Adagio in F-Dur, das mit einer Erinnerung an Alexander Newski (1939) beginnt, aber im Stile von Prokofjews Ballett Romeo und Julia fortfährt. Um den Ausdruck zu intensivieren wechselt er häufig die Tonart bis zur Klimax, die Newskis Schlachtmusik in Erinnerung ruft. Eine langsame Einführung (leichtfüßig orchestriert und basierend auf der Musik des ersten Satzes) stellt dieses Finale Allegro giocoso in B-Dur auf seine Beine. Die Streicher beginnen in Takt 23 mit einem Rhythmus, der mit süß-saurer Würzung Fröhlichkeit vorbereitet. Die Klarinette spielt eine synkopiertes Hauptthema, das an die Ausgelassenheit in Romeo und Julia vor den Todesfällen Mercutios und Tybalts erinnert; diese kehrt im gesamten Rondo-ähnlichen Satz immer wieder zurück. Prokofjews Finale läuft auf eine Retrospektive auf seine stilistische Richtung nach der Sinfonie Nr. 4 hinaus - inklusive einer Rückkehr in die UdSSR 1933 - und endet mit einem Parforceritt als Coda.
Die erste Aufführung war ein Triumph, der Höhepunkt von Prokofjews sowjetischen Jahren, dicht gefolgt von einem körperlichen Unfall, von dem er sich nie vollständig erholte. Von undiagnostiziertem Bluthochdruck gestört, fiel er die Treppen hinab (hier sind noch Fragen offen) und zog sich eine massive Gehirnerschütterung zu.

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Orchestre National de France, Dir. Mstislav Rostropowitsch
Label: Warner, DDD, 1987
YouTube:
Mariinskij teatr Оrkestr, Dir. Waleri Gergijew
New York, 2015

HAYDN: Sinfonie Nr. 101 D-Dur "Die Uhr"

Joseph Haydn
Lebensdaten: 31. März 1732 Rohrau (Österreich) - 31. Mai 1809 Wien
Werk: Sinfonie Nr. 101 D-Dur, Hob. I:101 "Die Uhr"
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1794
Besetzung: Orchester
Uraufführung: 3. März 1794 in London
Aufführungsdauer: ca. 29 Minuten
Sätze:

  1. Adagio - Presto
  2. Andante
  3. Menuett. Allegretto & Trio
  4. Finale. Vivace

Nach dem überwältigenden Erfolg der ersten London-Reise von 1791-92 kehrte Haydn nach Wien zurück, wo er ein neues Haus für seine Familie kaufte und sich in einem bequemen, häuslichen Leben niederließ, während er weiterhin komponierte und manche Unterrichtsstunde gab (darunter ein paar für den jungen Beethoven). Aber die Verlockung, der in England erlebten Aufregung war stark und als Johann Peter Salomon ihn einlud nach London für einige weitere Konzerte zurückzukehren, zögerte Haydn nicht. Er traf im Februar 1794 in England ein und stellte im Laufe der nächsten paar Monate eine weitere Reihe an Konzerten mit Salomon vor, darunter die Uraufführungen seiner Sinfonien Nrs. 99-101. Die Nummer 101 wurde unter Haydns Leitung in den Konzertsälen am Hanover Square am 3. März 1794 uraufgeführt.

Der Beginn des ersten Satzes ist dramatisch und gedämpt. Wenn sich das Tempo auf Presto steigert, steht er in einem lebhaften, ausgelassenen 6/8-Takt (sehr unüblich für den ersten Satz einer Sinfonie).

Der Beiname der Sinfonie stammt von der "Ticktack-Begleitung", die einen Großteil des zweiten Satzes (Andante) durchdringt. Fagotte und Pizzicato-Streicher liefern das Ticktack als Erste und begleiten eine zierliche, etwas schüchterne Melodie. Im Zentrum des Satzes gibt es ein stürmisches Zwischenspiel; danach kehrt das Ticktack zurück, dieses Mal von der Flöte und Fagott zwei Oktaven auseinander gespielt.

Mit dem dritten Satz, vermutlich der längste und komplexeste aller Menuettsätze Haydns, wird der Beiname der Sinfonie doppelt passend. 1793, noch in Wien, hatte Haydn seinem Mäzen Fürst Esterházy das Geschenk einer ausgeklügelten Spieluhr überreicht, für die er auch eine Sammlung aus 12 kurzen Stücken geschrieben hatte; eines jener 12 Stücke wurde zum Fundament dieses großen, feierlichen Satzes. Das leicht komödiantische Trio scheint eine eher überschaubar talentierte Dorfkapelle heraufzubeschwören, deren "falsche" Noten und andere Schrullenoft von den späteren Dirigenten und Herausgebern der Sinfonie "korrigiert" wurden. Dieses Trio könnte auch eine Inspirationsquelle für Beethoven in einer ähnlichen Passage des dritten Satzes seiner "Pastorale"-Sinfonie fast 15 Jahre später gewesen sein.

Das Finale basiert auf einer lebhaften Melodie, die einer sehr komplexen Durchführung ausgesetzt wird und sogar an einer Stelle eine kraftstrotzende Fuge enthält. Wie es für die Londoner Sinfonien charakteristisch ist, werden der Streicherabteilung einige außerordentlich schwierige Passagen abverlangt.

