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BRUCH: Violinkonzert Nr. 1 g-Moll

 

Max Bruch

Lebensdaten: 6. Januar 1838 Köln - 2. Oktober 1920 Berlin
Werk: Violinkonzert Nr. 1 g-Moll, op. 26
Epoche: Postromantik
Entstehungszeit: 1864-68
Besetzung: Violine und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 24 Minuten
Sätze:

  1. Prelude. Allegro moderato
  2. Adagio
  3. Finale. Allegro energico

Bruch schrieb sechs substanzielle, mehrsätzige Werke für Violine und Orchester, aber nur dieses - das erste seiner drei offiziellen Konzerte - und die Schottische Fantasie sind heute noch wirklich bekannt. Eine kleine Wiedergutmachung für diese Vernachlässung ist die Tatsache, dass dies eines der beliebtesten Konzerte des 19. Jahrhunderts im Repertoire ist, was umso bemerkenswerter ist, weil es das erste große Orchesterwerk war, das Bruch überhaupt veröffentlicht hatte. Das Werk fiel ihm nicht leicht. Bruch begann 1857 mit ersten Skizzen des Konzerts, zog es aber nach seiner Uraufführung 1866 wieder zurück. Nach einer gründlichen Überarbeitung, die auf Ratschlägen einer ganzen Reihe von Violinisten und Komponisten beruhte, am Bekanntesten darunter der Violinvirtuose Joseph Joachim, veröffentlichte Bruch 1868 eine finale Version. Sie wurde von Joachim uraufgeführt und ihm gewidmet. Obwohl er das Werk in der traditionellen Form Schnell-Langsam-Schnell angelegt hat, entwickelte Bruch jeden Satz in Sonatenform und verband sie alle ohne Pause.

Der erste Satz Allegro moderato trägt den Untertitel Vorspiel, ein Relikt aus der Zeit, als Bruch dies eher zu einer Fantasie als einem Konzert machen wollte. Ein ruhiger Paukenwirbel und ein paar niedergeschlagene Phrasen der Holzbläser bereiten die Bühne für den nachdenklichen Auftritt der Violine, eine Melodie, die sukzessive aufsteigt. Dies alles wird etwas bestimmter wiederholt bis das volle Orchester die Kontrolle über das Holzbläsermotiv übernimmt und die Violine ein langes, leidenschaftliches Thema über bebenden Streichern und unheilvollen Paukenschlägen zum Besten gibt. Das zweite Hauptthema ist sanglicher und liegt tiefer im Violinregister bis eine Reihe an Trillern es in erregtere hohe Gefilde trägt, wo es für eine gewisse Zeit verweilt. Dann wird erneut das erste Thema präsentiert, Doppelgriffe verdoppelt seine Intensität. Dies führt in die Durchführung ein, eine stürmische Passage für das Orchester, während der die Violine friedvoll bleibt. In der Rückkehr der Anfangstakte des Satzes dienen die Solophrasen der Violine nun als verkürzte Kadenzen. Eine kurze Kombination aus Reprise und Coda im Orchester führt zum zweiten Satz.

Das Adagio ist eine nostalgische Arie für die Violine. Die Solopartitur wird zunehmend kopmliziert und schlittert in ein feurigeres, aber weniger klar umrissenes zweites Thema, welche in drei schweren Seufzern des Orchesters und anschließend des Solisten kulminiert. Bruch unterzieht dem allen einer profunden Entwicklung, hochgradig emotional ohne dabei rührselig zu werden. Die Reprise lässt nach und fügt eine sehr kurze Pause vor dem Finalsatz ein.

Dieser ist das Allegro energetico, welches sich nach einem behutsamen Orchesteraufbau als froher Tanz in etwas ungarischem Stil herausstellt (ein Tribut sowohl an Joachim, der Ungar war, als auch das von Joachim beeinflusste Finale von Brahms' Violinkonzert). Dem Tanzthema folgt etwas hastendes, virtuoses Material für den Solisten und anschließend eine große, romantische Melodie, welche gegen Ende der Exposition ihre eigene Klimax kreiert. Bruchs Idee der Durchführung besteht hier größtenteils aus einer transponierten Wiederholung von allem, gespielt in etwas emotionalerem Register. Es ist der ungarische Tanz, der das Konzert zu einem belebenden Ende bringt, welches man nach dem bedrückten Beginn des Werks kaum hätte vermuten können.

(c) James Reel

Kaufempfehlung:
Salvatore Accardo (Violine), Gewandhausorchester Leipzig, dir. Kurt Masur
Label: Decca, ADD, 1978

YouTube:
Hilary Hahn (Violine), hr-Sinfonieorchester, dir. Andrés Orozco-Estrada
9. Dezember 2016 in der Alten Oper Frankfurt (Main)


SIBELIUS: Violinkonzert d-Moll

Jean Sibelius
Lebensdaten: 8. Dezember 1865 Hämeenlinna (Finnland) - 20. September 1957 Järvenpää (Finnland)
Werk: Violinkonzert d-Moll, op. 47
Epoche: Postromantik/Moderne
Entstehungszeit: 1903-04
Uraufführung: 8. Februar 1904 in Helsinki
Besetzung: Violine und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 32 Minuten
Sätze:

  1. Allegro moderato
  2. Adagio di molto
  3. Allegro, ma non tanto

Das Violinkonzert ist nicht das einzige Werk, das der Finne Sibelius für Solovioline und Orchester geschrieben hat; er schrieb eine Reihe an exzellenten, kürzeren Werken, darunter Zwei Serenaden (1913) und Sechs Humoresken (1917). Aber das Konzert ist sicherlich das ambitionierteste all dieser Werke. Trotz der frühen Begeisterung einiger weniger Violinisten - insbesondere von Maud Powell, der in der US-Uraufführung mit den New Yorker Philharmonikern 1906 der Solist war und das Werk auf einer transkontinentalen Tour mehrfach spielte - gelang es dem Werk nur langsam beim Publikum Gefallen zu finden. Erst als Jascha Heifetz sich des Werkes annahm und es in den 1930ern aufnahm wurde das Konzert zu dem was es heute ist: eines der beliebtesten Konzerte aus dem Repertoire der nationalen Romantik.

Sibelius selbst war ein guter Violinist. Er begann mit 15 das Instrument beim Kapellmeister seiner Heimatstadt zu lernen und nahm kurze Zeit später an Kammermusikkonzerten teil und spielte auch in seinem Schulorchester. Er hatte das Gefühl zu spät in seinem Leben mit der Violine begonnen zu haben, um ein wahrer Virtuose zu werden, aber er schaffte es seiner intensiven Kenntnis vom Instrument auf diesem, seinem einzigen Konzert, das er 1903 fertiggestellt hatte, Ausdruck zu verleihen. Der Solist bei der Uraufführung sollte der Freund des Komponisten, Willy Burmeister, sein. Als aber terminliche Schwierigkeiten auftraten wurde die Ehre die Uraufführung des Werks am 8. Februar 1904 in Helsinki zu spielen an Viktor Nováček verliehen, Sibelius selbst dirigierte. Nach dieser gleichgültig rezipierten Aufführung nahm Sibelius das Werk für Überarbeitungen zurück. Letztendlich wurde das Werk gekürzt, darunter die Herausnahme einer Solokadenz und es enthielt einen helleren Orchesterklang. Die erste Aufführung der überarbeiteten Partitur fand am 19. Oktober 1905 in Berlin statt mit Richard Strauss als Dirigenten, sowie Karl Halir, einem Mitglied von Joseph Joachims Quartett, als Solisten.

Sibelius hegte nicht die größte Hochachtung für Violinenvirtuosen oder für viele der für sie komponierten Werke. In seinem Konzert schafft er es eine ideale Balance zwischen instrumentaler Brillanz und den reiner musikalischen, strukturellen und emotionalen Werten zu schaffen. Einmal gab er einem Schüler einen Rat über das Komponieren von Konzerten und sagte, dass man die Geduld des Publikums (und die Dummheit mancher Solisten!) beachten und lange, rein orchestrale Passagen vermeiden solle. Er nahm seinen eigenen Rat sicherlich zu Herzen, da der Violinist das ausdrucksstarke Hauptthema des ersten Satzes im vierten Takt aufnimmt und das Rampenlicht für den Rest des halbstündigen Konzerts kaum mehr verlässt.

Der in Sonatenform angelegte Anfangssatz kontrastiert Passagen der Zurückhaltung und Melancholie mit Passagen großer Kraft und Intensität. Eine unübliche Eigenschaft ist die Kadenz für den Solisten mitten im Satz, die einige Qualitäten mit ähnlichen Passagen der großen Virtuosenkonzerte des 19. Jahrhunderts teilt, aber substanzieller ist und stärker integriert in die Gesamtform des Stücks. Holzbläserduette beginnen den langsamen, zweiten Satz, woraufhin der Solisten die füllige, fast Tschaikowski-hafte Hauptmelodie aufnimmt. Später im Satz hat der Violinist einen teuflischen, zweiteiligen Kontrapunkt zu spielen. Dies ist nur eine der zahlreichen, technischen Hürden, die der Solist in diesem Werk bewältigen muss; viele mehr treten im brillanten, tänzerischen dritten Satz auf mit seinem insistierenden Rhythmus und der volkstümlichen Anordnung seiner Melodien. Die Aufregung und das Momentum dauern bis ganz zum Ende des Werks fort.

(c) Chris Morrison

Kaufempfehlung:
Viktoria Mullova (Violine), Boston Symphony Orchestra, dir. Seiji Ozawa
Label: Philips, DDD, 1985
YouTube:
Maxim Vengerov (Violine), Chicago Symphony Orchestra, dir. Daniel Barenboim
aus der Philharmonie in Köln

FRANCK: Violinsonate A-Dur

César Franck
Lebensdaten: 10. Dezember 1822 Lüttich - 8. November 1890 Paris
Werk: Violinsonate A-Dur, FWV 8
Epoche: Romantik/Postromantik
Entstehungszeit: 1886
Uraufführung: 26. September 1886
Besetzung: Violine und Klavier
Aufführungsdauer: ca. 28 Minuten
Teile:

  1. Allegretto ben moderato
  2. Allegro
  3. Recitativo-Fantasia. Ben moderato - Largamento con fantasia
  4. Allegretto poco mosso

Neben der Sinfonie d-Moll, die zu regelmäßigen Darbietungen in der Konzerthalle kommt, ist die Violinsonate (1886) Francks bekanntestes Werk und das auch zurecht: es ist eine hervorragende Synthese aus Francks eigener und einzigartiger reichhaltiger harmonischer Sprache und der Anlage thematischer Zyklen, sowie der Tradition der Wiener Klassik, die er in späteren Perioden seiner Karriere so lieb gewonnen hatte.

Die Sonate war als Hochzeitsgeschenk für den berühmten belgischen Violinisten Eugène Ysaÿe komponiert worden, der sie bei seiner Hochzeitsfeier am 26. September 1886 spielte. Die Beliebtheit des Werks wird durch die Anzahl und Vielfältigkeit von Arrangements deutlich, die schließlich gemacht wurden, darunter Versionen für Flöte, Cello, Bratsche und sogar Tuba; von diesen erhielt jedoch nur das Arrangement für Cello den Stempel der Zustimmung vom Komponisten.

Die Sonate beginnt nicht mit einem feurig schnellen Satz, sondern stattdessen mit einem poetischen Allegretto moderato in 9/8-Takt. Nach einer zögerlichen Anfangsgeste baut sich die Musik zu einer mitreißenden Fortissimo-Klimax auf. Wenn dann die Violine sich dem Diskus wieder anschließt ebbt das Drama zu einer Dolcissimo-Reprise des Anfangs ab. Eine weitere Klimax, die sich dieses Mal in Richtung der Tonika A-Dur bewegt, folgt und der Satz endet mit einer kurzen Codetta.

Die zarte Erleichterung des Abschlusses des ersten Satzes ist jedoch extrem kurzlebig, denn eine langsame Sechzehntelnote, die im Klavier poltert strömt schon bald in ein vollblütiges Allegro über. Die synkopierte Hauptmelodie wird von der Violine übernommen und die Geschehnisse beruhigen sich gerade so lange für ein Zwischenspiel quasi in lento und einigen fragmentierten, episodischen Rekonstruktionen der drei wichtigsten Phrasen des Satzes. Eine Rekapitulation mit angemessener harmonischer Umstrukturierung des Materials folgt und dann die Coda, zunächst misterioso, aber zunehmend tumultuös, ein elektrifizierendes Finale liefernd.

Der dritte Satz Recitativo-Fantasia ist in vielerlei Hinsicht der unmittelbar beeindruckendste in der Sonate. Das Klavier spielt eine Eröffnungsgeste, die sich aus der gleichen Geste mit aufsteigender Terz zusammensetzt, die das Hauptthema des ersten Satzes liefert, worauf die Violine unbegleitet antwortet. Der friedliche, fast außerweltliche Mittelteil führt in die beiden wetteifernden Themen ein mit charakteristischer Begleitung in Triolenrhythmus, die im Finale in glorreicher Pracht zurückkehren werden.

Die totale Niederlage, die den Abschluss des dritten Satzes zu kennzeichnen scheint wird unmittelbar vertrieben vom fröhlichen Beginn des Finales. Obwohl die Anfangsmelodie, in exakter kanonischer Imitation zwischen den Instrumenten vorgetragen, neu ist im letzten Satz, kehrt auch die erste der beiden Melodien des Mittelteils des dritten Satzes zurück. Nach einer passenden Vermengung dieser beiden Ideen - und einem farbenfrohen Zwischenspiel, das auf einem Nebenmotiv des Anfangssatzes aufgebaut ist - erhält ein gewaltiger Aufbau seinen Höhepunkt in der leidenschaftlichen Fortissimo-Rückkehr des zweiten der beiden Themen des dritten Satzes und wird unmittelbar eine ganze Stufe höher wiederholt. Während der Damm bricht, kehrt das kanonische Anfangsthema einmal mehr zurück, um das Werk zu einem heiteren Ende zu bringen.