(c) Chris Morrison

Kaufempfehlung:
Concertgebouw Orkest, Dir. Sir Colin Davis
Label: Philips, ADD, 1975-81
YouTube:
The New Dutch Academy, Dir. Simon Murphy

HAYDN: Sinfonie Nr. 94 G-Dur "Mit dem Paukenschlag"

Joseph Haydn
Lebensdaten: 31. März 1732 Rohrau (Österreich) - 31. Mai 1809 Wien
Werk: Sinfonie Nr. 94 G-Dur, Hob. I:94 "Mit dem Paukenschlag"
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1791
Uraufführung: 23. März 1792 in London
Aufführungsdauer: ca. 23 Minuten
Teile:

  1. Adagio cantabile - Vivace assai
  2. Andante
  3. Menuett - Trio
  4. Finale

Franz Joseph Haydn diente dem Fürsten Nikolaus I. Esterházy 28 Jahre lang seines Lebens als Kapellmeister oder Hofkomponist zu dem Zeitpunkt als der Fürst 1790 verstarb. Nikolaus' Nachfolger, sein Sohn Anton, war kein großer Musikanhänger und löste den musikalischen Betrieb seiner Familie größtenteils auf. Haydn zog nach Wien und erhielt schnell viele Arbeitsangebote, das attraktivste davon stammte vom Geigenimpresario Johann Peter Salomon, der Haydn eine beträchtliche Summe Geld bot, um nach England zu kommen und dort verschiedene neue Kompositionen in einer Reihe von Konzerten zu präsentieren. Haydn traf am 1. Januar 1791 in England ein (seine erste Reise überhaupt außerhalb Österreichs) und die erste von Salomons drei umwerfend erfolgreichen Konzertsaisons begann im März. Die Sinfonie Nr. 94 erhielt unter Haydns Leitung am 23. März 1792 in der Mitte der zweiten Saison ihre Uraufführung.

Die Sinfonie beginnt zärtlich mit einem freundlichen, sanft schaukelnden Hauptthema, das ziemlich zwingenden Druck aufbaut, während es sich entwickelt. Wie das so bei Haydn der Fall ist, ist die Reprise der Anfangsthemen eigentlich mehr eine Erweiterung ihrer Durchführung. Es gibt eine schöne Passage für die Holzbläser kurz vor dem Ende des Satzes.

Der Beiname der Sinfonie leitet sich vom zurecht berühmten zweiten Satz ab, der eine Reihe an Variationen über eine niedliche, naive, kleine Melodie ist. Während sich die Melodie ausspinnt wird sie immer ruhiger und klingt fast bis in Stille hinein ab - und dann gibt es einen plötzlichen, lauten Akkord vom gesamten Orchester. Es gibt verschiedene Theorien darüber, weshalb Haydn diesen "Paukenschlag" (was eigentlich ein Nachgedanke war und in seiner ursprünglichen Handschrift nicht erscheint) einfügte. Ein Bericht erzählt uns, dass Haydn gesagt haben könnte: "Das wird die Damen aufspringen lassen!". Er könnte auch an die älteren Herren gedacht haben, die er in seinem Publikum sah und die von ihren schweren Abendmahlen und ein wenig zu vielen Getränken schläfrig gemacht, routiniert zum Beginn der Musik wegdösten. Auch hatte mit dem überwältigenden Erfolg der Salomon/Haydn-Konzerte eine rivalisierende Konzertreihe unter der Leitung des Komponisten Ignaz Pleyel (einer von Haydns ehemaligen Schülern) begonnen. Bei einer Gelegenheit gab Haydn zu, dass er den "Paukenschlag" nicht einfügte, um das Publikum aufzurütteln, sondern einfach, um das Werk einprägsam im Zuge seines Wettbewerbs zu gestalten. Was immer der Grund war, ist der "Paukenschlag" nur einer der Vorzüge dieses Satzes, der eine Reihe an Variationen über das Hauptthema enthält - eine stürmische und dramatische, eine andere wird von Holzbläsern lieblich verziert und eine weitere wird von Trompeten und Pauken vorwärts gepeitscht. Der ruhige, ergreifende Schluss des Satzes ist für sich auch eine Art Überraschung.

Es folgt ein aggressives, kleines Menuett mit einem anmutigen Mittelteil für Streicher, denen ein Solofagott Gesellschaft leistet. Die Sinfonie schließt mit einem prickelnden Allegro di molto-Finale; dieses und andere Finales der 12 "Londoner" Sinfonien erfordert wahrhaft virtuose Fähigkeiten von den Streichern - Salomons Musiker in London müssen eine wirklich beeindruckende Gruppe gewesen sein.