(c) Blair Johnston

Kaufempfehlung:
Kaja Danczowska, Krystian Zimerman
Label: DGG, ADD, 1980
YouTube:
Dawid Oistrach, Lew Oborin
Moskau, 1952

MOZART: Sinfonia concertante Es-Dur

Wolfgang Amadeus Mozart
Lebensdaten: 27. Januar 1756 Salzburg - 5. Dezember 1791 Wien
Werk: Sinfonia concertante Es-Dur, KV 364
Epoche: Klassik
Entstehungszeit: 1779
Besetzung: Violine, Bratsche und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 32 Minuten
Teile:

  1. Allegro maestoso
  2. Andante
  3. Presto

Die prachtvolle Sinfonia concertante für Violine, Bratsche und Orchester in Es-Dur, KV 364, ist Mozarts einzig erhaltenes Werk dieser Art, eine Gattung, die sowohl Elemente der Sinfonie, als auch des Konzerts umschließt. Im Allgemeinen für zwei oder mehr Soloinstrumente und Orchester komponiert war die Sinfonia concertante insbesondere im Paris des 18. Jahrhunderts beliebt. Es war auch dort, wo Mozart ein solches Werk 1778 für vier herausragende Holzblassolisten des Mannheimer Orchesters komponierte, das sich damals ebenfalls in der französischen Hauptstadt befand; dieses Werk ist jedoch nur in einer gefälschten Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert bekannt.

Während dieser Zeit begann Mozart auch zwei weitere Werke in der Gattung der Sinfonia concertante, eines für Violine und Klavier in D-Dur (1778) und ein weiteres für Violine, Bratsche und Cello in A-Dur, KV 320e (ca. 1779-80), welche aber beide nicht über die ersten ungefähr 130 Takte hinaus voranschritten, bevor der Komponist sie beiseite legte. Das hier vorliegende Werk könnte ein Ersatz für das abgebrochene D-Dur-Werk sein. Es wurde in Salzburg während des Sommers oder Herbstes 1779 komponiert, ungefähr zur gleichen Zeit wie jenes Werk. In beiden Werken verlangt Mozart eine höhere Stimmung als sie für die Bratsche üblich ist; seine Absicht darin war zweifellos dem Instrument einen helleren Klang zu verleihen, um zu verhindern, dass es vom hervorstechenderen Begleiter, der Violine, überschattet wird.

Die Solisten, für die die Sinfonia concertante komponiert wurde, sind nicht bekannt, aber es könnten Antonio Brunetti, Leiter des Salzburger Hoforchesters und der Violinist Joseph Hafender gewesen sein. Das Werk besteht aus drei Sätzen: Allegro maestoso, Andante und Rondo. Das Orchester umfasst zwei Oboen, zwei Hörner, ein optionales Paar Fagotte und Streicher. Das Werk ist bekannt für seine warme Ausdehnung; das Andante mit seinem hinreißenden Dialog zwischen den zwei Solisten ist besonders ergötzlich. Die Orchestrierung ist ungewöhnlich voll und reichhaltig; Mozarts regelmäßige Divisi-Angaben für die Bratschen kreieren Strukturen, die die üppige Partitur von Idomeneo, ré die Creta (1781) prophezeien, eine weniger als ein Jahr später für München komponierte Opera seria.

(c) Brian Robins

Kaufempfehlung:
Gidon Kremer (Violine), Kim Kashkashian (Bratsche), Wiener Philharmoniker, Dir. Nikolaus Harnoncourt
Label: DGG, DDD, 1983/85
YouTube:
Renaud Capuçon (Violine), Gerard Causse (Bratsche), Orchestre national Montpellier Languedoc-Roussillon
Live beim Festival de Montpellier

BACH: Brandenburgisches Konzert Nr. 5 D-Dur

Johann Sebastian Bach
Lebensdaten: 21. März 1685 Eisenach - 28. Juli 1750 Leipzig
Werk: Brandenburgisches Konzert Nr. 5 D-Dur, BWV 1050
Epoche: Barock
Entstehungszeit: 24. März 1721
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 23 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Affettuoso
  3. Allegro

Johann Sebastian Bach stellte sein Brandenburgisches Konzert Nr. 5 D-Dur, BWV 1050, höchstwahrscheinlich 1721 fertig. Dieses Werk ist das fünfte der sechs Konzerte, die der Komponist dem Markgrafen von Brandenburg, Christian Ludwig, widmete. Was er ihm anbot war vermutlich eine Art Bewerbung für eine Stelle; Bach erhielt keine Antwort, aber diese Stücke wurden zu einigen seiner bekanntesten Werke. Jedes seine Konzerte ist eigenständig, wie auch die Sammlungen an Suiten und Partiten des Komponisten. Hört man das fünfte Konzert im Kontext der restlichen Sammlung stellt sich heraus, dass abgesehen von Bachs unnachahmlicher Stärke als Kontrapunktiker der Schlüssel zu seiner Fähigkeit Musik zu schaffen, die gleichermaßen vollendet wie auch unterhaltsam ist, in der Tatsache begründet liegt, dass in seinen Händen alles elastisch ist. Kein anderer Komponist des Barock konnte so durch die Zwänge der Form hindurchkomponieren, als ob diese gar nicht vorhanden wären. Bach sah mehr Möglichkeiten als jeder andere, in Form und Einfluss. Die Art, wie er in diesen Konzerten den italienischen Klang mit seinem eigenen vermischte, veredelte die italienische und die deutsche Musik gleichermaßen. Die Weite seiner Vision und sein unaufhörlicher Erfindungsreichtum, der alles, das er schrieb, neuartig machte, lässt jeden Versuch eines Vergleichs in Frustration enden.

Dieses fünfte Konzert ist angelegt für Flöte, Solovioline, obligatem Cembalo und Streicher. Es ist das einzige der sechs Stücke, das dem Cembalo etwas Solomaterial gibt, welches die anderen Werke hindurch Teil des Continuo ist und somit die Harmonien ausfüllt. Was ziemlich bizarr und schön am Anfangssatz ist, ist die Art, wie die Soloinstrumente und das Streicherensemble mit der musikalischen Funktion der jeweils anderen spielen. Genauer gesagt wird das Ritornell von den Solisten fast mitgerissen, obwohl es üblicherweise das Territorium des Tuttiensembles ist. Das Cembalo scheint das Werk zusammen zu halten und es gibt in der zweiten Hälfte des Satzes Stellen, in denen alles außer dem Cembalo zum Stehen gekommen ist. Am Ende des Satzes unterstützen die anderen Solisten sogar die frei fließende Melodie des Cembalos. Es ist ein Satz etwa nach der Art "Teile und herrsche" mit Tutti gegen Solisten und auch Solisten gegen Solisten. Das Cembalo gewinnt. Niemand hatte Musik mit dieser Art freien Umgangs mit den Funktionen vor Bach geschrieben.

Die folgenden zwei Sätze, kürzer als der erste, bilden einen bewundernswerten Kontrast. Der zweite Satz ist nur für Solisten, düster und zusammenwirkend. Obwohl er innig ist und bar der Spannung des ersten Satzes ist er der konzerthafteste Satz im traditionellen Sinne. Dies ist eine beträchtliche Ironie, bedenkt man, wie die Spannungen der Konzertform im ersten Satz auseinandergebrochen wurden, was genauso eine Abkehr von der Form ist wie dieser Satz ein Anhänger. Der finale Satz ist ein entzückender Tanz, eine lebhafte Gigue mit fugaler Kraft.

(c) John Keillor

Kaufempfehlung:
Il Giardino Armonico
Label: DAW, DDD, 1996
YouTube:
Otto Büchner (Violine), Paul Meisen (Flöte), Münchener Bach-Orchester, Dir. Karl Richter

BACH: Brandenburgisches Konzert Nr. 2 F-Dur

Johann Sebastian Bach
Lebensdaten: 21. März 1685 Eisenach - 28. Juli 1750 Leipzig
Werk: Brandenburgisches Konzert Nr. 2 F-Dur, BWV 1047
Epoche: Barock
Entstehungszeit: 24. März 1721
Besetzung: Orchester
Aufführungsdauer: ca. 12 Minuten
Sätze:

  1. Allegro
  2. Andante
  3. Allegro assai
Zwischen 1719 und 1721 stellte Bach sechs Konzerte für Christian Ludwig, den Markgrafen von Brandenburg zusammen, entweder als Auftrag oder als Bewerbung für einen Posten. Das Brandenburgische Konzert Nr. 2 könnte eines der letzten gewesen sein, das er geschrieben hat und es scheint eindeutig wie ein Stück für einen besonderen Anlass zu sein. Es ist ein Konzert, das vier hervorstechende Instrumente - Trompete, Flöte, Oboe und Violine - gegen eine Basis aus Streicher und Continuo enthält. Die Komposition ist virtuos und brillant; vor allen Dingen der hohe Trompetenpart bringt viele gute Musiker zur Verzweiflung. Das Werk folgt im Grunde der Struktur des italienischen Concerto grosso und unterstreicht die Musik der Sologruppe durch Tutti-Aufwallungen für die Streicher, obwohl hier die Solisten öfter in das musikalische Gewebe eingebaut wurden als im italienischen Modell. Der stark rhythmische erste Satz, ohne Tempoangabe, beschäftigt die Solisten sowohl als Mitglieder des gesamten Ensembles als auch als Musiker im Rampenlicht in vielerlei Kombinationen. Das Orchester führt in ein energisches, achttaktiges Thema ein, danach springen jeweils zu zweit und getrennt von Wiederaufnahmen der Eröffnungsmelodie die Solisten mit ihrem eigenen zweitaktigen Motiv herbei. Von diesem Punkt an weichen die Solisten nur selten komplett zurück und spielen beständig mit ihrem kurzen Motiv und nehmen dabei auch Fragmente des Ursprungsthemas auf. Die Trompete zieht sich aus dem wehmütigen Andante zurück und überlässt es den anderen drei Solisten mit spärlicher Continuo-Begleitung sich auf die sehnsüchtige Phrase zu konzentrieren. Der Eintritt des einen Instruments überschneidet die letzten Töne des anderen in einer Art Kontrapunkt, der trotz mehrerer Versuche nie in Gang kommt. Indem es ein Thema des ersten Satzes ummodelliert, geht das Allegro assai den Kontrapunkt ernsthafter an. In den vorherigen Sätzen hatte Bach eine Melodie von einem Instrument zum anderen gereicht und dabei deren kontrastierenden Klangfarben aufgezeigt. In diesem Finalsatz nun liefern die Solisten jeweils unterschiedliche Stimmen in einer voll ausgeprägten Fuge, bei der das Streichorchester lediglich die Schlüsselmomente bekräftigt. Diese Fuge ist keine akademische Übung; die Musik ist hell und feierlich und ist klar dazu gedacht zu zeigen wie eine erlernte Struktur in populäre Unterhaltung am Hof des Markgrafen eingebaut werden kann.

(c) James Reel

Kaufempfehlung:
Il Giardino Armonico
Label: DAW, DDD, 1996
YouTube:
English Baroque Soloists, Dir. John Eliot Gardiner
14. August 2010 in der Cadogan Hall von London

BACH: Violinkonzert d-Moll

Johann Sebastian Bach
Lebensdaten: 21. März 1685 Eisenach - 28. Juli 1750 Leipzig
Werk: Violinkonzert d-Moll, BWV 1043
Epoche: Barock
Entstehungszeit: 1730-31
Besetzung: 2 Violinen und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 17 Minuten
Sätze:

  1. Vivace
  2. Largo ma non tanto
  3. Allegro

Diese Musik wurde zwischen 1717 und 1723 in Köthen komponiert und höchstwahrscheinlich uraufgeführt von Joseph Spiess und Martin Friedrich Marcus mit Fürst Leopolds Hoforchester. In Köthen hatte Bach keine Orgel zur Verfügung trotz seiner gesamtdeutschen Reputation als Virtuose an diesem Koloss unter den barocken Instrumenten. Er war jedoch auch an der Violine, der Gambe und natürlich dem Klavier sachkundig. Ohne der Verfügbarkeit seiner ersten Wahl oder kirchlichen Verpflichtungen, wie sie später in Leipzig auf ihn zukommen sollten, konzentrierte sich Johann Sebastian auf Instrumentalmusik in vielerlei Kombinationen - das Meiste davon ging später verloren. Zusammen mit der Sammlung der Brandenburgischen Konzerte überlebten nur noch zwei weitere Konzerte für Solovioline und das Konzert d-Moll für zwei Violinen aus einer Sammlung aus wer weiß wie vielen über diejenigen hinaus, die Bach nach 1729 für ein, zwei, drei und vier Klaviere neu geschrieben hatte. All seine Konzerte, darunter die Brandenburgischen, hatten Vivaldi als ihren Ausgangspunkt und manche waren sogar Transkriptionen der Werke des italienischen Meisters. Bachs Genie war natürlich, dass er die Musik eines Mannes, der indirekt sein Mentor war, individualisieren und auch übersteigen konnte. Seine Werke hatten nicht die Sinnlichkeit oder Esprit derjenigen Vivaldis; Bach war Lutheraner und damit über Stimmung und Umwelt hinaus an eine Religion gebunden, die die säkularen Exzesse ablehnte, in denen sich der Katholizismus (so sah es zumindest Luther) seit dem Mittelalter gesuhlt hatte.