(c) Chris Morrison

Kaufempfehlung:
The Academy of Ancient Music, Dir. Christopher Hogwood
Label: Decca, DDD, 1984
YouTube:
Wiener Philharmoniker, Dir. Leonard Bernstein

SAINT-SAËNS: Sinfonie Nr. 3 c-Moll "Orgelsinfonie"

Camille Saint-Saëns
Lebensdaten: 9. Oktober 1835 Paris - 16. Dezember 1921 Algier
Werk: Sinfonie Nr. 3 c-Moll, op. 78 "Orgelsinfonie" (Avec Orgue)
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1886
Uraufführung: 19. Mai 1886 in London
Besetzung: Orgel und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 35 Minuten
Teile:

  1. Adagio - Allegro moderato - Poco adagio
  2. Allegro moderato - Presto - Maestoso - Più allegro

Die London Philharmonic Society beauftragte Saint-Saëns mit der Sinfonie Nr. 3 ähnlich wie Beethovens Neunte. Saint-Saëns dirigierte die Uraufführung am 19. Mai 1886 in London. Obwohl er bis 1921 lebte, sollte Saint-Saëns keine weitere Sinfonie komponieren. Später erklärte er: "Mit ihr habe ich alles gegeben, was ich konnte. Was ich schuf hätte ich nicht erneut erreichen können." Er hatte vor das Werk Liszt zu widmen, die Partitur wurde jedoch nach Liszts Tod mit der Inschrift "À la Memoire de Franz Liszt" veröffentlicht.

Die Sinfonie c-Moll zeigt Saint-Saëns' Nutzung thematischer Umwandlung, die auch in der Ouvertüre Spartacus und dem vierten Klavierkonzert erscheint. Diese Technik hatte Saint-Saëns in den sinfonischen Dichtungen Liszts, sowie der Symphonie fantastique von Berlioz beobachtet. Deren Beispiel folgend führt Saint-Saëns sein Hauptthema seine gesamte Dritte Sinfonie durch Umwandlungen hindurch. Zu den üblichen Kräften eines großen Orchesters fügte er sein und Liszts primäre Instrumente, die Orgel und das Klavier, hinzu. Saint-Saëns legt die Sinfonie in zwei großen Teilen an, aber jeder davon ist wiederum eindeutig zweigeteilt, so dass ein traditionelles, viersätziges Werk entsteht.

Nach einer Adagio-Einführung wechselt das Tempo zu Allegro moderato und die Streicher spielen das Hauptthema des ersten Satzes, das den Gesang zu Beginn des Dies irae mit einbaut, eine Melodie, die gleichermaßen mit dem Tod und, teilweise aufgrund des Totentanzes, mit Liszt assoziiert wird. Die Melodie weist eine AABB-Struktur auf, die typisch für die Werke des Komponisten ist und sie ist die Hauptidee oder auch das "Motto" der gesamten Sinfonie. Dieses unruhige Thema wird verwandelt und macht schließlich Platz für eine neue, ruhigere Idee. Danach treten diese beiden Themen in der Durchführung gleichzeitig auf, bevor eine Rückkehr mehr auf Umwandlung fokussierte Abschnitte bringt und auf den langsamen "Satz" in Des-Dur vorbereitet.

Streicher, unterstützt von Orgelakkorden, spielen das Hauptthema des zweiten Satzes, ein Adagio, was auch der bekannteste Abschnitt der Dritten Sinfonie ist. Holzbläser greifen das friedliche Thema auf und variieren es bis eine neue Umwandlung des "Mottos" eine kontrastierende, rastlose Energie einfüllt. Eine Rückkehr des Adagio-Themas rundet den Satz ab. Gegen Ende hören wir eine brillante Mischung aus Holzbläser und Zungenstimmen an der Orgel.

Ein aggressives, kurzes Thema eröffnet das Scherzo, eine Umwandlung des "Mottos", geborgen im Ausbruch der tiefen Streicher, der nach der ersten Phrase folgt. Wenn sich das Tempo zu Presto wandelt, tritt das Klavier auf mit schnellen, aufsteigenden Arpeggi und Skalen, mehrfach in verschiedenen Harmonien gespielt. Das Scherzo-Material kehrt zurück und was wie eine Reprise des Presto-Teils klingt, führt in ein neues Thema ein, gespielt von den tieferen Instrumenten unter emsigen Verzierungen und das Finale vorausahnend.

Das Finale beginnt mit einem mächtigen Akkord, gespielt von der Orgel. Eine weitere Umwandlung des "Mottos" tritt auf; dieses Mal sind die Bezüge zum Dies irae sehr auffällig. Ein paar ruhige Phrasen folgen, bevor die Orgel und das Orchester sich in einer kräftigen Darbietung des verwandelten Themas zusammentun. Nach einer Durchführung schließt das Stück mit allen verfügbaren Kräften in C-Dur.

(c) John Palmer, Camille Saint-Saëns

Kaufempfehlung:
Simon Preston (Orgel), Berliner Philharmoniker, Dir. James Levine
Label: DGG, DDD, 1986
YouTube:
MDR Sinfonieorchester, Dir. Jun Märkl

MOZART: Sinfonie Nr. 38 D-Dur "Prager"

Wolfgang Amadeus Mozart
Lebensdaten: 27. Januar 1756 Salzburg - 5. Dezember 1791 Wien
Werk: Sinfonie Nr. 38 D-Dur, KV 504 "Prager"
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1786
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 25 Minuten
Teile:

  1. Adagio - Allegro
  2. Andante
  3. Finale. Presto

Am 1. Mai 1786 erhielt Mozarts neue Oper "Le nozze di Figaro" im Burgtheater von Wien ihre Uraufführung. Von Kennern enthusiastisch aufgenommen, überforderte die lange und komplexe Oper aber einen Großteil der allgemeinen Öffentlichkeit und sie erhielt nur acht Aufführungen. Anfang Dezember wurde der Figaro im Nationaltheater (heute als Ständetheater bekannt) von Prag produziert, wo er zu einem solch triumphalen Erfolg wurde, dass Mozart die böhmische Hauptstadt zu besuchen beabsichtigte, um die Produktion selbst anzusehen. Als er und seine Frau Constanze am 11. Januar 1787 eintrafen, brachte er eine neue Sinfonie mit sich, die Anfang Dezember fertiggestellt worden war (und am 6. Dezember Mozarts thematischem Katalog beigefügt wurde). Die Sinfonie wurde in das Konzert mit eingeführt, das Mozart acht Tage später gab, was in der Uraufführung eines Werks endete, das nachfolgend unwiderruflich mit der Stadt assoziiert werden sollte, in der der Komponist seinen größten Triumph späterer Jahre erlebte. Ein Jahrzehnt nach dem Konzert bescheinigte der Prager Schulmeister Franz Niemetschek (der Mozarts Sohn Carl nach dem Tod des Komponisten 1791 unterrichtete) der Sinfonie ihre anhaltende Beliebtheit: "Die Sinfonien, die er für diese Gelegenheit komponiert hatte, sind wahre Meisterwerke der instrumentalen Komposition... Dies betrifft insbesondere die große Sinfonie in D, die immer ein Favorit ist in Prag, obwohl sie zweifellos schon hundertfach gehört wurde."

Solche Verbindungen führten zur allgemeinen Ansicht durch Mozarts Biografen, dass die "Prager" Sinfonie für seinen Besuch dort komponiert wurde, das kann aber nicht der Fall sein - Mozart komponiert das Werk, bevor er die Einladung zum Besuch der Stadt erhielt. Tatsächlich zeigt ein Brief seines Vaters (vom 17. November 1786) eindeutig, dass Mozart zur Zeit der Komposition einen Besuch nach England plante, ein Besuch, der nie stattgefunden hat, weil Leopold sich weigerte nach den beiden jungen Kindern des Komponisten zu sehen. Daher scheint es völlig nachvollziehbar zu denken, dass das Werk mit Mozarts geplantem London-Aufenthalt im Hinterkopf komponiert wurde - was wir also als die "Prager" Sinfonie kennen, hätte die "Londoner" Sinfonie werden können, hätten seine Pläne Früchte getragen. Ein unübliches Merkmal der Sinfonie ist, dass sie aus nur drei Sätzen besteht; es ist das einzige große sinfonische Werk der Wiener Klassik, das das übliche Menuett und Trio oder Scherzo als Satz vermissen lässt. Nichts an diesem Werk ist allerdings klein; sie rechtfertigt Niemetscheks Beiwort "groß" vollauf. Der Anfangssatz, eine weite, imposante Adagio-Einführung, der ein immens mächtiges Allegro folgt, ist einer der beeindruckendsten aller sinfonischen Sätze der klassischen Musik mit dramatischen Qualitäten, die Don Giovanni prophezeien und eine Meisterung des Kontrapunkts, die bis dahin auf Mozarts Kammermusik beschränkt blieb. Das zentrale Andante übersteigt gänzlich die unbekümmerte Implikation einer solchen Satzbezeichnung; es ist ein Satz aus profunder, liedhafter Tiefe und kontrapunktischem Talent. Das finale Presto zeigt ebenfalls einiges der dämonischen Macht des Don Giovanni, die Oper, die Mozart in Kürze für Prag komponieren sollte, während es gleichzeitig eine Welt bewohnt in der trotz all der hellen Dur-Musik die Tragödie nie zu entfernt zu sein scheint.

(c) Franz Niemetschek, Brian Robins

Kaufempfehlung:
Freiburger Barockorchester, Dir. René Jacobs
Label: HMF, DDD, 2006
YouTube:
Concentus Musicus Wien, Dir. Nikolaus Harnoncourt

MOZART: Sinfonia concertante Es-Dur

Wolfgang Amadeus Mozart
Lebensdaten: 27. Januar 1756 Salzburg - 5. Dezember 1791 Wien
Werk: Sinfonia concertante Es-Dur, KV 364
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1779
Besetzung: Violine, Bratsche und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 32 Minuten
Teile:

  1. Allegro maestoso
  2. Andante
  3. Presto

Die prachtvolle Sinfonia concertante für Violine, Bratsche und Orchester in Es-Dur, KV 364, ist Mozarts einzig erhaltenes Werk dieser Art, eine Gattung, die sowohl Elemente der Sinfonie, als auch des Konzerts umschließt. Im Allgemeinen für zwei oder mehr Soloinstrumente und Orchester komponiert war die Sinfonia concertante insbesondere im Paris des 18. Jahrhunderts beliebt. Es war auch dort, wo Mozart ein solches Werk 1778 für vier herausragende Holzblassolisten des Mannheimer Orchesters komponierte, das sich damals ebenfalls in der französischen Hauptstadt befand; dieses Werk ist jedoch nur in einer gefälschten Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert bekannt.