Obwohl die Oper in Bachs Erziehung, Leben oder Musik keinen Platz fand, war er dennoch fähig zu vorzüglicher Lyrik, Wärme und Sanftmütigkeit und das nie stärker als im Largo, ma non tanto bezeichneten Mittelsatz dieses Doppelkonzerts mit seinem sizilianischen 12/8-Rhythmus und den Solomelodien, die sich gegenseitig zu liebkosen scheinen, während sie sich überdecken und verknüpfen. Zu beiden Seiten dieses köstlichen Duologs zeigt der barocke Kontrapunktiker jedoch seine Meisterhand in Synthese und Organisation. Das Konzert beginnt mit einer fugalen Darstellung zweier kontrastierender Themen und ihrer "Durchführung" im Ritornellostil durch g-Moll und c-Moll, bevor das Orchester das Anfangsthema ein letztes Mal in einer "Reprise" wiederholt. Das in Dreiertakt stehende Allegro-Finale enthält gleichermaßen Nachahmung und Wiederholung mit den Solisten im Vordergrund und Zentrum. Mehr noch als im ersten Satz gibt es das Gefühl einer embryonalen Sonatenform mit der bezaubernden Überraschung einer Reprise in g-Moll anstatt der Tonika d-Moll.

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Café Zimmermann
Label: Alpha, DDD, 2002
YouTube:
Yehudi Menuhin, Dawid Oistrach (Violine)

TSCHAIKOWSKI: Violinkonzert D-Dur

Pjotr Tschaikowski
Lebensdaten: 7. Mai 1840 Wotkinsk (Russland) - 6. November 1893 St. Petersburg
Werk: Violinkonzert D-Dur, op. 35
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1878
Besetzung: Violine und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 32 Minuten
Sätze:

  1. Allegro moderato
  2. Canzonetta. Andante
  3. Finale. Allegro vivacissimo

Tschaikowski komponierte dieses Werk 1878. In Clarens, nahe Genf, stellte Tschaikowski nach seinem Fehlversuch einer Ehe, sowie seinem Selbstmordversuch, sowohl den Onegin als auch Anfang 1878 die vierte Sinfonie fertig. Nach einer Rundreise nach Moskau im Februar für die Uraufführung der Sinfonie, wurde er in Clarens vom Violinisten Iossif Kotek besucht. Tschaikowski skizzierte aus Zuneigung zu Kotek in gerade einmal 11 Tagen ein Violinkonzert und hatte die Orchestrierung zwei Wochen später fertig, darin befand sich ein neuer langsamer Satz anstelle eines, den Kotek und Tschaikowski jüngerer Bruder Modest als zu schwach empfunden hatten.

Pjotr Iljitsch widmete das neue Konzert an Leopold Auer, den legendenumwobenen ungarischen Emigranten, der zwei Generationen an russischen Virtuosen unterrichten sollte. Doch genau wie Nikolaj Rubinstein vier Jahre zuvor das Klavierkonzert b-Moll verunglimpft hatte, erklärte Aue dieses neue für "unspielbar" (obwohl auch er sich widerruf und zu einem der Meister des Werkes wurde). Daher war es ein Wiener Publikum, das am 4. Dezember 1881 mit Adolf Brodski und Dirigent Hans Richter die Uraufführung zu hören bekam. Es war eine unzureichend geprobte und schwach begleitete Aufführung über die Eduard Hanslick schrieb: "sie ruft in uns den empörenden Gedanken hervor, dass es einfach Musik geben könnte, die 'in den Ohren stinkt'". Er schrieb in der gleichen Kritik jedoch auch, dass "das Konzert Proportion hat, musikalisch ist und nicht ohne Genie."

Zusätzlich zu seiner strukturellen Schlüssigkeit strotzt das Konzert geradeso vor Melodien, in solcher Fülle, dass die wunderbare Eröffnungsmelodie des Orchesters nie noch einmal auftritt! Danach erhält der Solist den jeweils ersten Versuch an ihnen, beginnend mit dem "sehr gemäßigten" Hauptthema. Das zweite ist als molto espressivo bezeichnet, woraufhin das Hauptthema vor der Durchführung zurückkehrt, die in einer prächtigen Solokadenz endet, gefolgt von der Reprise und Coda.

Die Canzonetta ("kleines Lied") in Andante in 3/4-Takt mit ABA-Form enthält ein Hauptthema in g-Moll (das zusätzlich als molto espressivo bezeichnet wurde) und ein kontrastierend schnelleres, Chopin-ähnliches zweites Thema in Es-Dur. Ohne Pause beginnt der nächste Satz wie ein Überschallflugzeug von der Startrampe. Es ein Trepak in Rondoform mit zwei extrovertierten Themen mit folkloristischem Charakter, abgerundet von einer ausgedehnten Coda, die das Stück wie ein Derwisch beenden lässt. Kein russischer Komponist vor oder nach Tschaikowski hat je wieder ein Konzert mit größerer Finesse oder Elan beendet, nicht einmal Rachmaninow (der mit Tschaikowskis Segen schon früh lernte wo er sein Handwerk lernen musste).

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Nathan Milstein (Violine), Wiener Philharmoniker, Dir. Claudio Abbado
Label: DGG, ADD, 1973
YouTube:
Julia Fischer (Violine), Orchestre Philharmonique du Radio France, Dir. Wassili Petrenko

BACH: Violinpartita Nr. 2 d-Moll

Johann Sebastian Bach
Lebensdaten: 21. März 1685 Eisenach (Sachsen-Eisenach) - 28. Juli 1750 Leipzig (Sachsen)
Werk: Partita für Violine solo Nr. 2 d-Moll, BWV 1004
Epoche: Barock
Entstehungszeit: 1720
Besetzung: Violine solo
Aufführungsdauer: ca. 28 Minuten
Sätze:

  1. Allemande
  2. Courante
  3. Sarabande
  4. Gigue
  5. Chaconne

Zusammen mit Paganinis 24 Capricci für Solovioline und Bachs sechs Cellosuiten stechen seine Partiten und Sonaten (jeweils drei) für Solovioline aus ihren jeweiligen Geschwistern heraus als prachtvolle Musik, geschrieben für ein unbegleitetes Streichinstrument. Und während sie auch den Zenit der polyphonen Komposition für ein anderes Instrument als das Klavier darstellen, waren Bachs Sonaten und Partiten auch ungemein wichtig in der Entwicklung der Violintechnik. Mit ihrer kolossalen Reichweite, immensen technischen Anforderungen und musikalischen Komplexität, nichtsdestoweniger ihrer beeindruckenden intellektuellen Intensität, überstiegen diese Schöpfungen in großem Maße alles, das es vor ihnen gab, inklusive den Partiten für Solovioline von Westhoff (1696) und zahlreichen vergleichbaren Solowerken von Biber, Pisendel und anderen. Es scheint wahrscheinlich, dass entweder die Dresdner Virtuosen Pisendel oder Volumier oder sogar noch wahrscheinlicher der Köthener Konzertmeister Spiess die ersten Künstler gewesen waren, die sich an diesen außerordentlich herausfordernden Werken versucht haben, von denen alle klingen, als ob sie für ein Zeitalter instrumentaler Virtuosität geschrieben wurden, das noch weit in der Zukunft lag.

Die Sonaten sind auf vier Sätze beschränkt (langsam-schnell-langsam-schnell, wie die frühe Sonata da chiesa), einer davon ist eine Fuge. Die Partiten sind allgemein ausgedehnter und in unorthodoxer formaler Gestaltung (was vielleicht durch ihren umfassenderen, allgemeinen Titel angedeutet wird) und besitzen das erforschendere, improvisatorischere Gefühl der Musik, obwohl sie aus Aneinanderreihungen barocker Tänze bestehen. Die fantastische und beredte Partita Nr. 2 d-Moll, BWV 1004, scheint größtenteils dem konventionellen Entwurf der barocken Suite zu folgen, sie beginnt mit einer ernsten und zielstrebigen Allemande, die unerwartet befreit ist von Akkorden in Mehrgrifftechnik. Es folgen eine Courante und eine Sarabande, deren kurze Coda die Verknüpfung zur nachfolgenden Gigue bereitstellt.

Das Werk endet indes mit dem labyrinthischsten und intellektuell gewaltigsten einzelnen Satz, der je für ein unbegleitetes Streichinstrument ersonnen wurde. Dies ist Bachs berühmte Chaconne (ursprünglich "Ciaccona"), eine kolossale, bogenförmige Reihe an 64 atemberaubenden Variationen über die schlichte, viertaktige Phrase mit offenem Ende, die man zu Beginn hört. Zwei monumentale Außenteile in Moll umschließen eine zentrale Episode in Dur und diese große Anlage umfasst jeden Aspekt der Technik des Violinspiels und kontrapunktischer Genialität, die man zu Bachs Zeiten kannte. Die Chaconne, deren Dauer 15 Minuten übersteigt (und damit länger ist als der Rest des Werks zusammen), wird oft als einzeln stehender Satz gespielt und wurde auch für andere Instrumente umfangreich transkribiert.

(c) Michael Jameson

Kaufempfehlung:
Arthur Grumiaux (Violine)
Label: Philips, ADD, 1960-63
YouTube:
Itzhak Perlman (Violine)

BRAHMS: Violinkonzert D-Dur

Johannes Brahms
Lebensdaten: 7. Mai 1833 Hamburg - 3. April 1897 Wien (Österreich)
Werk: Violinkonzert D-Dur, op. 77
Epoche: Romantik
Entstehungszeit: 1878
Uraufführung: 1. Januar 1879 in Leipzig
Besetzung: Violine und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 40 Minuten
Sätze:

  1. Allegro non troppo
  2. Adagio
  3. Allegro giocoso, ma non troppo vivace

Brahms komponierte diese Musik während des Sommers 1878 und leitete die Uraufführung mit seinem Widmungsträger Joseph Joachim als Solisten am 1. Januar 1879 in Leipzig.

In den 1860er-Jahren tourte Brahms als Joachims Pianist. Trotz der zwischen den Beiden liegenden Kilometern - der Violinist lebte in Berlin, während Brahms sich nach 1867 dauerhaft in Wien niederließ - gedeihten ihr gegenseitiger Respekt, sowie die Bewunderung. Das galt bis 1881, als "Jussuf", ein krankhaft eifersüchtiger Ehemann, seiner Frau Ehebruch vorwarf und seinen und Brahms' Verleger Fritz Simrock als entsprechenden Partner nannte. Da er Joachims Wahn kannte, tröstete Brahms die Dame privat in einem Brief, den sie während des Scheidungsprozesses allerdings öffentlich machte - und mit dem der Richter öffentlich übereinstimmte, was in den Gedanken des Geigers dem Affront weiteren Schaden zufügte. Die nächsten sechs Jahre lang herrschte Stillschweigen zwischen ihnen. Untypischerweise brach Brahms das Schweigen, indem er 1887 sein "Doppelkonzert" für Joachim und einen Cellisten nach Wahl schrieb - das letzte Werk für Orchester des Komponisten, obwohl er noch ein ganzes Jahrzehnt länger leben sollte. Aber dennoch war er nie mehr so eng an Joachim als 1878, als Brahms Skizzen für ein neues Klavierkonzert (das später fertiggestellte B-Dur, op. 83) beiseite legte, um stattdessen eines für ihn zu machen.

Als Sommerkomponist schrieb er die Musik in Pörtschach; ein kleiner Kurort am Wörthersee im südlichen Österreich, den er sowohl reizend, als auch zuträglich fand (bis ihn gewisse "Frauenbewunderer" 1879 über die Schmerzgrenze hinaus nervten). Brahms schuf ein großes Werk in der Tradition Beethovens, obwohl er die Idee von zwei Mittelsätzen aufgab; an ihrer Statt setzte er ein Adagio in F-Dur mit einem engelhaften Oboensolo, aber einem stürmischeren Mittelteil in f-Moll, bevor die Ruhe zurückkehrt.

Der Anfangssatz, als nicht zu schnell bezeichnet, hat eine volltönende Einführung des Orchesters in 3/4-Takt, die sich zu einer ersten Exposition des Hauptthemas aufbaut. Wenn die Violine eintritt, geschieht das mit einer ausgedehnten Zurschaustellung über Hörner in Oktaven und einem Paukenwirbel, bevor sie das Hauptthema und eine "zweitrangige" Gruppe spielt, aus der eine Melodie schlicht hinreißend ist. Brahms beginnt seine Durchführung in a-Moll; eine von Joachim beigesteuerte Kadenz erfolgt nach der Reprise.

Danach folgt das bereits erläuterte filigrane Adagio, dann ein Rondo-Finale mit einem "ungarischen" Hauptthema (das "giocoso, ma non troppo vivace" genannt wurde). Die Meisten sind sich einig, dass Brahms hiermit Joachims Herkunft salutierte; er wurde nahe Pressburg geboren, später Poszony genannt - das heutige Bratislava in der Slowakei. Die Musik strotzt vor Herausforderungen, wird aber nie zu dem Zirkusstück, das so viele Violinkonzerte des 19. Jahrhunderts darstellten.