Während dieser Zeit begann Mozart auch zwei weitere Werke in der Gattung der Sinfonia concertante, eines für Violine und Klavier in D-Dur (1778) und ein weiteres für Violine, Bratsche und Cello in A-Dur, KV 320e (ca. 1779-80), welche aber beide nicht über die ersten ungefähr 130 Takte hinaus voranschritten, bevor der Komponist sie beiseite legte. Das hier vorliegende Werk könnte ein Ersatz für das abgebrochene D-Dur-Werk sein. Es wurde in Salzburg während des Sommers oder Herbstes 1779 komponiert, ungefähr zur gleichen Zeit wie jenes Werk. In beiden Werken verlangt Mozart eine höhere Stimmung als sie für die Bratsche üblich ist; seine Absicht darin war zweifellos dem Instrument einen helleren Klang zu verleihen, um zu verhindern, dass es vom hervorstechenderen Begleiter, der Violine, überschattet wird.

Die Solisten, für die die Sinfonia concertante komponiert wurde, sind nicht bekannt, aber es könnten Antonio Brunetti, Leiter des Salzburger Hoforchesters und der Violinist Joseph Hafender gewesen sein. Das Werk besteht aus drei Sätzen: Allegro maestoso, Andante und Rondo. Das Orchester umfasst zwei Oboen, zwei Hörner, ein optionales Paar Fagotte und Streicher. Das Werk ist bekannt für seine warme Ausdehnung; das Andante mit seinem hinreißenden Dialog zwischen den zwei Solisten ist besonders ergötzlich. Die Orchestrierung ist ungewöhnlich voll und reichhaltig; Mozarts regelmäßige Divisi-Angaben für die Bratschen kreieren Strukturen, die die üppige Partitur von Idomeneo, ré die Creta (1781) prophezeien, eine weniger als ein Jahr später für München komponierte Opera seria.

(c) Brian Robins

Kaufempfehlung:
Gidon Kremer (Violine), Kim Kashkashian (Bratsche), Wiener Philharmoniker, Dir. Nikolaus Harnoncourt
Label: DGG, DDD, 1983/85
YouTube:
Renaud Capuçon (Violine), Gerard Causse (Bratsche), Orchestre national Montpellier Languedoc-Roussillon
Live beim Festival de Montpellier

MENDELSSOHN: Sinfonie Nr. 4 A-Dur "Italienische"

Felix Mendelssohn-Bartholdy
Lebensdaten: 3. Februar 1809 Hamburg - 4. November 1847 Leipzig
Werk: Sinfonie Nr. 4 A-Dur, op. 90 "Italienische"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 13. März 1833
Uraufführung: 13. Mai 1833 in London
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 28 Minuten
Sätze:

  1. Allegro vivace
  2. Andante con moto
  3. Con modo moderato
  4. Saltarello. Presto

Anfang 1833 stellte Mendelssohn seine Sinfonie Nr. 4 A-Dur fertig, die posthum als sein Opus 90 veröffentlicht wurde. Er begann das Werk 1832 in Italien und vollendete es in Berlin. Die Uraufführung fand am 13. März 1833 in London statt und ist seither Mendelssohns beliebteste Sinfonie. Der Komponist selbst gab ihr den Beinamen "italienisch".

Da er irgendwie unzufrieden war mit der Sinfonie A-Dur, plante Mendelssohn sie vor ihrer Veröffentlichung noch umzuarbeiten; dies fand jedoch nie statt und das Stück wurde so veröffentlicht, wie sie nach seinem Tod gestaltet war. Der Komponist gab an, dass er in der Sinfonie versuchte seine persönlichen Eindrücke der Kunst, Natur und Menschen Italiens zu vermitteln. Musikalisch ist es ein dichter kontrolliertes, ursprünglicheres Werk als seine vorherigen Sinfonien; das Anfangsthema zählt zu den bekanntesten der Musikgeschichte.

Mendelssohns typischen orchestralen Strukturen sind von Beginn an auffällig: pulsierende Holzbläser erschaffen einen harmonischen Hintergrund für das einfache, Horn-ähnliche Thema in den Violinen. Die schnelle Geschwindigkeit und fragmentarische Natur des Themas sorgen dafür, dass die Musik nicht in eine vorhersehbare Wiedergabe des 6/8-Taktes verfällt. Zwei weitere Themen treten vor der Durchführung auf, in der wir die fugale Behandlung des Hauptthemas vernehmen, sowie das Übergangsthema und neues melodisches Material in Moll. Die Reprise ist nicht wortgetreu; alles ist variiert. In der Coda kehrt das Mollthema der Durchführung zurück, der Satz endet aber in A-Dur.

Ignaz Moscheles behauptete, dass das Hauptthema des zweiten Satzes, ein Andante con moto in d-Moll, die Melodie eines tschechischen Pilgerliedes enthalte; andere meinen es wäre eine Interpretation von Karl Friedrich Zelters "Es war ein König in Thule". In d-Moll angelegt hat der elegante Satz zwei große Abschnitte, die in einer ABAA'-Struktur angelegt sind, bei der sich der kontrastierende B-Teil auf A-Dur fokussiert. Die abschließenden, ruhigen Bassnoten in Pizzicato vermitteln ein Gefühl der Resignation.

Der dritte Satz Con moto moderato ist ein ziemlich konventionelles Menuett und Trio in A-Dur, unter Umständen inspiriert durch Johann Wolfgang von Goethes humorvollen Gedicht "Lilis Park". In der Coda versucht die Melodie des Trio-Abschnittes erfolglos sich über die des Menuetts hinwegzusetzen.

Mendelssohn benannte das Finale Saltarello, was ein lebhafter, neapolitanischer Tanz mit Hüpfen und Springen ist; das schnelle Hauptthema vermittelt den sprunghaften Aspekt des Tanzes. Der Höhepunkt des Satzes ist die zentrale Durchführung, in der Mendelssohn ein Crescendo von Pianissimo zu Fortissimo in den Generalbässen erschafft. Gegen Ende hören wir einen Bezug zum Hauptthema des ersten Satzes, aber in a-Moll, der Tonart, in der der Satz endet.

(c) John Palmer

Kaufempfehlung:
London Symphony Orchestra, Dir. Claudio Abbado
Label: DGG, DDD, 1984
YouTube:
hr-Sinfonieorchester, Dir. Paavo Järvi
16. Juni 2012 in der Alten Oper von Frankfurt/Main

BRUCKNER: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur "Romantische"

Anton Bruckner
Lebensdaten: 4. September 1824 Ansfelden (Österreich) - 11. Oktober 1896 Wien
Werk: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur, WAB 104 "Romantische"
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1874-88
Uraufführung: 20. Februar 1881 in Wien
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 5 Minuten
Sätze:

  1. Bewegt, nicht zu schnell
  2. Andante, quasi allegretto
  3. Scherzo. Bewegt - Trio. Nicht zu schnell, keinesfalls schleppend
  4. Finale. Bewegt, doch nicht zu schnell

Bruckners vierte Sinfonie war diejenige, die eine Umkehr des Schicksals des Komponisten zum Besseren hin einleitete. Die Wiener Uraufführung unter Hans Richter 1880 war ein dröhnender Erfolg. Sie ermutigte den Komponisten so sehr, dass er nach einer sehr vielversprechenden Probe dem Dirigenten eine Münze in die Hand drückte mit der Anordnung sich ein Bier zu genehmigen. Bei dem Konzert wurde Bruckner nach jedem einzelnen Satz per Applaus auf die Bühne gebeten.

Die Originalfassung von 1874 wurde in ein fast völlig neues Werk umgearbeitet, die auffälligsten Änderungen waren das Ersetzen des mysteriös klingenden, ursprünglichen Scherzos mit dem nun bekannten "Jagdscherzo"; ein "Volksfest" untertiteltes Finale ersetzte das Original, nur um zwei Jahre später erneut ersetzt zu werden durch ein weniger programmatisches. Neben ausgedehnten Überarbeitungen der ersten beiden Sätze wurden diese Veränderungen in die Version eingebaut, die heute am bekanntesten ist und gespielt wird und als Version von 1878-80 bezeichnet wird. Eine weitere Überarbeitung 1887-88 durch Bruckners Schüler Löwe und Schalk ist größtenteils verschwunden.

Der Beiname "romantisch" wurde von einem Programm abgeleitet, zu dem Bruckner von Freunden überredet wurde es dem Werk beizufügen und das Bilder mittelalterlicher Ritter, Burgen, Jagd und anderer Dinge hervorrufen soll. Dass Bruckner diesen Vorschlag halbherzig annahm, kann in einer Antwort auf eine Frage bezüglich des Finales begründet liegen: "ich habe eigentlich vergessen, welches Bild ich im Sinn hatte." Und dennoch ist die Erklärung des ersten Satzes als "Mittelalterliche Stadt – Morgendämmerung – von den Stadttürmen ertönen Morgenweckrufe – die Tore öffnen sich – auf stolzen Rossen sprengen die Ritter hinaus ins Freie – der Zauber des Waldes umfängt sie – Waldesrauschen – Vogelgesang" ein wenig zutreffend. Gegen ein mysteriöses Tremolo steigt ein Hornruf auf, dem das gewichtige und heroische Hauptthema folgt; es folgt ein idyllischerer "Liedabschnitt", der an die Natur erinnert und voller Vogelgesang steckt, diesem folgt wiederum ein imposanteres drittes Thema; die Klimax des Satzes ist ein weiter, lodernder Blechbläserchoral, der die Durchführung abschließt; die Reprise endet mit den Hörnern, die kräftig die Anfangstöne der Sinfonie wiederholen gegen sich wiederholende Forte-Akkorde. Der langsame Satz, ein weich voranschreitendes Andante anstatt des üblichen Bruckner-Adagios, soll angeblich das Stelldichein zweier mittelalterlicher Liebhaber repräsentieren; dies wechselt sich ab mit einer vergeistigteren, choralähnlichen Passage und baut sich zu einer Klimax für das volle Orchester auf, die mehr Heroismus als Romantik heraufzubeschwören scheint. Das folgende Scherzo ist das vielleicht einzig unbestrittene Tongemälde der Sinfonie, eine ausgelassene, donnernde Schilderung einer mittelalterlichen Jagd, die für die Hörner einen Parforceritt darstellt; das Trio ist einer von Bruckners fesselndsten Ländlern, durchtränkt von der Heiterkeit des Landlebens. Das Finale der 1880er-Version ist ausgedehnt und episodisch und beginnt mit einem anhaltenden Crescendo einer Einführung und bricht in ein Thema aus, das aus dem Beginn der Sinfonie abgeleitet ist; ein entspanntes, reizendes zweites Thema wechselt sich mit Stellen von wagnerscher Intensität und gelegentlichen, flüchtigen Bezügen zu den vorherigen Sätzen ab; die lange Coda ist ein typischer Bruckner-Aufbau für eine volltönende Klangwand, bei der das Eröffnungsmotiv des Werks mit in die Struktur eingewoben wurde und zum Abschluss bringt, was oft als die erste von Bruckners reifen Sinfonien angesehen wird.