(c) Roger Dettmer

Kaufempfehlung:
Anne-Sophie Mutter (Violine), Berliner Philharmoniker, Dir. Herbert von Karajan
Label: DGG, DDD, 1981
YouTube:
Janine Jansen (Violine), Chamber Orchestra of Europe, Dir. Bernard Haitink
aus dem Concertgebouw in Amsterdam

VIVALDI: Die vier Jahreszeiten

Antonio Vivaldi
Lebensdaten: 4. März 1678 Venedig - 28. Juli 1741 Wien (Österreich)
Werk: Die vier Jahreszeiten, RV 269, 315, 293 & 297 (op. 8 Nr. 1-4)
Epoche: Barock
Entstehungszeit: 1725
Besetzung: Violine und Orchester
Aufführungsdauer: ca. 40 Minuten
Sätze:

  • Der Frühling (La primavera)
  1. Allegro
  2. Largo e pianissimo sempre
  3. Danza pastorale. Allegro
  • Der Sommer (L'estate)
  1. Allegro non molto
  2. Adagio
  3. Tempo impetuoso d'Estate. Presto
  • Der Herbst (L'autunno)
  1. Allegro
  2. Ubriachi dormienti. Adagio molto
  3. La caccia. Allegro
  • Der Winter (L'inverno)
  1. Allegro non molto
  2. Largo
  3. Allegro
Indem er hunderte an Beispielen produziert hat, muss Antonio Vivaldi als der unbestrittene König des barocken Instrumentalkonzerts angesehen werden. Durch das Schreiben solcher Werke für eine Vielzahl verschiedener Instrumente - Violine, Viola d'amore, Cello, Mandoline, Flöte, Oboe, Fagott, Trompete, Horn und andere - solo und in verschiedenen Kombinationen war Vivaldi ein bahnbrechender Faktor in der Entwicklung eines Genres, das in den Werken von Mozart und Beethoven zu klassischer Perfektion reifte, seinen Gipfel in den romantischen Werken von Paganini, Brahms und Tschaikowski erreichte und in den Werken solch unterschiedlicher Komponisten wie Berg, Prokofjew und Ligeti das gesamte 20. Jahrhundert hindurch anhaltende Beliebtheit genoss. Bedenkt man die bloße Menge von Vivaldis Violinkonzerten - alleine in der Tonart D-Dur schrieb er mindestens 35 Stück - ist es nicht überraschend, dass viele zu fast totaler Unbekanntheit verkamen. Auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe von vier Konzerten aus Vivaldis Opus 8 (1725) - in der Gesamtheit bekannt als Die vier Jahreszeiten - die die bekanntesten und charakteristischsten Werke des Komponisten bleiben. Neben den Eigenschaften, die mittlerweile mit dem Großteil von Vivaldis Musik assoziiert werden - Anmut, Virtuosität, energiegeladene, motorische Rhythmen - sind die Konzerte der vier Jahreszeiten für ihre außerordentliche programmatische Vorstellungskraft bemerkenswert, die von einem scharfen Fokus auf formale Struktur ausbalanciert wird. Jedes Konzert wird von einem beschreibenden Gedicht begleitet, dessen Bilderwelt zu einem essentiellen Bestandteil des Gefüges der Musik wird. Die Vögel beispielsweise, die die Jahreszeit "mit ihren fröhlichen Liedern" in La primavera (Der Frühling) begrüßen, werden farbenfroh dargestellt in den kunstvoll verzierten Phrasierungen des Werks. L'estate (Der Sommer) ist in ähnlich lebhaften Farben gemalt, die sowohl das Pfeifen eines Schafhirten, wie auch einen zunehmenden Sturm porträtieren. L'autunno (Der Herbst) wird von einer volkstümlichen Erntefeier und dem Galoppieren einer berittenen Jagdgruppe charakterisiert. Die Trostlosigkeit und Dissonanz von L'inverno (Der Winter) erschaffen ein ernstes, aber ausdrucksstarkes Porträt, das eine fesselnde Zusammenfassung von Vivaldis bildlichem Genie in diesen vier Werken liefert.

(c) Rovi Staff

Kaufempfehlung:
Monica Huggett (Violine), The Academy of Ancient Music, Dir. Christopher Hogwood
Label: Decca, ADD/DDD, 1980-86
Midori Seiler (Violine), Akademie für Alte Musik Berlin, Dir. Georg Kallweit
Label: HMF, 2008
YouTube:
Julia Fischer (Violine), Academy of St. Martin in the Fields, Dir. Kenneth Sillito
Juli 2011 im National Botanical Garden von Wales

BEETHOVEN: Violinkonzert D-Dur

Ludwig van Beethoven
Lebensdaten: 16. Dezember 1770 Bonn (Kurköln) - 26. März 1827 Wien (Österreich)
Werk: Violinkonzert D-Dur, op. 61
Epoche: Klassik/Romantik
Entstehungszeit: 1806
Besetzung: Violine und Orchester
Uraufführung: 23. Dezember 1806
Aufführungsdauer: ca. 45 Minuten
Sätze:

  1. Allegro ma non troppo
  2. Larghetto
  3. Rondo. Allegro

Beethoven schrieb sein Violinkonzert D-Dur, op. 61 (1806) auf dem Gipfelpunkt seiner sogenannten "zweiten" Phase, einer der fruchtbarsten Zeitspannen seines kreativen Schaffens. In den wenigen Jahren, die zum Violinkonzert hinführten, hatte Beethoven solch Meisterwerke wie die Sinfonie Nr. 3, op. 55 (1803), das Klavierkonzert Nr. 4, op. 58 (1805-06) und zwei seiner wichtigsten Klaviersonaten, die Nr. 21 C-Dur, op. 53 (Waldstein, 1803-04) und die Nr. 23 f-Moll, op. 57 (Appassionata, 1804-05) produziert. Das Violinkonzert stellt eine Fortführung dar - eigentlich eine der krönenden Errungenschaften - zu Beethovens Untersuchung des Konzerts, einer Gattung, in der er sich nur noch ein einziges weiteres Mal versuchen wollte für das Klavierkonzert Nr. 5 (1809).

Zur Zeit des Violinkonzerts hatte Beethoven die Violine in konzertanten Rollen in einem begrenzteren Kontext eingesetzt. Um die Zeit seiner ersten beiden Sinfonien hatte er zwei Romanzen für Violine und Orchester produziert; einige Jahre später nutzte er die Violine als Mitglied des Solistentrios im Tripelkonzert (1803-04). Trotz ihrer musikalischen Wirksamkeit müssen diese Werke noch als Studien und Versuche angesehen werden im Vergleich zum Violinkonzert, das deutlich offenkundiger Beethovens meisterhaftes Arrangement der eindeutigen formalen und dramatischen Kräfte der Konzert-Gattung aufzeigt.

Charakteristisch für Beethovens Musik ist wie die dramatischen und strukturellen Verwicklungen des Konzerts von vornherein auftauchen in einer Reihe an ruhigen Paukenschlägen, die einige frühe Kritiker dazu brachten, das Werk als das "Paukenschlagkonzert" zu dimittieren. So auffällig es ist, ist dieses flüchtige, pochende Motiv mehr als nur Aufmerksamkeitshascherei; es liefert in der Tat die grundlegende Basis für das melodische und rhythmische Material, das folgen soll. Mit über 25 Minuten an Länge ist der erste Satz als einer der ausgedehntesten von allen Werken Beethovens, inklusive der Sinfonien, bemerkenswert. Seine Breite geht aus Beethovens Verwendung der klassischen Ritornellform hervor - die sich im ausgedehnten Tutti manifestiert, das dem Auftreten der Violine vorausgeht - sowie aus dem durchweg umfangreichen Verwenden des melodischen Materials des Komponisten. Der zweite Satz nimmt einen Platz unter der gelassensten Musik ein, die Beethoven je produzierte. Befreit von der dramatischen Unruhe des ersten Satzes, zeichnet sich der zweite durch eine ruhige, organische Lyrik aus. Gegen Ende führt ein abrupter orchestraler Ausbruch in eine Kadenz, die das Werk wiederum direkt in den Finalsatz führt. Das geniale Rondo, charakterisiert von einer volkstümlichen Robustheit und tänzerischer Energie, stellt einige der virtuosesten Anforderungen des Werks an den Solisten.

Auf Drängen Muzio Clementis - neben Beethoven selbst einer der größten Klaviervirtuosen jener Zeit - erstellte Beethoven später eine überraschend wirksame Transkription des Violinkonzerts als das unnummerierte Klavierkonzert D-Dur, op.61a, das dem ersten Satz berühmtermaßen eine ausgedehnte Kadenz hinzufügt, die zusätzlich zum Klavier auch Pauken verwendet.

(c) Michael Rodman

Kaufempfehlung:
Christian Tetzlaff (Violine), Tonhalle-Orchester Zürich, Dir. David Zinman
Label: Arte, DDD, 2004
YouTube:
Itzhak Perlman (Violine), Berliner Philharmoniker, Dir. Daniel Barenboim

PAGANINI: 24 Capricen

Niccolò Paganini
Lebensdaten: 27. Oktober 1782 Genua, Italien - 27. Mai 1840 Nizza, Frankreich
Werk: 24 Capricen, op. 1 [24 Capricci per violino solo]
Epoche: Romantik
Besetzung: Violine solo
Entstehungszeit: ca. 1817
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde, 16 Minuten
Teile:

  1. Andante in E-Dur
  2. Moderato in h-Moll
  3. Sostenuto - Presto - Sostenuto in e-Moll
  4. Maestoso in c-Moll
  5. Agitato in a-Moll
  6. Lento in g-Moll
  7. Posato in a-Moll
  8. Maestoso in Es-Dur
  9. Allegretto in E-Dur "Die Jagd" (La Chasse)
  10. Vivace in g-Moll
  11. Andante - Presto - Tempo I in C-Dur
  12. Allegro in As-Dur
  13. Allegro in B-Dur "Teufelsgelächter" (The Devil's Laughter)
  14. Moderato in Es-Dur
  15. Posato in e-Moll
  16. Presto in g-Moll
  17. Sostenuto - Andante, in Es-Dur
  18. Corrente - Allegro in C-Dur
  19. Lento - Allegro assai in Es-Dur
  20. Allegretto in D-Dur
  21. Amoroso - Presto in A-Dur
  22. Marcato in F-Dur
  23. Posato in Es-Dur
  24. Tema - Quasi presto (11) Variazioni - Finale in a-Moll
Es ist vielleicht leider ironisch, dass die direkt vom letzten der ungeheuer schweren 24 Capricen für Solovioline von Niccolò Paganini (ca. 1817) inspirierten Werke ihre Quelle überschattet haben und tatsächlich auch die Gesamtheit dieses hochgradig einflussreichen Zyklus' an technischen Übungen. Es ist aber ohne Frage das dämonische Thema der Caprice Nr. 24, das den Impuls lieferte für so unterschiedliche Komponisten wie Brahms, Rachmaninow, Lutosławski und Lloyd-Webber das Thema als Grundlage ihrer eigenen Variationen-Werke zu nutzen, die zu Paganinis musikalischer Grabschrift wurden. Dieses finstere, kantige Thema beschwört in unseren Gedanken das hagere, weiße Gesicht des Violinisten hervor, von dem viele dachten, er sei offenkundiger mit Satan selbst im Bunde als alle anderen!

Paganinis Musik wurde oft aufgrund eines Mangels an Tiefgründigkeit herabgewürdigt; tatsächlich war er zu allererst ein weltberühmter Violinist und erst dann ein Komponist. Unter Violinisten jedoch stellt die Meisterung der Capricen, op. 1 den Gipfelpunkt an technischer Leistung dar und neben den Werken für Solovioline von Bach und vielleicht den viel späteren Solosonaten von Ysaÿe stellt dieser Zyklus eines der größten Werke an Musik dar, das je für ein Saiteninstrument solo erdacht wurde.

Die Capricen wurden 1820 von Ricordi gedruckt und während ihr musikalischer Inhalt Paganinis beeindruckende technische Brillianz wiederspiegelte, dienten sie auch einer weiteren bahnbrechenden Funktion. Obwohl sie vorrangig als technische Übungen "a gli artisti" (gewidmet "an die Künstler") gedacht sind, sind die Capricen in ihrem Spielraum so umfangreich, das sie tatsächlich alle erwartbaren pädagogischen Zwänge übersteigen und sich somit auf beeindruckende Weise als Bravourminiaturen mit tatsächlichem musikalischen, sowie erzieherischem Wert behaupten. Auf diese Weise inspirierte die Sammlung ein neues Interesse an Kompositionen, die gleichzeitig ziemlich herausfordernd waren, aber auch musikalisch lohnenswert sowohl für Musiker wie Zuhörer. Einer der frühesten Komponisten, der dies erkannte und ihm nacheiferte war Chopin, dessen Études für Klavier direkt von den Violincapricen inspiriert waren. Andere Komponisten, vor allen Dingen Berlioz (der seine Sinfonie Harold in Italien komponierte, um Paganinis Fähigkeiten an der Bratsche zu zeigen), Schumann und ganz besonders Franz Liszt waren tief beeindruckt.

Die 24 Capricen für Solovioline umfassen jeden vorstellbaren Aspekt an Technik an der Violine und in vielen Fällen, z.B. in ihrer Nutzung komplexer und mehrfacher Griffe, schneller Passagenarbeit und fantasievoller Bogen-Umsetzungen, konnten nur wenige, wenn überhaupt irgendein anderer zeitgenössischer Violinist zu Paganini selbst sie überhaupt spielen! Einige der spektakuläreren Violinfeuerwerke beinhalten die Kombination aus Bogenstrich und Pizzicato (Zupfen), eine volle Erkundung der Nutzung von harmonisierten, doppelgegriffenen Trillern und Wechsel auf weit gegrifene Akkorde, die auf Paganinis bemerkenswerter Fähigkeit basieren riesige Distanzen auf dem Steg zu überbrücken.

(c) Michael Jameson

Kaufempfehlung:
Rudolf Koelman (Violine)
Label: Hänssler, DDD/LA, 1996
YouTube:
Alexander Markov (Violine)