(c) Wayne Reisig

Kaufempfehlung:
Berliner Philharmoniker, Dir. Simon Rattle
Label: Warner, DDD/LA, 2006
YouTube:
Münchner Philharmoniker, Dir. Christian Thielemann

MAHLER: Sinfonie Nr. 9 D-Dur

Gustav Mahler
Lebensdaten: 7. Juli 1860 Kalischt (Böhmen) - 18. Mai 1911 Wien
Werk: Sinfonie Nr. 9 D-Dur
Epoche: Romantik/Postromantik
Entstehungszeit: 1908-09
Uraufführung: 26. Juni 1912 in Wien
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 20 Minuten
Sätze:

  1. Andante comodo
  2. Im Tempo eines gemächlichen Ländlers. Etwas täppisch und sehr derb
  3. Rondo-Burleske. Allegro assai. Sehr trotzig
  4. Adagio. Sehr langsam und noch zurückhaltend

Während Das Lied von der Erde in sanfter Resignation endete, greift Mahler hier den Tod von vorne mit Musik aus tiefgreifender Gewalt und Ironie an. Der grimmige Charakter der Musik, gewisse kryptische Phrasen, die Mahler in die Entwürfe der Sinfonie notierte und die sich wiederholende Nutzung eines unüblichen Motivs und einer Akkordfolge aus Beethovens Sonate "Les adieux", op. 81, führten Beobachter dazu zu glauben, dass diese Sinfonie autobiografisch sei, eine Art "Abschiedssinfonie". Da Mahler jedoch unmittelbar mit der Komposition seiner zehnten Sinfonie fortgefahren war, ist diese Interpretation ohne wirkliche Begründetheit. Es scheint auszureichen davon auszugehen, dass der Tod einfach wieder einmal ein obsessives Thema ist.

Was in dieser Sinfonie musikalisch neu ist, ist die Synthese des scharfkantigen Stils der Sechsten und Siebten mit der verfeinerten, kontrapunktischen Technik vom Lied von der Erde. Kombiniert mit Mahlers zunehmend fortgeschrittener Harmonik und der ausgeklügelten thematischen Verarbeitung ist das Ergebnis eine Musik, die man mehr mit dem Expressionismus von Schönberg als mit Mahlers früher Romantik verknüpft. Bisweilen erreicht sie einen vollständigen Zusammenbruch an Tonalität und verwischt traditionelle thematische und tonale Unterscheidungen auf eine völlig modernistische Art.

Andante comodo. Dieser kräftige und niederschmetternde Satz beginnt unschuldig genug mit ruhigen Figuren in den Streichern, Harfe und Hörnern und erweitert sich zu einem wunderschön schicksalsergebenen, seufzenden Thema. Schon bald wird es von einem chromatischen und verzweifelten Thema unterbrochen. Diese beiden Ideen wechseln sich in verschiedenen Formen ab und steigen zu verschiedenen großen Höhepunkten auf. Der Satz kulminiert in einer vollständigen Verwandlung der Anfangsmotive zu einem fast kakophonen Kollaps. Davon erholt er sich nie, denn die Soloinstrumente scheinen ziellos umherzuwandern, bevor die finale Resignation der Coda eintritt.

Im Tempo eines gemächlichen Ländlers. Dieser Tanzsatz wechselt zwischen einem schrulligen und tollpatschigen Ländler bar jedes Charmes und einem kitschigen Walzer, der zweifellos dazu gedacht ist billige, populäre Stilistika als Metapher für die Sinnlosigkeit des Lebens heraufzubeschwören. Diese beiden Ideen vermischen sich auf zunehmend komplexere Art, nur einmal unterbrochen von einem ruhigeren, nostalgischen Trio.

Rondo-Burleske. Allegro assai. Sehr trotzig. Dies ist vordergründig ein Scherzo, hat aber die Proportionen und Gewicht eines Finales. Es ist auch Mahlers modernster Satz, der aus äußerst komplexem und dissonantem, geradlinigem Kontrapunkt besteht. Es gibt Wechselfolgen mit einer grotesken Blasmusik, diese fügt sich aber nur weiter in den irrsinnig unausgeglichenen und heftig-grimmigen allgemeinen Stil ein. Dieser wilde Tumult wird plötzlich unterbrochen von einer transzendenten Passage, die an den Anfang der Sinfonie erinnert. Sie erweitert sich langsam zu einer gefühlvollen Melodie für die Streicher, bevor sie schließlich ins Diabolische zurückkehrt. Das Ende ist trotzig und grimmig.

Adagio. Sehr langsam und noch zurückhaltend. Die Gewalt der vorherigen Sätze wird in ruhige, wenn auch bittere Akzeptanz verwandelt. Eine hymnische Passage von würdevollem Charakter scheint Mahlers tiefste Sehnsüchte auszudrücken. Diese wechselt sich ab mit einem irgendwie spärlichen, verdünnten Abschnitt in nacktem Kontrapunkt, der emotionale Ausgelaugtheit auszudrücken scheint. Eine große und tragische Klimax, unterstrichen von einer aus dem ersten Satz umgestalteten Fanfare, führt zu der resignierten und ruhigen Coda.

(c) Steven Coburn

Kaufempfehlung:
Chicago Symphony Orchestra, Dir. Pierre Boulez
Label: DGG, DDD, 1995
YouTube:
Lucerne Festival Orchestra, Dir. Claudio Abbado
August 2010 in Luzern

BRAHMS: Sinfonie Nr. 1 c-Moll

Johannes Brahms
Lebensdaten: 7. Mai 1833 Hamburg - 3. April 1897 Wien
Werk: Sinfonie Nr. 1 c-Moll, op. 68
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1855-76
Uraufführung: 4. November 1876 in Karlsruhe
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 45 Minuten
Sätze:

  1. Un poco sostenuto - Allegro
  2. Andante sostenuto
  3. Un poco allegretto e grazioso
  4. Finale. Adagio - Più andante - Allegro non troppo, ma con brio

Brahms komponierte dieses Werk zwischen 1855 und 1876. Otto Dessoff dirigierte eine erste "Probeaufführung" am 4. November 1876 in Karlsruhe. In Düsseldorf zwischen 1854 und 1856 - wo er Clara Schumann mit ihren sieben Kindern half, während der unheilbare wahnsinnige Robert, ihr Ehemann, in einem Irrenhaus vergammelte - unternahm der junge Brahms zwei verschiedene Anläufe eine Sinfonie zu skizzieren. Ende 1858 wurde eine Skizzensammlung zum Ersten Klavierkonzert zusammengestellt, diesem enormen und "ernsten" Werk mit Barockfundament in der Tradition von Beethovens Großer Fuge und der "Hammerklavier"-Sonate. Skizzen für einen Allegro-Satz in C-Dur in Sonatenform und 6/8-Takt wurden für eine spätere Erweiterung und Durchführung aufbewahrt. Als er 1862 die Ergebnisse der nun verwidweten Clara präsentierte, sprach sie ihre Bewunderung, aber auch die Bedenken aus, dass es zu abrupt enden würde. Die nächsten 12 Jahre sollte Brahms diese Musik immer griffbereit halten. 1874 schließlich zwang er sich dazu die Erste Sinfonie fertigzustellen, die Freunde und Bewunderer (zu allererst Schumann 1853 kurz nach ihrer ersten Begegnung) ihn drängten zu komponieren.

Er brachte das Allegro von 1855-62 auf Hochglanz, nun in c-Moll und schrieb dann eine feierliche Einführung, die auf bereits 12-20 Jahre alte Themen hindeutet. Diese beinhalten ein wiederholt auftretendes Motiv aus drei aufsteigenden Halbtönen, die im langsamen Satz wiederholt werden. Nachdem er nun ein Pferd geschaffen hatte, das den Wagen zieht, machte sich Brahms an die Mittelsätze: ein langsamer (Andante moderato in E-Dur, danach c-Moll), der andere quasi ein Scherzo (Un poco allegretto e grazioso, freundlich und anmutig in As-Dur, f-Moll und schließlich H-Dur), jeweils in Dreier- und geradem Takt. Gewisse Arten von Darbietungen können die Mittelsätze etwas deplatziert klingen lassen, was jedoch nicht ihre innewohnende Qualität anfechten soll. Beide veranschaulichen einen Meister der Musik seiner Zeit, der eine exklusive Synthese aus im Widerstreit befindlichen kreativen Kräften erreicht hat. Ihre Substanz und ihr Stil sprechen von keiner geringeren Reife als das monumentale Finale, das geschaffen wurde, um sie zu übertreffen. Dort führt ein unheilvolles Geleit in c-Moll zu einem Allegro non troppo ma con brio (nicht zu schnell, aber lebhaft) in C-Dur, das in 4/4-Takt bleibt bis zu einer kulminierenden Alla-Breve-Beschleunigung in die Coda hinein.

Brahms' Jahrzehnt des Wohnsitzes in Wien hatte ihn ausgeglichener gemacht und auch reifen lassen: die Mittelsätze könnte man Schubert-esk nennen mit Hilfe Schumanns. Das Finale jedoch zollt Tribut an die deutschen Meister des Barock: Scheidt, Froberger, Buxtehude, Bach und den vertriebenen Händel. Gleichzeitig ehrt es die sinfonische Architektur Beethovens ohne einen Schritt zurück zu machen. Obwohl er zu der Generation gehört, die Chopin und Schumann vorausgegangen war, befreite Brahms die Musik genauso wie sie von der traditionellen deutschen Tyrannei der Taktstriche, vier- und achttaktigen Phrasen, Akzenten auf dem ersten Schlag und rhythmischem Mainstream. Obwohl keine der Musik seiner Kollegen fülliger klingt (nicht einmal Bruckners mit den erweiterten Holz- und Blechbläsern), erreichte Brahms seinen Zweck mit beeindruckend einfachen Mitteln - dem grundlegenden Beethoven-Orchester ohne Basstrommel, Becken oder Piccoloflöte - fast bis hin zu Bescheidenheit auf dem Papier, aber einzigartig volltönend im Konzert.

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Münchner Philharmoniker, Dir. Christian Thielemann
Label: DGG, DDD, 2006
YouTube:
hr-Sinfonieorchester, Dir. Stanisław Skrowaczewski
22. März 2013 in der Alten Oper von Frankfurt/Main